—Udqz— n=— 2 1—.
Nr. 51. Giessen, Sonntag, den 22. Dezember 1901. 8. Jahrg. Redaktion: Medaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Ußr
Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
—ññ—
Mitteldeuts che
ntags⸗
Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.
1 Inferae finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½/ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.
Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814)
8. II,
5 2 999900 une Honnenwende
Ne. 0————
* ischün Im Schmucke steht der Weihnachtsbaum, Drum freue heut sich Jung und Alt, Ihr Purpurmantel wogt und wollt, fc Hell strahlt der Lichterglanz im Raum Wenn dieser frohe Glücksruf schallt, Bald weicht vor ihrer Siegsgewalt
Das Heer der dunklen Mächte:
Und Jubel schallt der Kinder! Denn Sonne nur ist Leben!
—
2
— —
Wo bliebst du dunkles Schattenheer, Wo bliebst du graues Nebelmeer d Wer denkt noch an den Winter!
So rüttle nur an Thür und Schloß, Nicht lang ist deine Macht mehr groß, Bald muß dein Groll sich legen—
Die liebe Sonne kehrt zurück Und bringt uns Glück und Segen.
Den Frauen zum Weihnachtsfeste. An die Frauen!
Weihnachtsglocken klingen über das Land. In den Straßen drängt und stößt sich die Menge. Jeder will heim. Denn ein Viertel⸗ stündchen noch— und aus Palast und Hütte werden Tausende Lichter erglänzen, und Freude wird sein allüberall!—
Allüberall?—— Ach nein! Nicht jeder Sehnsucht entzündet sich der Christbaum der Freude. Am glänzend erleuchteten Schau⸗ fenster des Spielwarenladens steht ein armes Weib. Das blasse Kind an ihrer Hand jauchzt beim Anblick all der Herrlichkeiten da drinnen: „Mutter, wie schön! Wie schön!“ Aber der Mutter Augen leuchten nicht. Sie füllen sich mit Thränen, die heiß und schwer hernieder⸗ tropfen. Ach'! Daheim ist's dunkel und kalt—
Und durch's Gewühl der Straße tönt die heisere Stimme eines kleinen frostzitternden Jungen:„Lichtchen! Kauft Lichtchen!— Streichhölzer! Kauft!“— Ach! Wer kauft!
Weinende Mütter und verstoßene Kinder in der Nacht, die ein Fest ist der Mutterliebe und der Kindesfreude!
Und auch mir wird das Herz schwer und die Augen werden mir naß, und angstvoll frage ich! Warum?— Die Antwort kommt. Ein Flüstern erst und ein Raunen.— Aber dann schwillt's empor. Wie ein Sturmwind braust's einher—— Mit dumpfem Donnergrollen entringt sich's dem Schoß der Städte: Weil die Liebe starb, und die Ungerechtig⸗ keit in die Welt kam! Zwei Nationen bewohnen das Land. Sie kennen einander nicht. In hohen stolzen Palästen, in reichem Lebensgenuß die einen. Drunten in den Niede⸗ rungen des Lebens bei harter Arbeit die andern. Aber bei ihnen wohnt die Sehnsucht. Die Sehn⸗ sucht nach Licht und nach Freude.—
So tönte es mir in's Ohr, als ich in stiller Nacht hinabschaute in die Seele des Volkes.
Denn, Weihnacht kündet uns das Glück:
Sie kann mit ihrer hehren Macht Uns aus des Winters trüber Nacht Zu neuem Sein erheben!
Stets wenn der Baum im Lichtschein steht, Durch unser Herz ein Jauchzen geht,
Wir seh'n der Zukunft Helle—
Wir seh'n ein weites, goldnes Thor,
Die Weltensonne schaut hervor—
Der Sukunft Segensquelle!
