Ausgabe 
29.9.1901
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 2.

einrostes, wenn er nicht durch die Bernsteinsche Kritit etwas Gelegenheit zur geistigen Gegenkritik enthält. Gewiß, die Redakteure desVorwärts sind überlastet. Sie haben zu kämpfen gegen eine Welt von Feinden, gegen die Kritik unserer Gegner. Sch glaube, das ist geistige Gymnastik genung. Als die ersten Schriften Bernsteins erschienen, rief man: Damit beginnt eine neue Zeit; nach seinem neuen Auf⸗ treten sagen gerade seine Anhänger: Was wollt Ihr denn, die Geschichte ist ja nicht der Rede wert, er hat es nicht so boͤse gemeint! Bernstein meint, durch seine Kritik sei die Verelendungstheorte überwunden. Worin besteht denn diese Theorie? Sie sagt, daß es immer schlechter werden muß, bis es besser wird; daß das Proletariat immer mehr ins Elend verfsinken muß, bis dann der große Tag erscheint und die Macht des Kapitals in sich zusammenbricht. Ist diese Theorie je⸗ mals von uns geteilt worden? Sicherlich nicht! Sie ist von Karl Marx selbst widerlegt worden in seinemKapital. Marx hat gesagt, das Kapital muß danach trachten, den Mehrwert zu stetgern, die Lage der Arbeiter immer elender zu gestalten durch Verlängerung der Arbeitszeit usw. Aber damit ist doch noch nicht gesagt, daß es keine Gegenwirkung dagegen giebt. Karl Marr selbst hat auch schon 1847 auf den Wert der Arbeiterschutzgesetze hingewiesen. Auf dieser Anschauung beruht der Klassenkampf, der dem Kapital die ökon omischen und politischen Machtmittel entreißen will. Programme sind Kinder ihrer Zett, nicht einer Theorie, in ihnen muß man im Lapidarstil sprechen und dann nur auf die Hauptsachen eingehen. Wenn heute eine Aenderung des Erfurter Programms verlangt wird, würde ich selbst beantragen, daß der Punkt über die Verelendungstheorie so gefaßt wird, daß Mißverständnisse ausgeschlossen sind. Nun der Vortrag Bernsteins im Studentenverein. Derselbe soll ganz harmlos sein. Aber die ganze bürgerliche Presse hat erklärt, daß Bernstein in diesem Vortrag die Un mög⸗ lichkeit des Sszialtsmus bewiesen habe. Gewiß kann niemand dafür, wenn ihm die Gegner Ansichten unterschteben, die er nicht hat. Es giebt doch eine Waffe gegen solche Gegner. Auch eine Stelle meiner Broschüre über die Handelspolitik ist von den Agrariern für ihre Zwecke ausgebeutet worden, aller⸗ dings nur so lange als ein Kapitel derselben vorlag. Ich empfand aber den betreffenden Artikel derKreuz⸗ zeitung als eine derartige Schmach, daß ich sofort am nächsten Tage den Agrariern einen derartigen Fuß⸗ tritt gab, daß sie sofort auf meine Bundesgenossenschaft verzichteten. Auch Bernstein sollte sich so mit voller Wucht gegen seine Kritiker außerhalb der Partei wenden, dann wird er jedes Mißtrauen und jede Zweideutigkeit zerstreuen. Zehn Jahre lang hat Bernstein mit uns gewirkt und gekämpft, möge er die Traditionen auf die er sich beruft, wieder erwecken. Möge er solche Agitation wieder aufnehmen und er kaun überzeugt sein, daß in jeder Beziehung das alte Verhältnis wieder hergestellt sein wird und daß sich niemand mehr über seine Kritik beklagen wird.

Die Reden Dr. Davids und Bebels, die nun folgen, bringen wir in nächster Nummer.

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Politische Rundschau.

Gießen, den 26. September. Bestochene Zeitungen.

Vor einiger Zeit hatte die Berliner Morgen⸗ post und nach ihr mit eigenem Material die Sächstsche Arbetterzeitung auf bedenkliche Korrup⸗ tionzerscheinungen in der Dresdener bürgerlichen Presse hingewiesen. Sofort waren die Ver⸗ einigungen der Dresdener bürgerlichen Journa⸗ listen bei der Hand, um unser Dresdener Blatt zurückzuweisen. Der Verein Dresdeuer Presse bezeichnete die Behauptung der Arbetter⸗ zeitung, daß irgend ein Dresdener Journalist gekauft sei, als eine gänzlich unhaltbare bös⸗ willige Verleumdung, der Ortsverband Dresden der Penstonsanstalt deutscher Journalisten und Schriftsteller erklärte gleichfalls die Ausführungen der Arbeiterzeitung im Namen seiner Mitglieder als ganz haltlose, unerhörte Verdaͤchtigungen.

