Ausgabe 
24.2.1901
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 8.

Pon Rah und Lern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗

kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste

Gewtssenhaftigkett bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir

bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Sette zu beschreiben.

Die Pro estbewegung gegen den Brotwucher kommt im ganzen Lande immer lebhafter in Fluß. In einer Reihe größerer Städte des Reichs haben bereits zahlreiche, massenhaft be⸗ suchte Volksversammlungen stattgefunden in denen die Wucherpolitik entschiedene Ver⸗ urteilung fand. Auch in unserer Gegend müssen die durch Erhöhung der Getreidezölle empfind lich geschädigten Volksschichten Arbeiter, Handwerker, Kleinbauern und Kauf⸗ leute sich zu energischem Widerspruche auf raffen. Sorgt deshalb für Aufklärung! Arrangiert Versammlungen! Wegen solcher wende man sich an: Gg. Beckmann, Gießen, Grünberger

straße 44, oder an die Redaktion unserer Zeitung.

Gießener Angelegenheiten.

Des Heils wunderbare Lehre. Auf diese Skizze Zolas im Unterhaltungsteile unserer heutigen Nummer machen wir besonders aufmerksam.

Vom Gewerbegericht. Bei dem Gießener Gewerbegericht wurden im Jahre 1900 im Ganzen 178 Klagen, gegen 136 in 1899 anhängig gemacht. 148 dabon waren von Arbeitern, 30 von Arbeitgebern erhoben. Von den Klagen der Arbeitgeber waren ge richtet: 105 auf Zahlung rückständigen Lohns; 38 auf Entschädigunz wegen kündigungeloser Entlassung; 5 auf Herausgabe von Papieren ꝛc. Termine wurden im Ganzen 237 abgehalten. 78 Klagen erledigten sich durch Vergleich; 22 durch Zurücknahme der Klage und nur bei 14 Klagen erfolgte Endurteil. 77 Prozent aller Klagen konnten ohne Zuziehung der Beisitzer erledigt werden. Ueber zwei Drittel der Klage⸗ sachen brauchten zu ihrer Erledigung weniger als eine Woche Zeit; nur in 16 Fällen dauerte der Prozeß 2 Wochen und länger. Als Einigungsamt trat das Gericht nicht in Funktton.

Die antisemitische VBersammlung am Sonntag war stark besucht, Herr Köhler hatte einen großen Teilseiner Bauern mobil gemacht. Köhler verzichtete auf sein Referat, worauf Liebermann v. Sonnenberg etwa 2 Stunden lang sein antisemitisch-junkerliches Glaubensbekeuntnis entwickelte. Zu Beginn erklärte er, daß, entgegen unserer Behauptung in voriger Nummer, in seinen Versammlungen volle Redefreiheit gewährt werde. Das kann er kaum mit innerer Ueberzeugung ausgesprochen haben. In der Diskussion ergriff unser Ge⸗ nosse Krumm das Wort, der auf Grund der Statistik nachwies, daß nur die Großgrund⸗ besitzer von den Getreidezöllen Vorteil haben. Professor Wim menauer interpellierte Köhler wegen seines Fernbleibens vom Reichstage, wo⸗ rauf dieser die kostbare, an anderer Stelle be reits mitgeteilte Antwort gab, daß ihm hierzu die Mittel fehlten. Es wird erzählt, Herr Heichelheim beabsichtige, dem Abg. für Gießen einen ansehnlichen Betrag zur Reise nach Berlin zu bewilligen. Die Versammlung schloß mit dem Gesang Deutschland, Deutschland über alles.

Selbstmor d. Montag Abend erschoß sich imWiener Hof wo er übernachten wollte, der Dachdecker Wagner von hier. Auf einem hinterlassenen Zettel gab er unglückliche Familien⸗ verhältnisse als Ursache dieses Schrittes an. Wegen eines Raubanufalles, den er vor etwa zehn Jahren verübt, wurde er zu einer längeren Zuchthausstrafe verurteilt.

EineBurenversammlung findet Montag Abend in Steins Saalbau statt. Es sprechen die Burenkommandanten Jooste und

de Wet. Wieseck. ch. Am Sonntag fand imJFeldschlöß chen eine Mitgliederversammlung dis Arbeiter

bildungs⸗Vereins statt, die nur mäßig besucht wer. Grade jetzt in der Zeit der wirtschaft⸗ lichen Krisis, wo man sucht dem Arbeiter das Brot noch mehr zu verteuern, wo ihm und seiner Familie die Existenzbedingungen weiter erschwert werden soll, wäre es sür die Arbeiter an der Zeit, die Augen zu öffnen und ihre Gleichgültigkeit abzuwerfen. Muß nicht jeder Familsenvater vor seinen Kindern die Augen niederschlagen, wenn durch seine Lauheit mit⸗ verschuldet, die Pläne der Brotwucherer ver⸗ wirklicht werden, und er genötigt ist, ihnen die Brotportionen kleiner zuzumessen? Darum fort mit aller Saumseligkeit und Duselei! Dem weiteren Niedergang unserer Verhältnisse müssen wir entgegentreten; tretet deshalb alle in unsere Organisation und für Verbreitung unserer Presse ein!

