Ausgabe 
28.7.1901
 
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Seise 6.

Mitteldentsche Soun! 2gs⸗Zeitung.

Nr. 30.

7 Unterhaltungs-Cril.

a 9 A

Der Schuhmacher von Ottersweiler.

Erzählung von Elise Langer.

4(Fortsetzung)

Beim Anblick der eintretenden Frauen blieb Babett einen Augenblick wie versteinert stehen, dann aber stürzte sie mit einem halb schluchzenden, halb jauchzenden Laut auf das Kind zu, riß es an sich und barg es wie einen geraubten Schatz unter wilden Liebkosungen an ihrem Busen. Ueber das Geschrei des erschreckten Knaben erwachte der Kranke aus seinem Halb⸗ schlummer, und wie es schien, bei klarem Bewußt⸗ sein. Die Mutter erkennend, breitete er die Arme nach ihr aus, und Mutter und Sohn hielten sich innig umschlungen. Babett hatte nur Augen für ihr Kind, das jetzt beruhigt auf ihrem Schooße saß und neugierig, wie einer entschwundenen Erinnerung nachhängend, zu ihr aufblickte. Als der Kranke wieder entschlummert war und die Alte sich leise vom Bettrande, auf dem sie gesessen, erhob und auf Babett zutrat, als wollte sie das Kind an sich nehmen, wies

diese sie schroff zurück. Frau Bachler begriff,

daß sie ihr den Kleinen überlassen müßte, und begab sich in die anstoßende Kammer, die ihr die Wirtin zur Nacht angewiesen hatte. Tot⸗ müde sank die Alte auf ihr Lager.

Es mochte gegen Mitternacht sein, als sie durch eine, häufig von Schluchzen unterbrochene Stimme in der Nebenkammer, die nur eine dünne Bretterwand von der ihrigen schied, ge⸗ weckt wurde. Sie horchte.

= sie, sie allein hat mich aus dem Hause getrieben. Was war ich auch darin? Eine Holzpuppe, die sie hin und herschob nach ihrem Willen. Ich hab' blos nicht aufbegehrt wegen Dir. Ich wußt doch, wie viel Du auf deine Mutter hältst. Aber schwer wars', kannst's glauben. Alles hat sie an sich gerissen, auch das Kind, mein lieb süß Jüngele, daß es zuletzt nichts mehr nach mir gefragt hat. Aber ich hab's verdient, viel tausendmal, darum, daß ich so schlecht sein konnt', fortzugehen von Dir und ihm. Ich weiß kaum selbst mehr, wie es möglich gewesen. Ich will's auch büßen, mein Leben lang. Siehst, ich hab' hier all' die Nächte auf meinen Knieen vor Deinem Bett gelegen und gebetet, daß Du gesund werden und mir verzeihen mögst. Und das kann ich Dir zuschwören: zu nah hat mir Keiner kommen durft. Du und das Kind und mein arm' Mutterle im Himmel, Ihr habt mich geschützt vor der Sünd'. Jetzt, da mach' mit mir, was Du willst, blos verstoßen 11 mich nicht, weil ich schon so arg unglücklich in 2

Hier erstickte die Stimme in krampfhaftem Schluchzen und Jost flüsterte beschwichtigende, liebreiche Worte.

Die Alte, welche, das Ohr an die Waud gelehnt, aufrecht im Bette gesessen hatte, sank jetzt wie leblos in ihre Kissen zurück. Eine furchtbare Anklage war gegen sie erhoben worden. Sie sollte Babettens Flucht und alles Unglück, das daraus gefolgt war, mit verschuldet haben. Ihr war, als hätte man ihr das Herz im Leibe umgedreht. Das graue Haupt in die dürren Hände vergraben, saß sie den Rest der Nacht zusammengekauert in tiefen Gedanken. Sie hatte hart schaffen müssen von der Jugend cuf. Nichts Anderes hatte daneben Platz gefunden. Ihre Heirat war nur vermehrte Arbeit gewesen. Erst mit der Geburt ihres Sohnes, der ihr von sechs nachfolgenden Kindern allein übrig geblieben, war ein Höheres in ihr Leben getreten. Ihn liebte sie mit der Ausschließlichkeit und Jubrunst einer strengen, nur dem Muttergefühl zugänglichen Frauennatur.

