Ausgabe 
30.6.1901
 
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Nr. 26.

Eießen, Sonntag, den 30. Juni 1901.

8. Jahrg.

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8 Bei einem sozialdemokratischen 1 Großgrundbesitzer.

. Inm Unterhaltungsteile unserer beiden letzten 5 Nummern brachten wir Schilderungen ostelbi⸗ ö scher Zustände aus der Feder des Genossen 2 Ostwald. Ein weiterer Artikel des⸗

selben beschreibt unter der Ueberschrift:Es geht auch so! die Verhältnisse auf dem Gute eines sozialdemokratischen Großgrundbesitzers, des Genossen Ebhardt. Wir lassen diese inter⸗ essanten Ausführungen hier folgen.

Nichts ist den Herrn Agrariern unangenehmer, als wenn man ihnen beweist, daß es ohne er⸗ höhten Getreidezoll, Staatshilfe, Lie⸗ besgaben und ähnliche reizende Dinge ganz gut geht. Ja, wenn man zu dem alten Par⸗ teigenossen Ebhardt auf Kommerowen bei Bialla in Ostpreußen kommt, könnte man glauben, daß es gerade ihnen, denen der Staat nicht hilft, sondern denen er allerlei Schwierigkeiten in den Weg legt, ganz besonders gut geht. An Schwie⸗ rigkeiten fehlt es dem Ebhardt wirklich nicht. [Das ist noch das Geringste: Den Pastoren und Schulvorstehern ist der Umgang mit dem

4 Gott sei bei uns Sozialdemokraten verboten. Aber nicht nur solche Kleinigkeiten sollen ihn kränken; ihm wurde auch die Gutsvorsteherschaft entzogen, er wird nicht mehr als Geschworener ausgelost und damit er keine Leute bekommt

ger werden seine Arbeiter, die zwanzig Jahre bei ihm thätig waren, nicht prämiert. Die

. Leute der anderen Gutsbesitzer aber erhalten

i Prämien aus Kreismitteln zu denen doch

lirfel, ECbbhardt auch sein Teil beiträgt.

1 Qual, Aber trotzdem gedeiht Ebhardts Wirtschaft

00 0 vorzüglich. Ich will das nicht allein aus eigenem

th, 1 Urteil sagen. Nein, Männer, die zu seinen

Gegnern gehörten, mußten das in meiner Gegen⸗ 9 wart zugestehen. Dabei wird Ebhardt von den 34. Tiachbarn sobiel wie möglich gemieden. Und doch kommen sie zu ihm, wenn sie ihn brauchen. Als ich in Bialla dem Zuge entstieg, saßen in Ebhardt'schen Wagen schon zwei Landwirte. U Sie wollten für eine Beleggenossenschaft bei 11 Cbhardt einen Stier kaufen. Wie bewunderten sie schon die glattgepflasterte Einfahrt, die Garten⸗ bl mauern, deren kleinste schadhafte Stelle gleich 0 bom Maurer ausgebessert wird, und dann die massiven, hohen und weiten Stallungen und 1 Scheunen, und was soust an Wirtschaftsgebäuden 0

en, auf einem Landgut zu stehen hat! Und als hen vir nach dem einfachen, aber kräftigen Frühstück ö in die Ställe schauten, wie lachten und glänzten

da die Augen der beiden Käufer, wie glühte ihnen bald der Kopf vor Bewunderung und Sehnsucht nach all dem, was es da an herr⸗

1 lichem Vieh zu sehen gab! Leicht wurde ihnen 0 die Wahl 1 55 5 5 l eisel Aber dann gab's einen kleinen Aufeinander⸗

prall. Der deckte mit einem Male die ganzen Grundlagen der entgegengesetzten Anschauungen auf. Ebhardt erzählte, daß er sein Getreide gleich in Garben binden lasse von einer Maschine, die allerdings dabei mehrere Zentner Bindfaden verbrauchte. Ih, meinten die Herren,wozu da erst Bindfaden kaufen! Wir nehmen Frauen zum Binden. Wenn wir das ausrechnen, kostet uns bas auch nicht mehr wie Ihnen Ihr Bindfaden.

