4 * ö
3
getroffen werden.
Seite 4.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 47.
Frauen beschäftigt. Der Unternehmer stellt weibliche Arbeitskräfte nicht ein aus Liebe zur Familie oder zur Frau, sondern einfach nur seinen Profit zu steigern, weil die Frau sich noch mehr und noch williger ausbeuten läßt als der Mann. Diese Anspruchslosigkeit, Be⸗ scheidenheit c. hören wir oft als weibliche „Tugenden“ rühmen; allein solche Eigenschaften werden zu Untugenden gegenüber der Arbeiter⸗ klasse. Gerade jetzt in der Periode des wirt⸗ schaftlichen Niedergangs zeige sich das. Viel⸗ fach sind die an Männer für die gleiche Arbeit bezahlten Löhne durch Arbeiterinnen herabge⸗ drückt worden. Rednerin führt hier zahlreiche Beispiele an. Gleiche Bezahlung für gleiche Leistung müsse unbedingt gefordert werden.— Bei unserer verrückten Ordnung folge der ge⸗ schäftliche Niedergang dem Aufschwung mit un⸗ heimlicher Sicherheit. Beim Unternehmertum herrscht das Bestreben billig zu produzieren, um auf dem Weltmarkte die Konkurreuz aus dem Felde zu schlagen. Deshalb werden die Löhne gekürzt, man sucht möglichst viel aus dem Arbeiter herauszupressen. Dadurch schwindet die Kaufkraft der Masse, Stockung tritt ein. Jetzt befinden wir uns mitten in der Krise, die durch Kohlen- und Wohnungsnot noch verschärft wird. Besonders durch Letztere. Größere Städte weisen ungeheuere Mengen Ob⸗ dachloser auf. In allen Industrien und Berufen haben sich die Arbeitslosen vermehrt. Regie⸗ rungen, Behörden, Stadtverwaltungen wären verpflichtet einzugreifen, es geschieht aber so gut wie nichts. In Thüringen sei in vielen Orten das Almosengeben— eine Christeupflicht— bei Strafe verboten! Bestraft werde, wer aus Not 2 Pfg. bettelt, ginge ein Minister 12 000 Mk. fechten, sei das etwas anders.(Beifall.) Bei Erhebungen über Arbeitslosigkeit müßten auch Arbeiter mit zugezogen werden. Ober⸗ präsident Bötticher, der frühere Minister erklärte in Halle, ein Notstand existiere nicht. Das läßt sich denken; denn die Herren, die dort zur Er⸗ örterung der Frage zusammengekommen waren, setzten sich nach ihren tiefgründigen Beratungen zu einem opulenten„Notstandsmahl“ nieder, so daß sie von Notstand allerdings wenig ge⸗ spürt hätten.— Zu den Lohnkürzungen, gänz⸗ licher Verdienstlosigkeit vieler Arbeiter komme nun noch die künstliche Verteuerung ber Lebens⸗ mittel. Rednerin geht hier näher auf den Zoll⸗ wucher ein, den zu bekämpfen Pflicht aller Ar⸗ beiter und besonders auch der Frauen sei. Denn die Minderernährung vermehre selbstverständ⸗ lich die Sterblichkeit in der Arbeiterklasse. Zum Schluß forderte sie zum Beitritt in die Organi⸗ sation auf. Eine kurze Diskussion schloß sich an den Vortag. Auch zwei nationalsoziale Versammlungsbesucher ergriffen das Wort und erklärten sich im Allgemeinen mit den Aus⸗ führungen der Frau Zietz einverstanden. Be⸗ tont wurde noch, daß überall da wo Arbeiter⸗ entlassungen in Aussicht genommen sind, die sämtlichen im Betriebe beschäftigten lieber Ver⸗ kürzung der Arbeitszeit zu erwirken suchen sollten, damit die einzelnen Arbeiter nicht so schwer Weiter wurde zum Beitritt in den Konsumverein aufgefordert.
