Ausgabe 
24.11.1901
 
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Nr. 47.

Gießen, Sonntag, den 24. November 1901.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Bei mindestens

Arbeitslosigkeit.

Durch die in fast allen Erwerbszweigen sich zeigende Stockung hat die Zahl der Arbeitslosen eine ganz gewaltige Steigerung erfahren und nicht blos in der Presse, sondern auch in Kom⸗ munalverwaltungen, Landtagen, Regierungen werden Erörterungen gepflogen, wie der Not der betroffenen Arbeiterkreise abzuhelfen sei. DerVorwärts gab in seiner Nummer vom Sonntag einen ausführlichen Bericht über die Arbeitslosigkeit in Berlin auf Grund von Material, das von den Berliner Gewerkschaften zusammengestellt und im Bureau der Berliner Gewerkschaftskommission bearbeitet worden ist. Die verschiedenen Angaben beweisen, daß die Arbeitslosigkeit gegen das Vorjahr außerordent⸗ lich zugenommen hat. So hat sich nach den Angaben der Arbeitsnachweise herausgestellt, daß sich in den meisten oft die 3 bis 4fache und in manchen Erwerbszweigen zeitweise sogar die 6 bis 8fache Zahl der verlangten Ar⸗ beitskräfte anbietet.

Die Gewerkschaften zahlten im dritten Quartal 1901 über 38000 Mk. mehr Ar⸗ heitssosenunterstützung aus, als im gleichen Quartal des Vorjahres. Hierbei ist zu beachten, daß die Unterstützungssummen noch nicht den ganzen Umfang der Arbeitslosigkeit unter den organisierten Angehörigen der betreffenden Be⸗ rufe zum Ausdruck bringen, da sowohl die Mitglieder, welche die Karenzzeit für den Bezug von Unterstützung noch nicht zurückgelegt, als auch diejenigen, welche die statutenmäßige Unter⸗ stützungsdauer bereits überschritten haben, nicht unterstützt werden können, obwohl sie arbeitslos ind. Nach der Aufstellung der Gewerkschafts⸗ kommission zählte man Ende Oktober im Ganzen nicht weniger als 27852 Arbeitslose in Vgl

gleich diese Zahl erschreckend groß ist, so stellt sie doch nur einen Teil der Arbeitslosen⸗ ziffer dar, denn uns fehlen ja noch die Angaben aus den meisten Betrieben der Metallindustrie sowie aus einer 77 Zahl ganzer Berufs⸗ zweige. Nach dem bis jetzt feststehenden Resultate kann man selbst bei der vorsichtigsten Schätzung annehmen, daß die Zahl der Arbeitslosen wenig⸗ stens doppelt so groß ist, als die oben an⸗ gegebene. 0 Bei der Statistik der Berliner Kranken⸗ zassen stellt sich dasselbe Ergebnis heraus. Danach waren in 36 Berliner Orts⸗ und Be⸗ triebskassen am 1. Oktober 1901 17306 Mit⸗ lieder weniger vorhanden als am 1. Oktober 1900. In dem für diese Klasse in Frage kommenden Berufe waren demnach am 1. Oktober dieses Jahres ebensoviele Arbeiter weniger beschäftigt, als zur gleichen Zeit im Vorjahre. Nimmt man den gleichen bei obigen 56 Kassen sich ergebenden Mitgliederverlust von

03 Prozent für sämtliche Berliner Zwangs⸗

rankenkassen an, so finden wir, daß höchst vahrscheinlich am 1. Oktober 30645 Mit⸗ flieder weniger als im Jahre vordem vor⸗ anden waren. Soviel Personen müssen also u jener Zeit arbeitslos gewesen sein. Rechnen bir hierzu die Zahl derer, die, obwohl sie Urbeitslos sind, als Selbstzahler Mitglieder der Ortskassen bleiben, und berücksichtigen wir erner, daß die freien Hilfskassen in die obige

Berechnung nicht mit einbezogen sind, so gab es am 1. Oktober in Berlin wenigstens 50000 Arbeitslose! Was geschieht nun, um der durch diese furchtbaren Zahlen doku⸗ mentierten Not zu steuern? Der Oberprästdent v. Bötticher hat es ja neulich, so meint der Vorwärts, in Halle ausgeplaudert. Ver⸗ traulich besprach er sich vor einem solennen Notstandsmahle mit seinen Beamten und Ver⸗ tretern der Großunternehmer über die vorzu⸗ nehmenden Erhebungen. Vertraulich damit die Arbeiter sich nicht zu gel Hoffnungen über die ihnen zu teil werdende Hilfe hingeben!

Was haben die Arbeiter zu thun,

uu ihre elende Lage zu verbessern? Von den Behörden ist wahrscheinlich nichts, sicher aber nicht viel zu erwarten. Das darf indessen die Arbeitslosen nicht abhalten, ihre Stimme zu erheben, die Machthaber in der heutigen Gesellschaft an ihre sozialen Pflichten zu erinnern und ihnen ins Gewissen zu rufen: durch die Gesellschaft, deren Stützen Ihr seid, durch das System, das Ihr schützt und ver⸗ tretet durch den Kapitalismus sind wir ins Elend gestürzt worden. Wenn Ihr auch, so lange die heutige Wirtschaftsordnung herrscht, unsere Not nicht beseitigen könnt, so könnt Ihr sie doch lindern, indem Ihr uns Arbeit schafft. Das liegt in Eurer Macht, und das zu verlangen haben wir ein Recht!

