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Nr. 39.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
der Gesamtheit durch die Brotwucherpolitik zu⸗ gefügt werden und zeigte, daß nur die Groß⸗ a ele die sich sonst im gewöhnlichen Zeben beileibe nicht mit einem Bauer ver⸗ wechseln lassen wollen, Nutzen von den Zöllen haben. Gen. Vetters fügte den mit Beifall aufgenommenen Ausführungen Krumms noch Einiges über die Benachteiligung des Volkes durch das indirekte Steuersystem hinzu. Ferner teilte V. mit, das bei Anmeldung der Ver⸗ sammlung ein Schreiber auf der Bürgermeisterei Schwierigkeiten gemacht und überflüsstge Fragen gestellt habe. Jeder Arbeiter solle sich mit den gesetzlichen Bestimmungen bekannt machen, seine ohnehin geringfügigen Rechte wahrnehmen und sich nicht von Jedem koujonieren lassen. Der überwachende Gendarm notierte den Vorsitzen⸗ den, Genossen Bock, wegen Vornahme einer Tellersammlung, obwohl Vetters vorher mit⸗ geteilt hatte, daß nach einem Urteil des Kammergerichts Tellersammlungen in Ver⸗ sammlungen nicht unter den Begriff einer Kollekte fallen und keiner Genehmigung be⸗ dürfen. Erreichen wird man nichts, Bock kann nicht bestraft werden.
h Erhöhte Fleischpreise. Die Metzger⸗ innung in Wetzlar macht bekannt, daß sie die Fleischpreise erhöhen müsse. Mageres Schweine⸗ fleisch soll 75 Pfg., Dörrfleisch 90 Pfg. kosten, auch die Wurstwaren sind 10 Pfg. das Pfund teuer geworden. Billig war das Fleisch ohne⸗ hin nicht, jetzt darf der Arbeiter überhaupt auf den Fleischgenuß verzichten. Dabei macht sich mehr und mehr Arbeitslosigkeit bemerkbar, aus allen Gegenden werden Arbeiterentlassungen ge⸗ meldet. Für die Zukunft eröffnen sich dem arbeitenden Volke wahrhaft keine günstigen Aussichten. Und dabei drohen noch weitere A durch Erhöhung der
ölle!
Aus dem Rreise Marßburg-Rirchhain.
— Konsumverein. Am Samstag, den 28. d. Mts., Abends 9 Uhr, findet im Lokale von D. Jesberg dahier eine Versammlung statt, in welcher ein Vortrag über die Einrich⸗ tungen und Vorteile eines Konsumvereins für Arbeiter gehalten und eventl. die Gründung eines solchen beschlossen werden soll. Aller Voraussicht nach dürfte die Gründung zur Thatsache werden, was ein großer Vorteil für die hiesige Arbeiterschaft wäre, denn den Gewinn beim Wareneinkauf, welchen jetzt die Kaufleute in die Tasche stecken, wird alsdann den Arbeitern selbst zugute kommen.
—eBuchdrucker⸗Versammlung. Am Dienstag, den 30. d. Mts., findet voraussichtlich eine Versammlung der hiesigen Buchdrucker im Jesberg'schen Lokale statt, in welcher der Ge⸗ hilfenvertreter des dritten Tarifkreises, Herr Gauvorsteher Carl Domins aus Frankfurt, über die Verhandlungen und die Ergebnisse der gegenwärtig in Berlin tagenden Tarifkommisston der deutschen Buchdrucker referieren wird. Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich, außer sämtlichen Buchdruckern, auch die Mitglieder der hiestgen Gewerkschaftskommisston zu der Versammlung einfinden wollten.
— Walkotte⸗Vortrag. Unserer rührigen Gewerkschaftskommission ist es gelungen, den hier von seinem früheren Auftreten her in gutem Andenken stehenden Schauspieler und Rezitator, Herrn Emil Walkotte aus Berlin, für Freitag, den 8. November d. Is., zu einem Vortrage zu gewinnen, worauf wir schon jetzt aufmerksam machen. Das Thema, sowie das Lokal für den Vortrag ist noch nicht be⸗ stimmt und wird s. Zt. näheres hierüber bekannt gegeben werden.
Eine Ausstellung für Unfall⸗Schutz und ⸗Verhütung
findet vom 5. bis 21. Oktober in Frankfurt statt. Auf dem zirka 80000 Quadratmeter umfassenden Ausstellungsplatze sollen in zahl⸗ reichen Hallen eine große Anzahl Vorrichtungen und Gegenstände vorgeführt werden, welche den heutigen Stand der Unfallverhütung, sowie des Sanitäts⸗ und Rettungswesens im Bergbau, Industrie, Eisenbahnbetrieb und im Kriege ver⸗
anschaulichen. Zahlreiche staatliche und städtische Behörden, Berufsgenossenschaften, Anstalten und Vereine unterstützen die Ausstellung, die somit über das erwähnte Gebiet ein erschöpfendes und übersichtliches Bild bieten und von hoher wissen⸗ schaftlicher Bedeutung sein wird.
