Ausgabe 
28.7.1901
 
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Seite 4.

Mittel Souutags⸗Zeitung.

Nr. 30.

Kilogramm. Der mittlere Preis(einschließlich Tabaksteuer) von 100 Kilogramm Tabak be⸗ trägt 90,60 Mk. Der Wert der Tabakernte wurde auf 455,315 Mk. geschätzt. Die Gewichtssteuer betrug 180,705 Mk., die Flächensteuer 159 Mk.

Wer pensiouiert wird.

Für unseren hessischen Kleinstaat recht be⸗ zeichnend ist es, schreibt man unserm Offenbacher Parteiblatt, daß der vor einigen Tagen durch den Disciplinargerichtshof wegen Sittlich⸗ keitsvergehen im Dienst zu einer Geld⸗ strafe von 200 Mk. verurteilte und wegen angeblicher sogen. mora lischer Schwäche und sinnlicher Veranlagung auf seinen Wunsch (Ai) in den Ruhestand getretene Amtsrichter Stammler aus Fürth i. O. ein Ruhegehalt von 1600 Mark bezieht. Welch' ein Getöse erhebt sich, wenn unsere Partei fordert, daß die kärgliche Altersrente für Arbeiter wenig⸗ stens mit dem 65. Lebensjahre eintreten solle! Da ist kein Geld da; auf der andern Seite erhalten Leute, die wegen schwerer Amtsvergehen entlassen werden mußten, hohe Pensionen! Das nennt man ausgleichende Gerechtigkeit.

Wieder ein sozialdemokratischer Wahl⸗ erfolg!

Bei der am 25. Juli stattgefundenen Reichs⸗ tagsersatzwahl im Wahlkreise Duisburg, die für den zum Handelsminister beförderten Abg. Möller notwendig geworden war, erhielten nach derFrkftr. Ztg. Stimmen: Beumer (natl.) 25 368, Rintelen(Zentrum) 20000, Hengstbach(Soz.) 14312, Renckhoff (freis.) 1089, Czarlinski(Pole) 2717 Stim⸗ men. Demnach hat sich unsere Stimmenzahl in diesem Kreise seit der letzten Reichstagswahl im Jahre 1898, wo nur 7804 sozialdemokratische Stimmen abgegeben wurden, fast verdoppelt! Bravo!

Sießener Angelegenheiten.

Octroi⸗- Einnahmen. Im Rech⸗ nungsjahr 1900/01 verzeichnet die Stadt Gießen folgende Einnahmen aus dem städtischen Octroi:

Für Schlachtvieh. Mk. 36884.63 Fleischwaren 6475.88 Brennmaterial 38601.93

5223.13

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Mühlenfabrikate u. Hafer Geiränjʒte% 32073.09

Das sind zusammen Mk. 119258.66 5179 mehr als im Vorjahr. Rechnet man die geleisteten Rückvergütungen für ausgeführte octroipflichtige Waren ab, so bleiben im Ganzen Mk. 106668.85, das macht auf den Kopf der Einwohnerschaft berechnet, ungefähr 4 Mk. jährlich, für eine fünfköpfige Familie Mk. 20. Selbstverständlich kommt diese indirekte Steuer im Preise der versteuerten Waren zum Ausdruck, wodurch den Konsumenten immer⸗ hin nicht unbedeutende Lasten auferlegt werden.

Maurer⸗Versammlungen. Am Mittwoch Abend fand imWiener Hof eine gut besuchte Maurer⸗Versammlung statt, in der Koll. Horder aus Görlitz referierte. Auch in mehreren Ortschaften der Umgebung sollen dieser Tage Versammlungen abgehalten werden. Im Zentralverbande der Maurer findet eine Aenderung der inneren Organisation insofern statt, als kleinere, zusammenliegende Zahlstellen zuZweigvereinen zusammengelegt werden. Diese Aenderung hier in die Wege zu leiten, ist der hauptsächlichste Zweck der Versammlungen.

