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Nr. 51.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

Gefängnisstrafen von 14 Monaten bis herab zu drei Wochen verurteilt.

Drei Jahre Zuchthaus und viele Jahre Gefängnis wegen eines einfachen Krawalls! Die Richter von Löbtau haben Schule gemacht; man hat bereits seit einiger Zeit aufgehört, diese surchtbaren Bluturteile gegen Streikexcesse zu zählen. Mit Unrecht; denn hier liegt eine Recht⸗ sprechung vor, von der es mindesten zweifelhaft st, ob sie vom Gesetzgeber gewollt war.

Der alte Zusammenrottungs⸗ und Aufruhr⸗ paragraph, schreibt dieLeipz. Volksztg., ist gedankenlos aus den bundesstaatlichen Straf⸗ lechten in das deutsche Strafgesetzbuch herüber⸗ genommen worden. Man dachte dabei an Re⸗ hellion und Revolution die umstürzlerischen Zweck berfolgten, wie dies auch die Bezeichnung des Delikts alsLandfriedensbruch andeutet. Heute stellt man jeden harmlosen Straßenauflauf, wo⸗ hei es ein paar blutige Köpfe giebt, unter diese Anklage, und mit besonderer Vorliebe packen die Staatsanwälte Ausschreitungen bei Streiks und lassen die Exc edierenden als Aufrührer und Rädelsführer zu Zuchthausstrafen verurteilen. Der§ 125 des Reichsstrafgesetzbuches ist von der Indikatur des allerneuesten Kurses zu einem bückenbüßer der infam abgethanen Zuchthaus⸗ horlage aufgeputscht worden; ebenso wie eine gewisse Justizerei auch andere allgemeine Straf⸗ borschriften zu speciellen Streikverhinderungs⸗ gesetzen umgedeutet hat. Wir erinnern nur an hie perfide Auslegung der Erpressungspara⸗ sraphen gegen die Geltendmachung von Streik⸗ sorderungen.

Weil dieses Delikt durch die Schwurgerichte zur Aburteilung kommt, muß die Arbeiterklasse hesonders darunter leiden. Denn die Geschworenen urteilen aus ihren Klassenvorurteilen heraus; un Streikender erscheint ihnen als ein ganz hesonders verwerfliches Wesen. Die Arbeiter- schaft wird in diesen Verurteilten Opfer des klassenkampfes erblicken.

Vom Junker Arnim.

Wie es in der Heimat des Grafen Arnim jussteht, der bei der Aeußerung Bebels über das hungernde Kind in Köln den für seine moble Gesinnung charakteristischen Zwischen⸗ uf:Der Vater wird wohl alles versoffen haben machte, zeigt eine Mitteilung, die dem Vorwärts von einem Herrn zuging, der sich m letzten Sommer in Bad Muskau das dem Grafen gehört aufgehalten hat. Er gabe sich, sagte der Briefschreiber, über die rüden, herabgekommen aussehenden kinder, die die Badegäste anbettelten, gewundert. Auf die wiederholte Frage an solche stinder, ob sie Eltern besäßen, antworteten sie, der Vater arbeite bei dem Grafen. Auf die weitere Frage, was der Vater an Lohn bekäme, habe er Auskunft erhalten über Löhne, nie allerdings erklärten, warum die Kinder die Badegäste anbettelten. Der Graf Arnim ei in Muskau wegen seines Geizes im schlimmsten Ruf, selbst bei den Beamten ufreue er sich keiner Beliebtheit, die Arbeiter lber hegten die schlimmsten Gefühle gegen ihn vegen des herrischen Tones, den er gegen e anschlage, und wegen der erbärmlichen Löhne, die er zahle. a

Man sieht, ein Junker wie er im Buche leht. Und für solche Gesellschaft blöken die intisemitischen Kälber um höhere Zölle!

Englische Bestialitäten im Burenkriege. Daß im Kriege der Mensch verroht, die Bestie

n ihm zum Vorschein kommt, ist eine alte Er⸗

ahrung. Die Geschichte aller Kriege zeigt auch, baß von allen Nationen mehr oder weniger Frausamkeiten verübt wurden, mögen sie nun nit oder ohne Wissen und Willen der Heer⸗ ihrer geschehen sein. Die Verbrechen aber, die von Seiten der englischen Soldateska in Südafrika nach glaubwürdigen Schilderungen gangen wurden, sind gräulicher, als alles, das aus den Kriegen der letzten Jahrhunderte ir Scheußlichkeiten bekannt wurde. Jetzt ühebt ein früherer Staatsbeamter von Trans⸗ bal, Dr. Vallentin neue furchtbare Anklagen Igen die englische Kriegsführung. Dieser Mann

