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Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung.
Nr. 8
Unterhaltungs-Cheil.
Die Nacht des Reehts.
Tyrannen können Furcht erzeugen,
In's Joch der Völker Nacken beugen; Mit blankem Golde Söldnerhaufen, Falsches Gericht und Seugniß kaufen! Erwecken falsches Neldenthum
Wie falsche Ehr' und falschen Ruhm, Die große Menge lang bethören,
Doch nie den Sinn für's Recht zerstören. Im tiefsten Herzen wohnt der Drang Nach Recht und Licht. Was noch so lang Dem Volksverstande unverständlich,
Das Volksgefühl begreift es endlich. Und wo das Becht sein Haupt erhoben, Ist alles Blendwerk schnell zerstoben, And mit Verachtung stürzen sieht
Das Volk die Macht, vor der's gekniet. Es wundert sich, daß es so lange
Blind sich gebeugt dem schnöden Swange, Der, wie die nächtliche Nebelwolke Beim Nah'n der Sonne, rasch zerstiebt Vor einem kraftbewußten Volke,
Das ehrlich Recht und Freiheit liebt.
Friedrich v. Bodenstedt.
Die Ehrencigarre.
Der Rentier Herr Tobias Kork war von inem Frühschoppen wüthend nach Hause ge⸗ ommen, und wüthend stand er jetzt vor dem Spiegelschränkchen in der„guten Stube“, wo Unter einer Glasglocke auf blauem, ziemlich ver⸗ blaßten Sammetpolster ein braunes, längliches Etwas lag. Heftig gestikulirend und hastige, abgerissene Worte herausstoßend, starrte Herr Tobias Kork auf die Glasglocke, schritt dann im Zimmer auf und nieder, um immer wieder vor dem Spiegelschränkchen stehen zu bleiben und seine Reden fortzusetzen, in denen einzelne Worte, wie:„Seine Majestät— Feld der Ehre — fürs Vaterland gekämpft— ehrenvolle Aus⸗ zeichnung— mein Schatz— mein Kleinod— ruchlose Menschen— mir mein Heiligstes rauben — in den Schmutz ziehen—“ und so weiter, ständig wiederkehrten. Es war klar, alle diese Bemerkungen bezogen sich auf den braunen Gegenstand unter der Glasglocke, der sich beim näheren Zusehen als eine Cigarre entpuppte. Ja, es war eine Cigarre, aber kein gewöhn⸗ licher Glimmstengel, den man in jedem Laden kaufen konnte, nein, es war eine Ehrencigarre. — Tobias Kort hatte den deutsch⸗frauzöstschen Krieg mitgemacht und bei irgend einer Gelegen⸗ heit diese Cigarre vom Kronprinzen Friedrich Wilhelm erhalten. Wie die Sache eigentlich zu⸗ sammenhing, ist mir entfallen, obgleich ich die Geschichte wohl hundertmal gehört habe, denn Jeder, der die Kork'schen Schwelle übertrat, mußte pflichtschuldigst die Erzählung von der „Verleihung“— anders drückte Kork sich nicht aus— der Ehrencigarre anhören, und kam er täglich zweimal, so genoß er die Geschichte eben doppelt— Tobias Kork ließ nicht locker. Und dieses Heiligthum war heute angezweifelt, in den Staub gezogen worden— unerhört!— Sitzt Herr Tobias Kork da im Vollgefühl seiner eminenren Wichtigkeit für Staat und Ge⸗ meinde in der Neumann'schen Weißbierstube, seinem Stamm lokal, um das gewohnte Vor⸗ mittags quantum, drei„große Weiße“ mit der gleichen Anzahl„Striben“, sich einzuverleiben, um nebenher am Stammtisch das große Wort zu führen. Kork's Leben ist nun aber im all⸗ gemeinen unheimlich glatt und ruhig verlaufen, uber Politik ärgert man sich bloß. Kunst und Wissenschaft waren ihm bare Albernheiten, und jo blieb für ihn als einzig interessanter Ge⸗ sprächsstoff der Krieg, zumal er dabei am Stamm⸗ lisch die Hauptrolle spielen konnte, denn außer zwei ehemaligen Festungsartilleristen, die nie ins Feld gekommen waren, hatte keiner der Stammtischrunde des Königs Rock getragen. Diese Chance nützte er denn auch weidlich aus und erzählte die größten Heldenthaten, die er entweder allein»der doch als Hauptperson ausgeführt hatte. Was lag da näher, als daß
er auch täglich mindestens einmal die Geschichte
von der„Verleihung der Ehrencigarre“ mit ein⸗ fließen ließ, und seine Zuhörer waren daran so gewöhnt, daß sie täglich dieselben Bemerkungen dazu machten.
