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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Mittelstand und Brotwucher. Gegen die agrarischen Wohlstandsvernichter, so schreibt die„Frkftr. Volksst.“, die Brot⸗ und Fleisch⸗ wucherer, machen jetzt auch die deutschen Gast⸗ wirte mobil. Der geschäftsführende Ausschuß des deutschen Gastwirteverbandes fordert in einem Aufruf die Gastwirte zu einem ener⸗ gischen Protest gegen die Erhöhung der Lebens⸗ mittelzölle auf,„von der in erster Linie der Gastwirtestand betroffen würde. Bei der be⸗ kannten Schwierigkeit, eine Preiserhöhung für Speisen und Getränke in den Restaurants durchzuführen, würde der Gastwirt selbst die Mehrbelastung zu tragen haben und sie nur zu einem geringen Teile auf die Gäste abwälzen können. Andererseits sei auch von dem Rück⸗ gang der Kaufkraft der städtischen Bevölkerung in Folge der Zollerhöhungen eine wesentliche Verminderung des Konsums zu befürchten. Die Gastwirte werden aufgefordert, den bekannten, gegen den Zolltarif⸗Entwurf gerichteten„Aufruf des Handelsvertragsvereins“ in ihren Lokalen an auffallender Stelle anzubringen und dabei von der in verschiedenen Gastwirtsvereinen ein⸗ geführten Plakatsteuer Abstand zu nehmen.“ Der Gastwirtstand hat thatsächlich von der Reaktion in doppelter Beziehung zu leiden: Die von den Agrariern stets unterschätzten muckerischen Verfrommungsbestrebungen im Bunde mit der Bevormundung durch die Polizei schädigten die Gastwirte bereits enorm, und nun sollen sie auch noch ihr Gewerbe auf dem Altar des Brotwuchers opfern. Es wäre erfreulich, wenn die Herren ihre Oppositionsstimmung auch dadurch bethätigen wollten, daß sie uns bei der Verbreitung und Unterschriftensammlung für unsere Massenpetition gegen den Brodwucher behilflich wären.
Politische Rundschau.
Gießen, den 22. August. Bettel für die Chinakrieger.
Der„Vorwärts“ war in der Lage, ein an verschtedene Firmen gerichtetes Schreiben des „Hilfskomitees für Ostasten“, das unter dem Protektorat der Kaiserin steht, zu ver⸗ öffentlichen. Da heißt es:
„Es sind für die aus Ostasien zurückkehrenden Verwundeten und kranken Kämpfer bei der Ent⸗ lassung in größerer Anzahl Hemden ꝛc. erforderlich, um die Bedürftigen hiermit zu versehen. Da Ihr patriotischer Sinn bekannt ist, gestattet sich das Deutsche Hilfskomitee für Ostasien die Anfrage, ob Sie die Güte haben wollen, hierzu durch
Ueberweisung einer Anzahl solcher Gegenstände als Liebesgabe beizu—
tragen. Ihrer diesbezüglichen Antwort mit aufrichtigstem Dank entgegensehend, zeichnet hochachtungsvoll das Deutsche Hilfskomitee für Ost Als Präsident unterzeichnet der Herzog von Ratibor. Da werden großartige und kost⸗ spielige Empfänge des Weltmarschalls inszeniert, man sorgt aber noch nicht für das Notwendigste, wenn es sich um erkrankte Soldaten handelt. Da muß erst der Bettelsack geschwungen werden.
