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Seite 4.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 51.
steht. Dienstag wird beantragt, die Censur über Ferri aufzuheben, der Antrag wird jedoch abgelehnt. Ferrt, der während der Abstimmung hinter einer Glasthüre steht, schlägt die Scheibe ein und schreit in die Kammer:„Die parla⸗ mentarische Korruption dauert fort!“ und ent⸗ fernt sich. Ob das Vorgehen Ferri's taktisch richtig und klug ist, kann von hier aus schwer beurteilt werden, doch scheinen nach verschiedenen Zeitungsmeldungen nicht alle unsere Genossen in der Kammer mit ihm einverstanden zu sein. Sicher ist der Kampf gegen das italienische ad- lige Ausbeutertum, das ungestraft die schlimm⸗ sten Verbrechen begehen konnte, kein leichter.
Krieg in Südafrika.
Ueber die Lage auf dem Kriegsschau— platze liefen in den letzten Tagen recht wider⸗ spruchsvolle Nachrichten ein. Während einer⸗ seits Maßnahmen gemeldet wurden, die darauf schließen ließen, daß sich die Engländer mehr und mehr häuslich in Transvaal einrichten und die Buren zurückweichen, lassen andere Meldungen Fortschritte der Buren erkennen. So wurde die Aufgabe Rustenburgs durch die Engländer gemeldet. Dieser Ort, nur 90 Klm. westlich von Pretoria gelegen, sei geräumt worden, weil seine Versorgung mit Lebensmitteln zu große Schwierigkeiten mache! Das ist eine für die schwierige Lage der Eng— länder höchst bezeichnende Maßnahme.
General Botha soll sich im Zululand befinden und schwer verwundet sein. Er hätte einen Schuß in's linke Bein unterhalb des Knies erhalten; in dem Gefecht seien 80 seiner Leute gefangen worden und er selbst sei nur mit Mühe der Gefangenschaft ent⸗ ronnen. Nach einer andern Nachricht befände er sich an der Spitze eines bedeutenden Kommandos nordöstlich von Vryheid. Danach wäre er wieder auf dem Marsche nach Natal.
Ein Schlag für die Buren. Der Burenkommandant Ksuitzinger wurde, wie Kitchener aus Belfast meldet, verwundet und gefangen.— Weiter wird die Erstürmung eines Burenlagers durch die Engländer bei Dwaaifontein berichtet. Dabei scheinen aber die Buren wenig Verluste gehabt zu haben, nur die Pferde fielen in die Hände der Engländer.—
Der Burenführer Asset erklärte, sie könnten den
Krieg noch fünf Jahre fortsetzen, die Engländer wären dazu nicht im Stande.
In der belgischen Kammer inter⸗ pellierte der Sozialist Vander vel de über die Stellung Belgiens zu dem südafrikanischen Raub⸗ zuge. Am Schlusse seiner Rede legte er der Regierung die Frage vor, ob sie gewillt sei, der englischen Regierung den Vorschlag zu machen, diejenigen Frauen und Kinder aus den süd— afrikanischen Konzentrationslagern, die es wünschen, nach Europa zu befördern und zweitens die moralische Unterstützung und Mitarbeit ber übrigen Mächte zu verlangen. Er fragt ferner, ob, falls andere Mächte offizielle und freund—
schaftliche Vorstellungen unternehmen, sich die
belgische Regierung diesen anschließen werde.
Der Minister Favereau antwortete aus— weichend. Die Rede Vanderveldes habe gewiß alle tief bewegt, aber, nachdem England jede fremde Einmischung zurückgewiesen habe, sei es auch der belgischen Regierung nicht möglich, in dieser Angelegenheit vorzugehen.— Die Rechte versicherte den Buren ihre Sympathie, stimmte aber im ganzen der Regierung zu.—
* Von Uah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkretse sind uns jederzeit will⸗ kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit bet Uebermittelung von Nachrichten.— Wir
bitten, alle zum Druck besttmmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Hessisches.
— Auch die Main-Neckar⸗Eisen⸗ bahn ist nunmehr in preußische Verwaltung übergegangen. Denn etwas Anderes bedeutet es kaum, wenn der„Reichsanzeiger“ meldet: „Zwischen den Regierungen von Preußen, Baden und Hessen ist ein Staatsvertrag über die Ver⸗
—
einfachung der Verwaltung der Main⸗Neckar⸗
bahn abgeschlossen worden. Der Staatsvertrag wird den Landtagen der beteiligten Staaten zur Genehmigung vorgelegt werden.“
Die„Vereinfachung“ wird darin bestehen, daß Hessen und Baden nichts mehr zu sagen haben. Wenigstens machen das die bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiete sehr wahr⸗ scheinlich.
