Ausgabe 
24.11.1901
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 47.

sozialdemokratischen Stimmen 530 625 Unter- schriften gegen den Brotwucher abgegeben. München und Umgegend gaben 70 000 Unter⸗ schriften ab. Man zählt bisher aus 118 Wahl⸗ kreisen mit rund 1 288 000 Wahlstimmen rund 2 520 000 Unterschriften.

Politische Rundschau.

Gießen, den 21. November.

Reichstags ⸗Auflösung in Sicht?

Von mehreren Zeitungen wird die Ansicht ausgesprochen, daß die Beratung der Zolltarif⸗ vorlage zur Auflösung des Reichstags führen werde. Das Organ des Bundes der Landwirte, dieDeutsche Tagesztg. sagt dazu, sie habe bisher bezweifelt, daß die Regierung von dem ihr zustehenden verfassungsmäßigen Rechte der Auflösung dem Reichstage gegenüber Gebrauch machen werde. Jetzt gewinne die Sache ein anderes Gesicht. Sie sagt:

Es ist nicht unmöglich, daß im nächsten Jahre dieses verfassungsmäßige

Mittel sowohl im Reiche als auch in Preußen

zur Anwendung gelangt. Man wird

mindestens gut daran thun, wenn man stch bei Zeiten darauf einrichtet. An unsere

Freunde im Lande möchten wir aber die

ernste Mahnung richten, auch für diesen

Kampf das Pulver trocken zu halten

und alles so vorzubereiten, daß wir nicht

überrascht werden. Diese Mahnung gilt auch den Angehörigen der soztaldemokratischen Partei. Thatsache ist, daß hier und da unsere Organisation noch sehr viel zu wünschen übrig läßt, besonders in unserer Gegend müssen die Genossen noch tüchtig arbeiten, wenn wir uns bei den Wahlen keine Mißerfolge holen wollen. Darum Ausbau der Organisation! Und vor Allem: Sorgt für die Verbreitung der Parteipresse! Werbt stets Abonnenten für die Mit⸗ teldeutsche Sonntagszeitung! Unterstützt niemals die gegnerische, noch die angeblich unparteiische, stets aber arbeiter feindliche

Presse! Abgesägter Reichstagspräsident.

Herr v. Frege, der Vizepräsident des Reichstags, legte sein Amt als solcher nieder.

Es hat lange genug gedauert, bis er zur Ein⸗

sicht kam, daß seine erschütterte Gesundheit einen längeren Urlaub und den Verzicht auf den Präsidentenstuhl nötig machte. Sein Rücktritt wurde ihm von allen Seiten, auch von seinen Parteifreunden, seit längerer Zeit nahegelegt; man fürchtete im Hinblick auf die bevorstehende Reichstagstagung seine Amtsführung, denn er war im Stande, die einfachsten Dinge unheilvoll zu verwirren. v. Frege ist einer der rückstän⸗ digsten sächsischen Agrarier. Ersatzwahl zum Reichstage.

Für den 10. sächsischen Reichstagswahlkreis muß demnächst eine Ersatzwahl für den ver⸗ storbenen alldeutschen Abg. Lehr stattfinden. In diesem Kreise haben wir gute Aussichten. Dr. Lehr siegte im Jahr 1898 erst in der Stichwahl mit 11,925 Stimmen gegen unseren Genossen Grünberg, der 10,681 Stimmen auf sich vereinigte. Bei der Hauptwahl wurden abgegeben für Grünberg 9758, für Lehr 5938 und für den konservativen Kandidaten Naumann 5406 Stimmen. Seitdem ist die Unzufrieden⸗ heit nicht nur mit der Weltmachtspolitik und ihren Folgen und mit der Brotwucherpolitik, sondern auch die Unzufriedenheit mit den säch⸗ sischen Verhältnissen so stark gestiegen, daß die Sozialdemokraten bei der Ersatzwahl im 10. Wahlkreise mit den besten Hoffnungen in den Wahlkampf gehen können.

