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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 43.
Ueber die Rettung des verschütteten Brunnenbauers Thiele
in Grimma, die wir in voriger Nummer mitteilten, wird noch berichtet: Schon in der zweiten Morgenstunde des 17. Oktober wurde der Versuch gemacht, Thiele durch den engen Röhrenschacht herauszubringen. Schon hatte man ihn mit dem 5 5 in der Röhre, da rieselte von innen so vie Sand nach, daß ein weiteres Herausbringen nicht möglich wurde und er zurückging. Von dieser Zeit bis zum Morgengrauen hat der Eingeschlossene mittels eines zugereichten Feldkessels Sand herausge- geben. Das schwierige Rettungswerk ist mittags durch den engen Essenrohrstollen gelungen. Häuer Grimm aus Kaditzsch hatte besonders die Arbeit in den Rohrstollen übernommen. Es mußten Löcher in die Schalung gebohrt werden, von ihnen aus mußten mit einer Stich⸗ säge Einschnitte gemacht werden. Dann galt (8, das Holz zentimeterweise abzustemmen. Dann wurde versucht, ihn in die Oeffnung zu ziehen, so erzählte Grimm, es ging nicht, Thiele vermochte die linke Schulter nicht mit herein⸗ zubringen, ein Pfahl war im Wege. Grimm mußte mit demselben Feldkessel, mit dem Thiele, als er in der Nacht halb verschüttet war, 4% Stunden lang gearbeitet hatte, noch mehr Sand herausschaffen. Je fünfmal mußte er, um einen Eimer zu füllen, durch die engen Rohre hin⸗ durchkriechen. Dann war noch das Loch in der Schalung zu erweitern, und nun gelang das schwere Werk. Thiele, der an einem Gurt befestigt war, wurde durch die engen Rohre gezogen. Wohl rissen ihm die Hosen vom Leibe ab, aber, gehe es, wie es wolle. Nur durch! Und es ging. In peinlicher Spannung harrten die den Brunnen Umstehenden imwischen auf jedes Zeichen aus der Tiefe, bis endlich der Gerettete mit seinen Rettern an der Oberfläche erschien. Allgemeine Freude. Sein jugend⸗ liches bartloses Gesicht war leicht gerötet, er sah nicht aus, wie ein Mensch, der 118 Stunden 16 Meter tief in Todes angst unter der Erde gelebt hat und davon 94 Stunden ohne Nahrung. Er war in fröhlicher Stimmung. Sein auf's Höchste aufgeregter Vater eau ihn herzlich. Trotz⸗ dem sein Befinden ein verhältnißmäßig gutes war, wurde er sofort in ärztliche Behandlung genommen. Treten nicht noch nachteilige Folgen für Thiele ein, so hat das unglückliche Erreignis einen nicht gehofften glücklichen Ausgang genommen.
FTT—T—T—T—T—r ppc Aus dem Gießener Standesamtsregister.
Aufgebote. 17. Oktober: Matthias Riedinger, Schriftsetzer in Fechenheim mit Katharine Berger dahier. 19. Heinrich Herchenröder, Vizefeldwebel dahier mit Katharine Schade in Schlüchtern. 20. Gottfried Pfeiffer, Dekorationsmaler in Frankfurt a. M. mit Minna Kreyer dahier. 21. Wendel Uttrich, Taglöhner in Ostheim mit Helene Schneider dahier. 22. Christian Arnold, Tapezier mit Lina Schmitt dahier.
Eheschließun gen. 18. Oktober: Philipp Eisen⸗ huth, Hausbursche mit Margarethe Artzt dahier. 19. Konrad Jendt, Glaser mit Katharine Poths dahier.
Geborene. 15. Oktober: Dem prakt. Arzt Dr. Georg Kipper e. T. 17. Dem Bibliotheksdiener Gottlieb Braun e. S. 18. Dem Metzger Samuel Rothschild e. T. 19. Dem Bierbrauer und Wirt Friedrich Faatz e. S. 20. Dem Lokomotivheizer Georg Leicht e. T.
Gestorbene. 18. Oktober: Anna Kutscher, geb. Scheidler, 68 Jahre alt, Witwe. 19. Ottilie Heß, 2 Jahre alt. 20. Christian Weeg, 54 Jahre alt, Schuh⸗ machermeister. August Hotz, 2 Monate alt. . c pc—j—p—jꝙꝓ——
Marktberichte.
Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 24. Oktober: Butter per Pfd. Mk. 1.30— 1.40, Hühnereier 1 St. 7—8 Pfg., Enteneier 1 St. 0— 0 Pfg. Gänseeier per St. 00—00 Pfg., Käse 1 St. 5—9 Pfg., Käsematte 2 St. 0— 0 Pfg., Erbsen per Liter 20 Pfg., Linsen per Liter 30 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 3.20— 3.50, Zwiebeln per Ctr. Mk. 5.00— 5.50. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.70 bis 1.—, Hühner per St. Mk. 1.00— 1.20 Hahnen per Stück Mk. 0.65- 1.00, Enten per St. Mk. 0.00 bis 0.00. Gänse per Pfd. 54— 60 Pfg.
Auf dem Fruchtmarkte in Grünberg kosteten am 19. Okt. durchschnittlich 100 Kilo Weizen 16.50 Mk., Korn 10.00 Mk., Gerste 12.24 Mk,, Hafer 13.16 Mk., Erbsen 16.00 Mk,
A CS 55 „ AUnterhaltungs-Ceil.
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Christlieh⸗sozial. Eine wahre Begebenheit aus Basel.
Von reichem Tische abgetragen,
Steh'n in der Küche Beste ohne Sahl,
Die Herrschaft hat gefüllt den Magen. Es war ein opulentes Mahl.
Da horch'! Elektrisch tönt die Schelle Am Haus. Es ist ein Bettelkind,
Das schüchtern, zitternd auf der Schwelle Im Regen steht, zerzaust vom Wind.
„Ein Tröpfchen Suppe, darf ich bitten,“ Es fleht die Arme leichenblaß.—
„Der Bettel wird hier nicht gelitten!“
So schreit der Hausherr,„merk' Dir das!“ Drauf naht die Eh'frau. Aufgeblasen Spricht sie:„Wenn unser Philax satt, Der Kleinen gebt, was er gelassen;
Denn wohlzuthun der Herr' befohlen hat!“
Kriegerische Abenteuer eines Kriedsertigen. Erzählung von Heinrich Zschokke.
10(Schluß)
Es wird Tag.
Unterwegs— auch Liebende wollen gefrüh⸗ stückt haben und zum Wohnort von Friederikens Mutter waren es noch einige Meilen— ver⸗ schwand im ersten Wirtshaus unter scharfem Scheermesser der letzte Rest meiner General- adjutantur von der Oberlippe. Friederike kaufte mir für ihr Geld— ich weiß nicht, wie sie den Trödel auskundschaftete— bei dem Amtmann oder Schreiber einen ehrbaren Ueberrock und Hut, so daß ich doch, ohne Aufsehen zu erregen, bei einem hübschen, wohlgekleideten Mädchen im Wagen sitzen konnte.
So fuhren wir weiter. Es war Tag geworden; auch in unserm Gemüt ward es sonnenheller Tag. Verkündet waren wir von der Kanzel, also Hochzeit mußte gemacht werden. Darüber waren wir einig. Ich sollte unterdessen nach Frankfurt am Main schreihen, um meinen Gönner wegen des Ex⸗Reichsgrafen und der Pfarre zu befragen. Erwählter Pfarrer war ich doch einmal, trotzdem, daß ich im fran⸗ 1 0 Bivouac nebst den Siegesliedern die Vokation verbrannt hatte.— Friederike hatte beinahe hundert Thaler erspart; davon ließ sich anfangs das Leben fristen. Und wenn alles Unglück zusammenschlug, konnte ich ja irgendwo noch eine Winkelschule anlegen. Mit Brot und Wasser, das fühlten wir, konnten wir glücklich sein; nur nicht voneinander getrennt, auch bei allem Ueberfluß nicht.
Indem wir uns in unserer bittern Armut selig priesen, sie von wohlfeilen Suppen, ich von der Einnahme eines fleißigen Schulmeisters sprach, ging's kling! kling! auf den Fußboden des Wagens.— Wir sahen hinab. Es war ein blanker Louisd'or.
„Hast du ihn verloren?“ fragte ich Friederiken.
„Ich habe kein Gold!“ sagte sie.
Wir nahmen die milde Gabe, als Nachlaß meines seligen Herrn Employé, für meinen Kutscherlohn.
Nach einer Weile abermals kling! kling!— wieder ein Louisd'or.—„Wahrhaftig,“ sagte ich,„wir haben einen guten Schutzgeist, oder eine gütige Fee, die unser frommes Gespräch gehört hat. Ich hob auch diesen auf, und sah fleißig umher, ob er noch Brüder habe. Alles war leer. Es that mir leid. Bald darauf erneuerte sich das Hexenspiel zum drittenmale.
„Hier ist's nicht richtig in der Chaise!“ sagte ich, und hielt die Pferde an. Es blitzte mir aus dem Spalt des Kastens von unserm Wagensitz ein viertes Goldstück entgegen. Da war die Goldquelle entdeckt. ch erbrach
Paradies. 8
den verschlossenen Sitz mit Gewalt, und fand, was ich immer für das Geräusch und Klirren einer Kette gehalten, einen durchgeriebenen Geld. sack. Andere Geldsäckchen lagen, fester gebunden, vertraulich neben einander. Wie mein Employ zu diesem Schatz gekommen, wußte ich nicht;,
ob er ihm oder andern gehörte, galt mir glesch.
