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Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung.

Nr. 52.

die Sklaven herangezogen werden, denen Sie dann noch ihr bischen Brot verteuern!

Dann wies der Redner darauf hin, wie die Junker stets die Gesetzgebung zu ihrem Vorteil und zum Nachteil des Volkes auch der Bauern benutzt haben und beleuchtete die Agitation des Bundes der Landwirte. Ueber das Verhalten der Tarifgegner im Bundesrate sagt er:

Die Minister aus den Bundesstaaten sind zum großen Teil wieder abgereist, hoffentlich nicht, ohne vorher ihre Tagegelder einkassiert zu haben(Lärm). Weshalb erregen sich die Herren so?/ Ich spreche doch hier nur Thatsachen aus. Die Herren vom Bundesratstisch haben das Recht, täglich 30 Mk. zu liquidieren. Das Wunderbare ist nur, daß sie uns vorenthalten, was sie selbst beanspruchen. Wo waren aber die Vertreter der Hansestädte? Haben sie ihre Kraft ganz bei der See⸗ mannsordnung verausgabt oder haben sie so etwas wie Schamgefühl? Wo ist der Vertreter von Koburg⸗Gotha k Er hat doch von seinem Landtag ausdrücklichen Auftrag, gegen den Zolltarif zu stimmen.(Unruhe am Minister⸗ tisch.) Ich höre, der Herr ist hier.(Ruf am Minister⸗ tisch: Nein!) Stehen die Vertreter der Hansestädte nicht in diametralem Gegensatz zu ihren Handelskammern? Wie beredt waren sie, wenns galt, staatliche Subventionen für hanseatische Dampfschiffahrtsgesellschaften herauszu⸗ schlagen. Wir haben ja den Herren in der Verfassung das Recht gewahrt, ihre gegensätzliche Meinung hier zum Ausdruck zu bringen. Aber die Herren schweigen. Herr v. Pischek hat gegen die Vorlage geredet, aber er kam am Schluße seiner Rede dazu, ihre Annahme zu empfehlen. Der sächsische Bundesratsvertreter hat von Wohlthätig⸗ keitsbestrebungen gesprochen, die den Arbeitern zu gute kämen. Wir fordern aber für die Arbeiter keine Wohlthaten, sondern wir wollen Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Gegen diese Vorlage richtet sich die Millionen⸗Petition, die uasere Partei dem Reichstage vorgelegt hat Wenn ein solcher Protest möglich ist im deutschen Reich unter der Heer⸗ schaft des Junkertums, so ist das gleichbedeutend mit einer öffentlichen Abstimmung bei den Reichstagswahlen! Die Regierung hätte die Pflicht, nicht die Majorität dieses Reichstags zu hören, sondern sie müßte sich beim Volke vergewissern, wie die Meinung desselben über diese Vorlage ist, Lösen Sie den Reichstag auf, appellieren Sie an die Stimmen des Volkes und Sie werden sehen, daß die Wahlen so ausfallen, daß Sie mit gutem Gewissen diese Vorlage nicht weiter ver⸗ treten können. Wir werden gegen die Vorlage stimmen, wir werden alles daran setzen, sie zu Fall zu bringen. Wir sind überzeugt, im Sinne und Auftrage der großen Majorität des Volks zu handeln, wenn wir uns leiten lassen von dem Ruf: Nieder mit dem Hungertarife, nieder mit dem Brotwucher!(Stürmischer Beifall bei ven Soz.)

Politische Rundschau.

Gießen, den 27. Dezember.

Regierungs vertreter gegen den Zoll⸗ tarif.

Im Bundesrate hätten, wie berichtet wird, die Vertreter Oldenburgs, der Hansestädte, des Herzogtums Koburg⸗Gotha und des Fürstentums Reuß a. L. gegen den Zolltarif gestimmt. Wenn das wahr ist, so ist den Regierungen dieser Länder zum schweren Vor⸗ wurf zu machen, daß sie ihren Vertretern nicht aufgetragen haben, auch im Reichstag ihren Widerspruch gegen den Hungertarif kundzugeben.

Wie man dem Volke die Fleischnahruntz entzieht.