— Das Ergebnis der Stadtverord⸗ netenwahlen nannten wir in der letzten Nr. ein für uns befriedigendes. Unsere Stimmen⸗ zahl hat eine, wenn auch nur geringe Steige⸗ rung erfahren, was angesichts des Umstandes, daß eine vierjährige Ansässigkeit von den Wahl⸗ berechtigten gefordert wird, was einen ziemlichen Teil unserer Anhänger vom Wahlrecht aus⸗ schließt, immerhin etwas besagen will. Daß auch viele wegen Steuerrückständen nicht wählen konnten, gereicht uns auch zum Schaden. Trotzdem müßte die Stimmenzunahme eine größere sein, wenn sich die Arbeiterklasse besser beteiligt hätte. So traurig es ist, muß doch gesagt werden, daß sogar Arbeiter, in thörichter Verblendung gegnerische Wahlzettel abgegeben haben. Unserseits ist deshalb für kommende Fälle eine intensivere Agitation nötig.— Zum Vergleich seien die für uns bei den früheren Wahlen abgegebenen Stimmenzahlen angeführt. 1892 wurde Orbig mit 434 Stimmen ge⸗ wählt, die andern Kandidaten erhielten 161 bis 165 Stimmen. 1895 fiel Krumm mit 603
Stimmen durch, die andern beiden Kandidaten erhielten 519 und 416 Stimmen. Die vorige Wahl brachte uns 430 bis 455 abgegebene reine Zettel, deren Zahl diesmal auf 476 bis 516 stieg. Man sieht, ein langsamer zwar, aber stetiger Fortschritt.
Sonst ist noch erwähnenswert und bedauer⸗ lich, daß Herr Justizrat Metz mit einer er⸗ bärmlich niedrigen Stimmenzahl unterlag. Seine Wahl wäre jedensfalls im Gesamtinteresse weit eher zu wünschen gewesen, als die des Zünft⸗ lers Pirr. Auf die Agitation der Gegner, die Faseleien des Anzeigers, der vor dem„Hinein⸗ tragen der Politik ins kommunale Leben“ nicht genug warnen konnte und dabei von dem Zettel der„bürgerlichen Parteien“ sprach und ihr Zusammengehen befürwortete, kommen wir jedenfalls noch zurück.
Die Bürgerlichen aller Schattier⸗ ungen führten vor der Wahl ihren Kampf fast nur in dem Anzeigenteil des„Gieß. Anz.“, wo sie in Rieseninseraten die Wahl ihrer Kan⸗ didaten und Geistesverwandten empfahlen. Da⸗ bei wurden nur immer die Personen der Vorgeschlagenen in den Vordergrund gestellt und über den grünen Klee gelobt, von einem Programm, grundsätzlichen Forderungen auf kommunalen Gebiete keine Spur! Wozu braucht denn so ein Spießbürger ein Programm? Ihnen kommt es doch blos darauf an, daß ihre eigen⸗ nützigen Interessen in der Stadtverordneten⸗ Versammlung vertreten werden, mag das Ge⸗ meinwesen dabei sehen, wo es bleibt!— Nach der Wahl konnte man verschiedene Herzenser⸗ güsse etlicher schöner Seelen in Einsendungen im Amtsblatte lesen. Eine solche Notiz fand sich in Nr. 272 desselben.— Ein Leser aus Lollar— schreibt das Blatt— habe sein Miß⸗ fallen über die Aufnahme eines Sozial⸗ demokraten iu die bürgerliche Liste ge⸗ äußert und als Nationalliberaler seiner außer⸗ ordentlichen Verwunderung über das Verhalten der nationalliberalen Partei Ausdruck gegeben. Ein Gießener„Bürger und Handwerksmeister“ schreibt u. a.:
„Meiner Ansicht nach ist es eine Schmach, daß man Kandidaten wie sie der sozialistische Wahlzettel aufwies, für das Regiment der Stadtverwaltung vorschlägt. Noch mehr zu bedauern ist, daß die Kleinhandwerker eine der⸗ artige Wahlmache unterstützen, da jene doch klipp und klar sich als entschiedene Gegner des Kleinhandwerker⸗ standes offenbarten, indem sie selbst im jüngsten Flug⸗ blatte die Förderung des Genossenschaftswesens als einen ihrer wichtigsten Anträge stellten“.
