Ausgabe 
28.7.1901
 
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N. 30.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 5.

tragung von Mensch zu Mensch bezeichnete Koch Besserung der Wohnungsverhältnisse der ärmeren Bevölkerung. Ferner sei Krankenhaus⸗ behandlung der schwerer Erkrankten notwendig. An den Vortrag Koch's schloß sich eine längere Debatte. Professor Lister hielt weitere Untersuchungen für nötig. Daraus, daß sich die Tuberkulose der Menschen nicht auf Rinder übertragen lasse, folge das Gegenteil noch nicht. Mehrere andere Redner sprachen sich ebenfalls für weitere Untersuchungen aus.

Folgen des Bankkraches.

Immer noch zieht der Bankkrach zahlreiche Opfer nach sich. In Berlin hat der Bankier Rawitsch, Inhaber der dortigen Firma Stein⸗ sieck u. Ko., infolge von Wechselverbindlich⸗ keiten in der Höhe von einer Million Mark, die mit der Treber⸗Trocknungs⸗Affatre in Zu⸗ sammenhang stehen, Selbmord verübt.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. St. Marburg, 25. Juli 1901.

Gewerkschaftsfest. Wir wollen nicht verfehlen, nochmals auf das heute Sonntag nachmittag im Schloßgarten dahier stattfindende Sommer fest der hiesigen Gewerkschaften aufmerksam zu machen. Für Unterhaltung ist durch Konzert, Volks- und Kinderbelustigungen, so wie Tanz reichlich gesorgt. Teilnehmerkarten für das ganze Fest(incl. eine Dame frei) kosten 1 Mk., Karten zum Gartenfest(eine Dame frei)): 30 Pfg., jede weitere Dame 15 Pfg. Die Kinder der Festteilnehmer haben freien Zutritt.

Freibad. Das seitens der Stadt sich der sog. Weide errichtete Freibad befindet si in einem solch wider wärtigen, ekelerregenden ider daß es einem jeden anständigen

enschen rein unmöglich ist, dort zu baden, um nach des Tages Last und Mühen sich etwas zu erfrischen. Ist es doch gerade besonders für die Arbeiter eine dringende Notwendigkeit, öfters ein Bad zu nehmen, sind doch die wenigsten von ihnen in der Lage, sich dieses zu Hause leisten zu können. Ebenso können sie sich nur selten ein Bad in der städt. Badeanstalt erlauben, da dies mit der Zeit immerhin eine ziemlich kostspielige Sache wird, und das Leben ist durch die hohen Miet⸗ und Lebensmittelpreise bei meist geringem Verdienst sowieso schon teuer genug. Aber nicht allein der An⸗ und Aus⸗ kleideplatz des Freibades bedarf einer gründlichen Säuberung und Beaufsichtigung, sondern der Badeplatz an sich ist sehr ungenügend. Der, durch eine auf dem Wasser schwimmende be⸗ festigte Stange, abgegrenzte Teil für Nicht⸗ schwimmer ist zu flach; geht doch das Wasser den Erwachsenen kaum bis über die Kniee, während man über die Stange weg sofort in der Tiefe verschwindet. Es wäre sehr wünscheus⸗ wert, daß die städt. Behörden diesem traurigen Zustande des Freibades baldigst ein Ende machten.

Akademisches. Unsere gebildete studentische Jugend macht sich in letzter Zeit durch nächtliches Skandalieren wieder in recht unliebsamer Weise bemerkbar. So wurde von Studenten in der Nacht zum Mittwoch auf dem Marktplatz, trotz der Nähe der Haupt⸗ wache, durch Werfen von Feuerwerkskörpern usw. ein fürchterlicher Radau verübt. In derselben Nacht wurden in der Fraukfurter⸗ straße eine Anzahl Alleebäume von einem rohen Burschen mittelst einer Axt schwer beschädigt.

Kleine Mitteilungen.

** Ein frecher Einbruch wurde in Nauheim im Uhren⸗ und Goldwarengeschäft von G. Stamm in der Nacht zum Samstag verübt. Etwa 50 Uhren, 200 Ringe und andere Wert⸗ sachen wurden gestohlen.

* Schwerer Verdacht. Vorige Woche wurde nach der Frkftr. Ztg. in Harba ch bet Lich die Leiche der kürzlich verstorbenen Ehefrau des Lehres Erdmann ausgegraben und unter⸗ sucht. Die Frau soll keines natürlichen Todes

gestorben sein; Erdmann wurde in Rutters⸗ hausen verhaftet.