Heute war das aber auf einmal anders ge⸗ worden. Kork's Freund Leineweber, der am Abend vorher an Kork im Skat verloren hatte, war darüber auch heute noch ärgerlich, und ihm fehlte daher das Verständniß für Kork's Prah⸗ lereien.
„Na, Kork“, unterbrach er diesen,„nun höre doch'mal endlich auf mit Deinem ewigen Renom⸗ miren von wegen der Cigarre. Du täuschst Dich ja doch, wenn Du denkst, da bei Dir zu Hause unter der Käseglocke liege eine Kaiser⸗ zigarre; wer weiß, von welchem Vierradener Tabaksbauern das Kraut stammt.“
Kork war ganz starr ob dieses Widerspruchs. Dann aber brach er los und hielt dem Gegner eine so wüthende Standrede, daß die ganze Stammtischrunde in tosendes Gelächter ausbrach. Das Ende vom Liede war, daß Kork Allen Grobheiten sagte und schließlich davonstürmte.
„Ruchlose Menschen!“ knurrte Kork gerade wieder zwischen den Zähnen hervor, als er, seine Tochter mit einem grimmigen Blicke ansehend, an ihr vorbeischritt.
„Ruchlose Menschen? Aber, Papa, es giebt ja dein Leibgericht— Erbsen, Pöckelfleisch mit Sauerkohl!“
„Ich werd Euch schon lehren mich zu ver⸗ höhnen!“ schrie Kork wüthend.
„Um Gottes willen, Papa, es verhöhnt Dich doch Niemand! Es gibt wirklich Erbsen mit Pöckelfleisch und Sauerkohl.“
„Mir meine Ideale rauben— ha!“
„Du hast es doch aber selbst das Ideal aller Gerichte genannt.“
„Zum Donnerwetter, was redest Du denn immer dazwischen, Madel! Was willst Du denn eigentlich?!“
„Ich wollte Dich ja nur zum Essen rufen, freue mich, daß es Dein Leibgericht giebt, und nun zankst Du mich aus und dichtest mir aller⸗ lei Schlechtigkeiten an,“ klang es unter Thränen zurück.
„Aber, Mieze, ich meinte Dich ja gar nicht, ich meinte ja die Andern. Also mein Leibgericht, sagst Du. Wohl Erbsen mit Pöckelfleisch und Sauerkohl? Na, denn komm man.“
Man setzte sich zu Tische, aber es wollte keine rechte Stimmung aufkommen. Während sonst muntere Rede hin und her flog und alle sich der Kochkunst der Hausfrau und ihrer Assi⸗ stentin Mieze freuten, lag heute wie Gewitter⸗ schwüle über der Familie. Herr Tobias brütete vor sich hin, stockerte in seinem Teller herum, gab dem zwölfjährigen Stammhalter Georg, der statt seiner Schwester dem Vater unter dem Tische auf den Fuß trat, eine Ohrfeige, so daß Georg heulend aus dem Zimmer lief, schimpfte, daß die Erbsen noch roh, das Fleisch zähe sei und der Sauerkohl wie Stroh schmecke, und nannte seine Tochter eine dumme Gans, die ihn nicht anglotzen solle, als sei er soeben ver⸗ rückt geworden.
Frau Kork hatte sich schon einige Male ge⸗ räuspert und war auf ihrem Stuhle hin⸗ und hergerückt, jetzt bei einem Ausfall des Gemahls runzelte sie die Brauen, schob den Teller zu⸗ rück, winkte der Tochter, hinauszugehen, faßte den poltrigen Gatten scharf ins Auge und be⸗ gann:„Kork, Du hast eine anständige Frau vor Dir, und ich wünsche, daß Du Dich dem— entsprechend beträgst.— Nun sage blos in aller Welt, was ist Dir denn in die Krone gefahren, wenn Du nicht zu tief in das Glas geguckt hast?“
„Ach, Lene,“ begann Kork mit weinerlicher Stimme,„denk' blos mal, meine Kaisercigarre wollen sie mir nehmen!“
„Die Cigarre wollen sie Dir nehmen? Na, hör“ mal, nun glaub' ich selbst bald, bei Dir rappelts. Dafür bist doch selbst da, daß Du Niemand heranläßt.“
„Nein, nein, so ja nicht. Aber sie behaupten jetzt, es wäre gar keine Kaisercigarre, sondern nur ein ganz gewöhnliches Kraut.“
„Lieber Kork, ich kenne ja Deine Stamm⸗ tischbrüder im Allgemeinen nicht, aber mir
scheini, es sind lauter Quatschköpfe; der einzige Vernünftige ist schließlich noch Leineweber.“
„Leineweber? Geh mir mit dem vom Leibe, der hats ja gerade angefangen!“
Frau Lene erschrak; dann sagte sie hastig: „Ach was, das hat er gar nicht so gemeint. Er hat sich einen Scherz machen wollen, und Du bist darauf reingefallen. Wenn Du so thust, als machtest Du Dir nichts daraus, dann werden sie Dich schon in Ruhe lassen.“
Kork zog sich seufzend zurück, um sein ge⸗ wohntes Mittagsschläfchen zu halten. Es ge⸗ lang ihm nicht, denn die Geschichte mit der Cigarre wollte ihm nicht aus dem Kopfe. Er schwor auf sein Heiligthum, und das konnte er mit gutem Gewissen thun.— Aber doch— Leineweber hatte seine Behauptung so aufgestellt, daß Kork sich eines Gefühls der Unsicherheit nicht erwehren konnte. Sollte da etwas vor⸗ gefallen sein, von dem er nicht, wohl aber Leineweber wußte?— Endlich fiel er in einen unruhigen Schlaf, in dem ihn wüste Träume umgaukelten.