kämpfte unter Dewet und Schremann gegen die Engländer; er schildert die Grausamkeiten gegen Gefangene und gegen wehrlose Frauen und Kinder. Namentlich hinsichtlich des letzteren Punktes erhebt er Anklagen von einer Schärfe und Tragweite, wie sie bisher noch nicht laut geworden sind, obwohl man sich ohne weitere Phantasie das erschütternde Schicksal selbst aus⸗ malen kann, dem die Frauenwelt der Buren in ihrer, dem Hunger und einer zügellosen Söldner schaar preisgegebenen Lage ausgesetzt ist. Er nennt es eine Thatsache, daß bis jetzt 25 pCt. sämtlicher Burenfrauen und Mädchen in Transvaal und im Freistaat von britischen Ofstzieren und Soldaten vergewaltigt sind, darunter Mädchen von zehn Jahren.

Ein früherer Mitkämpfer der Buren, La⸗ 15 erzählt aus eigener Anschauung Folgen⸗

es:

Ich erwähne jetzt nur ein bestimmtes Lager bei Irene, etwa 9 Mellen von Pretoria. Alle weiblichen Personen von 12 Jahren aufwärts werden hierher gebracht und wie Vieh zusammengetrieben. Ab⸗ wechselnd werden mehrere von ihnen, in kleinen Haufen, nach Pretoria geschafft für unzüchtige Zwecke und werden hier unter Anwendung von Gewalt und Zwang, durch Entziehung von Nahrung und anderer Torturen, gefügig gemacht. In Pretoria werden sie von englischen Offizieren und Mannschaften in brutalster, unmenschlicher Weise benutzt. Diese behalten die unglücklichen Mädchen solange dort, bis letztere thatsächlich unbrauchbar sind. Sie lassen sie hierauf nach dem Lager Irene zurück⸗ bringen und sich von da frischesMenschenfleisch kommen. All' dieses geschieht ganz öffentlich und Jedermann, Ofsizier und Soldat, hat Kenntnis davon. Sogar Kitchener weiß davon. Oftmals gelangten einzelne Mädchen auf irgend welche Weise zu uns zurück, Mädchen von 16 Jahren, mit schneeweißem Haar, gleichsam als ob sie das Leben eines Jahrhunderts hinter sich hätten.

Muß sich nicht jedes fühlenden Menschen ein heiliger Grimm bemächtigen über die elende, viehische Mörderbrut, auch wenn nur ein Zehntel des hier Erzählten auf Wahrheit beruht? Muß uns nicht die Schamröte in's Gesicht steigen, daß solches heute überhaupt noch möglich ist, ohne das die gesamte Kulturwelt sich wie ein Mann dagegen erhebt und den Bestien das Handwerk legt? Aber das kultivierte Europa schaut den Henkern mit verschränkten Armen zu! Wenn es aber eingreifen wollte? Höhnisch würde England erwidern: Kehrt vor eurer eigenen Thüre! Und die übrigen Kulturna⸗ tionen müßten schweigen. Siehe China und frühere ähnliche Kreuzzüge.

Andere Berichte werfen übrigens den Buren ebenfalls Grausamkeiten vor. Das wäre sehr erklärlich, der privilegirte Massenmord wird eben auf jeden Menschen seine unheilvolle Wirkung ausüben. Aber dieser Massenmord ist ein Bestandteil unserer heiligen, gottgewollten Ordnung, ein vaterlandsloser Umstürzler ist, wer dagegen auftritt.

Dreschgraf Pückler

scheint nun vollkommen dem Wahnsinn verfallen zu sein. In einer am Freitag in Berlin statt⸗ gefundenen Versammlung kündigte er den Juden wiederum ein allgemeines Blutbad an. Mit hoch erhobenen Händen stand er auf dem Podium und rief:Ich sehe das rote Blut rieseln, von den Palästen, von den Theatern, von den Börsenhallen. Die Glocken schlagen dumpf zusammen sie läuten zum Sturm. Der Weg zum Frieden geht durch Ströme von Blut! Wehe, Israel, wehe!

Mit Recht sagt dazu derVorw.: Derartige Hallucinationen(Wahnvorstellungen) sind das unverkennbare Zeichen hereingebrochenen Wahn⸗ sinns. Die antisemitische Menge, die das natür⸗ lich nicht zu wissen braucht, brachte dem Be⸗ dauernswerten förmliche Ovationen dar. Und der Abgeordnete für Alsfeld⸗Lauter bach, Bindewald, zieht mit dem Verrückten in der Welt herum, läßt ihn für Geld sehen.

