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Seite 6.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Räuber Kneißl vor dem Schwurgericht.
Am 13. November begannen die Verhandlungen gegen Mathias Kneißl, den„neuen bayrischen Hiesel“, wie er sich selbst genannt haben soll, vor dem Schwur⸗ gerichte in Augsburg. Der Mensch, der Monate lang Furcht und Schrecken in der weiteren Umgebung Münchens verbreitet hatte, ist klein von Statur, aber untersetzt und muskulös. Zur Verhandlung erschien er fein geputzt im modernen Anzuge. Mit ihm teilt der„Fleckelbauer“ Mathias Rieger aus Irchenbrunn die Anklagebank. Verteidiger Kneißl's ist Rechtsanwalt Dr. von Pannwitz⸗ München, für Rieger Prechl⸗Augsburg. Die Anklage gegen Kneißl lautet auf: 3 Verbrechen des versuchten Totschlags, 2 Verbrechen des Mordes, 1 Verbrechen des schweren Raubes und 1 Verbrechen der räuberischen Er⸗ pressung.
Dem Mitangeklagten Mathias Rieger ist zur Last gelegt Hilfeleistung zum Verbrechen des Mordes in zwei Fällen.
Bei seiner Vernehmung sagt Kneißl, daß sein Vater von 1885 an die Schachermühle betrieben habe. Im Jahre 1891 seien seine Eltern gefänglich eingezogen worden und sein Vater starb auf dem Transport. Die beiden Buben und drei Schwestern führten zusammen das Hauswesen weiter. Auf Befragen des Präsidenten, ob nicht ein Knecht einen ungünstigen Einfluß auf ihn ausgeübt habe, verneinte er. Darüber, ob seine Tante allem Gesindel Unterschlupf gegeben habe und ob auch von den Thaten seines berüchtigten Oheims Pas colini öfter in der Familie gesprochen wurde, will er nichts wissen. Vom Präsidenten darüber befragt, wie es komme, daß er schon in der Schule so oft bestraft wurde, ent⸗ gegnete er, der Lehrer und Pfarrer hätten ihn nicht leiden können, er habe genau so gelernt, wie die anderen und habe bis zum 16. Jahre keine Strafe erhalten. Geärgert habe es ihn aber und es sei sein Unglück ge⸗ wesen, daß er länger als die andern in die Sonntags⸗ schule gehen mußte. Zwölf Mal ist er vorbestraft, dar⸗ unter einmal mit fünf Jahren Gefängnis.
Freitag begannen die Zeugenvernehmungen. Vor Eintritt in die Verhandlung erklärte Kneißl, er werde Niemand von denen verraten, die ihn, als er flüchtig war, beherbergt und beköstigt haben. Die erste Zeugin, Bäuerin Scheuerer⸗Oberbirnbach, schilderte ihre Beraubung durch Kneißl und Holzleitner übereinstimmend mit den von Kneißl zugestandenen Thatsachen und bestätigte, daß Kneißl seinen Genossen Holzleitner von der Beraubung des Hirtenbuben Scheuerers abhielt. Hierauf folgte die Vernehmung des wegen dieses Raubes und anderer Ver⸗ brechen bereits verurteilten 28 jährigen Tapezierers Holz⸗ leitner, der aus dem Zuchthause vorgeführt war. Der⸗ selbe gab an, wie er Kneißl zur Teilnahme an den Einbrüchen überredete. Kneißl habe Anfangs aus Furcht vor Strafe nicht mitmachen wollen. Den Raub in Oberbirnbach schilderte der Zeuge ähnlich wie Kneißl und suchte im übrigen Kneißl möglichst zu entlasten.
Die welteren Zeugenaussagen stimmen meist mit denen Kneißls überein. Nur bestreitet er, die von ihm am 23. Januar im Hause des„Fleckelbauern“ Rieger zu Irchenbrunn erschossenen Gensdarmen a bsichtlich getötet zu haben. An diesem Tage hatte Kneißl Unter⸗ kunft bei dem„Fleckelbauern“ gefunden; dieser schickte nach den Gendarmen, um ihnen den Kneißl zu über⸗ liefern, wie er angiebt. Kneißl behauptet jedoch, der Fleckelbauer sei an Allem schuld, der hätte deshalb die Gensdarmen rufen lassen, damit er(Kn.) sie erschießen solle. Dazu hätte er ihn mit den Worten aufgefordert: Hiasl, sei g'scheit, ich hab' zu den Gensdarmen g'schickt, Du bleibst da, schießt sie nieder und dann weiß nie⸗ mand was!