Chinesische Beute. Mit Entrüstung treten die offiziösen und
wasserpatriotischen Blätter denjenigen entgegen, die da behaupteten, daß auch die Deutschen in China Kriegsbeute gemacht hätten. Daß ein⸗ zelne deutsche Kreuzzügler ihren Angehörigen Chinesenzöpfe, außerdem aber auch wertvolle Stickereien und andere Kunstgegenstände zu— schickten, ist bekannt. Das sind lauter„An⸗ denken“, die dankbare Chinesen den braven Hunnenkriegern verehrten. Es giebt aber auch noch andere Kriegsbeute. Ueber merkwürdige, von den zurückgekehrten Chinadampfern in Wilhelmshaven ausgeladene Frachtstücke berichtet die„Norddeutsche Volksstimme“:
„Auf der Kaje vor dem Schiffe, das im Kaiserhafen am Barbarossaplatz liegt, lagert eine große Anzahl teils in Stroh, Roßhaar, Wolle und Segeltuch eingeschnürter, teils in Holzkisten gut verpackter Messinggegenstände
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die ihrer Form nach Kunstwerke und astro⸗ nomische Instrumente sein müssen. Eine gewaltige, zwei Meter im Durchmesser große massive Messingkugel, in Leinen einge⸗ hüllt und von starkem Tauwerk umsponnen, scheint das Hauptstück der in China aufgekauften, — denn geplündert wird nicht— Kunstschätze zu sein. Durch ein Loch in der Hülle sieht man auf der Oberfläche der Kugel eine Gradeintei⸗ lung, chinesische Schriftzeichen und kleine auf⸗ gesetzte Sterne, die teilweise durch Linien mit⸗ einander verbunden sind, so daß man wohl nicht fehl geht, wenn man in der Kugel eine Welt⸗ oder Himmelskugel der Pekinger Sternwarte vermutet. Nicht weniger als 31 aus starken Brettern hergestellte Kisten von zwei bis drei Meter Länge und entsprechender Breite und Höhe enthalten weitere Schätze ähnlicher Art. Die ganzen Gegenstände, die alle einer Gruppe anzugehören scheinen, reprä⸗ sentieren sicher schon an Metallwert Hun⸗ derttausende, ganz abgesehen von ihrem kulturgeschichtlichen und ihrem Kunstwert; ihr Gewicht beträgt Tausende von Zentnern. Auch verschiedene Geschützwagen, Lafetten ꝛc., die ihrem verwahrlosten Zustande nach Kriegs⸗ beute sind, hat die„Palatia“ mitgebracht.“
Als vor längerer Zeit französische Dampfer mehrere Kisten derartiger Sachen mitgebracht und in Marseille ausgeladen hatten, ordnete die französische Regierung deren sofortigen Rücktransport an. Der betreffende Kommandeur bekam sogar einen Rüffel. Die Franzosen wollten sich Plünderei eben nicht nachsagen lassen. Man darf gespannt darauf sein, wie sich die deutsche Regierung zu den oben mitge⸗ teilten Thatsachen verhalten wird. Oder sollte man den Kreuzzug nicht blos zum Zwecke des Christenschutzes und zur Ausbreitung des Handels unternommen haben?
Noch andere schöne Sachen haben unsere Chinakrieger mitgebracht. Wie das oben zitierte Blatt weiter mitteilt, sind unter den heimge⸗ kehrten Chinatruppen eine große Anzahl Geschlechtskranker gewesen. Auf der „Palatia“, welche 1300 Mann des 3. ostasia⸗ tischen Infaͤnterieregimentes in Bremerhaven landete, sind nicht weniger als 147 Geschlechts⸗ kranke an Bord in besonderen Räumen unter⸗ gebracht gewesen. Das sind mehr als 11 Pro⸗ zent des Transports!
Wohin wir auch blicken, wenn wir uns nach den Ergebnissen umsehen, die der Hunnenzug für das deutsche Volk gehabt hat, so stoßen wir überall auf Unerfreuliches. Wir dürfen es uns nicht verdrießen lassen, diese Thatsachen den chinatollen Politikern immer wieder vorzuhalten.
Immer neue Mordwaffen!
Aus Stockholm kommt die Nachricht, daß ein schwedischer Offizier eine Art Lufttorpedo erfunden hat, welches im Stande ist, mit größter Präziston große Sprengladungen in sehr be⸗ deutende Entfernungen zu tragen, wo dann die Explosion stattfindet. Die Kraft der Lufttor⸗ pedos sei so groß, daß eine Exploston selbst in einer Entfernung von 30 Metern von einem Panzerschiffe dieses außer Kampf setzt.— Da können wir alsbd die herrliche Milltardenflotte getrost ins alte Eisen werfen und müssen daran denken, widerstandsfähigere Kähne herzustellen, wenn das überhaupt möglich ist.— So ists aber ganz recht! Der Krieg muß durch die Vervollkommnung der Kriegstechnik und der Mordwerkzeuge unmöglich gemacht werden.
Abermals neue Militärlasten
sollen dem deutschen Michel aufgehalst werden. Wie ein Berliner Blatt mitteilt, ist man in den maßgebenden Kreisen überzeugt, daß uns eine Kolonialarmee„bitter notwendig“ sei und die Schaffung einer solchen habe bereits greifbare Formen angenommen. Blos die Geldfrage macht noch Schwierigkeiten, was wir gerne glauben. Für das Volk aber eröffnen sich nette Aussichten. Verteuerung aller Lebens⸗ mittel durch die Zölle und indirekte Steuern, dabei immerwährend neue Militärforderungen! Das zeigt, wie rücksichtslos der Militärstaat die Volksinteressen mit Füßen tritt.