Sein Glück war der Zweck ihres Daseins, uns so hatte sie Babett auch nur als Mittel zu dessen Echöhung betrachtet. Daß diese außer⸗

dem noch etwas zu sein beanspruchen könnte, war ihr ebensowenig in den Sinn gekommen, als daß der Knabe, dieses ihr von Jost un⸗ trennbare Wesen, nicht vor Allem ihrer, der Großmutter, Sorge und Pflege unterstellt sein sollte. Jetzt zum ersten Male stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie in all' dem nicht gefehlt, das Glück ihres Jost, statt es zu fördern, nicht geradezu gefährdet hatte. Und diese Zweifel waren fürchterlich.

Am nächsten Morgen machte die Alte sich reisefertig und nahm Abschied von ihrem Sohn.

Ich bin hier nichts nütz, sagte sie,und daheim giebt's zu thun. Wenn Du heimkommst, will ich mal nach meinen Leuten in meinem Geburtsort schauen. Die werden auch'ne Freud' haben, mich mal zu sehen.

Ihre Zeche wollte die Frau von dem wenigen Geld, das sie von Hause mitgenommen hatte, berichtigen, aber die Wirtin nahm nichts bezahlt, sondern packte ihr noch einen Imbiß für unter⸗ wegs in den Korb. Dann schritt die Alte fürbaß, äußerlich ruhig und gefaßt, wie sie gekommen, innerlich eine gebrochene Existenz.

Als Jost über das Erlebte endlich nachzu⸗ denken begann, fiel ihm plötzlich auch das Geld ein, das er auf dem Markte für sein Schuhwerk gelöst hatte. Wo war es geblieben, wo hatte er es hingethan? Wie ein Rasender fuhr er in die Höhe, betastete sich, durchwühlte sein Bett, ließ sich seine Kleider reichen, kehrte alle Taschen um. Nichts. Endlich besann er sich. Bevor er in's Wirtshaus ging, hatte er den ziemlich schweren Sack mit dem Silbergeld in eine der Schuhkisten eingeschlossen und diese unter das Stroh seines Wagens verpackt. Wollte er doch den nächsten Morgen in aller Frühe abfahren.

Lauf, Babett, lauf, schau nach dem Geld, rief er voll Angst,ich bin ruiniert, rettungslos ruiniert, wenn es fort ist.

Es wird nicht, es wird nicht, tröstete ihn Babett, aber umsonst durchwühlte sie das Stroh des Wagens, der koch ruhig an seiner Stelle im Schuppen stand. Die Kiste mit dem Gelde war verschwunden.

Auf diese Kunde fiel Jost wieder in einen Fieberzustand, in dem er beständig von seinem verlorenen Geld phantasirte, mit den Dieben, die es ihm genommen, kämpfte und den Leder⸗ lieferanten um Erbarmen mit Weib und Kind anflehte..

Inzwischen hatte die Polizei, die von dem Diebstahl benachrichtigt worden, verschiedene Individuen, auf die der Verdacht sich lenkte, verhört, auch zwei oder drei in Haft genommen, aber ihnen nichts bewiesen werden konnte, mußten sie wieder entlassen werden.

Bachler genas sehr langsam.

Noch so schwach, daß er sich kaum auf den Füßen halten konnte, bestand er darauf, sich zu seinem Gläubiger, dem Lederlieferanten, dessen Fabrik in der Stadt lag, zu begeben, um ihm persönlich sein Unglück vorzutragen und um abermalige Stundung zu bitten. Wie er seine Schuld je abtragen sollte, er wußte es nicht, und der Fabrikant war kein geduldiger Gläubiger. Babett sollte ihn auf dem Gange begleiten.

(Schluß folgt.)

Unsere Nervenkräfte.

Wer mehr von seinen Nervenkräften ausgiebt, als er einnimmt, der ist auf dem Wege angelangt, der zur Ermattung führt. Unser Nervensystem besteht aus dem Gehirn und aus dem Rücken⸗ mark und die Nerven sind die Ausläufer. Den besten Begriff von Nervenkräften wird man bekommen, wenn man sie sich als Spannkräfte vorstellt. Wenn ein Mensch gut geschlafen hat, dann ist auch in seinem Nervensystem eine andere Spannung vorhanden, als zur Zeit, da er sich ermüdet zur Ruhe begiebt. Die Thatsache, daß durch die Arbeit eine Spannkraft verloren wird, und daß die Spannkraft durch den Schlaf wiedergewonnen werden kann, ist von weittra⸗ gender Bedeutung. Solange wir uns eines guten Schlafes erfreuen, können wir zufrieden sein. Leider betrachten aber viele Menschen, namentlich die Jugend, den Schlaf als ein notwendiges Uebel, doch in der Thatsache, daß

der Schlaf immer und immer kommt, und daß er im Stande ist, die größte Willenskraft zu brechen, auch darin liegt eine große Bedeutung.

