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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
15 Nr. 51.
11 i H en 7 b Unterhaltungs-Ceil.
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Das schwingende Reck. Humoreske von Ph. Scheid emann.
Meinem Freunde Gottlieb Schulze hatte die teure Gattin in zwölfjähriger Ehe drei Kinder geschenkt, drei Mädchen. Sie zählen jetzt 10, 9 und 7 Jahre. Wer sie das erste mal sieht, ist ganz entzückt von ihnen. Reizende Kinder, heißt es gewöhnlich. Nach höchstens einstündiger Bekanntschaft revidieren allerdings die meisten Leute ihr Urteil. Die Höflichen sagen dann zu Gottlieb's Frau: Ja, ich glaube, daß Ihnen die drei Kinder viel Arbeit machen. Die Ehr⸗ lichen sagen: Die drei Mädel sind ja schlimmer, wie sechs böse Buben
Und das letztere scheint auffallend zu stimmen. Man höre nur, was mir neulich Gottlieb Schulze erzählte:
„Es war zwei Tage vor Weihnachten, an einem Sonntag. Wir— also Gottlieb und Frau— beratschlagten, was wir den drei Rangen eventuell noch kaufen sollten. Meine Frau zählte grade auf, was sie selbst angefertigt hatte: Kleider, Schürzen, Mützen und der⸗ gleichen. Außerdem hatte sie die vorjährigen Puppen, von denen allerdings nur noch die absolut unzerreißbaren ledernen Bälge vor⸗ handen waren, wieder neu zusammengeflickt: ihnen neue Köpfe aufgeleimt, neue Arme und Beine angenäht und neue Garderobe ange⸗ fertigt.
Die„Große“, wie wir die Zehnjährige nennen, hatte sich„'ne Schatull'n mit'n Einsatz“ gewünscht, die Zweite, die flachsköpfige Liese, wollte einen Kochherd mit Spiritusheizung, und die Kleinste, der Schrecken der ganzen Nachbar⸗ schaft wünschte sich ein neues Gesellschaftsspiel, weil sich die beiden Schwestern beim Lottospielen nicht mehr bemogeln ließen. Da die Kleine fortgesetzt von einer„Nordpolreis'“ redete, so nahm ich an, daß das ein Spiel ist, bei dem sie die ihr geläufigsten Mogeltricks am besten anwenden kann.
Gewissenhaft beratschlagten wir, wie weit die Wünsche unserer Sprößlinge berücksichtigt werden müßten. Da wurde plötzlich heftig geklingelt..... Eine Frau aus der Nach⸗ barschaft ist da, sie verlangt 80 Pfg., weil unser Kleinstes ihr mit einer Kartoffel eine Fenster⸗ scheibe eingeworfen habe. Während meine Frau sich mit der 80 Pfg.⸗Nachbarin über die Ungezogenheit der Kinder von heute auseinander⸗ setzt, greife ich, tief gerührt, in den Beutel und bleche... Um eine Erfahrung reicher, und um 80 Pfg. ärmer, wollte ich stillschweigend von der Bildfläche verduften, als mich ein furchtbares Geheul, das die Treppe herauf tönt, zurückhält; die„Große“ kommt zähneklappernd und mitblutigem Gesicht heraufgehumpelt. Sie ist beim Herumklettern auf einem Bauplatz auf die Nase gefallen. Und nun fließt der kostbare rote Saft knüppeldick. Wo ist die Liese? frage ich empört.„Die steht unten und will nicht herauf, weil sie sich das neue Kleid zerrissen hat!“ Barmherziger Gott!
Meine Frau schlägt die Hände überm Kopf zusammen; ich machte ein furchtbar böses Gesicht. Die flachsköpfige Kleiderzerreißerin wird herbei⸗ geholt und alle drei in ihre Kammer verwiesen. Hier hielt ich meinen hoffnungsvollen Töchtern eine eindringliche Rede und gab ihnen eine Strafarbeit auf. Es mußte je 50 mal schreiben:
Die Große: Wer auf Bauplätzen herum⸗ turnt, fällt sich leicht die Nase blutig.
Die Zwette: Ich soll nicht über die Staketenzänne klettern.
Die Dritte: Ich darf keine Fensterscheiben mit Kartoffeln einwerfen.
Sorgen schwer sitzt mein Weib am Tisch. Ich soll die Kinder verzogen haben! Welch' ein himmelschreiend unverdienter Vorwurf.