Zur Lohnbewegung der Bäcker. Wie wir in der letzten Nummer berichteten, wurde von Seiten der Gesellen das Gewerbe⸗ gericht als Einigungsamt angerufen, um alle Möglichkeiten einer gütlichen Verständigung zu erschöpfen. Auf die an die Bäckerinnung er⸗ gangene Einladung des Gewerbegerichtsvorsitzen⸗ den zur Verhandlung, lehnten die Bäckermeister

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Gesellen: Beseitig beim Meister auc denn es existieren stände, die alle

Kost⸗ und Logiswesens Publikum interessiert,

einzelnen Bäckereien Zu⸗ lichkeit Hohn sprechen, deren Besserung 1 aus gesundheitlichen Gründen verlar: erden muß. Wie sich die Gesellen zu der Hort der Innungsmeister stellen werden, rien Air noch nicht. Verfügten sie über eine straf Organisation, so dürfte ihre Antwort an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig lassen. Wir sind trotzdem überzeugt, daß sie den unter den gegenwärtigen i en richtigen Weg finden und betreten werden.

Dieunparteiischen Neuesten Nachrichten schneiden irgendwo einen Artikel über dieHunnenbrief⸗Fabrik aus, in dem am Schluß unser Zentralorgan und die sozial⸗ demokratische Presse überhaupt der Unwahr⸗ haftigkeit geziehen wird. Anstatt Andere zu verdächtigen, sollten dieN. N. doch wegen ihrer zahlreichen Sünden in sich gehen und an ihr vielleicht nahes Ende denken!

In Wieseck

feiert diesen Sonntag der Gesangverein Sängerkranz sein 5. Stiftungsfest im Garten desGambrinus bei Wacker. Da der Verein dem Arbeitersängerbund angehört, dürfte sich das Fest eines zahlreichen Besuches erfreuen. Wie wir hören, hält Gen. Krumm die Festrede.

Aus Friedberg.

u. Kreiskonferenz. Sonntag, 11. August vorm. 10 Uhr findet in Vilbel die Kreis⸗ konferenz für den Wahlkreis Friedberg⸗ Büdingen im LokaleZum Pfau statt. Die zur Verhandlung stehenden Gegenstände sind aus der Annonce ersichtlich. Es empfiehlt sich für die Genossen baldmöglichst in Beratung derselben einzutreten und die Dele giertenwahlen demnächst vorzunehmen. * Eisenbahnunfall. Auf der erst am 15. ds. Mts. eröffneten Linie Homburg⸗ Friedberg entgleiste am Sonntag der um 7.15 früh hier fällige i kurz vor dem Friedberger Bahnhofe. Wie dieFrkftr. Volks⸗ stimme berichtet, blieb von dem aus Maschine und 7 Wagen bestehenden Zuge nur der letzte Wagen im Geleise. Nur dadurch, daß ein Wagen nach der andern Seite gesprungen ist während die übrigen 5 auf die Seite der Kurve sprangen, mag es gekommen sein, daß der ganze Zug nicht die hohe Böschung herabfiel und Menschenleben zu beklagen sind. Wenn man sich die Unglücksstelle ansieht mit den zerbrochenen Schwellen und Eisenteilen, so fällt vor allem die an dieser Stelle verwendeten, an scheinend alten Schienen, deren Wangen an anderer Stelle auf einer Seite bereits ganz abgefahren sind und die nur hier herumgedreht wurden, in die Augen. Weiter machen die zerbrochenen Eisenteile, Schrauben und Platten für jeden Fachmann den Eindruck von schlech⸗ kem Material, sodaß man sich wundern muß, wie überhaupt dergleichen Verwendung finden konnte. Hier scheint demnach auch die bekannte Sparsamkeit mit Schuld zu sein. Ueber die Ursache des Unfalls schreibt unser Friedberger Gewährsmann: Es wurde mehrfach behauptet, daß alte Schwellen verwendet worden wären. Zu alt waren dieselben nicht, eher zu jung. Aber durch das jetzige Impräg⸗ nierverfahren stirbt das Holz ab, wird morsch, kurz wie der Fachmann sagt und die Schwellen brechen wie Streichhölzer. Mehr Schuld trägt aber der höchst leichtfertige Oberbau. All⸗ gemein ist man der Meinung, daß es höchst gefährlich, ja unverantwortlich sei, die Strecke befahren zu lassen. Es sind alte Sc ienen verwendet worden. Eine derselben zeigte einen nach fachmännischer Ansicht jahre⸗ alten, die Schiene zu/ der Stärke durch⸗ laufenden Bruch, trotzdem kam sie wieder in Benutzung. Sonntag brach sie ganz durch und führte dadurch den Unfall herbei. Man

jede Vermittelung ab. Diese protzige Antwort beweist die Rückständigkeit der hiesigen Bäcker⸗ meister. Zweifellos ist an der Forderung der

muß sich wenn man den Bruch sieht, nur

im Hotel Trapp ist d ie Strecke derartig, daß eine gründliche Inspek tion notwendig erscheint. Die Bahnverwaltung sollte unverzüglich eine solche vornehmen lassen und das Resultat zur Beruhi gung der aufgerechten Bevölkerung öffentlich bekannt geben.