Wäre ja eine nette S ittenpolizei.

Fast unglaublich erscheint, was bei einer Gerichtsverhandlung in Dortmund eine angeklagte Kupplerin behauptete. Danach hätte ihr die Polizei selbst Frauenspersonen

zugewiesen, die kein Unterkommen finden konnten.

Die Verhandlung wurde sofort vertagt und die Sittenpolizei soll in der nächsten Verhand⸗ lung über diese ungeheuerliche Behauptung be⸗ fragt werden. Was für ein ausgezeichnetes Geschäft übrigens die Besitzer und Inhaber der Bordellhäuser machen, wurde in der Ge richtsverhandlung gleichfalls festgestellt. Das Haus hatte 36000 Mk. gekostet und war für eine jährliche Miete von 9100 Mk., oder täg⸗ lich 25 Mk., an die Bordellwirtin vermietet, die drei Mädchen beherbergte, die je 15 Mk. Miete täglich geben mußten.

Wahlsiege

erfochten unsere Genossen in Düsseldorf und Würzburg bei den Gewerbe⸗ gerichtswahlen. Als Beisitzer bei dem Düsseldorfer Gewerbegericht waren am letzten Mal die Kandidaten der Christlichen gewählt worden. Auch in dem schwarzen Würzburg stegten die Gewerkschaftskandidaten auf der Arbeitnehmerseite über die der Christlichen.

Die Wahl iu Wiesbaden.

Nach der am Sonntag erfolgten amtlichen Feststellung der Reichstagsstichwahl vom 11. Dez. erhielte der freistinnige Dr. Crüger 14902, unser Genosse Dr. Quark 11346 Stimmen. Unsere Stimmen stiegen also gegen die Stich⸗ wahl von 1898 um beinahe 1000, damals er⸗ hielten wir 10 499(in der letzten Nr. war die Zahl unrichtig wiedergegeben;) Die Frei⸗ sinnigen hatten bei den Hauptwahlen 15 205 Stimmen in der Stichwahl, gingen also um 300 zurück.

Kommunalwahlsiege.

Bei den Stadtverordneten⸗Nachwahlen in Schöneberg bei Berlin gewannen unsere Genossen noch zwei Sitze. Im Ganzen ver⸗ fügt die Sozialdemokratie über sechs Man⸗ date in dieser Stadt. In Wiesbaden unterlag zwar Ende voriger Woche bei der Stichwahl unsere Liste der gegnerischen, doch ist ein Sozialdemokrat gewählt; in Wies⸗ baden das erste Mal.

Sozialdemokratische Kreistags⸗ delegirte.

Wie wir bereits in der letzten Nr. erwähn⸗ ten, haben am 14. Dezember die Wahlen der Kreistagsabgeordneten für den Kreis Offenbach durch die Stadtverordneten in Offenbach statt⸗ gefunden. Gewählt wurden die Genossen Eißnert, Stadtmüller und Ulrich auf 6 Jahre, Herr Brink auf 3 Jahre. In Hessen sind die genannten Parteifreunde die ersten so⸗ zialdemokratischen Vertreter in einem Kreisaus⸗

schusse.

Seltener Minister.

Neulich machte der Staatsminister Hentig von Sachsen⸗Koburg⸗Gotha dadurch von sich reden, daß er sich in einer Erklärung im Gothaischen Landtage gegen die Zollerhöhung gewandt hatte. Jetzr hat der Mann sogar das ihm verliehene Adelsprädikat abgelehnt. In unserer Zeit der Titel⸗ und Ordenssucht ist das immerhin eine Seltenheit.

Zu erregten Scenen

kam es in den letzten Tagen in der ital ie⸗ nischen Kammer. Sozialist Ferri hat in der letzten Sitzung voriger Woche bei Besprechung der Korruption in Süditalien gesagt, in Nord⸗ italien sei das Verbrechen die Ausnahme, in Süditalien sei es die Ehrlichkeit. Daraufhin entstand ein großer Lärm, und die Sitzung mußte infolge dessen rasch geschlossen werden. In der Montags⸗Sitzung forderte der Präsident Ferri auf, seine Aeußerungen zurückzunehmen, dieser weigert sich jedoch und erklärt, es werde niemanden gelingen, ihn zur Zurücknahme seiner Worte zu bewegen.

Unter großem Lärm wird über Ferri die Censur verhängt, d. h. von der Sitzung aus⸗ geschlossen. Er weigert sich jedoch, den Saal zu verlassen, worüber aufs neue Tumult ent.

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