Von neuen Kanonen ist auch schon
wieder die Rede. Verschiedene neu eingereichte Geschützmodelle sind der Militärverwaltung ein⸗ gereicht und werden von dieser„gewissenhaft geprüft. Das heißt ungefähr, die Anschaffung neuer Geschütze ist so gut wie sicher. Dafür sind 200 Millionen Mark erforderlich, die jeder 85 Patriot hoffentlich mit Vergnügen zur
erfügung stellen und sich nicht daran stoßen wird, daß die jetzigen Kanonen erst vier Jahre im Gebrauch sind.
Mörder Stietenecron bleibt straflos.
Wie berichtet wird, ist von der Anklagebehörde eine Reviston gegen das den Baron Stietencron wegen Erschießung des Italieners freisprechende Urteil des Oberkriegsgerichts nicht eingelegt worden.— Man will es also, wie es scheint, bei dem Freispruch bewenden lassen. Die bür⸗ gerlichen Blätter regen sich auch über das Ur⸗ teil nicht besonders auf, nur wenige kritisieren es. Dagegen ist man begreiflicherweise in Italien darüber empört. Das italienische Gene⸗ ralkonsulat in Mannheim soll denn auch als Vertreter der Erben des erschossenen Fazzi eine Beschwerde gegen das Urteil bei dem Ge⸗ neralkommando des XV. Armeekorps eingereicht haben, in der es sich vor allem auf das Zeugnis der neun Arbeitsgenossen des Getöteten beruft, die von einer aggressiven Haltung Fazzis gegenüber dem Angeklagten von Stietencron nichts bemerkt haben wollen und die auf diese Aussage hin sämtlich vereidigt worden sind. Das Konsulat fühlt sich ebensowohl durch die Nichtachtung dieser beschworenen Aussagen der italienischen Zeugen, als auch durch die That⸗ sache beschwert, daß man ihren Aussagen die⸗ jenigen der Gutsarbeiter und sonstigen Ange⸗ stellten des Angeklagten bei der Findung des Urteils vorgezogen hat. Ob auf diese Beschwerde hin die Reviston angeordnet wird, ist allerdings sehr fraglich. Der Erschossene ist ja nur ein lumpiger Erdarbeiter, kein Baron. Sollte man dem tollen Baron unterdessen nicht wenigstens den Jagdschein entziehen und ihm verbieten Waffen zu tragen? Oder will man warten, bis seiner Doppelflinte noch mehr Menschenleben zum Opfer gefallen sind?
Ver Mord in der Kaserne.
Das Ober⸗Kriegsgericht in Gumbinnen, das in der Berusungsinstanz gegen die Unter⸗ offiziere Marten und Hickel wegen Ermordung des Rittmeisters v. Krosigk verhandelte, hat am Dienstag nach fünftägiger, eingehender Ver⸗ handlung das Urteil gefällt. Marten wurde wegen Wordes zum Tode verurteilt, Hickel freigesprochen. Der Staatsanwalt hatte selbst die Todesstrafe gegen Marten nicht beantragt, er verlangte für ihn 12½ Jahre Zuchthaus, für den der Beihilfe angeklagten Hickel auf 5 Jahre Zuchthaus und Ehrenstrafen.
Das Urteil des Beiufungsgerichtes wird in ganz Deutschland und darüber hinaus mit größten Befremden aufgenommen werden. Ebensowenig wie in der ersten ist in der zweiten Verhandlung auch nur ein Schimmer von Beweis dafür erbracht worden, daß die beiden Ange⸗ klagten die Mörder sind. Keinerlei neue, für ihre Schuld sprechende Momente sind hervor⸗ getreten. Auch die Anklagebehörde war nicht fest von der Schuld der Beiden überzeugt, sonst hätte sie die Todesstrafe beantragt und nicht blos Zuchthaus. Umso unverständlicher ist das Urteil, das weit über den staatsanwaltlichen Antrag hinausging. Der Verurteilte hat natürlich die ihm noch offenstehende Re vision eingelegt, durch welche es ihm hoffentlich gelingt, ein neues Verfahren herbeizuführen. Trotzdem gegen früher in dem Militärgerichtsverfahren manche Verbesserung eingetreten ist, krankt doch die neue Strafgerichtsordnung noch an so schweren Mängeln, daß eine durchgreifende Aenderung unabweisbar erscheint. Das hat der Prozeß mit aller Deutlichkeit gezeigt.
Männerstolz vor Königsthronen!
Zur Berliner Bürgermeisterwahl wird berichtet, daß man in den Kreisen der
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