Wetzlar.

* Kreisblatt⸗Selbstkritik. DerWtzl. Anz. erzählt seinen Lesern ebenfalls die von der Berliner Korrespondenz verbreitete ziemlich windige Geschichte von der Hunnenbrief⸗Fabrik und entrüstet sich dabei vorschriftsmäßig über diegewissenlose Presse, dieHunnenbriefe veröffentlichte. Mit biedermännischer Miene beginnt er:

Man wird sich erinnern, welchen groben Unfug demokratische Blätter aller Schat⸗ tierungen leider aber auch manche andere Preß⸗Organe seinerzeit mit der Veröffeut⸗ lichung von angeblichen Privatbriefen aus China trieben ꝛc

Ja,leider auch andere Preßorganel Und derW. Anz. war zufällig eins der ersten Blätter, das einen solchen Brief ab⸗ druckte, dabei zugleich die Hunnenthaten bejubelte! Daß das Blatt eingesteht, damit groben Un⸗ fug verübt zu haben, ist immerhin ganz an⸗ erkennenswert.

u. Bezüglich des Bürgerrechts⸗ geldes teilt der W. Anz. mit, daß der Be⸗ schluß der Stadtverordneten, dasselbe auf 3 Mk. herabzusetzen, von der Aufsichtsbehörde bestätigt worden sei. Es empfiehlt sich auch für unsere Genossen aus Gründen, die wir hier nicht weiter anzuführen brauchen, daß sie den drei Mark⸗Tribut leisten und so ihre Aufnahme in die Liste der stimmfähigen Bürger bewirken, 115 noch bis zum Schluß des Monats offen iegt. die de Bäckergesellen, welche die von uns schon erwähnte Infamie begingen, ein Schriftstück zu unterzeichnen, in welchem ein hiesiger, politisch frei denkender Bäckermeister als derAnstifter der Lohn⸗ bewegung bezeichnet wird, sind die bei Rüdinger beschäftigten Oertel und Schmidt. Die That dieser Leute, die wissen mußten, daß das, was sie unterschrieben, der Wahrheit strack? zuwiderlief, verdient die e ntschiedenste Verur⸗ teilung. Derartige Dinge müssen natürlich ihnen selbst und der ganzen Arbeiterbewegung zum Schaden gereichen.

u. Ein schweres Unglück traf am Samstag die Familie des Bäckermeister Köhler. Der sechsjährige Knabe desselben stürzte von Dache eines niedrigen zum Anwesen Köhler gehörigen Anbaues in den gepflasterten Hof hinab und war sofort eine Leiche. Den un⸗ glücklichen Eltern wird allgemeine Teilnahme entgegen gebracht. 5

Neues über die Tuberkulose.

Auf dem Tuberkulosenkongresse, der in diesen Tagen in London stattfand, trat Professor Robert Koch⸗Berlin mit eine neuen Entdeckung hervor. Der verdient. volle Gelehrte berichtete über die von ihm zur Erforschung der Uebertragbarkeit der Tuberkel- bazillen angestellten Versuche. Diese haben en geben, daß die Tub erkelbazillen der Rinder bei Üeberimpfung auf Menschen, für diese unschädlich sind, und umgekehrt, daß dis Tiere für die menschlichen, Tuberkelbazillen unempfänglich sind. Es folgt daraus die ungemein wichtige Thatsache, daß die Tuber⸗ kulose der Menschen nicht identisch ist mit der Rindertuberkulose, und daß die bisherige An. nahme von der Uebertragbarkeit der Tuberkulos 1 unserer Haustiere auf Menschen hinfällig it Durch eine lange Reihe von Untersuchungen 10 Koch zu dem überraschenden Ergebnisse gelan 4 daß Tiertuberkulose und Menschentuberkulod 1 ganz verschiedene Arten von Krankheiten sinn! Die Resultate seiner Forschungen hat er ein bom Reichsgesundheitsamt einberufene Kommission von hervorragenden Sac ver 1 ständigen vorgetragen und zur Nachprüfuln unterbreitet. Als wichtigstes Mittel zu

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wundern, daß sie so lange gehalten hat. [Trotz aller schönen Reden bei dem Festessen

Bekämpfung der Tuberkulose⸗Ueber

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