In der Versamwlung erstattete zunächst der Kassierer den Jahresberlcht. Den Einnahmen von Mk. 333,12 stehen Mk. 274,62 Ausgaben gegenüber, es verbleibt somit ein Kassenbestand bon Mk. 58.50. Unter den Ausgaben befinden sich: für Partetzwecke Mk. 105, für Unter⸗ stützung in Sterbe- und Krankheitsfällen Mk. 50. Hierauf erstattete Gen. Rohrbach von der Kreiskonferenz Bericht: Sehr ausführlich be handelte er die Einführung des Unterstützungs⸗ wesens; er sprach sich entschieden für Einführung desselben aus. Hierüber entspann sich eine lebhafte Debatte, in der Lindenstruth her⸗ vorhob, daß man sich von der Unterstützung nicht soviel in Bezug auf das Anwachseu der Mitgliederzahl versprechen solle; trotzdem man in Wieseck seit Jahren eine Unterstützung ein⸗ geführt habe, laufen doch noch Arbeiter dem Kri gerverein nach. Schließlich erklärte sich die Versammlung in einer Resolution mit den Be⸗ schlüssen der Konferenz einverstanden. Weiter beschloß man die Maifeier am 28. April bei A. Ziegler abzuhalten.

In Ober⸗Widdersheim

sprach am Sonntag Gen. Vetters gegen die indirekten Steuern und die Getreidezölle. Seine Ausführungen fanden die Zastimmuag der gut besuchten Versammlung. Der dortige Bürger⸗ meister war so freundlich gewesen, dem Wirt eine Geldstrafe von 50 Mark anzudrohen, wenn er die Versammlung stattfinden ließe. Der Mann scheint wirklich über eine ausge⸗ zeichnete Gesetzeskenntnis zu verfügen.

. Aus dem Kreise Friedberg.

-0.- Wahlverein. Den Genossen zur Nach⸗ richt, daß in der nächsten Wahlvereinsbersamm⸗ lung der regelmäßige Vortrag mit Diskussion über den 2. Teil des Programms ausfällt. Dafür wird Genosse Busold über die Frage referieren:Hat die Landwirtschaft einen Vor⸗ teil von hohen Getreidezöllen? Da dieser Vortrag zur Vorbereitung und Aufklärung für die bevorstehende Agitation auf dem Lande dienen soll, so werden alle Genossen gebeten, in der Versammlung zu erscheinen. Insbesondere werden alle Genossen, die mit den ländlichen Verhältnissen vertraut sind, ersucht, sich an der Eröterung zu beteiligen.

B. Stadtverordnetenwahlen. Nachdem kürzlich die Eingemeindung von Fauerbach er⸗ folgt ist, hat man jetzt auch die Einführung der Städteordnung beschlossen. Dadurch werden in diesem Jahre eine ganze Anzahl Wahlen notwendig. Auch unsere Parteigenossen gehen mit dem Plane um, sich mit eigenen Kandidaten an den bevorstehenden Stadtverordneten Wahlen zu beteiligen. Wenn alle Genossen noch recht agitieren, so ist Erfolg nicht ausgeschlossen.

.- Große Erbitterung hat sich weiter Kreise Friedbergs und Umgebung bemächtigt. Es sind nämlich eine große Anzahl Einkommen- Steuer⸗Erklärungen zurückgekommen mit dem Vermerkungenügend und der Aufforderung zu einer höheren Angabe. In Bad Nauheim sollen es gar 400 gewesen sein. Dort geht man mit dem Plane um, sich gemeinschaftlich bei dem Ministerium zu beschweren. Da diese

Unzufriedenen meistens gute Patrioten sind, so

raten wir ihnen, sich einmal allesammt an den Grafen Oriola zu wenden. Der hat ja schon so ost seinwarmes Herz g zeigt.