Dazu schreibt uns ein Freund:
„Daß das Amtsblatt den plumpen und schofeln Angriff des Zünftlers Raum giebt, ist nicht weiter verwunderlich. Viel sozialpoli⸗ tische Kenntnis und Einsicht verrät es damit allerdings nicht. Doch darf man diesen Leuten nichts übel nehmen, sie haben keine Meinung, müssen im Sinne der herrschenden Klasse fiber. mögen sie sich auch als„Uebermenschen“ ühlen.
Den Lollarer Leser geht unseres Erachtens die Gießener Stadt⸗Verordnetenwahl nichts an, insbesondere, da er in Lollar gerade genug zu thun hätte um die dortigen Verhältnisse etwas „liberaler“ gestalten zu helfen.
Unsern Gießener Bürger und Handwerks⸗ meister möchten wir uns aber doch etwas näher besehen.— Also„eine Schmach“ ist es, ver— ehrter Herr Handmerksmeister, daß die soz. Partei solche Kandidaten aufstellt. Sie haben ganz recht werter Meister, wie können nur die Gießener Arbeiter verlangen, daß sie durch Arbeiter im Stadtverordneten⸗Collegium ver⸗ treten werden? Unverschämt ist so etwas! Kommerzienräte, Professoren, Rentiers und— Zunftmeister, das sind die richtigen Vertreter für einen Arbeiter. Die wissen ja ganz genau was einem Arbeiter not thut. Wir halten es eher für eine Schmach, daß der hiesige„Ord⸗ nungsbrei“ den Arbeitern nur einen Vertreter zuweisen möchte, wo doch selbst zugegeben wird, daß Arbeiter den größten Teil der Be⸗ völkerung ausmachen. Gerade der richtige soz. Arbeiter erkennt an, daß an der Spitze eines Gemeinwesens alle Stände vertreten sein müssen, er sucht sich aber die tüchtigsten aus und giebt diesen seine Stimme, dies wurde
nicht blos bei der jetzigen Wahl bewiesen, daß
der Arbeiter keine verzopften Zünftler im 1
Gemeinderat haben will, wird ihm kein rechtli
denkender verübeln, denn diese wären vielleicht N N noch ein größeres Uebel, als wenn ein paar
Kommerzienräte mehr darin säßen. Wenn der ehrsame Meister erwähnt, die soz.⸗ dem. Partei hätte das Genossenschaftswesen auf ihre Fahne geschrieben, so riecht das stark nach Neid. Von wem leben denn die meisten Kleinhandwerker
und Geschäftsleute? Doch wohl vom Arbeiter. Oder ist es dem Einsender unbekannt, daß ge⸗
rade die„bessere Gesellschaft“ ihre Waren aus den großen auswärtigen Geschäftshäusern bezieht! Bald kommt wieder die alljähliche Mahnung im„Gieß. Anz.“„Kauft am Ort!“ Der Herr Meier kämpfe dagegen, und verdächtige nicht Leute, die zum mindesten ebensoviel wert sind wie er selbst.“
Soweit der Arbeiter, dessen Ausführungen man im allgemeinen zustimmen muß. Von dem Zünftler ist es wirklich eine ganz un ver⸗ schämte Anmaßung, unsere Genossen in dieser Weise zu verunglimpfen. Was bildet sich denn der aufgeblasene Frosch ein? Meint er etwa im Namen der Handwerker sprechen zu können? Da dürfte er sich gewaltig täuschen, denn ein großer Teil derselben— vielleicht der größte— huldigt keineswegs diesen rück⸗ ständigen Anschauungen, sondern neigt vielmehr sozialdemokratischen Ansichten zu. Oder glaubt er, nur ein mit der nötigen Körperfülle ausge⸗ statteter Innungsmeister sei fähig, das Stadt⸗ verordneten⸗Mandat auszufüllen, Arbeiter aber nicht? Die Erfahrungen beweisen das Gegen⸗ teil. Jedenfalls besitzen sozialdemokratische Ar⸗ beiter weit mehr allgemeine Kenntuisse und Fähigkeit zur Beurteilung dessen, was dem Gemeinwesen dient, als ein egoistischer, mit ver⸗ alteten, verbohrten Ansichten angefüllter Zünft⸗ ler. Das hat vor längeren Jahren schon ein⸗ mal Herr Miquel als Frankfurter Oberbürger⸗ meister einem anmaßenden Zunftbruder gesagt,
St. Im Gießener nat.⸗soz. Verein wird Freitag, 29. Novbr. Dr. Maurenbrecher aus Berlin über die Zukunft der deutschen Land wirtschaft sprechen. Das Thema wird natürlich im Hinblick auf den Zolltarif behan⸗ delt werden und dürfte somit von aktuellem Interesse sein.
