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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 338.
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Kriegerische 5
Abenteuer eines Er iedsertigen. Erzählung von Hein rich Zschokke.
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6(Fortsetzung) Wiederfinden.
Mit Anbruch der Nacht dehnte sich eine ganze Reihe flammender Wachtfeuer vor meinen Blicken aus. Dahin ging unser Marsch. Hier war ein ansehnliches Lager. ch ward in ein außer dem Dorf gelegenes, schönes Landhaus geführt. Alle Zimmer glänzten erleuchtet; Schildwachen zu Fuß und zu Pferd vor der Thür. Offtziere in glänzenden Uniformen von allen Waffen
jugen aus und ein. Man führte mich vor eln Militärbureau. Mau las den Bericht über mich, fragte um meinen Namen und Grad und rief dann:„Fort mit ihm zu den andern Gefangenen!“— Einer der anwesenden Offtziere sagte:„Es ist eine Schande, wie man den ausgeplündert hat!“— Ein anderer sagte: „Gehen Sie, ich werde um Kleider für Sie sorgen.“ i
Man führte mich ins Lager und hier ward ich einem Offizier übergeben, der die Bewachung der e een unter sich hatte. Diese lagen neben brennenden Scheiterhaufen umher, und genossen ihr kärgliches Abendbrot. Ich gesellte mich zu ihnen.
Siehe, da saß mit seinem blassen Antlitz und pechschwarzen Kuebelbart mein grimmiger Chaumigrem, neben ihm Karl der Große; beide aßen eine dampfende Suppe aus großer irdener Schüssel, welche die Königin Eltsabeth dienstge⸗ fällig, in Ermangelung eines Tisches, auf ihrem jungfräulichen Schoß hielt.
„Ei, sieh da, mein Feldherr!“ rief ich entzückt beim Anblick dieser lieben, bekannten Gesfichter: „Ist das die Mahlzeit, welche Sie im Elysium bet Zieten, Schwerin, Winterfeld und Friedrich dem Großen versprochen hatten?“
Als der Lieutenant meine Stimme hörte, sprang er freudig auf, und schloß mich in seine Arme:„Wie, Herr Adjutant, Sie leben noch? Gottlob, so ist unserm König doch noch ein braver Mann erhalten! O wie viel haben wir Sie schon bedauert. Aber daß Sie auch Ihre verdammte Hitze nicht mäßigen konnten? Ich sah es wohl, wie Sie es mit den Chasseurs aufnahmen, wie Sie ste in die Flucht trieben. Ihr Beispiel begeisterte wieder meine schon etwas mutlosen Leute. Wir stürzteu mit gefälltem Bajonette gegen den Feind— Verwundete gab es auf beiden Seiten. Wir schlugen uns eine halbe Stunde lang. Aber da waren wir um⸗ ringt. Wir mußten das Gewehr strecken. Kommen Sie, Herzensadjutant, teilen Sie unsere Suppe mit uns.“
Noch einmal ums andere umarmte mich der wackere Lieutenant⸗General; auch der tapfere Chaumigrem war aufgesprungen und hatte mich in seine Arme geschlossen. Die Königin bot mir ihren blechernen Löffel, und so vergaß ich mein Elend.
Nach einer halben Stunde kam der wacht⸗ habende Offizier mit einem Korporal.„Wer von Ihnen, meine Herren, ist der General⸗ adjutant?“— Karl der Große lächelte selbstzu⸗ frieden und deigst mit dem Finger auf mich; denn der französtschen Sprache war er nicht mächtig.
„Herr Adjutant,“ sagte der Offizier,„es thut mir leid, Sie sind schändlich mißhandelt worden. Hier schickt man ihnen aus dem Hauptquartier einige Kleider, wenn Sie davon Gebrauch machen können, und ein paar Bonteillen Wein zur Erquickung. Seien Sie überzeugt, daß Franzosen auch ihre Feinde, als Männer von Ehre, zu schätzen wissen, und daß Plünderer W nur Ausnahmen von der Regel
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Ich sagte meinen edelmütigen Feinden das Verdindlichte, was ich ersinnen konnte, und es that mir leid, daß ich für den Augenblick nicht eine schönere Phrase zu spenden hatte, als die, „daß mich heute die Eroberer der Welt(les con-puérans de univers, im Französtschen tönt es etwas größer, als in dem gewissenhaften Deutschen) zweimal besiegt hätten.“ N ir Deutschen mögen uns nun dagegen sträuben wie wir wollen, die Franzosen sind doch das geistreichste Volk des heutigen Europas, und die Griechen unsers Weltalters. Selbst ihre gemeinsten Soldaten studieren im Aeußern auf Grazie und Würde, wie bei uns nur Schauspieler auf der Bühne; ein treffender 11591 bezaubert fie, ein guter Gedanke belohnt sie und doch etwas Geisttges, und nicht alles daran Kartoffel und Bier.