Vielleicht legt der dasBischen Fehlende

drauf. Wenn wir 1903 schreiben würden, ver⸗ stünde sich das von selbst.

t. In der Militär⸗Effekten⸗Ja⸗ brik in Friedberg, die erst kürzlich hier er⸗ richtet wurde, herrschen recht erbauliche Zustände. Beispielsweise müssen die Leute bei der herr⸗ schenden Kälte in ungeheizten Räumen arbeiten, weil die Heizvorrichtung nicht funktioniert. Wollen die Arbeiter nicht die Bude voll Rauch haben, so müssen sie eben auf Heizung Ler⸗ zichten. Entgegen den Bestimmungen der Ge⸗ werbeordnung ist keine Arbeitsordnung vorhan⸗ den, so daß sich die Arbeiter in Bezug auf das Arbeitsverhältuis im Unklaren befinden. Be⸗ schweren sich die Arbeiter bei dem Inhaber, so heißt's einfach, wem es nicht paßt, der kann gehen. Deswegen kehren auch Viele diesem Musterbetriebe den Rücken. Erst am Montag sahen wir wieder einen Arbeiter mit einem Polizisten in die Fabrik gehen. Der arme Mann war am Samstag entlassen worden, ohne Lohn zu empfangen.

obwohl der Mann 21 Mark verdient hatte. Die hiesige Ortskrankenkasse hat schon eine stattliche Anzahl Arbeiter in ihren Listen, welche trotz des kurzen Bestehens der Fabrik schon wieder abgereist sind. Vielleicht nimmt sich

Erst auf Bitten ließ sich der Chef herbei, 5 Mark zu geben,

einmal der Herr Fabrikinfpektor der Leute au. f

Aus Wetzlar.

* Gegen das Urteil der Wetzlarer Straf-

kammer, durch welches Gen. Veiters von der Anklage der Uebectretung einer Polizeiverord⸗ nung(öffentl. Kollekte) sreigesprochen wurde, hat der Staatsanwalt Settegast in Limburg Revision eingelegt. 1

th. Vom Bürgerrecht. In der Stadt⸗

verordnetensitzung vom 12. Febr. machte be- Gelegenheit der Beratung eines Gesuches bei

hufs Aufnahme in den Bürge verband der Bürgermeister auf eine Versügung aufmerksam, die ber Regierungspräsident in dieser Frage er⸗ lassen hat. üblich gewesene Verfahren bei der Verleihung

des Bürgerrechts den gesetzlichen Bestimmungen

nicht entsprochen. Zur Erlangung des Bürger⸗ rechts sei weder ein Beschluß des Stadt⸗

verordneten Kollegiums noch eine Auet-

kennung des Bürgermeisters vonnöten, sondern

Danach hat das bisher in Wetzlar

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dieses Recht werde jedem als Preußen ge⸗

borenen männlichen Einwohner Wetzlars ohne

weiteres zu Theil, sofern derselbe 25 Jahre alt sei, ein Jahr in der Stadt seinen

Wohnsitz habe und seine Persönlichkeit den Bestimmungen des§ 5 der Städteordnung ent⸗ Allerdings müsse das Bürgerrechts

spreche.

geld von 15 Mark, da es eingeführt sei, bes-

zahlt werden.

Wetzlarer Stadtväter die gesetzlichen Bestimm⸗ 15

ungen gekannt haben? Oder wollte man un

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bequemen Personen das Bürgerrecht vorent⸗

halten? Il.

guten vor jährigen Man sieht auch da wieder, wie das Unternehmer⸗ tum bei genügendem Arbeiterangebot die Löhne herabdrückt, auch wenn die Notwen⸗ digkeit dazu gar nicht vorliegt. beiter, organisiert Euch!

Konitzerei. 4

Am 13. Febr. begann in Konitz die Schwur⸗ gerichts-Verhandlung gegen den Schlächter Moritz Lewy wegen Meineids. L. stellte be⸗ kanntlich. in einem früheren Prozesse die per⸗ sönliche Bekanntschaft mit Ernst Winter in Ab⸗ rede. Er bleibt auch vor dem Schwurgericht bei dieser Behauptung. Mehrese Zeugen be⸗ kundeten, ihn mit Wimer zusammen gesehen zu hoben. Das Gericht nahm wissentlichen Meineid an und verurteilte Lewy zu 4 Jahren Zucht⸗ haus und 4 Jahren Ehrverlust. 5

Als der Verurteflte abgeführt wurde, rief

man ihm höhnisch aus dem Publikum zu:Adieu, Moritz!Viel zu wenig!Hättest müssen

20 Jahre bekommen! Diese Aeußerungen zeigen, I

Sollte wirklich keiner der

Lohnreduktionen sind auf der Sophienhütte angekündigt worden. Im letzten, sehr günstigen Geschäftberichte wurde gesagt, das für daß ganze Jahr Aufträge zu den Preisen vorlägen.

Deshalb, i⸗

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