Der Mangel an Schweinen steigert sich von Woche zu Woche und kommt in ganz außer⸗ gewöhnlich hohen Fleischpreisen zum Ausdruck. Das ist eine Folge der Grenzsperre gegen ausländische Schweine, die angeblichim In⸗ teresse der Volksgesundheit und weil die Agrarier erklärten, daß die deutsche Landwirtschaft den Fleischbedarf ausreichend decken könne, errichtet wurde. Jetzt ist nun, was ja vorauszusehen war, eine ganz empfindliche Fleischnot herein⸗ gebrochen, die Regierung rührt sich aber nicht, Abhülfe zu schaffen, sie ist auch der Ueberzeugung, daß Deutschland keine Fleischeinfuhr nötig habe. Was wollen aber die Beteuerungen der Agrarier

und die Ueberzeugungen der Regierung bedeuten,

schreibt die Allgem. Fleischerzeitung, wenn die

Thatsachen ihnen widersprechen? Alle Voraus⸗ setzungen, unter denen die Regierung und die Agrarier eine reichliche und bessere Vieherzeugung in Aussicht gestellt haben, sind gegeben: Die Grenzen sind seit Jahr und Tag so gut wie ee kein noch so hoher Zoll kann ab⸗ schließender wirken als die Schweinesperre, und die Preise für Schweine sind seit geraumer Zeit auf einer solchen Höhe, daß die landwirt⸗ schaftlichen Vereine selbst offen in ihren Jahres⸗ berichten vonungewohnt hohen Schweinepreisen sprechen. Trotzdem wird die Qualität der Schweine immer geringer und obgleich Alles, was nur irgend auf den Markt gebracht werden kann, losgeschlagen wird, vermindern sich die Schlachtungen zusehends. Unter den gegen⸗ wärtigen Verhältnissen muß nicht blos die wirt⸗ schaftliche Lage des Fleischergewerbes immer weiter sich verschlechtern, sondern die Ernäh⸗ rung des ganzen Volkes auf das Sch werste leiden, für dessen breite Schichten das Schweinefleisch das unentbehrlichste Nah⸗ rungsmittel ist. In wie beträchtlicher Weise die Schweineschlachtungen abgenommen haben, beweist die Thatsache, daß an 43 deutschen Schlachthöfen einer Schlachtzahl von 315,381 Schweinen im November des Jahres 1900 nur 255,110 Schweineschlachtungen im November des Jahres 1901 gegenüber stehen. Das be⸗ deutet also einen durchschnittlichen Rückgang von rund 20 Prozent. Diese Zahl spricht für sich selbst, ihr braucht nichts hinzugefügt zu werden. Hoffentlich gehen dem Volke über die agrarischen Bestrebungen die Augen auf.

Die Reichsten werden immer reicher.

Nach einer von der Statistischen Korre-

spondenz aufgestellten Uebersicht über die Jahres⸗

einkommen von mehr als 100000 Mk. waren

zur Steuer veranlagt phystsche und juristische

Personen:

in Preußen in Sachsen

18988 2038 394

1900 3277 583

In A Jahren also hat die Zahl dieser Allerreichsten in Preußen um rund 60 pat. und in Sachsen um rund 50 pat. zugenommen. In ungefähr gleichem Maße hat sich auch der Anteil dieser Geldsäcke an der Gesamtzahl der Eingeschaͤtzten vermehrt; er betrug gleichmäßig in beiden Staaten 1896 6,02 auf Hundert und 1900 0,03 auf Hundert. Dies beweist, daß die riesige Vermehrung der Leute mit den größeren Einkommen nicht etwa in einer natürlichen Vermehrung der Steuer⸗ pflichtigen ihren Grund hat, sondern, die oberen Einkommen werden einfach immer größer, so daß immer mehr Leute, die mit ihrem Ein⸗ kommen in der Nähe von 100 000 Mk. sind, darüber hinausrücken. Diese Einkommen stammen ja nicht aus der 19 8 0 Arbeit der Besttzer, sondern aus Grundbesitz, Barvermögen und industriellen oder Handelsunternehmungen in der Weise, daß in den meisten Fällen alle drei genannten Einkommensquellen bet jedem einzelnen zusammenwirken dürften. Es ist also die Arbeit anderer, die diese Einkommen schafft. Abgesehen davon, daß das Steigen der Proftte in den

enannten Aufschwungsjahren zur Erhöhung der

105 dieser Rieseneinkommen beigetragen hat, ist diese Erscheinung der Vermehrung des Reich⸗ tums dieser Reichsten zuzuschreiben; ihr Reich⸗ tum wächst und damit wächst ihr Einkommen. Und dieser Reichtum wächst auf Kosten der anderen. Dieser Reichtum ist entstanden durch die Arbeit. Er ist aber den Arbeitenden, die ihn schufen, vorenthalten worden und ist zu den großen Haufen gelegt worden, deren Be⸗ sitzer die Arbeitsmittel beherrschen.