* Gemeinderatswahlen. Bei der am Samstag in Klein⸗Auheim stattgehabten Gemeinderatswahl wurden zwei vom Sozial⸗ demokratischen Wahlverein aufgestellte Kandida⸗ ten mit 126 und 137 Stimmen gewählt. Von 372 Stimmberechtigten beteiligten sich nur 267 an der Wahl. Dagegen sind unsere Kan⸗ didaten in Langen, das für unsere Partei als sicher galt, unterlegen. Sie erhielten nur 268 bis 293 Stimmen, die Gegner 409 bis 454. In Ru mpenheim zeigte sich eine sehr starke Beteiligung. Unsere Partet verzeich⸗ net einen bedeutenden Stimmenzuwachs; von den drei sozialdemokratischen Kandidaten wurde einer gewählt. In Ober⸗Erlen⸗ bach unterlagen die Kandidaten der Arbeiter⸗ partei.

* Furchtbare Unwetter und Hagel⸗ schläge richteten am Sonntag Nachmitag in der Umgegend von Kassel große Verheerungen an. Strichweise ist die Ernte total vernichtet. Auch über Frankfurt entlud sich am Sonntag ein sehr starkes Gewitter. Mehrmals schlug der Blitz in die elektrische Leitung der Straßenbahn, konnte jedoch infolge der zweck⸗ mäßigen Blitzableiter keinen Schaden anrichten.

* Mer kwürdiger Fund. Bei der gegenwärtig vorgenommenen Renovirung der Gotthardtskapelle am Mainzer Dome fanden die Maurer ein verschlossenes Kistchen, worin sie Dokumente oder Urkunden vermuteten. Nach genauerer Einsicht jedoch ergab sich, daß es einen Band des seiner Zeit unter dem Sozialisten⸗ gesetz verbotenen und von der Polizei heftig verfolgten ZüricherSozialdemokrat vom Jahre 1883 enthielt. Das war allerdings ein vorzüglicher Aufbewahrungsplatz für ver⸗ botene sozialdemokratische Schriften, um sie den Spürnasen des damals herrschenden Spitzel⸗ systems zu entziehen.

* Hinrichtung. Montag früh wurde in Mannheim der Taglöhner He ckmann, der seine Schwägerin aus Rachsucht ermordet hatte, enthauptet. Er war am 22. April zum Tode verurteilt worden. Als ihm die Ableh⸗ nung des Gnadengesuches mitgeteilt wurde, zeigte er große Niedergeschlagenheit. 5

* Ein gemeingefährlicherEdel⸗ ster. Vorige Woche erschoß der Baron v. Stietencron in der Nähe seines Gutes Oberweiler bei Saarburg absichtlich einen Italiener, der mit mehreren Kameraden am Legen der Wasserleitung arbeitete. Der adlige Mörder befindet sich noch auf freiem Fuße! Es lebe die Gleichheit vor dem Gesetz!

* Lustmor d. Im Walde zwischen Hill⸗ scheid und Höhr(bei Koblenz) wurde ein 13 jähriges Mädchen aus Hillscheid ermordet aufgefunden. Der Befund ergab, daß das Mädchen geschändet und erdrosselt worden ist. Der Mörder soll bereits verhaftet sein.

* Weitere Opfer des Bankkraches. Nach demLeipz. Tagebl sprang dort am Mittwoch Nachmittag ein Herr in selbstmörde⸗ rischer Absicht in die Pleiße, wurde aber von mehreren Personen noch lebend herausgezogen und in seine Wohnung gebracht. Das Motiv der That soll großer Ver lust durch den Leipziger Bankkrach sei n. Aus Dortmund wird berichtet: Der Fabrikant Otto, Mitglied des Aufsichtsrats der Aktien⸗ gesellschaft Trebertrocknung, hat Donnerstag Nachmittag seinen Konkurs angemeldet. Nach seiner Ankunft in Kassel wurde er verhaftet.

Partei-Uachrichten.

Partei⸗Schiedsgericht. Am 15. Juli tagte in Hamburg ein Schiedsgericht, das sich mit dem Ausschlußantrag zu beschäftigen hatte, der von vier Hamburger sozialdemokratischen Vereinen gegen eine An⸗ zahl Maurer gestellt war. Dem Antrag liegt folgender Thatbestand zu Grunde. Voriges Jahr traf der Maurer⸗ Verband, dessen Mitglieder die in Rede stehenden Ge⸗ nossen waren, eine Vereinbarung mit den Arbeitgebern, worin die Akkordarbeit ausgeschlossen war. Ein kleiner Teil der Maurer hat sich diesem Beschlusse nicht gefügt und arbeitete im Akkord weiter. Der Zentral⸗ verband der Maurer hat darauf über die Bauten, wo

in Akkord gearbeitet wurde, die Sperre verhängt und die betreffenden Mitglieder ausgeschlossen. Die Ausge⸗ schlossenen haben dann eine selbständige Organisation Freie Vereinigung gegründet und faßten den Beschluß, an allen Bauten die Arbeit aufzunehmen, wo der Zentralverband die Sperre verhängt hat, weil Mit⸗ glieder derFreien Vereinigung im Akkord beschäftigt werden. Wo dagegen wegen Verschlechterung der Ar⸗ beitsbedingungen die Sperre verhängt worden war, sollte die Arbeit niemals aufgenommen werden. Wegen dieser Stellungnahme wurde der Ausschluß der Betreffend eu aus der Partei alsStreikbrecher beantragt. Dem Konflikt liegt also die verschiedene Beurteilung der Ak⸗ kordarbeit in den beteiligten Kreisen zu Grunde.

