Ausgabe 
27.10.1901
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 43.

Gießener Angelegenheiten.

m. Sozialdemokratischer Wahlver⸗ ein. In der Mitglieder-Versammlung am Samstag Abend erstattete Genosse Beckmann in ausführlicher Weise Bericht über den Lübecker Parteitag. Ohne Diskussion fand eine Reso⸗ lution Annahme, die sich mit den Beschlüssen des Parteitags und der Thätigkeit der Dele⸗ gierten einverstanden erklärt und ihrer Freude über die Beilegung der verschiedenen Differenzen Ausdruck giebt. Ueber die bevorstehende Stadtverordnetenwahl referierte Krumm an der Hand des hess. Kommunalprogramms. Man habe sich früher, so führte er etwa aus, in erster Linie gegenProfessoren und Advokaten gewandt; es giebt aber ein Element in der Stadtverwaltung, das man unter dem NamenZünftlertum zusam⸗ menfassen könne; das viel gefährlicher für jede Entwickelung der Stadt sei. Wenn man diesen Leuten einige patriotische Floskeln hinwerfe, bewilligten sie die unnötigsten und nutzlosesten Sachen, während sie anderseits jederzeit bereit sind, Einnahmequellen der Stadt zu verstopfen, wie das beabsichtigte Geschenk an einige Instal⸗ lateure beweise. 16000 Mark wolle man dem Stadtsäckel entziehen, trotzdem bei Erwerb des Gaswerks eine nicht unbedeutende Summe für die Installationseinrichtung bezahlt wurde. Gegen dieses, den gesunden Fortschritt hemmende Spießertum müsse der Kampf geführt werden. Es wäre uns lieber gewesen, mit einer reinen Liste in den Kampf einzutreten; es fehlen uns aber geeignete unabhängige Leute, deswegen wären wir gezwungen, einige Männer aus dem gegnerischen Lager zu wählen. Wir müssen eine Zersplitterung der Arbeiter⸗ stimmen, die nur den Gegnern Nutzen bringt, vermeiden; kein Name dürfe auf unserer Liste gestrichen werden! Selbst wenn einem hier und da einer unserer Kandidaten nicht so angenehm sei; man müsse ihn doch im Interesse der Gesamtheit wählen.

Redner erstattete zugleich Bericht für die s. Zt. gewählte Kommission und brachte fol⸗ gende Kandidatenliste in Vorschlag:

Heinrich Baum, Glaser; Georg Beckmann, Kontroleur; Heinrich Fourier, Geschäftsführer; Michael Keßler, Buchdrucker; Carl Orbig, Stadtverordneter; Chr. Petersen, Schneider; . Adam Volz, Schneider; als sozialdemokratische Kandidaten, die unser Kommunalprogramm vettreten. Ferner aus den bürgerlichen Kreisen:

1. Hermann Elle, Werkmeister;

2. Louis Flett, Stadtverordneter;

3. Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Gaffky,

Stadtverordneter;

4. Karl Jann, Reallehrer. Herr Jann werde vorgeschlagen, um einen in Schulfragen sachverständigen Mann in den Stadtrat zu bringen. Herr Gaffky habe zu jeder Zeit die für die Arbeiterschaft nützlichen hygienischen Einrichtungen(Schulärzte, Kanali⸗ sation usw.) befürwortet, überhaupt in her vor⸗ ragender Weise die Interessen der Stadt vertreten; er gehöre in die Stadtverwaltung. Die Herren Flett und Elle seien als Männer bekannt, von denen man wenigstens gerechte, vorurteilsfreie Aufnahme unserer Wünsche und For derungen erwarten dürfe und die sicher nicht die städtischen Interessen auf dem Altar des Zünftlertums abmurksen lassen. Nach un⸗ erheblicher Debatte nahm die außerordentlich stark besuchte Versammlung die von der Kom⸗ mission vorgeschlagene Liste an. Der Vorsitzende schloß mit der Aufforderung, nunmehr frisch ans Werk zu gehen und kräftig für unsere Liste zu agitieren.

Vom Konsumverein für Gießen und Umgebung wird uns mitgeteilt, daß der Waarenabsatz in der ersten Woche, seitdem der Laden eröffnet ist, ein recht befriedigender zu nennen war. Alle Mitglieder äußerten sich mit Anerkennung über die Qualität der Waaren; Beschwerden, die ja in der ersten Zeit unver⸗ meidlich sind, wurden nur ganz vereinzelt laut und wo sich solche begründet erweisen, wird

e

sofort Abhilfe zu schaffen gesucht. In Beant⸗

wortung verschiedener Anfragen sei darauf hingewiesen, daß Mitglieder jederzeit bei⸗ treten können, auch kann der Geschäftsanteil in kleinen Raten bezahlt werden. Ferner wird noch bemerkt, daß dem Vereine Jeder beitreten kann und derselbe nicht etwa, wie mehrfach angenommen wird, irgendwelchen politischen oder religiösen Bestrebungen dient. Sein Zweck ist einzig: gemeinsamer Einkauf guter Waaren für seine Mitglieder.