Es hat sich aber nicht blos die Zahl der Leute mit mehr als 100 000 Mk. Jahresein⸗ kommen vermehrt, vielmehr sind auch innerhalb dieser Gruppe die einzelnen Leute immer reicher geworden. Durchschnittlich hatte jeder der mit über 100 000 Mk. Einkommen Veranlagten

in Preußen: in Sachsen: 1896 257000 Mk. 218 400 Mk. Jahres⸗ 1900 306000 236 600 einkommen

Jeder der 3277 preußischen Großkapitalisten hatte also im Jahre 1900 durchscnitlig 49000 Mk. mehr Einkommen, als einer der 2038 Sroßkapitalisten im Jahre 1896; die Steigerung des Durchschnittseinkommens beträgt in den vier Jahren 19 pt. Das will bei solchen Riesensummen etwas ganz anderes besagen, als wenn der Stundenlohn eines Arbeiters etwa von 30 Pfg. auf 36 Pfg. erhöht wird. Der Arbeiter muß dabei immer noch Hunger leiden, der Kapitalist aber erhöhte sein Ein⸗ löbne. wieder um 50 ganze Arbeiter⸗Jahres⸗ öhne.

Rund 150 000 Arbeiterfamilien, die nicht wissen, wo sie Brot hernehmen sollen, könnten notdürftig leben von der Summe, um die sich das Einkommen dieser 3000 ohnehin schwer⸗ reichen Leute in dem kurzen Zeitraum von 4 Jahren vermehrt hat. Eine Million Arbeiterfamilten hat nicht mehr Ein⸗ Bae als diese 3000 Großkapitalisten

aben.

Zehn Prozent Dividende trotz großen Brandunglücks in der Fabrik.

Wer erinnert sich nicht mit Schrecken an die fürchterliche Exploston, von der am 25. April

die chemische FabrikElektron in Griesheim

heimgesucht wurde? Eine große Anzahl braver Arbeiter büßten dabei ihr Leben ein, noch mehr wurden für zeitlebens Krüppel. Jetzt wird mitgeteilt, daß die Herren Aktionäre trotz der durch den großen Brand verursachten Betriebs⸗ störungen und trotz der auch in der chemischen Industrie herrschenden ungünstigen Konjunktur eine Dividende von 10 Prozent einsacken werden. Die verunglückten Lohnsklaven aber und ihre bedauernswerten Hinterbliebenen mußten mit geringfügigen Almosen fürlieb nehmen. Und als im Frühjahr angesichts des schaurigen Unglücks die Dividende für das Vorjahr auf 5 Prozent ermäßigt wurde, erhob sich auch dagegen Opposition in den Reihen der Aktionäre. Sonst gab es immer 16 Prozent! Aktionär zu sein ist doch immer ein feines Geschäft!

Hungernde Kinder.

Was Bebel im Reichstage von der elenden Ernährung der Schulkinder in Sachsen mit⸗ teilte, wurde von der bürgerlichen Presse viel⸗ fach angezweifelt. Bebels Schilderungen sind jedoch durchaus zutreffend, sie bleiben sogar noch hinter den Thatsachen zurück. Die natlo⸗ nalliberaleDresdener Zeitung, auf die sich Bebel stützte, erklärt:

Die Leute, denen unsere Notiz unbequem ist, mögen sich zufrieden geben, auch unsere Thatsachen sind zweifelsfrer und unbedingt richtig. Einmal sind die Berichte durch erprobte und erfahrene Hände gegangen und sind von dritter Seite kontrolliert worden, und sodann hat eine Rückfrage noch Folgendes ergeben: Es wurden unabhangig von ein⸗ ander je eine Klasse von drei Schulen mit vorwiegend Arbeiterbevölkerung in der Leip⸗ ziger, Chemnitzer und Dresdener Gegend untersucht. Das Ergebnis schwankte in den drei Schulen etwas, war in einer Woche noch größer, sank aber nicht unter die angegebene Ziffer. Auch die Befragungen der Kinder über die Art des warmen Mittagessens zu Hause lieferten betrübende Resultate. Die Zahlen sind von unseren Gewährsleuten nochmals geprüft und sind richtig. Wer sie bezweifelt, kann ja in Pieschen, Löbtau, Striesen, Dresden, in Punt Reudnitz, Plagwitz, Lindenau in und um Chemnitz, oder, wenn er noch lieber will, im Erzgebirge eine offizielle Untersuchung unter Zuhilfenahme der Bezirksärzte und Schulotrektoren beantragen, es werden außer den von uns genannten Dingen noch andere zu Tage kommen. Wir deuten nur noch an, daß sich auch angesehene ärztliche Kreise in mehreren Gegenden Sachsens für die Ernährung der Schulkinder zu interessieren aufanges. Die Sache ist noch nicht zu Ende.

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