Der Schlaf ist aber nicht das einzige Mittel, die Nervenkräfte zu erhöhen, es giebt noch ein Zwischenstadium zwischen Arbeit und Schlaf, das ist die Erholung. Doch mancher, der im Jahre seine vierzehn Tage oder vier Wochen Urlaub erhält, findet nicht die erwartete Er⸗ holung. Und warum nicht? Weil der Ueber⸗ gang von Thätigkeit zur Ruhe ein zu rascher war. Wie die Sachen gehen, ist klar. Da muß erst dies und das noch erledigt werden, dann fährt man ab und giebt sich nun der Ruhe hin. Nur zu rasch kommt der letzte Urlaubstag heran; man tritt wieder ein und ein Berg von Arbeit erwartet uns. Es heißt: Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebenten Tage ruhen. Damit ist die Sonntagsruhe gemeint, und die kleinen Schulden, die die Woche mit sich bringt, lassen sich auch viel eher am Ende derselben ausgleichen, als wenn wir ein ganzes Jahr warten.

Es giebt noch eine Quelle, unsere Nerven⸗ kräfte zu vermehren.Das ist die Uebung. Die Uebung ist eine wunderbare Einrichtung unseres Organismus, mit jeder Wiederholung wird eine Arbeit leichter und schließlich gewinnen wir eine Leistungsfähigkeit, welche wir gar nicht geahnt haben. Durch die Arbeit werden nicht nur die Muskeln kräftiger, sondern auch die Bewegungsnerven und die höheren Nerven.

Die Uebung ist die eigentliche Grundlage für die Erziehungsfähigkeit des Menschen, gerade bei der Erziehung unserer Jugend ist diese Fähigkeit vor allem zu beobachten. Die Uebung erstreckt sich weniger auf das Wissen, als auf gewisse Fertigkeiten. Wir können unser Ge⸗ dächtnis üben und uns Wissen aneignen. Das ist aber etwas ganz anderes, als wenn man meint, die Erziehung und Bildung bestehe darin, ein junges Gehirn mit einer Menge von Wissen in mechanischer Weise anzufüllen.

Wie kommt es nun, daß in unserer Zeit so viele Nervenübel existieren? Unsere Vorfahren haben auch ganze Nächte durchwacht und sich ebenfalls oft sehr angestrengt, aber man hat von diesem Heer von Nervenübeln nicht gehört. Sind die Menschen leichtsinniger geworden? Nein, durchaus nicht! Viele kommen ohne ihr Verschulden durch die Verhältnisse zur Er⸗ schöpfung ihres Nervensystems. Schuld daran ist unsere Zeit, das ist die ungeheuere Steige⸗ rung der Population, das Zusammenleben von so und so vielen Tausenden von Menschen in den Großstädten, die enormen Verkehrsverhält⸗ nisse, welche unbedingt notwendig sind, um diesen Menschenmassen das Leben zu gestatten. Das ganze moderne Leben ist mit Nervenausgaben verbunden, die Beziehungen zu anderen Menschen haben sich in den letzten Jahren mindestens verzehnfacht, jeder einzelne ist bedeutend mehr in Anspruch genommen, als früher. In diesen Verhältnissen liegt der Grund unserer heutigen Nervenübel.

Der lenkbare Luftballon.

Kürzlich berichteten die Blätter aus Paris, daß dort der Luftschiffer Santos⸗ Dumont Versuche mit einem lenkbaren Ballon angestellt hatte, die durchaus befriedigende Ergebnisse geliefert, das Problem des lenkbaren Luftschiffes gelöst hätten. Dumont fuhr vom Schlosse St. Cloud aus nach dem Eifelturm, umkreiste diesen und kehrte nach der Abgangsstelle zurück. Auf

dem Rückwege war er plotzlich von einem heftigen

Windstoß erfaßt und davon getragen worden,

weil der Motor zu funktioniren aufgehört hatte.

Ueber diese Versuche machte der Ko amandan der Wiener militär-aeronautischen Abteilung,

Hauptmann Hinterstoißer, folgende Mit-

teilungen:Dumont machte seinen ersten Ver⸗

such während der vorjährigen Pariser Welt.

ausstellung. Er beteiligte sich schon damals an der Luftwettfahrt im Wettbewerb um den von dem Industriellen Henry Deutsch de la Meurte gestifteten Preis von 100,000 Franks. Diese Wettfahrt wurde von dem Pariser Aero⸗

nauten⸗Klub veranstaltet. Der Aufstiegsort war 1

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