Antisemitisches. Aus unserem Leser⸗ kreise wird uns geschrieben: Sie hatten in letzter Zeit mehrmals Veranlassung, sich mit Herrn Thomas Reuther, Redakteur derVolks⸗ wacht(Arizonakiker) in Offenbach, ausein⸗ anderzusetzen. Es ist erfreulich, daß Sie diesem, wohl die Wahrheit am bittersten has senden Phrasendrescher gehörig heim⸗ leuchten. Daß Ihre Charakterisierung dieses treuteutschen Jünglings richtig ist, hat Herr Reuther schon früher gerichtlich be⸗ stätigt erhalten. Er verklagte s. Zt. den Pfarrer Volk in Heddersbach, welcher ihm Unwahr⸗ haftigkeit vorgeworfen hatte. R. wurde jedoch mit seiner Klage abgewiesen, weil erwiesen sei, daß er keinen Glauben verdiene.

Für die Leitung derVolkswacht dürfte dieses richterliche Urteil wohl die beste Empfeh⸗ lung gewesen sein, sich diese Kraft zu sichern.

Der Arbeitergesang verein Ein⸗ tracht hält Samstag 26. Oktober im Café Leib sein Winterfest ab. Der Verein wird, wie immer, alles aufbieten, um den Fest⸗ teilnehmern einen genußreichen Abend zu ver⸗ schaffen, weshalb zahlreicher Besuch zu erwarten

steht. Aus dem Rreise gießen.

r. Als Nachträgliches zur Gemeinde⸗ ratswahl in Watzenborn⸗Steinberg sei noch erwähnt, daß in der von den Antisemiten und Liberalen einberufenen Wählerversammlung sich ein Herr Müller, der auch aufgestellt war, besonders in die Brust warf und die Interessen der ganzen Gemeinde energisch zu vertreten schwor. Sein Verhalten steht aber mit diesen Gelübden in direktem Wiederspruch. Daß er die Unterzeichnung der Petitionsliste gegen den Brotwucher schroff ablehnte, darüber wollen wir mit ihm weiter nicht rechten, vielleicht hat er ein Interesse an der Erhöhung der Zölle. Soll ihn aber deswegen unser Gemeinde als Vertreter wählen, von deren Einwohnern reichlich neun Zehntel Schaden durch die Zölle haben? Wenn er aber dann weiter uns vor⸗ warf, wir wollten die Revolution her auf⸗ beschwören, weil wir unsere beschlossene Kandidatenliste nicht änder wollten und daun auf einmal wieder pathetisch riefWir wollen sein ein einig Volk von Brüdern so ist das schon weniger schön. Daß er damit keinen Ein⸗ druck gemacht, bewies ihm ja der Wahlausfall. Der hat überhaupt unsere Gegner in einige Aufregung versetzt. Beispielsweise bezeichnete ein Metzgermeister S. in der Erregung darüber unsern gewählten Genossen als Anarchist! Nun, wir kennen ja die Kampfesweise der antise⸗ mitischen Schaumschläger zur Genüge, lassen wir deshalb auch den Wurstmacher toben und empfehlen ihm der allseitigen gütigen Nachsicht.

Die Bürgermeisterwahl hat zu keinem endgültigen Resultat geführt. Es erhielten Stimmen: Der frühere Bürgermeister Heß II. 88: J. Hirz IX. 101; B. Hirz VI. 163 Stimmen. Eine so lebhafte Wahlbeteiligung wie diesmal war noch nicht zu ver⸗ zeichnen. Fast alle Wahlberechtigten stimmten ab. Unsere Genossen hatten sich für keinen der aufgestellten Kandidaten entschieden, stimmten aber vielfach für den alten Bürgermeister Heß. Der Antisemitismus zeigte sich im schönsten Lichte. Zwei antisemitische Kandidaten standen sich gegenüber, keiner wollte dem andern weichen, auf beiden Seiten, der Watzenbörner und der Steinberger, wurde mil Hochdruck gearbeitet. Das Watzenbörner Komitee unter Führung des Metzgers Sommer suchte mit Essen und Trinken die Wähler zu erobern. Der Eifer der Kirchtums politiker ging soweit, daß in der Versammlung am Dienstag der Antisemit Sommer und der Jude Nunenthal sich gegenseitig hochleben ließen, worüber die Steinberger Größen ganz aus dem Häuschen waren. So entbehren ernste Wahlkämpfe nicht heiterer Episoden.

Rreis Alsfelsd-Cauterbach.