Das Schiedsgericht hatte die Frage zu prüfen, ob auf die Angeschuldigten der§ 2 des Organisationsstatuts Anwendung finden könne, welcher lautet:

Zur Partei kann nicht gehören, wer sich eines groben Verstoßes gegen die Grundsätze des Partei⸗ programms oder wer sich einer ehrlosen Handlung schuldig gemacht hat.

Es erklärte den Streikbruch als ehrlose Handlung im Sinne des Parteistatuts, in dem Verhalten der Ange⸗ schuldigten könne jedoch solcher nicht gefunden werden. Deshalb faßte das Schiedsgericht folgenden Beschluß;

Das am 15. Juli 1901 in dem Konferenzsaale desEcho tagende, vom Parteivorstand berufene und aus neun Personen bestehende Schiedsgericht hat nach eingehender Prüfung aller in Betracht kommenden That⸗ bestände den Antrag der vier Parteivereine von Ham⸗ burg und Wandsbeck

auf Ausschluß sämtlicher vom Zentralverband der Maurer als Streikbrecher bezeichneten Personen aus der Partei

einstimmig abgelehnt.

Gegen diesen Schiedsspruch, der kaum anders aus⸗ fallen konnte, nahm die Zahlstelle Hamburg des Ma u⸗ rer verbandes Stellung, indem sie ihn als einen Fehlspruch erklärt und ihn bedauert. Möglicher weise wird die Angelegenheit noch den Parteitag beschäftigen, der in diesem Falle als Berufungsinstanz zu entscheiden hat.

*Die Chefredaktion derLeipz. Volkszeitung hat nunmehr Genosse Abg. Blos endgiltig übernommen, nachdem leider jede Aussicht auf die Wiederherstellung des schwer erkrankten Genossen Schönlank geschwunden ist.

Versammlungskalender.

Samstag, den 27. Juli.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei LöbWiener Hof. Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Friedberg. Wa hlverein. Abends 8 ¼ Uhr Versammlung bei Ihl, Stadt New⸗York. Tages⸗ ordnung: Delegiertenwahl zur Kreiskonferenz.

Montag, den 29. Juli.

Gießen. Schneiderverband. Abends 19 Uhr

Versammlung bei Orb ig. Samstag, den 3. August.

Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr General⸗Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: 1. Rech⸗ nungsablage; 2. Vorstandswahl; 3. Stellungnahme zur Kreiskonferenz.

Aus dem Gießener Standesamtsregister.

Aufgebotene. 18. Juli: Konrad Kießelbach, Bäckergeselle mit Johanna Jürgensen dahier. 19. Karl Neit, Buchhalter dahier mit Auguste Westhoff in Dort⸗ mund. 20. Johannes Herget, Sergeant dahier mit Margarethe Sommerlad in Beuern. 23. Johann Löber, Taglöhner mit Katharine Schneider dahier.

Eheschließungen. 19. Juli: Wilhelm Schiele, Chemiker in Freienorla mit Ottilie Buderus dahier. 20. Adam Wenz, Maurer, mit Sophie Kranig, dahier. Josephat Brähler, Sergeant dahier mit Auna Herber in Herbstein. 25. Georg Ritzel, Kanfmann, mit Wil⸗ helmine Otter, dahier.

Geborene. 12. Juli: Dem Kutscher Heinrich Lich e. S. 15. Dem Postboten Heinrich Schmidt XIV. e. T. Dem Eisenbahnwerkmeister Rudolf Larbig e. S. 17. Dem Weißbinder u. Lackirer Emil Schmall III e. S. 18. Dem Kaufmann Karl Köhler e. S. u. e. T. Dem Kaufmann Aloys Spengler e. S. 20. Dem Kutscher Heinrich Prinz e. S. 22. Dem Schlachthaus⸗ direktor Arthur Liebe e. T. Dem Bahnarbeiter Jo⸗ hannes Hofmann e. T. Dem Küfermeister Leonhard

Doͤrflein e. S. Dem Regierungsbaumeister Hugo Jaekel e. S. Gestorbene. 22. Juli: Margarethe Rausch,

10 Monate alt, Tochter des Taglöhners August Rausch dahier. Heinrich Dörr, 1 Monat alt, Sohn des Stationsportiers Heinrich Dörr dahier. 23. Elisa⸗ bethe Hahn, 5 Monate alt, Tochter des Schneiders Heiurich Hahn dahier. Johannes Hormann, 60 Jahre alt, Geflügel- u. Wildprethändler dahier. 25. Elisabethe Franz, 57 Jahre alt, Lauffrau dahier.