Der Stadtverordnete im Löwenkäsig.
Neulich machte der Frankfurter Stadtver⸗ ordnete Müller⸗Herfurth dadurch von sich reden, daß er sich mit einer im Frankfurter Hippodrom auftretenden Löwenbändigerin in den Löwenkäfig begab. Dort leerte er mit dem Fräulein eine Flasche Sekt, brachte ein Hoch auf die Löwenbändigerin aus und verließ den Käfig unter dem rasenden Beifall des meist aus den„besseren“ Kreisen sich rekru⸗ tierenden Publikums. Die Tiere bekundeten für den dicken Stadtvater nicht das geringste Interesse. Letzterer hat aber durch diese Helden⸗ that offenbar wieder seine außergewöhnliche Befähigung zum Stadtverordneten unzweifelhaft dargethan; das war auch notwendig, denn bis jetzt warteten seine Wähler vergeblich auf seine großen Thaten, die er vor der Wahl ankündigte. Müller, der sich als„Chefredakteur“ des Sen⸗ sationsblattes„Sonne“ bezeichnet, ist eine in den Karnevalsgesellschaften und Halbweltskreisen sehr bekannte Persönlichkeit, gewählt wurde er von den antisemitisch angehauchten Handwerks⸗ parteilern. Nun sehen die Bockenheimer Spieß⸗ bürger, was sie für einen Hans wurst zum Stadtverordneten gemacht haben.
Kleine Mitteilungen.
* Neubau⸗Einsturz. Am Samstag stürzte in Worms der Neubau der Gebrüder Hartenbach ein. Diese selbst und noch drei Arbeiter wurden verschüttet und schwer verletzt aus den Trümmern hervorgezogen.
* Selbstmorde. Wagnermeister Brück in Groß-Altenstädten erhängte sich am Samstag in seiner Scheune. Ursache zu dieser That ist unbekannt. B. stand im Alter von 40 Jahren und war verheiratet.— In Frank⸗ furt erschoß sich der Agent Ott im Hofe des Hauses, in dem seine Geltebte wohnt.— In Drommershausen bet Weilburg tötete sich der Bergmann Blank durch eine Dyna⸗ mitpatrone. Er steckte dieselbe in den Mund und zündete sie an. Natürlich wurde ihm der Kopf total zerfetzt und vom Rumpfe gerissen.
* Etsenbahnunglück. Mittwoch stieß der von Leipzig nach Frankfurt kommende Schnellzug, der die Station Schlüchtern 12“ passtert, auf den Schluß eines gerade rangte⸗ renden Güterzuges, der über die Weiche hinaus gestanden hatte. Von den Passagieren wurde Niemand verletzt. Dagegen ist der Materialschaden bedeutend. 5 Wagen des Güterzuges sind zum größten Teile zertrümmert, ebenso ist die Maschine des Schnellzuges stark beschädigt.
Arbeiterbewegung.
T Zur Aufhebung des Generals⸗ streiks der Flaschenarbeiter schrieb der Vorstand des Glasarbeiter⸗Verbandes: Nach⸗ dem alle Versuche des Hauptvorstandes, für die Ausständigen die Unterstützungsgelder weiter herbeizuschaffen, scheiterten, mußte der Streik aufgehoben werden. Einer der bedeutungs⸗ vollsten Streiks ist beendet. Das Unternehmer⸗ tum, das seit dem einjährigen Kampfe danach trachtete, die Arbeiterschaft zu Boden zu werfen, kann sich seines Sieges freuen. Die Arbeiter⸗ schaft ist durch Hunger gezwungen, die Arbeit aufzunehmen. Der Kampf, der am 1. August 1900 in Schauenstein begann, hat die Summe von 450 000 Mk. verschlungen. Dazu wird die Gewerkschaft noch eine ganze Reihe von Gemaß⸗ regelten auf sich nehmen müssen; ferner kommt noch hinzu, daß die Arbelt erst in 14 Tagen beginnen kann, da die Glasöfen erst ganz all⸗ mählich angefeuert werden müssen. Die erste Lohnzahlung wird also erst in drei Wochen stattfinden. Die Glasarbeiter bedürfen bis dahin noch dringend der Unterstützung.
Versammlungskalender. Samstag, den 28. September.
Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Sonntag, den 29. September.
Gießen. Gewerkschaftsversammlung Nach⸗ mittags ½4 Uhr bei Orbig. Tagesordnung: Ge⸗ schäfts⸗ und Kassenbericht; Vortrag; Verschiedenes.
Montag, den 30. September.
