Ausgabe 
22.12.1901
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung.

sie ihren Anteil, ihren vollen Anteil vom Tische des Lebens fordert. An diesem Tag wird die Freude zu uns kommen. Die Freude, deren wir alle bedürfen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir wollen Licht und Behagen in unsern Wohnungen haben und Anregung und Daseinslust, wenn uns die Feierstunde zu⸗ sammen führt. Wir wollen nach dem Gebot des Dichters leben:Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste!.

Und eine Weihenacht wird dann kommen, in der das Licht aus allen Häusern strahlt und der harzige Duft der Weihnachtstanne alle Heimstätten durchhaucht. Und in dieser Nacht wird der Heiland der Gerechtigkeit und der Liebe geboren werden. Ein Freuen wird sein allüberall!

Friede auf Erden und den Meuschen ein Wohlgefallen! Henriette Fürth.

Vom Zolltarif.

Vorläufig ist nun also der Tarifentwurf der Kommisston zur weiteren Behandlung über⸗ geben, worin er sicher bis zum Sommer nächsten Jahres bleiben wird. Was schließlich daraus werden wird, ob die Agrarierwünsche befriedigt oder der Brotwucher abgewehrt wird, kann nie⸗ mand voraussagen. Man weiß eben nicht wie der Hase läuft; auch die Agrarier sind noch durchaus nicht siegessicher. Unsere Genossen sind auf dem Posten. Sie allein traten den junkerlichen Raubgelüsten mit der nötigen Ent⸗ schiedenheit entgegen.

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Was bringt der neue Zolltarif ein?

Staatssekretär Graf Posadowsky hat be⸗ rechnet, daß die Zölle nach dem geltenden Tarif 9,04 pCt. vom Einfuhrwert der Waren aus⸗ machen und nach der Vorlage 12,2 pCt. betragen würden. Das wäre also ein Plus von 3,16 pCt. Da der Einfuhrwert 1900 6043 Millionen Mark betrug, so berechnet Graf Posadowsky da⸗ nach eine Mehreinnahme an Zöllen im Betrage von rund 192 Millionen Mark. Es ist begreiflich, daß die Leute, denen für Militär und Marine nie genug Geld in den Kassen ist, sich nach diesem fetten Bissen die Finger lecken.

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Zum Verfassungsbruch sucht ein Bünd⸗ ler, Herr v. an die Regierung anzu⸗ reizen. Dieser Mann, der eine Führerrolle im Bunde der Landwirte in Westpreußen spielt, er⸗ klärte in der Sitzung der westpreußischen Land⸗ wirtschaftskammer, daß für die vier Hauptge⸗ treidesorten an einem Minimalzolle von 7,50 festgehalten werden müsse, soweit nicht andere Staaten höhere Sätze aufstellen. Herr v. Oldenburg erklärte, wenn diese Wünsche nicht berücksichtigt würden, so sei die Ablehn⸗ ung der Vorlage das kleinere Uebel. Er erörterte auch die Auflösung des Reichstags im Falle einer Ablehnung des Zolltarifs. Er erklärte dabei, daß eine Auflösung nur dann

Erfolg haben könne, wenn die Regierung die

Kraft und den Willen habe, mit einer Sus⸗ pendirung der Verfassung zu rechnen(). Das patriarchalische Verhältnis sei für das Land no wendig. Die Leute müßten das Vertrauen zu ihren Herren haben, den zu wählen, den der Herr wolle. Es ist recht erfreulich, mit welcher Offenheit die Herren Agrarier die Durch⸗ führung ihrer Wucherpläne verfolgen. Eine Empfehlung des Verfassungsbruches für den Fall einer Reichstagsauflösung geniert diese Herren gar nicht. Wir wünschen nur, daß die 1 1 55 bei ihrer Ansicht vomkleinen Uebel bleiben.

Der Zolltarif im Neichs⸗ tage.

Aus Singers Rede zum Zolltarif.

Wie Bebels Rede in der ersten Woche, so stellte die Rede unseres Genossen Singer in

der zweiten den Höhepunkt der Debatte dar. Beide Redner sind sehr von einander verschieden. Flammendes Pathos bei Bebel, während Singers Rede ruhig dahinfließt; trotzdem verfehlte die scharfe Polemik und der eisige Hohn auf die scheinheiligen Brotwucher⸗ argumente seine Wirkung nicht. Singer brachte zu dem bereits von allen Seiten erörterten Gegenstande noch neue Gesichtspunkte vor, am Schlusse der Debatte keine Kleinigkeit. Wir können nur leider einzelne Stellen der Rede wiedergeben; darin werden aber die Gründe der Brotverteuerung und ihre Angriffe auf die Sozialdemokratie treffend zurückgewiesen. Unser Genosse wandte sich zunüchst gegen den Grafen Kanitz.