Gießener Angelegenheiten. Fröhliche Weihnachten!
Diesen Gruß und Wunsch von ganzen Herzen allen unsern Freunden und Parteigenossen! Nach vielen arbeitsreichen und mühevollen Tagen haben alle, die„mühsam nur ihr täglich Brot erbeuten“ ein paar Erholungstage wohl ver⸗ dient. Leider fehlt bei den meisten unserer Freunde das Nötige— Materielle— was zu glücklichen und fröhlichen Feiertagen unerläßlich ist. Dadurch wollen wir uns aber die Festes⸗ freude nicht verkümmern lassen; feiern wir froh das Fest der Wintersonnenwende; wenn auch unsere Festtafeln sehr bescheiden gedeckt sind, ausnahmsweise Genüsse uns versagt bleiben. In dieser Beziehung unterscheiden sich beim werkthätigen Volke die Feiertage kaum von den gewöhnlichen Werktagen! Unsere Aufgabe muß aber sein, dahin zu wirken, daß endlich kein Menschenkind mehr dem Hunger, dem Froste, dem Elend schutzlos preisgegeben ist, sondern daß alle vollen Anteil an der Weihnachtsfestes⸗ freude nehmen können! Freude müssen wir darüber empfinden, wenn wir die stetigen Fort⸗ schritte beobachten, die wir auf dem Wege zu diesem Ziele machen. Das muß uns zu neuen Kämpfen ermutigen, uns hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lassen, anregen, mehr als bisher einzutreten für Gerechtigkeit, wirtschaftliche und politische Freiheit, Wohlfahrt der Gesammt⸗ heit! In diesem Sinne Fröhliche Weih⸗ nachten! Festliche Veranstaltungen arangiren in Gießen für die Feiertage die Sch nei⸗ der u. der Gesangverein„Eintracht“. Erstere halten ihre Weihnachtsfeier am 1. Feiertage im Lokale Orbig ab, der Arbeitergesangverein am zweiten Feiertage bei Albold im„Gam⸗ brinus“. Die Veranstaltungen erfreuen sich stets eines zahlreichen Besuches.
— Im Gießener Stadttheater wurde am Mittwoch Björnsons Drama: „Ueber unsere Kraft“ gegeben. Der wahrhaft großartigen, ergreifenden und ein⸗ drucksvollen Dichtung brachte das Gießener Publikum leider nicht das nötige Interesse ent⸗ gegen, der Besuch war sehr mangelhaft. Auf den Inhalt des Stückes werden wir im Unter⸗ haltungsteile einer der nächsten Nr. zurück⸗ kommen. Gespielt wurde im Allgemeinen vortrefflich.— Viel stärker war der Besuch bei den Tegernseern, die am Donnerstag ihre Gastspiele mit„Dem Millibäuerin von Tegernsee“ begannen.
— Auf der Straße gestorben. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag wurde ein gut gekleideter Fremder in der Nähe der Krofdorferstraße in fast erstarrtem Zustande aufgefunden. Zwei hinzugekommene Arbeiter trugen ihn in eine nahe Wirtschaft und suchten ihn im Verein mit andern Personen durch Anwendung zweckmäßiger Mittel wieder zu sich zu bringen. Das gelang leider nicht vollkommen; als ihm die sofort herbeigerufene Polizei nach der Klinik überführte, war er noch nicht zum Bewußtsein gelangt und starb dort schon bald nach seiner Einlieferung. Der Verstorbene war, wie seine Papiere aus— wiesen, ein Kolporteur aus Leipzig, namens Dickhaut.
Aus dem Rreise gießen.
— r. Aus Heuchelheim. Bei der Bei⸗ geordnetenwahl ging der bisherige Beige— ordnete Volkmann als Gewählter aus der Urne hervor. Er erhielt nur 16 Stimmen mehr als der von unsern Genossen aufgestellte Gorr, auf welchen 152 Stimmen fielen. Von den An⸗ hängern Volkmanns war verbreitet worden, daß Gorr eine Wahl nicht annehmen werde und, da das Gerücht vielfach Glauben fand, blieb
ein Teil unserer Genossen der Wahl fern. Das
ist ein großer Fehler; hier wäre mit Leichtig⸗ keit der Wahlsieg zu erringen gewesen.
Aus dem Nreise sriedherg⸗Püdingen.