Aber darüber hinaus giebt es für jeden Arbeiter, für jeden Proletarier eine höhere Auf⸗ Hebe und die ist: Erkenne Deine Klassenlage!

egreife, daß es die heutige Wirtschaftsweise, daß es der Kapitalismus ist, der das Elend verschuldet, unter dem Du jetzt leidest, und daß Du vor der Wiederkehr wirtschaftlicher Not nicht eher sicher geschützt bist, als bis die Herr⸗ schaft des Kapitalismus gestürzt und der Sozialis⸗ mus Wirklichkeit geworden ist. Um dies Ziel zu erreichen, gilt es auch auf politischem Gebiet Solidarität mit den Klassengenossen üben, um das hohe Ziel zu erkämpfen:

Befreiung der Arbeit aus der Knecht⸗ schaft des Kapitalismus!

Acht zahlreich besuchte Arbeitslosen⸗ e e fanden am Montag Vor⸗ mittag in Berlin statt. Die Tagesordnung lautete überall:Die gegenwärtige Krise, die Arbeitslosigkeit und wie ist Abhilfe möglich? Es sprachen die sozialdemokratischen Abgeord⸗ neten J. Auer, R. Fischer, W. Pfannkuch, M. Schippel, A. Stadthagen, E. Wurm, E. Zubeil und Stadtverordneter Th. Glocke. Die Gesamtzahl der Besucher wird auf rund 10000 Personen geschätzt, unter denen sich auch Frauen befanden. Die meisten Versamm⸗ lungen wurden wegen Ueberfüllung frühzeitig polizeilich abgesperrt, viele Hunderte mußten wieder umkehren. Ueberall wurde eine Reso⸗ lution angenommen, in der von der Regierung und der Stadtvertretung gefordert wird, die vorgesehenen Bauten sofort in Angriff zu nehmen. Zum Schluß fordert die Resolution, die Re⸗ gierung mögedem Drängen einer kleinen In⸗ teressentengruppe auf Erhöhung des Zolles auf die notwendigsten Lebensmittel nicht stattgeben, sondern durch den Abschluß guter Handelsverträge mit anderen Staaten die Wohlfahrt des arbeitenden Volkes und des ge⸗ samten Staatslebens zu sichern und zu fördern.

EN

Zum Kampfe gegen die Hungerzölle.

Eine sehr stark besuchte Frauenver⸗ sammlung, von bürgerlicher Seite einberufen, fand am Montag in Frankfurt statt. Nach einem Referat des Herrn Dr. Vosberg⸗ Rekow aus Berlin wurde eine Protestresolution gegen die Zollerhöhung einstimmig angenommen.

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Christliche Arbeiter zu dem Zoll⸗ wucher. Am Sonntag fand in Köln eine große christliche Gewerkschaftsversamm⸗ lung statt, in welcher die Hauptvorsitzenden des christlichen Bergarbeiter⸗, des christlichen Holzarbeiter- und des christlichen Textilarbeiter⸗ Verbandes, nämlich die Herrn Brust, Steger⸗ wald und Schiffers als Redner auftraten. Der letztere redete über die Aufgaben der christ⸗ lichen Gewerkschaften. Dabei behandelt er auch den Zollstreit. Die Frage: ob sich die christlichen Gewerkschaften mit der Stellung⸗ nahme zu den Lebensmittelzollerhöhungen be⸗ fassen dürfen, verneinte er. Im gleichen Sinne habe sich der Ausschuß des Gesamtver⸗ bandes der christlichen Gewerkschaften, der am Tage vorher in Köln zusammengetreten mar ausgesprochen. Die Resolution des Ausschusses erklärt die Zollfrage für eine allgemeine staats⸗ politische, sie falle nicht unter die besonderen Erwerbs⸗Interessen der Industriearbeiter. Da⸗ her dürften die christlichen Gewerkschaften und ihre Organe zu der Frage nicht Stellung nehmen.

Diese Ausführungen Schiffers und die Reso⸗ lution stießen auf den lebhaftesten Widerspruch der Mitglieder des christlichen Metallarbeiter verbandes, deren Führer Döring und Schlack rund heraus erklärten, daß sie nach wie vor in der Agitation gegen den Brotwucher fortfahren würden und den Brust, Stegerwald ꝛc. vor⸗ warfen, daß sie zuerst die Zollfrage in die Gewerkschast hineingetragen hätten. Damals habe aber niemand erklärt, daß die Zollfrage nicht in die Gewerkschaft gehöre. Das sei allerdings auchetwas anderes gewesen; denn die Genannten seien für die Getreidezölle ein⸗ getreten, wie es dem Zentrum in den Kram paßte. Als aber Wieber, der Vorsitzende des christlichen Metallarbeiterverbandes, gegen den Brotwucher Front machte, da habe es plötzlich geheißen: Die Erörterung der Zollfrage gehört nicht in die Gewerkschaften! Beide Redner sind als Centrumsleute bekannt. Trotzdem rügten sie den Einfluß der Zentrumspartei, der sich in den christlichen Gewerkschaften geltend macht. Herr Schlack, der es ja als Zentrums⸗ anhänger und Führer einer christlichen Gewerk⸗ schaft wissen muß, erklärte: daß von seiten des Zentrums ein großer Druck auf diechrist⸗ lichen Gewerkschaften ausgeübt werde, damit sie dem Zentrum dienen.

Die Versammlung nahm einen stürmischen Verlauf, der überwachende Kommissar drohte mit Auflösung. Zu einem definitiven Resultat kam es nicht, woraus man schließen kann, daß die Zentrumsagenten nicht die Mehrheit in den christlichen Gewerkschaften haben.

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* 2 5 Für die Petitionslisten wurden in Berlin demVorwärts zufolge bei 151 411