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Selbstranzionierung.
Den folgenden Tag wurden die Kriegsge⸗ fangenen nach Frankfurt an der Oder geführt. Ich kannte die liebe Stadt recht gut, und auch ich hatte die Ehre, vielen wackeren Leuten dort bekannt zu sein. Doch schien mir diese Ehre, gegenwärtig eines der überflüssigsten Güter meines Lebens, weil ich dadurch selbst ums Leben kommen konnte. Denn gesetzt, ein ehr⸗ licher Frankfurter wäre aus der Hausthür ie benen hätte den Generaladjutanten als seinen lieben Doktor begrüßt, hätte meinen Kriegs⸗ und Siegesliedern nachgefragt——
Als der Zug unters Thor kam— o wie schlug mir das Herz!— drückte ich mir den großen Offiziershut tief in die Augen, und die Nase schob ich nach damaliger Stutzermode tief hinab ins dicke Halstuch. Ich schämte mich, in die wohlbekannte Stadt, wie ein Verbrecher, unter Gefangenen einzuziehen: und Verbrecher war ich doch wohl ein wenig, denn ich war ein wenig Betrüger und Anmaßer von militärischen Würden, die mir nicht gehörten.
Ein Troß von neugierigen Gaffern um⸗ schwärmte mich unaufhörlich— ach nein, ich will die guten Leute so hart nicht nennen. Ste kamen auch wohl aus Mitleiden, oder aus Be⸗ gierde, irgend einen Freund, einen teuren An⸗ verwandten unter uns zu finden. Obschon der Abend dämmerte, verbarg ich mich doch im tiessten Haufen meiner zerlumpten Schicksalsge⸗ fährten, die alle mit offenem Antlitz stolz einherschritten, als wollten sie sagen: seht uns
nur an, das leiden wir für König und Vater⸗
land. Ich hätte es zwar mit Ee Gewissen auch sagen können: aber eine Tugend, zu der man wider Willen gekommen ist, sieht der Sünde um ein Haar ähnlich. Endlich kamen wir von Pontius und Pilatus, vom General- und Platz⸗ kommandant ins Nachtquartier; wir Offiziere in ein schlechtes Wirtshaus zusammengeschoben, mit Ehrenwache, ob wir gleich unser Ehrenwort mündlich und schriftlich gegeben hatten, uns nicht selbst zu ranzionteren.
Ich bekenne, mit diesem Ehrenwort hatte ich's gar nicht ehrlich gemeint. Denn als ich meinen Generaladjutant⸗Titel niederschrieb, dachte ich: der Generaladjutant möge sein mili⸗ tärssches Ehrenwort halten, aber ohne Ver⸗ bindlichkeit für den Herrn Doktor und Magister.
Sobald es dunkel ward, bat ich um Exlaub⸗ nis, noch Freunde in der Stadt besuchen zu dürfen; ich meinte irgend eine nachlässige Thor⸗ wache. Man schlug es mir höflich ab. Allein da mich niemand an der Stubenthür aufhielt; da mich niemand unter der Hausthür fragte: wohin wollen Sie? da mir niemand auf der Straße den Weg verrannte; da mir es sogar niemand übel nahm, daß ich vor's Thor ging, frische Luft zu schöpfen— die Schildwache hielt mich vermutlich für einen französtschen Offizier— so trug ich kein Bedenken, mein Glück weiter zu a Ich lief, auf gut Deutsch gesagt, davon, oder ich ranzionterte mich selbst, wie es edler in der Kriegssprache heißt; denn selbst in dieser hat man Worte erfunden, um Sünden und Schanden zu bedecken, deren sich soust der Krieg nie schämt; retrograde Aae statt Reißaus; Requisttionen statt Branbschatzungen u. s. w. Ein Beweis von der fortschreitenden Kultur selbst bei dem Stande,
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der sonst von Amtswegen alle Kultur zu zer⸗
stören pflegt, und dem man wenigstens O enheit 5
und Geradhett nachzurühmen pflegt. (Fortsetzung folgt.) —*——
Die Schande Amerikas. Daß die Amerikaner selbst keine Ursache
haben, anläßlich der Mordbüberei des polnischen[ che.