— Eisenbahner⸗Klagen. Mit Bezug auf unsere in Nr. 49 veröffentlichte Notiz, worin die Verhältnisse der Stationsverwaltung Fried⸗ berg und besonders das Verhalten des Stations⸗ vorstehers ein wenig beleuchtet wurden, erhalten wir von einem Friedberger Eisenbahner folgende Zuschrift:„Herr Redakteur! Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen meinen Dank ausdrücke, für Ihre Mitteilung unserer Verhältnisse. Sie haben uns aus dem Herzen geredet, wir müssen nur schweigen, uns ist der Mund geschlossen. Wir könnten noch Viel, Viel erzählen. Sie sollten nur einmal Hehe sein, wenn sich die Kollegen ihr Herz gegenseitig ausschütten; früher gab es viel weniger Anlaß zu Klagen. Gegen die Feste hätten wir ja wenig einzuwenden, wenn wir nur nicht immer das Gegenteil erleben würden, von dem, das dort gesagt wird. Zum Schlusse noch eine Mitteilung, die vielleicht auch zur richtigen Würdigung beitragen kann. Ein Kollege von uns wurde kürzlich nach hier versetzt. Er ist katho⸗ lisch, seine Frau und sein Kind, das an dem früheren Wohnort schon in die Konfirmanden⸗ stunde gegangen sein soll, evangelisch. Nun be⸗ kommt mit einemmale das Kind katholischen Unterricht, um getauft zu werden. Ob der Junge zu Ostern auch an die Bahn soll? (Bei Einstellung von Arbeitern ꝛc. bevorzugt der Stationsvorsteher nämlich gläubige Katho⸗ liken, wie in der oben erwähnten Notiz behauptet wird. D. Red.) Darüber sind wir alle em⸗ pört. Wir haben nichts gegen unsere katholischen Kollegen, aber der ganze Zustand, der jetzt hier herrscht, ist unerträglich, weil einseitig und un⸗ gerecht vorgegangen wird. Wir wären alle froh, 1 einmal die Direktion sich ins Mittel legen würde.“
Wir haben diese Zuschrift dem Sinne nach wiedergegeben, weil wir uns wohl in das ab⸗ hängige Verhältnis eines Bahnangestellten hin⸗ eindenken können, das ihn von Beschwerden gegen seinen Vorgesetzten absehen läßt. Aber wir meinen anderseits doch, das es nichts schaden könnte, wenn sich die Eisenbahner ein wenig mehr Rückgrat anschaffen und, wenn sie zu klagen Veranlassung haben, sollen sie diese doch an geeigneter Stelle vorbringen. So liegen doch heute die Dinge nicht mehr, daß zahlreiche Beamte und Arbeiter sich alles Mögliche von einem untern Beamten gefallen lassen müßten.
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Die Einwohnerzahl der Stadt Wetzlar beträgt nach der neuesten Aufnahme 9043 Personen. Unter den Er⸗ wachsenen zählte man 2896 männliche und 3355 weibliche Personen.
h. Der Mörder des Schreiner⸗ meisters Haupt wurde am Montag von dem Schwurgericht in Limburg abgeurteilt. Er er⸗ hielt 12 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust. Die Beratung der Geschworenen dauerte nur wenige Minuten, ebensowenig Zeit brauchten die Richter zur Ausmessung der Strafe. Der mehrfach vorbestrafte Angeklagte gab an, in Notwehr gehandelt zu haben, das konnte er aber nicht beweisen, ist auch nach Lage der Sache nicht wahrscheinlich. Daß der Mensch von un⸗ glaublich roher Gesinnung ist, beweist, daß er früher einmal einer lebendigen Katze das Fell abgezogen hat, weshalb er auch verurteilt wurde. Deshalb wird ihn wohl auch niemand ob der schweren Strafe, die ihn nunmehr ge—⸗ troffen, bemitleiden.— Ist aber damit nun der entsetzliche Fall, der vor vier Wochen die Be— völkerung Wetzlars und Umgebung erregte, er! ledigt? Jeder vernünftige, denkende Mensch wird sich sagen müssen, daß, wenn man Roheit und Ver⸗ brechertum wirksam bekämpfen will, man zuerst das Kulturniveau des Volkes heben, für bessere materielle Lage, mehr Bildung und bessere Er⸗ ziehung sorgen muß. Solange aber der Mordspatriotismus blüht, für Kulturauf, 10 kein Geld vorhanden ist, die„besseren kreise den Duellmord pflegen und als notwend⸗
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