Ausgabe 
29.9.1901
 
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Nr. 39.

Gießen, Sonntag, den 29. September 1901.

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8. Jahrg

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

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Donnerstag Nachmittag 417

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Abounementspreis: Die Mitteldeutsche

Parteigenossen

Unterschreibt die Petition gegen den Brotwucher!

Unser Parteitag.

Vorigen Sonntag Abend trat das diesjährige deutsche Arbeiterparlament im Saale des Lübecker Vereinshauses zusammen. Das ist ein im Zentrum der Stadt gelegenes, von der Produktions⸗Genossenschaft erbautes und von ihr verwaltetes Gebäude. Darin haben fast alle Partei⸗ und Gewerkschaftsunternehmungen und Organisationen ihren Sitz. Auch die Partei⸗ Buchhandlung und die Redaktion und Druckerei des Lübecker Partei⸗Blattes befinden sich hier. Hinter großen Restaurationsräumlichkeiten liegt ein großer Saal, der mit seinen breiten Galerien wohl über 2000 Personen Raum bietet. In diesem prächtigen Raume soll der Kongreß tagen. Der Hintergrund des Podiums ist in einen Lorbeerhain verwandelt, aus dessen Grün die überlebensgroße Büste Ferdinand Lassalles her⸗ vorblickt. Rechts und links davon stehen die vielen Fahnen der Partei⸗ und Gewerkschafts⸗ Organisationen. Vor der Bühne steht das Rednerpult, von dem die Redner sprechen werden. Links und rechts davon ist die Presse unter⸗ gebracht, die bereits sehr viel Plätze belegt hat, denn außer 1 9 80 deutschen Zeitungen sind ausländische Blätter, französische, englische, dänische stark vertreten. Die Delegierten nehmen an langen, in der Längsrichtung des Saales aufgestellten Tafeln Platz.

Der Parteitag war von 203 Delegierten beschickt.

Als Abgesandte der ausländischen Bruder⸗ parteien vertreten Dr. Adler und Pernersdorfer die österreichische, 1 die schwedische, Braque die französische, De Roode die holländi⸗ sche Sozialdemokratie.

Auch fast die ganze Reichstagsfraktion ist anwesend.

In der Vorversammlung am Sonntag Abend begrüßt Schwarz⸗Lübeck den Kongreß. Er erklärt, die Lübecker Genossen stünden alle fest zum Programm; sie würden den Genossen den Aufenthalt in Lübeck so an⸗ genehm wie möglich machen. Bebel dankt und er⸗ öffnet den Parteitag. Er spricht die Hoffnung aus, daß Lübeck der Sozialdemokratie nich! mehr verloren gehen möge, Auf die Streitfragen, die dieser Parteitag zu verhandeln habe, hinweisend, meint er, Jeder möge nur nach bestem Gewissen reden, dann werde Ersprieß⸗ liches geschaffen.

Seinem Vorschlage gemäß werden Singer und Schwarz zu Präsidenten gewählt. Singer dankt im Namen Beider und bringt ein Hoch auf die Sozialdemokratie aus. Hierauf werden die Schriftführer gewählt.

Nunmehr setzt der Parteitag seine Tagesordnung fest. Nach sehr langer und teilweise heftiger Debatte wird beschlossen, eine geschlossene Sitzung für den PunktPresse abzuhalten, ferner, den Bernstein⸗Streit und die Alkordmaurer⸗Angelegenheit für sich als Teile des Vorstandsberichts zu behandeln, dann nochZoll⸗ tarif und Handels verträge mit Bebel als Re⸗ ferenten auf die Tagesordnung zu setzen. Sonst wird die provisorische Tagesordnung genehmigt.

In der ersten Sitzung am Montag Vormittag be⸗

Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.

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grüßt Singer die ausländischen Delegterten. Diese überbringen die Grüße ihrer Auftraggeber. Zunächst

spricht Braque⸗Paris in französischer Sprache; darauf Branting⸗Stockholm; De Roo de⸗Amsterdam; Per⸗ nersdorfer und Dr. Adler-Wien. Bei der nun folgenden Verlesung zahlreicher Begrüßungstelegramme hebt Singer das vom schweizerischen sozialdemokratischen Kongreß in Solothurn hervor, das den Beschluß des schweizerischen Grütlivereins meldet, der so zial⸗ demokratischen Partei beizutreten, was mit Beifall aufgenommen wird.