Gießen. Glaserverband. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig.— Tapezierer⸗Verband. Abends ½9 Uhr Versammlung bei Lö b(Wiener Hof).
Dienstag, den 1. Oktober. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig.
Briefkasten.
Anonymus⸗Leihgestern. Warum lassen Sie denn nichts mehr hören? Wir sind bereit, Ihre erhobenen Beschuldigungen zu prüfen und event. dazu öffentlich Stellung zu nehmen. J. St.⸗Alsfeld. Mußten leider nochmals zurückstellen, bitten um Entschuldigung. Aus dem Gießener Standesamtsregister.
Aufgebote. 12. September: Idemer Hellerbrandt, Metzger in Gotha mit Bertha Weber dahier. 16. Sa⸗ muel Jacob, Kaufmann dahier mit Emilie Levt in Groß⸗ Bieberau. Emil Rusag, Stationsgehülfe mit Auguste Bruchhäuser dahier. Johann Giller, Eisenbahnarbetter dahter mit Bertha Haupt in Erbenhausen. 18. Wilhelm Waizenhöfer, Bäcker dahier mit Magdalene Kraemer in Marburg. 19. Konrad Jendt, Glaser mit Katharine Poths dahier. 22. Karl Lindenstruth, Regierungsassessor dahier mit Karoline Kreutz in Bellersheim. 23. Jakob Keller, Gerichtsassessor dahier mit Magdalena Ludwig in Lorsch. Philipp Braun, Metzgermeister dahier mit Wilhelmine Neckermann in Frankfurt a. M.
Eheschließungen. 14. September: Karl Bogler, Zementeur mit Lina Hauffmann dahier. Heinrich Braun, Taglöhner mit Lina Leng dahier. Dr. Karl Engelhard, prakt. Arzt in Neustadt, Kr. Kirchhain, mit Agnes Zwirner dahier. Justus Horn, Kaufmann mit Mathilde Herbert dahter. Georg Gries, Kgl. Amtsgerichtssekretär in Friedewald mit Lina Lyncker dahier. Louis Schicker, Schlosser mit Margarethe Linke dahier. Otto Berth, Regierungsbaumeister in Alsfeld mit Auguste Seth da⸗ hier. 17. Karl Vogel, Restaurateur in Kleinschmalkalden mit Eva Dreher dahier. 21. Wilhelm Thiel, Schmied, mit Gertrud Gerhards dahier. Heinrich Schraner, Schlosser mit Pauline Zink dahier. Johann Scholl, Metzgermeister in Offenbach a. M. mit Emilie Noll da⸗ hier. 26. Wilhelm Schutt, Bäcker in Dorheim mit Margarethe Carl dahier. Philipp Lenz, Pfarrassistent in Wackernheim mit Anna von Düring dahier.
Geborene. 16. September: Dem Taglöhner Philipp Balser e. S. 17. Dem Heizer Heinrich Förster e. T. 18. Dem Kaufmann Ludwig Loth e. S. Dem Kreisstraßenwart Heinrich Hahn III. e. S. Dem Kauf⸗ männ Friedrich Eccarius e. S. 20. Dem Taglöhner Philipp Velten e. S. Dem Schneider Johannes Brandau e. S. 21. Dem Zahnarzt Wilhelm Koch e. S. Dem Buchbinder Wilhelm Keiner e. S. 22. Dem Maurer Konrad Spies e. T. 26. Dem Polizeigehilfen Heinrich Weller e. T.
Gestorbene. 22. September: Johanna Kann, geb. Lion, 79 Jahre alt, Witwe. 23. Katharina Leicht⸗ weiß, 30 Jahre alt, Kleidermacherin.
Letzte Nachrichten.
Im Prozeß gegen den Attentäter Czolgosz wurde am Donnerstag das Urteil gesprochen. Er wurde zum Tode verurteilt. In der Woche nach dem 28. Ok⸗ tober wird er mittels Elektrizität hingerichtet werden.
Der Parteitag behandelte Mittwoch und Donners⸗ tag noch die Bernstein⸗ und Akkordmaurerfrage. Unter großem Beifall erklärte Bernstein, den in der angenommenen Resolution zum Ausdruck gekommenen Willen des Parteitags achten zu wollen.(Die Reso⸗ lution bezeichnet Bernsteins Kritiken als einsettig und erwartet von Bernstein, daß er nicht mehr in dieser Weise fortfahre.)
Gießener Stadttheater.
Dienstag, den 1. Oktober: Eröffnungs⸗Vorstellung Cornelius Voss Lustspiel in 4 Akten von Schönthan. Mittwoch, den 2. Oktober: Minna von Barnhelm Lustspiel in 5 Akten von Lessing. Freitag, den 4. Oktober:
Die Dame von Maxim Schwank in 3 Akten von Faydeau.
Neu! Neu!