Aber Friederike und ich erkannten einhellig diese Summe sei für unsere bescheidenen Wünsche zu groß— wir könnten sie nicht behalten, Wir legten auch die drei Louisd'or zu den andern, verwahrten das Geld besser, und fuhren gelassen davon, als hätten wir nichts gefunden, ie alte Mutter Friederikens, entzückt unz zu umarmen, empfing uns segnend. Unses Schatz ward ihr in Verwahrung gegeben; abe ungeachtet aller Nachfragen, die ich wegen Wagen, Pferd, verlornem Geld in die öffentlichen Blätter einrücken ließ, mel dete sich nach mehren Monaten kein Mensch dazu.
So endeten meine Abenteuer. Ich wan reicher, als ich es je zu werden Hoffnung—9 konnte, und die schöne Friederike mein Weibchen.
Dem Berliner Freund sandte ich Entschädigung für sein Fuhrwerk, um welches mich der Hen Oberstwachtmeister geprellt hatte; der Pfarre entsagte ich, und ein erträgliches Landgut, in einer der reizendsten Gegenden, eine von junge Linden und Kastanienbäumen, umschattet Wohnung, die Raum genug für Friederiler, ihre Mutter und mich hat, umschließt mei
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von der Menschlichkeit.
Oft genug hört man ganz kluge und auc wohlwollende Leute sagen: a
„Ihr Arbeiter rühmt euch, eine bessere Orb, nung der menschlichen Dinge zu begründen, Ist das nicht eine Einbildung und Anmaßung! Seid ihr denn besser als die Herrschenden pon heute? Es ist wahr, die Reichen sind oft geiz ig und habgierig, und die Mächtigen treten daß Recht des Armen zu Boden. Aber sehet nut euch selbst an! Thut ihr euresgleichen ung anderen minder Uebles? Leset ihr nicht all Tage von Proletariern, die einander mit esseun stechen, Mädchen zwingen oder verführen, dar
benden Mietsfrauen die Koffer leeren? Verfallel von euch etwa wenige dem Trinkrausch, habt ihr keine Kameraden, die am Sonnabend ihren Wochenlohn im Kartenspiel vergeuden und sich von Frau und Kind ernähren lassen als 1 0. unter den Ausbeutern? Und wenn die Late der Regierenden auch eure Laster sind, u wollt ihr eine Welt aufbauen, die vom Lasten frei ist?“ Sie wiegt nicht leicht, diese Rede, und el giebt auch keinen sozialistischen Proletarier, del nicht redlich an sich arbeitete, wilde Triebe seineh Inneren zu bezwingen und sich des hohen Ideals das er hegt, in seinem täglichen Verhalten würdig zu machen. Aber auch die Wahrheit der Rede zugegeben, kann sie etwas ändern an dem Ven hältnis der Wagschalen, auf denen die bürgen liche und die proletarische Welt aneinander g“ messen werden? Gutes kann nicht vom Schlechte geschaffen werden, sagt ihr, wir aber sagen so“ und selbstbewußt: Das Proletariat in ein starke Quelle der Sittlichkeit, die z“ nimmt, während die alten Quellen bes siegen; es ist der Acker eines neuen Gewissen der der Reife entgegengeht. N Nehmt die Laster der Proletarier her! Wen klagen sie an? Ist die Meinung des Mes helden, daß dem anderen Gewalt authun 1 und rühmlich sei, im Gedankenkreise der 1 beiter entstanden oder nicht vielmehr in* gesellschaftlichen Ordnung, die das Recht 1. Stärkeren heiligte im Kriege, Zweikampfe 91 im staatlichen und wirtschaftlichen Streit? 1 der Verführer nicht der nur übereifrige o f strecker einer Lehre, die das Weib zur 1 erniedrigte und die Liebe den Interessen privaten Eigentums unterwarf? Und der 10 kommene unter uns, der die arme Witte. stiehlt oder sich von der Arbeit der 5 ö aushalten läßt, hat er seine Seele nicht an
Gifte angesteckt, das diese Gesellschaft 1 rechts und der Ausbeutung täglich erzeug
un fr oser en fl fache lll. Wollth un get d in. sutzt Ib gerg ha he Nen A sahtten Hand! f d N Aicän n Abet Lale blu, barf fuden, Mitt fit ebm Harm Du weh! „ 5 fs fee nen n che 5 letg Nit Glen kehe lau 0 Jie 0 i i e den Weh bit We
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