Hierauf erfolgte der Eintritt in die Tagesordnung.

Pfannkuch giebt den Geschäftsbericht des Vorstandes. Er rechtfertigt die vom Vorstand eingeleitete Agitation gegen die Brotwucherpläne. Eine große Agitation für den Achtstundentag hält er bei der gegenwärtigen Krise nicht für angebracht. Der Redner behandelte auch die Polenfrage. Für nationale Sonderbestrebungen sei inner⸗ halb der Parteiorganisation kein Raum vorhanden. Eine Aenderung des Organisationsstatuts anläßlich des Ham⸗ burger Schiedsspruches sei nicht notwendig. Dem Gedanken der Schaffung einer sozialistischen Jugend⸗ litteratur stehe der Vorstand sympathisch gegenüber.

Gerisch giebt den Kassenbericht und teilt dahet mit, daß Genosse Schmitz(Aachen) verstorben sei und Bebel, Auer und Singer durch Testament 40000 Mark hinter⸗ lassen habe. Die Erben haben den Betrag der Partei⸗ kasse überwiesen. Der Parteitag, wie die Partei über⸗ haupt werden dem toten Genossen Schmitz stets ein dankbares Andenken bewahren. Der Kasfsenbestand der Zentralkasse sei nicht günstig. Dreizehn im Reichstag sozialdemokratisch vertretene Wahlkreise fehlten gänzlich und hätten nicht einmal Diäten für ihre Abgeordneten bezahlt, dabei befänden sich unter den Drückebergern wohlhabende Wahlkreise.

Meister erstattete den Bericht der Kontrolleure, verwahrt die Kommission gegen die Angriffe wegen des Schiedsspruchs in der Akkordmaurerfrage. Weiter erklärt er, daß die Revisionen zu Bemerkungen keinen Anlaß geben und bittet, dem Vorstand Decharge zu erteilen.

Die Diskussion über den Vorstandsbericht führt zu einer Polen⸗Debatte. Den Führern der polnischen soztalistischen Partei wird vorgeworfen, das sie mehr nationalistische als soztaldemokratische Polttit treiben. Infolge der unerquicklichen Lage der polnischen Verhält⸗ nisse hat der Parteivorstand dem polnischen Organ die Unterstützung entzogen, Von Frau Dr. Luxemburg wird die polnische Sonderorganisation heftig angegriffen. Ledebour hat eine vermittelnde Tagesordnung einge⸗ reicht, über welche der Parteitag zur Tagesordnung übergeht. In der Nachmittagssitzung wird über die Presse verhandelt. Hierbei verlangt Bebel vom Vorwärts, daß er schärfer als bisher auf die Angriffe der Gegner erwidere; in der Millerandfrage, sotoie an⸗ läßlich des Bernstein'schen Vortrages hätte das Zentral⸗ organ energischer eingreifen sollen. Vorwärts⸗Redakteur Gradnauer verteidigt die Haltung des Vorwärts.

Darauf ergreift unter allgemeiner Spannung Bern⸗ stein das Wort. In einstündiger Rede verteidigt er sein Verhalten und bestreitet, daß 8 die Agitation schädigen könne. Nichts habe er von n Anschauungen zurückzunehmen. Freie Selbstkritik müsse die Partei wahren, aus der er weder austreten müsse noch wolle. Abg. Heine tritt ebenfalls in einer großen Rede für freie Kritik ein. Der Bernsteinfall sei harmlos, da⸗ bei handele es sich um die Theorie der Theorie. Prak⸗ tische Arbeit sei aber die Hauptsache und in Bezug auf diese sind wir einig. Wenn der Vorwärts gegenüber den gegnerischen Angriffen ruhig gebl f b recht gehabt. Gradnauer kommt noc Haltung des Vorwärts zu sprechen, die er für korrekt erklärt und gegen Bebel verteidigt.