— Das Stiftungsfest der Holzar⸗ beiter am Samstag war recht gut besucht und nahm einen prächtigen Verlauf. Unter den Darbietungen heben wir ein kleines Theater⸗ stück hervor, das von den Mitwirkenden recht flott gespielt wurde. Nur sollte man bei solchen Festen sich eine Musik zulegen, die auch im Stande ist, Arbeiter⸗Weisen ertönen zu lassen.
— Der Henker war am Donnerstag in Gießen thätig. Früh ½8 Uhr wurde der am 11. Juni d. Is. wegen Raubmordes zum Tode verurteilte Georg Ermer aus Schirmitz in Bayern mittels Fallbeils durch den Scharfrichter Brand aus Oederan in Sachsen hingerichtet. Die Exekution, der etwa 50 Herren beiwohnten, dauerte im Ganzen nur wenige Minuten. Ein
katholischer Pfarrer sprach dem Delinquenten
Trost zu, der ohne jedes Widerstreben sich zum
Schaffot führen ließ. Sein Verbrechen, was bekanntlich in der Ermordung und Beraubung seines Wanderkollegen Möller im Wäldchen bei
Kloppenheim bestand, hat der Mörder nun ge⸗
1 1 1
1 hel del fun 1
. Nun flat hac Gele 0 Acne tt D dat fel el, 0 lit. Tuner ien Ii der ulatbe lage! u holt eiter U daß en f. dummer
U. E. in Eon dahhof
Abt. 5 We Sahin n W hause zl n J en ier g Ai, Ha Agtelfe Le sc Ualkere Alete Schritte Jattin aalloh, Tier shlbele litt Vet. in den
i 0 mal Aufenl a0 k kulbete Art fach i gt saalgt Aalgun lum 5
sühnt.— Die Todesstrafe soll abschreckend Am
wirken. Ist das der Fall? Durchaus nicht; verschiedene Gegenden weisen sogar eine Ver⸗ mehrung der Todesurteile auf. meisten Verbrechen haben schließlich traurigen wirtschaftlichen und sozialen Verhält⸗
nissen ihren Grund und nur durch Besserung
1 15 sie sich verringern — 8 wurde am Dienstag im Gießener Stadttheater Gerhard Hauptmanns:„Biberpelz“ gegeben. Das Haus war voll besetzt und spendete der
Diebeskomödte und dem durchweg vorzüglichen reichen Applaus.
Spiel der Mitwirkenden U Das Stück zeigt, wie der Amtsvorsteher seine Aufgabe darin erblickt, die„Umstürzler“ aus⸗ zurotten, dabei trieben aber die Spitzbuben un⸗ 85 ihr Wesen.— Die Kreise, für welche je Volksvorstellung berechnet sind, bilden noch
Nein, die in den
er ste Volksvorstellung
1 1 0 ü 00