Kaum waren diese Erklärungen veröffentlicht worden, als sich schon zeigte, daß die beiden Vereinigungen schmählich hereingefallen sind. Die Thatsache einer fast unglaublichen und in der Geschichte des deutschen Zeitungswesens beispiellosen Korruption der Dresdener bürger⸗ lichen Presse ist, wie schon mitgeteilt wurde, jetzt offen eingestanden. Das Dresdener Journal, der Dresdener Anzeiger, die Dresdener Nachrichten und die Neuesten Nachrichten sind genötigt gewesen, ihre

Handelsredakteure wegen unthunlicher geschäftlicher mit Banken zu entlassen; bei der Dresdener Zeitung blüht das gleiche Geschick einem in Berlin weilenden Mitarbeiter ihres Handelsteils, Namens Gott⸗ schewski. Was in Dresden an kapitalistischer Korruption der Presse damit aufgedeckt wurde, übersteigt alles bis jetzt Dagewesene. In anderen Städten wurde wohl der eine oder Andere der Bestechlichkeit überführt, es bestand das eine oder andere Blatt, dem man nicht recht trauen durfte, in Dresden aber fand 7 gleich ein ganzes Kartell der Unredlichkett, das sich auf alle einflußreichen bürgerlichen Blätter erstreckte.

Aber die in Sachsen übliche gehässige Be⸗ kämpfung, der aufstrebend en Arbeiterschaft, die den ganzenOrdnungs⸗klüngel zusammenge⸗ führt hat, machte die Journalisten auch sonst solidarisch. Gewohnt, mit den schofelsten Mitteln den Kampf um die politische Macht zu Gunsten der Privilegirten zu kämpfen, ging bei vielen von ihnen das Gefühl für das Anständige, bei den Börsenredakteuren dann auch noch das für das Erlaubte zum Teufel. Feierte auf politischem Gebiete der GrundsatzDer Zweck heiligt die Mittel bei der Wahlentrechtung unter der Mithilfe der bürgerlichen Journalisten seine rasenden Triumphe, 0 wurde auf anderem Ge⸗ biete der alte Vespasianische Satz zum leitenden Prinzip:Geld riecht nicht. Eines mußte das Andere gebären.

Daß der ee der bürgerlichen Presse Dresdens die Wirkung eines reinigenden Gewitters haben werde, ist nicht anzunehmen. An die Stelle der Entlassenen werden Andere treten, die sich mehrin Acht nehmen werden. Die Grundursachen des e bleiben ja bestehen. Die Blätter, um die es sich hier handelt, gehören meistens zur unpartetischen Presse.Dresdener Nachrichten zeichneten sich von jeher durch schmutzigste Be⸗ kämpfung der Arbeiterbewegung aus. Das Journal ist Amtsblatt der sächsischen Regierung.

Sozialdemokratie und Anarchismus.

Ueber das Verhältnis des Anarchismus zur Sozialdemokratie, die von beschränkten Köpfen als dieVorfrucht des ersteren bezeichnet wird, sagt dieVossische Zeitung, ein liberales Blatt:

DasHauptwörterbuch der Staatswissen⸗ schaften wird nicht als Erzeugnis der Um⸗ sturzparteien gelten; gehört doch zu seinen 1 auch ein Vortragender Rat im

inistertum! Und was lesen wir dort im ersten Bande der neuesten Ausgabe?Die Sozialdemokratie in Deutschland und in der Schweiz war von vornherein dem Anarchismus mit aller Energie entgegengetreten und hatte ihn als feindliche Partei behandelt. Diesem feind⸗ lichen Verhalten ist es wohl hauptsäch⸗ lich zuzuschreiben gewesen, daß der

Auarchtsmus durchaus keine Fort⸗

schritte machen wollte. Wer die

Geschichte der Arbeiterbewegung kennt, wer

sich der Schicksale Mosts, seiner Ausschließung

aus der Partei, seiner öffentlichen Redekämpfe mit Paul Grottkau in Amerika erinnert, wer auch nur mit einiger Unbefangenheit die

Eigenart des Sozialismus und des Anarchis⸗

mus prüft, der wird jenes Urteil, das ein

deutscher Professor, es ist Georg Adler, fällt, für durchaus zutreffend ansehen. Nicht eine

Ideengemeinschaft verbindet Sozialdemokraten

und Auarchisten, sondern die Sozialdemokratte

5 sich als wirksamer Schutz gegen

en Anarchismus in Deutschland bewährt.

Dieses Zugeständnis wird natürlich die Scharfmacher und ihre Tintenkulis nicht ab⸗ halten, die Sozialdemokratie weiter zu ver⸗ leumden.

Die Landtagswahlen in Sachsen.