Weitere sozialistische Siege

bei den Gemeindewahlen werden aus mehreren Orten gemeldet. In Königsberg wurden am vorigen Samstag bei den Wahlen von 13 Stadtverordneten zwei Sozialdemo⸗ kraten, sowie 1 gemeinsamer Kandidat der

Bezirks⸗ und Bürgervereine gewählt. Erforder⸗ lich sind zehn Stichwahlen. Die Sozial⸗ demokraten sind an 6 Stichwahlen be⸗ teiligt. Einen glänzenden Sieg errangen ferner unsere Parteigenossen in Lehe bei der Bürgervorsteherwahl in der dritten Klasse. Die sozialdemokratischen Kandidaten, Tischler Heitmann und Klempner Leers, erzielten 579 und 450 Stimmen, die Gegner 117, 35, 30 und 20 Stimmen. In Eisenach wurden zum ersten Male zwei Sozialdemokraten mit freisinniger Unterstützung gewählt. Auch in Rödelheim bei Frankfurt eroberten unsere Genossen sämtliche vier in der dritten Abteilung zu vergebende Sitze, trotzdem sich die Bürger⸗ lichen zusammengeschlossen und außerdem noch eine sogenannteArbeiterpartei Kandidaten aufgestellt hatten. Hanau meldet ebenfalls bedeutende sozialdemokratische Erfolge. In der Muckerstadt Barmen stieg unsere Stimmen⸗ zahl um 1200; unsere Kandidaten kommen mit den christl.⸗soz. in die Stichwahl.

Stellvertreter Gottes.

Im Frühjahr d. Is. hatte dieBerg. Arbeiterstimme über ganz scheußliche Sol daten⸗ mißhandlungen berichtet, die im Jahre 1898 beziehungsweise 1899 bei der 2. Kompagnie des 17. Infanterieregiments in Mörchingen vorgekommen. Als Thäter waren der ehemalige Sergeant und jetzige Schutzmann Reiners in Aachen und der jetzt in Insterburg dienende Unteroffizier Kalweit bezeichnet. Die Mißhand⸗ lungen bestanden u. A. darin, daß die beiden einem Untergebenen mit brennenden Streichhölzern die Barthaare aus dem Gesichtrasierten, ferner einen anderen Soldaten zwangen, einen langen Priem Kautabak, den der Sergeant sich aus dem Mund nahm, hinunter⸗ zuschlucken. Derselbe Soldat hatte zuvor beim Turnen eine Stunde auf dem Quer⸗ baum zubringen müssen. Die Untersuchung, die alsbald eingeleitet wurde, dauerte über ein halbes Jahr. Die beiden Soldatenschinder wurden vor das Kriegsgericht in Köln gestellt, wo die Beweisaufnahme ihre volle Schuld ergab. Der Vertreter der Anklage beantragte neun beziehungsweise acht Monate Gefängnis. Der Gerichtshof billigte jedoch beiden mildernde Umstände zu, weil er ihr Vergehen mehr als einenschlechten Scherz ansah, und ver⸗ urteilte Kalweit zu vier Monaten Gefängnis und Degradation, Reiners zu fünf Wochen Mittelarrest.

Zum Justerburger Duellmord.

Die Unthat, der ein Menschenleben zum Opfer fiel, hat auch schon ihre gerichtliche Sühne gefunden. Und was für eine! Das Kriegsgericht in Insterburg verhandelte den Fall am Montage unter Ausschluß der Oeffent⸗ lichkeit. Oberlieutenant Hildebrandt wurde zu zwei Jahren, Oberlieutenant Grod deck als Kartellträger zu 5 Tagen Festung ver⸗ urteilt. Den Antrag des Verteidigers, ein Gnadengesuch an den Kaiser zu richten, lehnte das Gericht ab. Die Verhandlung gegen den Lieutenant Raßmussen wegen Herausforde rung des getöteten Lieutenants Blaskowitz wird später stattfinden. Zwei Jahre Festung für einen Mord! Dabei ist als sicher anzunehmen, daß der Verurteilte begnadigt wird, wenn er einen kleinen Teil seiner gelinden Strafe abge⸗ büßt hat. Die Vorgänge, die zum Duell führten, stellten die Zeugen vor dem Kriegsgericht anders dar als sie vorher von den Zeitungen mitgeteilt wurden. Der erschossene Lieutenant Blasko⸗ witz habe die Offiziere, welche ihn heimbegleiten wollten, wohl erkannt, habe den Lieutenant Hildebrandt in's Gesicht geschlagen, nachdem dieser zu Blaskowitz geäußert habe:Sie sind ja besoffen wie ein Schwein! Die Artillerie⸗ lieutenants gingen sodann in Hildebrandts Wohnung, dort schrieben sie die Vorgänge nieder und gaben das Protokoll an den Ehren⸗ rat weiter. Dieser erklärte, er könne einen Ausgleich uicht vorschlagen. Tags dar⸗

auf erging die Mitteilung an den Ehrenrat von der beabsichtigten Forderung. Die ursprüngliche

Forderung lautete bis zur Kampfunfähigkeit, wurde aber durch Verhandlungen gemildert, erst auf dreimaligen, dann einmaligen Kugel⸗ wechsek. Die Affaire erscheint durch diese Darstellung keineswegs in einem günstigeren Lichte und das Verhalten der Offiziere, der unmäßige Alkoholgenuß kann wohl nicht als vorbildlich für die Mannschaft angesehen werden. Soweit das Rechtsgefühl im Volke noch nicht erschüttert ist, wird ihm durch diesen Duellmord wieder ein neuer Stoß versetzt.