Aber energisch muß jetzt eingegriffen werden,
darin sind wir uns vollkommen einig. Vor allen Dingen sollen die Drei nicht mehr so häufig auf die Straße, wie seither. Sie müssen mehr ans Zimmer gefesselt werden. Aber wie? Vielleicht durch ein geeignetes Spielzeug, das dem etwas zu stark entwickelten Thaten⸗ und Freiheitsdrang unserer Kinder entgegenkommt.
Langes Besinnen——— Endlich hab ichs! Frau, wir kaufen ein Zimmertrapez. Weißt Du, so ein schaukelndes Reck, an dem die Kinder turnen, schaukeln und gleichzeitig ihre Muskeln stählen können. Der pädagogische Wert eines solchen Gerätes ist über alle Zweifel erhaben. Ein famoser Einfall das!
Meine Frau äußerte zu meinem großen Er⸗ staunen gewichtige Bedenken. Sie witterte aller⸗ lei Unheil. Ich lieferte ihr aber den unan⸗ fechtbaren und lückenlosen Beweis, daß es gar nichts praktischeres auf der Welt giebt, wie Zimmertrapez und daß damit gar nichts schlimmes passieren könne. Sie stimmte schließlich seufzend zu. Sie hoffte das beste———“
Bis dahin hatte Gottlieb Schulze schon mit einer wahren Leichenbittermiene erzählt. Jetzt seufzte er auffallend tief, nahm einen kräftigen 42 aus dem Maaßkrug und fuhr dann ort:
„Heller Jubel herrschte am heiligen Abend. Die Kinder waren gar nicht von dem Reck wegzukriegen. Zwei Puppen, die von der Schaukel heruntergefallen waren, hatten schon ihr blutjunges Leben lassen müssen. Die eine erlitt einen komplizierten Bruch ihres Porzellan⸗ schädels, die andere brach das wächserne Genick.
Endlich kam Ruhe ins Haus. Die Kinder schliefen und auch wir Alten suchten die Betten auf; ich schlief allerdings sehr unruhig. Ich träumte von blutigen Nasen, eingeworfenen Fensterscheiben und zerrissenen Kleidern. Gegen morgen erst schlief ich fester ein. Ich mochte etwa eine Stunde geschlummert haben, als ich von einem regelmäßigen Klopfen an der Wand geweckt wurde.
Bum— bum— bum— bum—
Ja, zum Donnerwetter, was ist denn das? Wer klopft denn da in stockfinsterer Nacht schon um 1. Feiertag früh die Leute aus dem Schlaf!
Bum— bum— bum— bum—
Ich wecke meine bessere Hälfte, die infolge übergroßer Anstrengung vor den Festtagen fest schlief. Auch sie weiß das Bum bum, das nach einer ab und zu eintretenden kleinen Pause regelmäßig wieder einsetzte, nicht zu erklären. Da mit einem Male gab es einen Mords⸗ spektakel.... bum— bum— pardauts —klingelingeling—„Mama! Mama!“ — Nun war uns die Situation klar. Auf⸗ springen, Kerze anzünden und die Thür zum Schlafzimmer der Kinder aufreißen war das Werk eines Augenblicks——
Wir sahen gerade noch, wie zwei unserer zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Sprößlinge spurlos unter den Bettdecken ver⸗ schwanden. Die Kleinste aber, die schlimmste, die mit den großen Augen und den kurz geschorenen Haaren, saß auf dem Waschtisch und zwar mit— dem Allerwertesten im zer⸗ brochenen Waschbecken— patschnaß und heulend. Das Schlafzimmer war überschwemmt.—
Ein schöner Anfang des ersten Weihnachts- tages! Die Rangen hatten schon im Dunkeln Klimmzüge probiert, geschwungen und geschaukelt. Beim Schaukeln hattten sie fortgesetzt an die unsre beiden Zimmer trennende Wand getreten.
Daher das bum— bum.
Als dann die Kleine von der flachsköpfigen gewaltsam abgelöst werden sollte, weil sie zwei⸗ mal zu viel hin⸗ und her geschaukelt hatte, gab es ein zwar nur kleines, aber, wie wir schon gesehen haben, folgenschweres Rekontre. Die Kleine fiel im Schwingen aus dem Reck und gerade in das funkelnagelneue Porzellan⸗Wasch⸗ becken, ein Geschenk meiner Schwiegermutter.