Der Vorredner schilderte uns die Schädlichkeit der Eisenzölle. Mein Freund Bebel hat sich ausdrücklich gegen die Eisenzölle erklärt. Es ist nicht wahr, wenn behauptet wird, wir seien in jedem Falle für den In⸗ dustriestaat, und es ist auch nicht richtig, daß man uns als Feinde der Landwirtschaft hinstellt. Wir sind ge⸗ willt, Mittel zur Verbesserung der kleinen Landwirte und namentlich der Landarbeiter und die gehören doch auch zur Landwirtschaft! zu bewilligen. Wir wollen nicht nur die Hand bieten zur Hilfe für die Reichen in der Landwirtschaft und wollen nicht dulden, daß die Armen in der Landwirtschaft aus⸗ gebeutet werden zu Gunsten der 25 000 Großgrund⸗ besitzer. Was wir bekämpfen, das ist, daß unter dem falschen Schlagworte:Not der Landwirtschaft den agrarischen Prinzen und Grafen geholfen werde, die allein den Nutzen aus dem Zolltarif haben. Der Bund der Landwirte will die Industriezölle bewilligen, wenn sie die Landwirtschaftszölle bekommen. Das ist aber die Solidarität der Räuber.(Große Unruhe rechts, Sehr richtig! links.) Graf Kanitz hat uns das Elend aus London vorgeführt. Wer von uns hat denn dieses Elend bezweifelt? Wir wissen genau, daß auch in den Industriestaaten Massenelend existiert, wir wissen aber auch, daß dies die Folge der Produk⸗ tionsverhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft ist und wenn Graf Kanitz auf dieses Massenelend hin⸗ gewiesen hat, so hat er ebenso wie mein Freund Bebel damit bewiesen, daß die bürgerliche Gesellschaft nichts taugt und daß sie beseitigt werden muß. Graf Kanitz weiß doch auch ganz genau, daß auch in den Agrar⸗ provinzen Not und Elend vorhanden ist. Erinnert er sich nicht mehr an die Hunger⸗Revolte im Jahre 1893 in seiner Provinz? Weiß er nichts von der Hungersnot in Ostpreußen im Jahre 1867, weiß er nicht, daß in dem Agrarstaat Rußland permanente Hungersnot herrscht? Gerade in dem bestehenden Massenelend wurzelt ja die Sozialdemokratie. Graf Kanitz sagt, die Landwirtschaft wolle ihren Arbeitern höhere Löhne zahlen und gerade dazu brauche sie die Getreidezölle. Aber sie klagen doch gerade deshalb über den Industriestaat, weil er ihnen die Löhne verteuert, das ist doch ein arger Widerspruch; außerdem ist auch die ganze Behauptung, daß die Höhe der Löhne von der Höhe der Lebensmittelzölle abhänge, ganz falsch. In England und Amerika, wo keine Lebensmittelzölle bestehen, sind die Löhne viel höher als bei uns in Deutschland. Wir wollen keine künst⸗ liche Verteuerung des Brotes und weil wir meinen, daß durch die Erhöhung der Lebensmittelzölle, wie sie dieser Tarif vorsieht, das tägliche Brot der breiten Massen des Volkes verteuert wird, darum sind wir gegen diese Zölle trotz der philosophischen Ausführungen des Grafen Kanitz.

Dann stellte Singer den frivolen Zwischenruf des Grafen Arnim noch in das richtige Licht und zeigte, daß die Junker für das Elend der arbeitenden Klassen nur Hohn und Spott haben. Die Behauptung eines Zentrumsredners, bayrische sozialdemokr. Abgeordnete hätten sich für die Erhebung städtischer Oktrois in Nürnberg und Fürth ausgesprochen, weist er als durchaus unrichtig nach. Ferner zeigt er noch an den Zahlen der Reichstagswahlen daß die Mehrheit der Bevölkerung auf der Seite der Zollgegner steht. Wohl hätten die Zöllner die Mehrheit im Reichs⸗ tage, aber nicht im Volke! Dann wandte sich Singer gegen den hessischen Lederkönig und Agrarier:

Herr v. Heyl hat nun auf unseren Mainzer Partei⸗ tag hingewiesen und sich einverstanden erklärt mit der Auffassung, die unser Freund Calwer dort in Bezug auf die deutsche Zollpolitik gegen Amerika ausgesprochen hat. Eine harte Strafe für Calwer. Aber Herr von Heyl hätte doch wirklich aus dem Mainzer Protokoll weiter feststellen sollen, daß alle übrigen Redner dort sich gegen die Calwerschen Ausführungen gewendet haben. In seiner grundsätzlichen Auffassung der Zoll⸗ und Handelsvertragspolitik ist Calwer in der Partei gänzlich isoliert.(Ruf bei den Nationalliberalen: Schippel!) Vielleicht teilt noch Kollege Schippel die Calwersche Ansicht. Aber es ist doch ein starkes Stück, diese unsere beiden Freunde hier zu zitieren, von denen