Ebhardt lachte verschmitzt hinter seiner golde⸗ nen Brille. Aber es war auch ein wenig Weh⸗ mut in seiner Stimme über die Starrköpfigkeit seiner Berufsgenossen als er meinte:

Ja, ja; aber ich spare Zeit dabei! Und was bedeutet das im Sommer! Bei der Ernte! Da könnten Sie doch wahrlich die Frauen wo anders gebrauchen!

Aber die Herren wollten das nicht einsehen und klagten wieder mal, daß ihnen zu wenig Leute zugezogen seien.

Ich glaube mit Herrn Ebhardt, daß sich in diesem Gespräch die Hauptursache der Leutenot geäußert: Die Verschwendung der menschlichen Arbeitskraft in den meisten landwirtschaftlichen Betrieben. Ohne Zwang und Grund wird, ganz gedankenlos, mit der kostspieligsten Kraft umgegangen, als könne sie nicht ihre Grenzen haben. Das ging mal vor Zeiten, als die Arbeitskraft des Menschen weniger galt als die des Tieres. Damals sind die agrartschen Herren verwöhnt worden. Und nun pochen sie auf einen Schatz, den sie sich nicht zu erhalten wußten.

Nachmittags ging ich mit Ebhardt über seine Felder weit über zweitausend Morgen guter Boden. Keiner von seinen Leuten zog in liebe⸗ dienerischer, knechtischer Weise den Hut. Mensch grüßte den Menschen. Keiner kam hergelaufen um demHerrn die Hand zu küssen, wie ich es auf anderen Gütern hier oben gesehen. In heiterem Gespräch erzählte mir Ebhardt, wie seine sämtlichen Nachbarn außer sich gerieten, als er seine Leute mitSie anredete. Alles glaubte, er sei verrückt geworden. Aber Keiner ist um 1 0 Verstand gekommen, der Ebhardts Beispiel befolgte und den Leuten dieselbe Anrede gab, wie sie ihm, und sie folgten alle seinem Beispiel. Nur der Handkuß ist noch nicht ganz verschwunden. Ein alter Schäfer eines Nachbarn wollte Ebhardt durchaus diese unterwürfige und unwürdige Ehrenbezeigung erweisen.

Aus manchen anderen Gründen noch sind Ebhardt's Nachbarn nicht gut auf ihn zu sprechen: er bezahlt seine Leute besser, beteiligt sie am Reingewinn und kürzt nach und nach die Ar⸗ beitszeit. Vor einigen Monaten erst reduzierte er die Arbeitszeit um eine halbe Stunde. Das macht schon eine ganze Menge aus bei etwa hundert Arbeitern. Aber Ebhardt kann nicht etwa sagen, daß ihm darum nur das Geringste weniger gearbeitet wird. Ebenso viel Meuschen schaffen bei der kürzeren Arbeitszeit genau das Gleiche wie früher bei der längeren, die auf deu Nachbargütern noch üblich ist.

Die Nachbarn hassen ihn. Aber zu seiner Genugthuung sieht er immer wieder, daß sie von ihm lernen. Um die soziale Lage der Ebhardt⸗ schen Arbeiter zu erkennen, ließ ich mir eine genaue Aufstellung ihrer Einkünfte und Bezüge machen. Bei Ebhardt erhält eine Familie:

90 Mark Jahreslohn, 24 Scheffel Roggen à 80 Pfund, 1 WM

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ferner ein und einen halben Morgen bearbeitetes Land zum Kartoffelanbau, zu Flachs⸗ und Gartenpflanzen. Dazu füttert der Besitzer jeder

Familie eine Kuh und giebt freie Feuerung.