Anarchisten Czolgosz über Roheit und Bestialität zu zetern, geht aus en Briefe eines amerikanischen Korrespondenten verschiedener unserer Parteiblätter hervor:
Pfahl verbraunt wurde“.— So hieß es vor einigen Tagen an der Spitze einer Depesche in einer englischen New⸗Norker Zeitung.
Sechstausend Manner und Franen und Kinder— ja, auch Kinder darunter!— sollen ugesehen haben, als ein Mensch schwarzer Hant⸗ rh in der denkbar grausamsten wurde!
Der Fall, auf den die Meldung sich bezieht, ereignete sich in Winchester, Staat Tennessee. Auf den Verdacht hin, die Frau eines Farmers ermordet zu aut war der Neger eingefangen, an das Grafschaftsgefängnis abgeliefert, spaͤter von einem Volkshaufen herausgeholt worden, und nun trat„Richter Lynch“ in Funktion. Wie im Verfahren dieses famosen Richters all⸗ gemein üblich, machte sich der„Mob“— hier sst die geringschätzige Bezeichnung angebracht!— ohne weiteres daran, zugleich als Aukläger und
Richter und Henker zu amtieren. Wirklich nur
pro Forma war's, daß man dem Unglücklichen erlaubte, in einer Erklärung sich über seine Schuld oder Nichtschuld zu äußern, und nach dem Zeitungsbericht soll er sich schuldig bekannt haben, was ebeuso gut erlogen wie wahr sein
mag. Jedenfalls, was er auch gesagt hätte: Das Ende wäre das gleiche gewesen. Daun
band man ihn mit Ketten an einen Baum, übergoß ihn vom Kopf zum Fuß mit Petroleum und.. den Rest that das Zündhölzchen.
Das rasende Schmerzgeheul des Opfers der
Bestialität im Menschen wurde übertönt durch
frenetische Jubelrufe der Mordlust aus Tausen⸗
den don Kehlen.
Ist das nicht entsetzlich?— Wenn es etwa? giebt, was 15 furchtbarer ist, als das Bild
eines solchen Pandämoniums der niedrigsten
Instinkte, die im Menschen unter der dünnen Ztvilisationsdecke fortwuchern, so ist es die
atsache, daß solche Scheußlichkeiten wenn auch nur in den Südstaaten, beinahe alltäglich vorkommen, daß auch im Norden die großen
Bevölkerungsmassen fich über Greuelthaten wie die obige, nicht im mindesten aufregen; daß
gar keine Stimme sich hören läßt, die eine
nationale Aktion zur Unterdrückung dieser Lynch; mord⸗Manie verlangt. 3
Ist das nicht ein Zeichen von Rückfall der amerikanischen Ziwilisation in vorfintflutliche Barbarei?!—
Seitdem obiges geschrieben war, sind von einem anderen Falle dieser Art Nachrichten ein
gelaufen, die wo möglich noch mehr zu denken
geben.
Der Schauplatz dieser anderen Tragödie war a das Städtchen Pierce City in Missouri. Den Charakter des„Mobs“ der dort die Scheußlich⸗
ketten beging, kennzeichnen die Mitteilungen eines Augenzeugen, woraus nachstehend ein kurzer Auszug 15 Der Zeuge war soeben per Bahn in Pierce City 5
Bahnhof, als er in eiuer Entfernung einen großen Volkshaufen erblickte. Man zog soeben einen Neger an einem Strick in die Höhe und hing ihn an einem Balken des besten Hotels der Stadt auf. Sobald er dort Par eroͤffnete der Mob Feuer auf ihn. Der Berichterstatter beobachtete folgendes, für die Lyncher charakte⸗
ristische Zwischenspiel: Eine Frau suchte ihren ann zu bewegen, mit ihr heimzugehen, worauf dieser erklärte, er müsse da bleiben, um den
häuslichen Herd rein halten zu helfen von solchen Bestien, wie die Neger seien.
trat sie mit Füßen und ging— zum Lynchfeft. Um den am Balken hängenden, von Kugeln
„Sechstausend sahen zu, wie der Neger am
eise ermordet
angekommen und ging über den
ann, als die Frau weiter in ihn drang, wurde der Tugend⸗ 1 held wütend, ergriff sie und warf ste zu Boden. I
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