Wie schon früher mitgeteilt, fanden die Wahl⸗ männerwahlen am 25. 26. und 27. Sept. statt. Von den Wahlergebnissen sind nur erst wenige bekannt. Aus Leipzig wird ein glänzender Sieg unserer Genossen gemeldet.

Im zweiten Wahlkreise wurden 35 sozial⸗ demokratische und 8 gegnerische; im vierten sämtliche 66 sozialdemokratische und gar keine Ordnungsparteiler in der dritten Klasse gewählt.

Unteroffizier⸗Maßregelung zurückgenommen.

Mit verschiedenen Unteroffizieren, die im Krosigk⸗Prozeß als Zeugen aufgetreten waren, hatte die Milttärbehörde weitere Kapt⸗ tulation abgelehnt. Diese Thatsache wurde in der Presse viel erörtert. Jetzt scheint man das in jener Maßregel liegende Unrecht zu empfinden und die Militärbehörde ist bemüht, den üblen

Eindruck ihrer früheren Schritte abzuschwächen.

Gerüchtweise verlautet, der Unteroffizier Domnick solle in ein anderes Regiment zum 1. Oktober versetzt werden; mit dem Vicewachtmeister Schneider solle weiter kapituliert werden und der Wachtmeister Buckpersch solle bei seinem a0 4 am 1. Oktober eine Invalidenpenston erhalten.

WegenUntreue

wurde am Montag der Genosse Landtagsabge⸗ ordneter Wilhelm Opificius in Pforzheim (Baden) zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, außerdem wurde ihm das Recht zur Bekleidung öffentlicher Aemter auf die Dauer von zwei Jahren aberkaunt. Der ganze Prozeß hat einen sehr tendenziösen Beigeschmack. Genau betrachtet, stellt sich die Sache als höchst harmlos dar. Von der Anklage, 9000 Mk. als Vor⸗ sitzender des Lebensmittelvereins veruntreut zu haben, mußte Opificius freigesprochen werden. Wegen Veruntreuung von einer Summe von 500 Mk. wurde er jedoch verurteilt. Da⸗ mit verhielt sichs folgendermaßen: Opificius bekam für seine Mühewaltung als Vorstand 350 Mk. jährlich; er ließ sich nun, als er im Oktober v. J. in momentaner Verlegenheit war, 500 Mk. geben, gewissermaßen als Vorschuß auf die zu fordernden 350 Mk., um die Kosten eines Postprozesses des Volksfreund zu bezahlen. Er erhielt das Geld und es sind ihm in der That 350 Mk. als seine Forderung dann an⸗ gerechnet worden, die übrigen 150 Mk. daß er zurück. In diesem Vorgang erblickte das Gericht eineUntreue und verurteilte Opificlus deswegen. Der Vorgang ist ein so gewöhnlicher im Leben, daß recht wenig Menschen herum laufen dürften, die sich nicht schon solcher Un⸗ treue schuldig gemacht haben. Wie viele Reisende und eschäfteführer erheben ihre Gehälter von den eingenommenen Geldern und a dem auch vorschußweise das ist aber na em Karlsruher UrteilUntreue. Genosse Opificius hat Revision angemeldet, und daz Reichsgericht wird zu prüfen 5 ob wirklich Untreue vorliegt. Von den Gegnern wird der Prozeß allerdings zu schofeln Angriffen auf die Partei benutzt werden.

Hausbesitzer als Denunzlant.

Wegen Majestätsbeleidigung wn in Leipzig der Schneider Kinder vater zu sechs onaten Gefängnis verurteilt. Der Hauswirt Kindervaters hatte diesem über die in der Wohnung hängenden Bilder Lieh⸗ knechts und Bebels Vorhalt gemacht und gesagt, er solle lieber das Bild des Kaisers, der für die Arbeiter mehr gethan habe als Liebknecht und Bebel, in das Zimmer hängen. Dadurch wurde K. so gereizt, daß er sich zu beleidigenden Aeußerungen gegen das Kaiserpaar hinreißen ließ, die der Hauswirt zur Anzeige brachte. Fälle dieser Art müssen unsere Genossen zur Vorstcht mahnen. Man hüte sich davor, un⸗ überlegte Aeußerungen zu thun, man ist nir ends vor dem niederträchtigen Denunziantenge udel

sicher. In letzter Zeit sind recht häufige Ver⸗ 1

urteilungen erfolgt. Die Sühne⸗ Komödie

hat nun mit der Dekorierung des i ee 100 ufrieden⸗

Tschun einen für die Chinesen ganz z ellenden Abschluß gefunden. Dem chinefischen rinzen wurde vom Kaiser das Großkreuz des

oten Adler⸗Ordens verliehen, sowie be! Zuvor⸗

den Paraden bei Danzig mit größter

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