Freisinnige Versammlungen gegen 1 die Zollvorlage finden diesen Samstag und

Sonntag in Lauterbach und Alsfeld statt. Als

Referent wird der Reichstagsabgeordnete Kopsch.

Berlin auftreten. g. Volksversammlung in Lauter⸗ bach. Vergangenen Samstag sprach in einer

im Saale des Herrn Keutzer in Lauterbach

stattgefundenen Volks versammlung Genosse Vetters⸗Gießen über die drohende Erhöhung der Lebensmittelzölle. Bedauerlicherweise war die Versammlung nur mäßig besucht, wodurch sich die hier zahlreich beschäftigten Arbeiter kein schönes Zeugnis ausstellen. Ihre Verhältnisse sind doch nicht so, daß ihnen eine Berteuerung der notwendigsten Lebensmittel gleichgültig sein könnte. Referent beleuchtete die Schädlichkeit der Getreide⸗ und Fleischzollerhöhung, welche übrigens niemals den wirklich notleidenden Kleinbauern etwas nützen könnte, nach allen Seiten hin, betonte dabei, daß vor etwas mehr als 20 Jahren die jetzigen Schutzzöllner, die Junker, für den Freihandel eingetreten seien, weil dies damals ihr Interesse erforderte. Entschiedensten Protest gegen den neuen Raub⸗ zug auf die Taschen des Volkes zu erheben, sei Pflicht eines jeden Arbeiters und Bürgers.

In der Diskussion ergriff der Herr Pfarrer Licht von Angersbach das Wort, der sich im Laufe seiner ziemlich verworrenen Ausführungen als Nationalsozialer bekannte. Während er erst meinte, Genosse Vetters habe sich nicht an das Thema gehalten, nichts Neues und von Handelspolitik überhaupt nichts vorgebracht, erklärte er gleich darauf die Ausführungen des Referenten als eine bedeutende Leistung. Schließlich kam er ganz aus dem Konzept, sprͤch vom Lübecker Parteitag, wo die nationalsoziale Politik gezeigt habe, wie sehr sie die Sozialdemokratie beeinflusse(Il).Ihr müßt thun, was wir wollen! rief er. Vetters wies die Ungereimtheiten des Pfarrers schlagend nach. Die Sozialdemokratie brauche bezüglich ihrer Taktik die nationalsozialen Rat⸗ schläge nicht, sie lasse sich von den paar Leuten, die für wenig Geld viel Lärm machten, nicht von ihrem als richtig erkannten Wege abbringen. Mit derAblösung müßten sich die Nationalsozialen noch etwas gedulden; Einfichtige unter ihnen hätten die Verkehrtheit ihrer

Politik längst eingesehen. Durch die Ausführungen

und die Zwischenrufe des Pastors, die den Widerspruch anderer Versammlungsteilnehmer hervorriefen, wurde die Versammlung am Schlusse unruhig. Die für Angers⸗ bach am Sonntag geplante Versammlung konnte nicht stattfinden, weil das Lokal nicht zu haben war.

Aus dem Rreise sriedberg⸗Büdingen.

l. Bei der Bürgermeisterwahl in Friedberg wurde Kreisamtmann Sand⸗ mann einstimmig gewählt. Wie wir hören, sollen verschiedene Stadtväter nicht die Absicht gehabt haben, Genannten zu wählen, es erst gethan haben, als sie merkten, daß er doch eine Mehrheit bekomme, um sich dadurch von vornherein seine Gunst zu erwerben oder besser nicht zu verscherzen. Interessant ist mit anzusehen, wie man hier so allmählich den früheren 1. Beigeordneten Hyroniemus aus allen seinen Aemtern hinausdrängelt. Er, der frühere Kreisfeuerwehrinspektor, der Ordengeschmückte, der bei allen Großherzogbesuchen und Geburtstagen so schöne Reden schwang, der sich fur seine Parteigenossen fast geopfert und jederzeit rastlos für sie arbeitete, er ist bei der Stadtverordnetenwahl mit ihrer Schuld durchgefallen. Aber a der Gewerbe⸗ verein, den sich die Friedberger fast nicht mehr ohne Herrn H. denken konnten, hat ihm vorige Woche den Vorsitz abgenon men. Und bei der Beigeordnetenwahl soll er erst recht keine Aussicht haben gewählt zu werden. So wird er trotz Orden und trotz seiner Rede⸗ gewandtheit dem Laufe der Dinge in unserer Stadt schweigend zusehen, ohne darauf irgend einen Einfluß ausüben zu können. Tröste er sich mit anderen!

n. In Büdingen ist der Wahl⸗ verein jetzt gegründet worden. Neue Mit⸗ glieder werden aufgenommen am Sonntag, 5 755 nachm. von 3 Uhr an in dergrünen

aube.

Aus dem Rreise Wetzlar.

Die Petitionslisten gegen den Lebensmittel wucher wollen die mit der Sammlung von Unterschriften

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