Frau Lene hatte inzwischen eine ziemlich ernste Unterredung mit ihrer Tochter, denn diese hatte mit dem jungen Leineweber Zukunfts⸗ pläne geschmiedet, wobei sie die Unterstützung der beiden Mütter und des alten Leineweber fanden, während Kork noch nichts erfahren hatte, weil er auf den Sohn Max seines bis⸗ herigen Freundes nie gut zu sprechen war. Kam es num zu einem unheilbaren Bruche zwischen den beiden alten Freunden, dann war auch eine Verbindung der jungen Leute in Frage gestellt, und diese Perspektive entlockte Schoͤn⸗Miezchen heiße Thränen. Ihre Natur war aber nicht dauach geartet, daß sie sich nun im Schmerze verzehrte und dem Schicksal ein⸗ fach seinen Lauf ließ, nein, sie war resolut ge⸗ nug, um das Steuer zu ergreifen und das aus dem Kurs gerathene Schiff wieder in die rechte Bahn zu lenken. Rasch machte sie sich auf den Weg, um den in einem Bureau thätigen Max Leineweber bei Geschäftsschluß abzufangen, ihm die Lage der Dinge klar zu machen und ihn zu bestimmen, daß er seinen Vater überrede, dem alten Kork in aller Form Abbitte zu leisten.—
Als Mieze nach Hause kam, fand sie die Mutter in Thränen aufgelöst.
„Ach, mein Gott, mein Gott, Mieze, ich glaube, der Vater ist verrückt geworden. Seit zwei Stunden steht er jetzt vor der Cigarre und spricht mit ihr, und dann tobt er wieder im Zimmer umher, und wieder sitzt er und weint wie ein Kind, daß an seiner Cigarre die drei Augen fehlen. Und einen Kopf hat er, so roth und glühend wie ein Kürbis, den die Jungens ausgehöhlt und ein Licht reingesteckt haben, um Leute graulich zu machen.“
Auch Georg, der auf der Straße gespielt hatte, war mit seiner Schwester heimgekommen, und als er jetzt diese Botschaft vernahm, brach er in ein fürchterliches Geheul aus.—„Wenn ich das gewußt hätte!— Wenn ich das ge⸗ wußt hätte!“ jammerte er fortwährend.
„Was hast Du denn nicht gewußt?“ fragte schließlich Mieze, der eine unbestimmte Ahnung aufstieg.
„Ich habe ja nicht gedacht, daß der Vater was merken wird!“ heulte Georg.
„Wovon denn?“ riefen jetzt Mutter und Tochter zugleich.
„Ach Gott, ach Gott, ich wills ja gewiß
nicht wieder thun!— Ich habe die Kaiser⸗ cigarre— aufgeraucht und eine andere dafür hingelegt.“
5„Junge, um Gotteswillen! wenn das der a— 1 Da stand auch schon Tobias Kork vor ihnen, todtenblaß und am ganzen Leibe zitternd.
„Was hast Du gethan, Du gottvergessener Bursche!?— Du hast— die Cigarre— meine — Kaisercigarre— die hast Du— auf— aufgeraucht!?“ stammelte er mit halberstickter Stimme; dann sank er völlig gebrochen auf einen Stuhl.
„Wann ist das gewesen?“ fragte er tonlos nach einer Weile, während welcher in dem Kreise drückendes Schweigen geherrscht hatte.
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