Uebrigens kam dieser Tage noch eine Duell⸗ schießerei vor. In Hannover fand ein Zwei⸗ kampf zwischen einem ehemaligen Einjährigen des dort garnisonierenden Infanterie⸗Regiments Nr. 73 und einem Offizier desselben Regiments statt. Von den Duellanten wurde der Einjäh⸗ rige durch einen Schuß durch die Brust schwer, der Offizier durch eine Verletzung des Armes leicht verwundet.

Deutsche Justiz gegen Sozialdemokraten.

Vom Karlsruher Landgericht war unser Genosse, der Landtagsabgeordnete Opificius in Pforzheim, wegen angeblicher Untreue zu drei Monaten Gefängnis und Unfähigkeit der Bekleidung öffentlicher Aemter auf die Dauer von 3 Jahren verurteilt worden. Seine da⸗ gegen eingelegte Revision hat das Reichsgericht am Montag verworfen. Damit ist das Mandat O.'s erloschen, das er übrigens schon vor einiger Zeit niedergelegt hatte. Der Thatbestand, der dieser Verurteilung zu Grunde liegt, ist so harmlos, daß kein vernünftiger Mensch Opificius einen Vorwurf machen kann. Aber auch bei der geringsten Verfehlung trifft einen Sozial demokraten schwere Strafe.

Zum Boykott Englands.

Gegen einen Artikel des holländischen Ge⸗ nossen Vliegen, der sich imVorwärts darüber beschwerte, daß unter den deutschen Arbeitern wenig Stimmung ist, den Bogkott mitzumachen, wendet sich der Vorsitzende des deutschen Vergolderverbandes, Genosse Späthe. Derselbe schreibt imVorwärts u. A.:

Wir Leiter der gewerkschaftlichen Organisationen müssen uns ganz energisch gegen dergleichen Experimente, wie den Boykott Englands, verwahren, der unter keinen Umständen zu den gewerkschaftlichen Aufgaben gerechnet werdeu kann. Ich sage das nicht aus dem Grunde, weil ich auf dem schroffen Standpunkte der gewerkschaft⸗ lichen Neutralität stehe und aus Furcht mich so dagegen sträube. Nein, ich nehme für mich das Recht in Anspruch, ein ebenso guter Sozialdemokrat zu sein, wie der Genosse Vliegen, und bin anch stets für die inter⸗ nationale Solidarität eingetreten. Aber Phantastereien mache ich nicht mit. Darüber denke ich zu nüchtern, weil ich mitten im Arbeiterleben selbst stehe und die Folgen der Krise und die Sorgen der Arbeiter am eigenen Leben verspüre. Es wäre eine große Unbe⸗ sonnenheit, wollte man die Not und das Elend seiner Berufsgenossen durch eine derartige Aktion noch ver⸗ schlimmern.

Späthe legte dann klar, wie gerade der Vergolderberuf vollständig lahm gelegt werden. würde, wenn man auch die Einfuhr nach England unterbinde. Viele Vergolderfirmen produzieren ausschließlich für England. Auch das Korrespondenzblatt der General⸗ Kommission der Gewerkschaften Deutschlands hat sich in einer Notiz gegen den Boykott ausgesprochen. Die Durchführung des Planes werde Geldmittel erfordern, die in erster Linie von den Gewerkschaftsorganisationen aufzubringen sein würden. Das Blatt bezweifelt die Möglichkeit des Sieges und verwirft den Boykott als politisches Kampfmittel.

Der Parteivorstand der sozialdemo⸗

kratischen Arbeiterpartei Hollands hat eine Resolution beschlossen, in der er. den Boykottplan als ein hoffnungsvolles Zeichen

des Machtsgefühls und Selbstbewußtseins der

Arbeiterklasse bezeichnet und seine Sympathie mit ihm ausspricht. Von dem Komitee hofft er, daß es nur dann zur Durchführung des Planes schreiten werde, wenn die Teilnahme aller in Frage kommenden Arbeiter gesichert und ein genügender Boykottfonds vor⸗ handen ist.

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