Dienstag Vormittag wird in geschlossener

Sitzung überPresse, Litteratur und Kolportagewesen verhandelt. zer tsch

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referiert. Er giebt einen Ueberblick i heutigen Stand der Parteipresse im Verglei

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zum Jahre 1899; er berichtet über die Abon⸗ nentenzahl sowie über die Einnahmen und Aus⸗ gaben der Parteiorgane. Angesichts der wirt⸗ schaftlichen Krise sei besondere Vorsicht in finau⸗ zieller Hinsicht geboten, die Ratschläge und Warnungen der Parteileitung müßten mehr beachtet werden. Ein unvorsichtig gegründetes, schlecht fundiertes Blatt könne der Parteibe⸗ wegung des betreffenden Ortes unter Umständen höchst verderblich werden. Der Referent wendet sich sodann zu der Frage des Vertriebs der Parteilitteratur und bedauert, daß die Ver⸗ breitung älterer, grundlegender Parteischriften von Jahr zu Jahr mehr zu wünschen übrig lasse. Die bisherige Gestaltung der Kolportage habe nicht die gehegten Erwartungen erfüllt. Unsere Parteikolporteure verstehen es nicht, unter den uns fernstehenden Kreisen unsere Litteratur zu verbreiten. Hoffentlich werde bald eine Gesundung eintreten.

In der folgenden Debatte dreht es sich hauptsächlich um Unterstützung verschiedener Parteiblätter von Seiten des Partetporstandes. Im Gegensatz zu einer vorher geäußerten An⸗ sicht meint Wurm, daß sich der Inhalt unserer Presse auch in der Probpinz gebessert habe. Wenn trotzdem der Ausschwung hinter den Er⸗ wartungen zurückgeblieben ist, so liege das an der geschäftlichen Handhabung. Es fehle vtel⸗ fach an geeigneten Personen zum Vertrieb der Parteilitteratur. Der Bildungshunger sei im Volke vorhanden, er müsse nur erst geweckt werden. (Zustimmung.) In den Orten, wo die Genossen fuͤr die Presse eine rege Agitation entfaltet haben, seien glänzende Erfolge erzielt. Der Umsatz unserer Parteilitteratur, selbst guter Werke, um die uns das Bürgertum beneidet, sei viel zu gering. Die Uebernahme in Parteiregie, wie es von Nürnberg beabsichtigt wird, würde den Zustand nur noch mehr verschlechtern. Die Parteipresse nehme zu wenig Notiz von der Parteilitteratur, während sie ellenlange reklame⸗ hafte Waschzettel bürgerlicher Verleger aus kleinlichstem Geschäftsinteresse aufnehmen.

Im Verlauf der Debatte wurde mehr fach beantragt, die Oeffentlichkeit herzustellen; that⸗ sächlich wurde nichts vorgebracht, was nicht in öffentlicher Sitzung hätte handelt werden können. Zum Schluß fragt Gerisch, ob man etwa sensationelle Euthüllung erwartet habe. Die Genossen hatten hier Gelegenheit, auf eine Reihe interner Fragen einzugehen.

In der Nachmittagssitzung wird über Presse und Litteratur und dabei über die Bernstein⸗ Angelegenheit weiter verhandelt. Zunächst

Grunwald⸗Erfurt, der betont, daß eins Quertreibereien die Agttation er⸗ müßten. Dann ergreift Kautsky Er sagt etwa:

Auf die persönlichen Bemerkungen Berusteins werde ich nicht antworten. Bernstein vermißte die Selbst⸗ kritik bei uns. Ich selbst habe aber, wie er anführte, das Agrarprogramm kritisiert. int ec, wir üben nicht Selbstkritik, wenn wir il kritisieren, so müßte er fich ja schon aus der Partei ar schlossen betrachten; das will er doch selbst nicht Seine Selbstkritik soll nur aus der Liebe zur Wahrheit entspringen; wenn wir ihn kritisteren, ist das schnödes Herunterreißen, von per⸗ sönlicher Gehässigkeit diktiert. Auf diese Unterscheidung Nicht alles, was er Selbst Partefbewegung würde geistig

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lassen wir uns nicht ein. kritik nennt, wirkt zur Förderung der Es ist gesagt worden, derVorwärts