Für den Scharwerker, den die Familie stellt ein junges Mädchen oder einen Burschen, bekommt sie 35 Pfg. pro Arbeitstag und Pfd. Roggen wöchentlich. Mitarbeitende Kinder er⸗ halten 40 Pfg. für den halben Arbeitstag, Kinder über 14 Jahre 50 Pfg. pro Tag und Pfd. Roggen in jeder Woche. Die mit⸗ arbeiten de Frau erhält 40 Pfg. für den Ar⸗ beitstag, bei schwerer Arbeit aber 50 Pfg. Sie hat natürlich ihrer Wirtschaft wegen, eine erheblich geringere Arbeitszeit als die Männer. Sie arbeitet von 7 Uhr Morgens bis 11 Uhr und von ½2 Uhr bis 6 Uhr 9 Stunden.

Ein nicht auf dem Gute Wohnender erhält 1,60 Mk. für den Tag, ein ebensolches Mädchen 0,80 Mk., in der Ernte 0,90 Mk.

Das sind ungefähr die guten Normallöhne der Gegend, wobei zu bedenken ist, daß die Nähe der russischen Greuze ganz wesentlich die Preise bestimmt, und daß in Ostpreußen die hauptsächlichsten Lebensmittel ganz bedeutend billiger sind als etwa in der Provinz Branden⸗ burg oder im nördlichen Posen, wo ich auf den Gütern des Ex. Reichskanzler Fürsten Hohen⸗ lohe ähnliche Bezüge feststelle allerdings erreichten die Naturalbezüge und die Kinder⸗ löhne nicht die Höhe der Ebhardtschen.

Was aber die Einkünfte der Ebhardtschen Arbeiter ganz besonders von denen der Nachbar⸗ schaft trennt, was überhaupt den ganzen Wirt⸗ schaftsbetrieb auf diesem modernen Gute ken zeichnet und ihn über den sonst gebräuchlichen emporhebt, ist die Beteiligung der Arbeiter am Reingewinn. Fünf Prozent vom Gesamtrein⸗ gewinne fallen den Arbeitern zu. Im Jahre 1899 erhielt die Familie 40 Mark und der Scharwerker 20 Mark. Im Jahre 1900 ergab die schlechtere Ernte nur 30 Mark für die Familie und 15 Mark für den Hofgänger.

Da Ebhardt insgesamt sechsunddreißig Familien beschäftigt, macht das ein ansehnliches Sümmchen aus. Und es ist auch für die Wirt⸗ schaft der Leute von außerordentlicher Bedeutung. So ein Extraverdienst von 30 bis 40 Mark bedeutet in den ostpreußischen Landbezirken nicht wenig. N

Ewas durchaus Wesentliches auf dem Eb⸗ hardtschen Gut sind die Arbeiterwohnhäuser: hoch, luftig, mit großen Fenstern. Alles aus Stein. Stets eine Stube von sechs bis sieben Metern im Geviert mit zwei Fenstern. Daneben eine Kammer, die einem einfenustrigen Zimmer gleichkommt. Die meisten Wohnungen mit sauber eingerichteter Küche. Und die geräumigen Holz⸗ und Federviehställe der Leute durchaus nicht schlechter als die auf dem Wirtschafts⸗ hofe. Nichts verfallenes. Nirgends Löcher in den Fenstern oder in den Dächern oder gar, wie ich es einst auf einem fürstlichen Jagdgut und auf den Gütern der Grafen Limburg⸗ Stirum und Ballestrem sowie des Abgeordneten Majors Szmula gefunden, zersprungene Lehm⸗ wände, durch die der Wind in die Stuben pfiff oder ähnliche schöne Dinge.

Ja, hier konnten doch die Leute wenigstens menschenwürdig wohnen, hier war ihnen die Möglichkeit geboten, ihr Heim zu einem Heim zu gestalten.

Zu alledem kommt die Behandlung. Ebhardt lebt ganz mit seinen Leuten. Nie hörte ich ein böses Wort. Alles bewegte sich kameradschaftlich. Nichts von Prunk in seinem schlichten Hause,

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