Daher das Scherben⸗Klingelingeling.——
Am Nachmittag kam meine Schwiegermutter zu Besuch. Sie hat mir allen Ernstes, indem sie mir unbeschreiblich liebevolle Blicke zuwarf, gesagt, ein vernünftiger Vater kaufte seinen Töchtern überhaupt kein Trapez, ob ich Seil⸗ tänzer aus den Kindern machen wollte? Aber
es wäre ja kein Wunder, wenn die Kinder ungezogen wären, die arteten eben nach ihrem Vater, aus dessen Bubenjahren noch heute die
schlimmsten Geschichten erzählt würden. Der Apfel fiele nicht weit vom Stamm....“ Gottlieb hatte sich in ziemliche Erregung. geredet, nun schlug er kräftig mit der Faust auf den Tisch und schloß seine Erzählung so: „Und das sagte mir der Drache blos wegen des lumpigen Waschgeschirrs, denn daß die
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Puppen kaput, daß der Deckel von der Schatulle
abgebrochen war, daß die Nordpolreis' auf dem Spiritusherd verbrannt ist, wußte sie gar nicht. Und von dem zerrissenen Kleid, der blutigen Nase und der eingeworfenen Fensterscheibe hatte sie noch gar keine Ahnung....“
Mit unbeschreiblich traurigem Bltck schaute mir Gottlieb in die Augen. Ich schüttelte ihm zum Troste die Hand und schlug ihm vor, auf das Wohl seiner Mutter noch ein Maß zu trinken. Damit war er sofort einverstanden und— von Minute zu Minute wurde er ver⸗ gnügter. Als wir schließlich gemeinsam den Heimweg betraten, erzählte mir Gottlieb im Vertrauen, daß er sich heuer an seiner Schwieger⸗ mutter rächen wolle, er würde ihr, wie aus Versehen, zu Weihnachten eine Schnurr bart⸗ binde unter den Tannenbaum legen.
Ich habe ihn dringend gewarnt, aber wer nicht hören will, muß fühlen. Und ich fürchte, 111 5 arme Gottlieb Schulze sehr viel fühlen wird.
Zwei Weihnachten. 1
Der Fabrikant Anton Eyting war sehr schlechter Laune. Daß das auch gerade zum Feste kommen mußte! Aber seitdem er dem Jungen anf sein Drängen erlaubt hatte, den Fabrikbetrieb von der Pike auf zu lernen, hatte er einen Zug„nach Unten“ gezeigt, der dem Vater gänzlich zuwider war. Und nun gar sich in diese Buchhalterin zu verlieben und ein Verhältnis mit ihr anzuknüpfen! Und was hatte er auf die väterliche Ankündigung, er habe unverzüglich das Verhältnis abzubrechen, geantwortet:„Ich lasse das Mädchen nicht; denn Frauenliebe ist mir kein Handelsartikel.“ Und dabei hatte er den Vater mit einem starren Blicke angesehen; dem Blicke der Mutter. So hatte diese einst den Mann angeschaut, als sie entdeckt, daß er sie nicht aus Liebe, sondern wie so Viele, Viele, ihres Geldes willen geheiratet hatte. Aus Liebe heiraten! Lieber Gott, das hätte er einst auch können. Aber als ihm klar gemacht worden war, was das geschäftlich bedeute, nämlich das Unterliegen im Wettlauf um den Profit, da war er, der alte Eyting, der Stimme der„Klugheit“ gefolgt. Glück, innere Zufriedenheit, hatte ihm das ja freilich nicht gebracht. Schon jene Stunde, da er es der um des Geldes wegen geheirateten Gattin gestehen mußte, sie bedeutete einen Abgrund von Qualen. Und von da ab war jene Frau langsam dahingestorben.
Er blieb mit dem Jungen allein. Und nun war es mit diesem so gekommen. Wo er nur bleiben mochte? Die Arbeitsstunde hatte doch längst begonnen. a
Da öffnete sich die Portiere zu dem Kabinet des Chefs, ein Diener brachte einen Brief. Das war des Sohnes Handschrift. Mit un⸗ sicherer Hand öffnete der Alte das Schreiben. Die wenigen Zeilen lauteten:
„Mein lieber Vater! Da Du es mir ver⸗ sagt hast, als Dein Sohn und Dein Mitarbeiter meiner geliebten Braut mein Versprechen zu halten, ich Dir aber schon erklärt habe, daß ich
es halten werde, so habe ich Dein Haus zu
meinem tiefsten Bedauern verlassen müssen, um mir eine andere Existenz zu schaffen! Lebe wohl. Dein Sohn Karl.“
Schwer sank des alten Mannes Rechte mit dem Briefe auf seinen Schreibtisch. Nun war
er ganz einsam. Und übermorgen läuteten die
Glocken zu Weihnachten. II. Am zweiten Feiertag saßen Nachmittags in einem einfachen Stübchen der Vorstadt zwei weibliche Personen. Die jüngere, eine dunkel
fahte!
10 D o le sel
altere