Dienstag hielt der Staatsanwalt eine zweistündige Rede, in der er die Thaten Kneißls in scharfen Worten verurteilte. Kneißl sei kein mutiger romantischer Räuber, sondern ein feiger Meuchelmörder. Der Staatsanwalt ging alle einzelnen Verbrechen durch, verwies insbeson⸗ dere auf die Gensdarmen⸗Ermordung in Irchenbrunn und wies auch nach, daß es sich hierbei um einen vor⸗ bereiteten Mord handele. Kneißl sei als der Mörder, Rieger als der Mithelfer beim Morde zu verurteilen. Das Land, für das Kueißl eine wahre Landplage war, müsse dauernd von ihm befreit werden.— Freiherr v. Pannwitz als Verteidiger des Kneißl plädierte für mildere Beurteilung der Persönlichkeit und für Nicht⸗ vorhandensein einer Verabredung mit dem Fleckelbauer und daher für Totschlag(statt Mordes) an dem Gen⸗ darm. Rechtsanwalt Prechtl verlangte für Rieger Freisprechung. Die Geschworenen sprachen Kneißl des Mordes, der Körperverletzung mit nachfolgendem Tod, des Raubes, der räuberischen Erpressung schuldig, verneinten aber die Teilnahme des Fleckelbauer am Morde. Der Flecklbauer wurde darauf freige⸗ sprochen und Kneißl zum Tode und 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.— Nachdem das Urteil verkündet worden war, schrie die der Verhandlung beiwohnende Mutter Kneißl's laut: Justizmörder! Sie wurde verhaftet.
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b Unterhaltungs-Ceil.
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2 Die Bammelheerde.
Ein Fuchs traf eine Hammelheerde an und schaut ihr lange zu und schüttelt dann nachdenklich seinen Kopf und spricht:
„Wahrhaftig, ich begreife nicht, Wie hundert Tiere, statt allein Auf weitem Felde frei zu sein,
Nun so auf magerm Stoppelgrund
Von einem Schäfer und einem Hund
Sich leiten lassen!“„Dummer Fuchs,“
Erwidert ihm ein Bammel flugs,
„Das will ich gerne dir erklären:
Der Schäfer sorgt für unsern Schmaus,
Viel ist es nicht, doch reicht es aus,
Wir lassen uns von ihm ernähren
Und füllen friedlich unsern Bauch!
Und weiterhin: Er schützt uns auch!
Sein Knüttel und sein starker Hund
Scheucht jeden Wolf in weiter Rund.“
„Und hast du,“ rief der Fuchs,„denn auch erwägt, Warum der Schäfer solche Sorge trägt,
Su schützen euch und zu ernähren d
Paß auf, das will ich dir erklären!
Im Herbste geht es auf die Schur,
Kitsch, ratsch, er paßt schon auf, daß nur
Nicht irgendwo ein kleines Wöllchen bleibe,
Und dann zur Mast, und seid ihr fett und dick, So werdet ihr geschlachtet Stück für Stück:
—— Das ist des guten Schäfers große Ciebe!!“ O deutsche Arbeitshammel, sagt einmal,
Wie lange schleppt ihr noch das Kapital,
— Die schöne Wolle— Tag und Stund
Sum klugen Schäfer Staat und seinem Rund, Der Polizei?— Gewiß, er sorgt für euch:
Vor seiner Scheere seid ihr Alle gleich,
Ein Schaf dem andern!— Und er nährt euch auch Mit hartem Brot für euren Hungerbrauch,
Der gute Schäfer!— Schützt euch auch genung Durch Alters⸗ und Krankenversicherung!
Und drum mit Recht, o deutscher Arbeitshammel, Verlangt er euer Dankgestammel.
Aus der Art geschlagen. Humoreske von Max Wundtke. Schluß.)
Was in aller Welt hatte den Umschwung in der Stimmung des Polizeioberhaupts zu Wege gebracht?
Am Rande der Bildfläche der lebenden Photo⸗ graphien, die noch ein Stück des Ufers auf die Platte genommen hatten, spielte sich nämlich leibhaftig die ganze Abschiedsszene zwischen Fritz und Lischen mit ihren endlosen Küssen und Thränen und innigen Umarmungen und allen sonstigen rührenden und dramatischen Zuthaten ab, und dabei war Lischen sowohl wie Fritz mit einer Deutlichkeit zu erkennen, die in ganz Schlauwitz Sensation machen mußte. Das durfte nicht geduldet werden; die Ehre der achtundvierzig Ahnen war in Gefahr.
„So muß ich richterliche Entscheidung an⸗ rufen,“ erklärte Schönchen.
Papa von Freilichhausen schwitzte vor Angst.
Was? Dann sollte diese verwünschte Bilder⸗ serie wohl gar noch vor Gericht vorgeführt werden? Die Schöffen waren ihm so wie so schon nicht besonders grün. Und dann kam die ganze Geschichte am Ende noch in die Zeitung. Das würde ja einen schönen Hallo geben! Das mußte um jeden Preis vermieden werden.
„Ich begreife nicht, was Sie gegen das Bild haben,“ remonstrierte Herr Schönchen weiter.„Die Bilder sind doch ganz vorzüglich; sie sind ein Triumph meiner Kunst.“
„Mag sein; aber ste sind geeignet, öffentliches Aergernis zu erregen.“
„Aber ich bitt' Sie! Der kleinen Liebesszene wegen? Die ist so dezent und so hübsch zugleich ... Das kann ich getrost der richterlichen Ent⸗ scheidung überlassen.“
„Reden Sie nicht so viel, Herr! Sie werden die polizeiliche Senehmigung niemals bekommen!