ö 0 00 Herr v. Heyl 4 gig ganz genau weiß, daß sie in Bezug auf scgter die Lebensmittelzöue durchaus einig mit uns sind. d 115 Calwer und Schippel sind genau in demselben Grade 11 fen wie wir alle gegen jede Erhöhung der Lebens mittel- fle N zölle und es ist nicht berechtigt, ihnen aus dieser Haltung le. 9 einen Vorwurf zu machen. Wir müssen wiederholt be⸗ hun tonen, daß für die Haltung unserer Partei die Parteibe⸗ 65 0 fte b schlüsse maßgebend, sind ganz gleichgültig, welche Auffassung Ou alt der einzelne hat. Es wäre wahrhaftig sachlicher und wür⸗ aarobh, diger, wenn Sie die Beschlüsse unserer Partei zum Gegenstand 5 ukenlos Ihrer Betrachtungen machen wollten. Die Vertreter der 1 en in. Mehrheitspaarteien nennen sich so gernstaatserhaltene 110 men Parteien; allerdings Sie sind solange staats⸗ 10 und erhaltend, als Sie vom Staate etwas e erhalten.(Große Heiterkeit links). Für dise g 5 Grenzen Ihrer Regierungsfreundlichkeit bieten die Dult d Aeußerungen besonders der agrarischen Presse ein reiches l mal Material. Die Bündler sagen z. B. in einem Flug- 68 eil blatt:Wenn die Regierung den deutschen Bauernstand lage, nicht schützt, so sägen die deutschen Fürsten und ihre Elaats Regierungen den Ast ab, auf dem sie sitzen. Sie 10 lassen (nach rechts) ereifern sich immer ganz besonders, wenn Jidelesähr Sie auf die Internationalität der Sozialdemokratie zu 1 8 121 reden kommen. Nun, wir werden als dieRote. gik Internationale bezeichnet, und sie stellen die Grüne enbüße Internationale dar. 10 1 Fortsetzung der Singerschen Ausführungen folgt in 0 0 9 nächster Nummer. ee 242 Aae un Politische Rundschau. guphen g. e alberunge Gießen, den 19. Dezember. 15 eu Aburt Krise und Arbeitslosigkeit. feeds Arbeiterentlassungen infolge schlechten Ge. nul g schäftsganges werden jetzt aus allen Ecken und n Etteit Enden gemeldet. In den verschiedensten In⸗ anders dustriezweigen, besonders aber in der Metallin⸗ acht wir dustrie macht sich die Stockung Hemerkbar. Fanta Vorigen Freitag fanden in Dres den und Um; gebung 22 Volksversammlungen statt, in welchen die herrschende Arbeitslosigkeit, das dadurch Wie verursachte Elend der Arbeiterbevölkerung ne! nich das Verhalten des Dresdener Stadtrats und ag, des sächs. Landtags dazu erörtert wurden. In allen diesen Versammlungen, die überfüllt waren, bezeichneien die Redner die Krise als Folge der kapitalistischen Ordnung und betonten die Unfähigkeit der heutigen Gesellschaft und ihren Mangel- an gutem Willen die Arbeitslosigkeit

zu beseitigen. Angesichts dieser Zustände nimmt es sich fast komisch aus, daß die Berliner Polizei die von der Buchhandlung Vorwärts herausgegebene WeihnachtszeitungArbeitslos in ca. 30000 Exemplaren wegen Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten konfiszierte. Hätte die Polizei lieber die Arbeitslosigkeit felbstverboten!

Unternehmerfrechheit.

Aus Lübeck wird ein Fall von Unter⸗ nehmerwillkür berichtet, der wirklich alles in den Schatten stellt, was sich das Ausbeutertum seinen Arbeitsbienen gegenüber bisher erlaubte. Kochs Schiffswerft hat nämlich 600 Arbeiter auf fünf Tage ausgesperrt, weil sie ohne Erlaubnis der Werftleitung an dem Begräbnis eines verunglückten Mitarbeiters teilgenommen hatten. Zweifel⸗ los haben die Arbeiter die Erlaubnis nachge⸗ sucht, warum sie verweigert wurde, bedarf noch der Aufklärung. Wie dem aber auch sei, dieses Vorkommnis zeigt wieder, wie die Unternehmer die Uebermacht, welche ihnen die jetzige Krise über die Arbeiter verleiht, in brutalster Weise ausnützen. Sie brauchen sich nicht zu wundern, wenn die dadurch aufgehäufte Erbitterung in bessern Zeiten zum Durchbruch kommt und un⸗ angenehme Folgen für sie zeitigt. Wie können sich die Arbeiter erlauben, einem Kollegen die letzte Ehre zu erweisen? Was kümmert den Kapitalisten ein Arbeiter? Es giebt ja genug.

Ein Löbtauer Urteil.

Gelegentlich des Maurerausstandes im Kolberg(Pommern) war es im September zu einem Krawall gekommen. Dieserhalb standen am Samstag eine Anzahl Maurer vor dem Schwurgericht zu Cöslin. Einer der⸗ selben, Weidemann, wurde zu drei Jahren Zuchthaus, dreizehn andere Maurer zu

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