Niemals, hören Sie? So, und nun packen Sie[, Ihre Sachen und beglücken Sie Andere.“— Der Gestrenge unterbrach sich erschrocken n 10 Welche Perspektive that sich vor ihm auf Wenn hals, der Mensch gar auch in der Umgegend wohin In i seine Gewalt nicht reichte... schrecklich, schreck. el lich! Es war nicht auszudenken! 1 115 „Stellen Sie nür diese Serie in mein Zinne l. Ich will sie mir noch mal in Ruhe ansehen zn de 3 Ihnen Nachmittags endgiltigen Vescheld( de geben.“, Nu „Sehr wohl, Herr von Freilichhausen!“ 759 da Es geschah, und Herr Schönchen empfahl ben ˖ sich mit einem schmun zelnden Lächeln. E tom Kaum war er fort, als der Herr Polizei 1 Hau inspektor Frau und Tochter in sein Bürean 65 Rötl zitiren ließ. Beide kamen, hörten, sahen und n zu staunten. Dann großer Kriegsrat. um al Die Hände auf dem Rücken, rannte der Ge. U gehör waltige in höchster Erregung die Stube auf 8 ur und ab und schalt auf das Weiberpack, das zu n, nichts nütze sei, als die geheiligten Traditionen aeg von achtundvierzig Ahnen durch einen leicht 10 nan sinnigen Streich zu ruiniren.* „Aber ich kann doch wirklich nicht dafür 2 Papa! Du hast mir doch erlaubt, von Fritz Nie die Abschied zu nehmen. Wer hat denn das wissen können?“ schluchzte Lischen. 5 Dieses Schluchzen war aber ein ganz merk⸗ 00 würdiges. Zwar die Stimme klang entsprechend ach und das Taschentuch preßte sich Mampfhaft auf A ein die Augen, und doch... etwas schien an diesem debeo Schluchzen nicht ganz zu stimmen. dier ih „Hör' auf zu flennen! Jetzt ist das Malheur d da, nun ist's zu spät,“ schalt der erboste Papg; I Log dann nahm er seine Wanderungen und sein dane. Nachdenken wieder auf; aber das Eine war so n dt ergebnislos wie das Andere. Unger „Verbieten kann ich's ihm nicht; und wenn nat ich's ihm verbiete, wird der Skandal noch h lein größer... zum Kukuck, es muß doch etwas un ha gethan werden!“ Haar „Vielleicht kann Fritz helfen..“? klang hal es schüchtern, wie der erste Piepversuch eines a e Spatzenfräuleins hinter dem Taschentuch hervor, digen Der Papa wandte sich jäh um.„Fritz! chen Wie käme der dazu?“ Ae 2 „Er ist doch ein Schulkamerad von Herrn def Schönchen. Die Beiden haben immer zusammen⸗ ung gesteckt und gemeinschaftlich die andern Jungen il ft verhaun, wenn die mich nicht in Ruhe ließen. e feier Fritz hat zuletzt noch manchmal davon gesprochen, duct daß er mit Herrn Schönchen in freundschaftlichen aal Briefwechsel stünde. Wenn sie auch vier Jahre kunnen lang einander nicht mehr gesehen haben, würde 0 di er Fritzen zu Liebe doch wohl. ah ih Der Hochwohlgeborene ließ ein grimmiges Jadlic Knurren hören; dann fing er wieder an zu Shpieri wandern.„Aber wie?“ spann er den Jaden dann weiter. able „Ja, ich kann doch nicht, Papa. Das mußt en, Du doch einsehen.“ Eggen un Er sah's ein. Aber er konnte doch auch dun nicht. n Das sah sie wieder ein. Ae! Ottomar Botho Freiherr von Freilichhausen, e! Polizeichef von Schlauwitz, nahm seine Wander⸗ i ge ungen wieder auf. 1 Dann stand er still.„Hm!“ „Na ja, was soll's denn weiter werden,, 1 ergriff jezt die Mama bedeutungsvoll das Wort. date „Du meinst?“ e ch Sie schienen sich Beide verstanden zu haben, Lulk „Na, worauf wartest Du denn eigentlich! Ft Etwa, bis so'n windiger Aristokrat kommt? Sach Denn ein echter nimmt das Mädel ja doch nicht. ache, Das ist alles Quatsch, Otto. Mir ist so ein tüchtiger, braver Mensch wie der Fritz, der auch was in die Suppe zu brocken hat, zehnmal lieber als alle Vons' der Welt.“ n Mit bestürzten Blicken schaute der Freiherr dan auf seine so ganz unfreiherrliche Gattin, al? ihn befürchtete er, in der nächsten Sekunde sämt⸗ h, liche achtundvierzig Ahnen racheschnaubend üher die Respektlose herfallen zu sehen. Da das nicht geschah, hielt er es für das Klügste, nicht weiter zu opponieren.„Gut,“ erklärte er 9
schließlich knurrend;„da muß man ja doch wohl An 8 heute noch an diesen Mosje schreiben, daß er 1 sich hier einfindet“ 5
„Papa! Lieber, guter Papa! Du willst...“ n