Und ich sann und sann. Licht! Freude! Wo sind ste zu finden? Wer bringt sie dem Volke? Da dachte ich der Nacht, die den Hei⸗ land der Liebe geboren hatte. Ein armes ge⸗ knechtetes Weib war es, das ihn der Welt gab, seine Wiege stand in einer Hütte. Und Frauen — Mütter sind es, die ihn auf's neue gebären müssen. In Hütten wohnen auch sie und die ihnen anhängen sind arme Hirten, Knechte und Kreuzträger des Lebens, die aus Sehnsuchts⸗ tiefen beten, die mit Sehnsuchtaugen fragen, wann der Stern von Bethlehem, der die Gerech⸗ tigkeit ist und die Liebe, wiederum erstrahlen und die Welt mit unvergänglichem Glanz er⸗ füllen werde.
Diese Hirten und Kreuzträger— hört es wohl, Ihr Frauen des Volkes!— Eure Männer sind es, Eure Söhne, Eure Brüder. Ihr aber standet abseits. Ihr sorgtet für den Tag und sein kleines Bedürfnis, und aus Furcht, das Brot des Tages zu verlieren, ließt Ihr die Hoffnung der Zukunft verloren gehen. Ja, mehr noch! Ihr habt in kurzsichtiger Verblendung noch weit mehr gethan. Wenn Eure Männer in die Volksversammlung wollten, um zu hören, was zur Verbesserung Eurer Lage geschehen könnte, da habt Ihr sie zurück⸗
ehalten, wie und wo Ihr konntet. Gezetert
habt Ihr, wenn ein Groschen für die Zeitung und einer für die Gewerkschaft ausgegeben werden sollte.
„Was soll die Zeitung? Die hetzt nur! Wird's dadurch etwa besser in der Welt? Und die Gewerkschaft! Das kostet Geld und Geld und kommt nichts dabei heraus. Wir haben unser Auskommen und ist's nicht, viel, so ist's doch etwas, und wir leben doch!“
So und ähnlich habt Ihr gesprochen und wart schuld daran, daß sich die Männer ent⸗ weder mißmutig von den Gewerkschaften ab⸗ wandten, oder mit Zwang und Drang gerade
so viel thaten als sie eben mußten. Was aber
nicht mit Freude und williger Hingabe geschieht, das trägt keine Frucht.
8——
Der Weltensonne Glut und Schein Dringt in die Menschenherzen ein, Herr'n macht sie aus dem Knechte.
Sonnwend'! Fürwahr, an jenem Tag, Wenn unsre Herzen hebt ein Schlag
Und Alle steh'n zusammen:
Dann wird zur Wahrheit erst der Traum, Die Sonne strahlt im Erdenraum
Mit tausend Segensflammmen!
Frida Pritzlaff.
Nun aber ist schwere Zeit über das Land gekommen. Viele Maschinen stehen still, Tau⸗ sende sonst fleißiger Hände feiern. Andere Tausende haben Arbeit, aber der Lohn ihrer Arbeit wurde ihnen gekürzt. Ein Notgroschen ist nicht vorhanden, und noch ist das schlimmste nicht da. Der Winter mit seinen Schrecken übt unerbittlich seine Herrschaft aus und vor der Thüre steht der Zolltarif. Brot, Fleisch und alle sonstigen Nahrungsmittel wollen sie verteuern, dadurch nicht nur dem Lohnar⸗ beiter, sondern auch dem kleinen Landwirt die Ernährung seinee Familie immer mehr er⸗ schwerend. Warum das alles? Warum ist kein Notpfennig vorhanden und kein Damm aufge⸗ richtet gegen die Begehrlichkeit der Brotver⸗ teuerer, der Junker und Industriebarone?
Eure Schuld ist das, Ihr Frauen! Mitschuldig seid Ihr daran! Hättet Ihr die Männer nicht zurückgehalten, als sie in guter Geschäftszeit für besseren Lohn kämpfen wollten, hättet Ihr sie gewähren lassen und im Wahl ⸗ kampf dafür gewirkt, daß andere Leute in die Volksvertretung geschickt worden wären: es stünde besser um uns!
Denn seht— der Schutz des Schwachen und seine einzige Stärke ist die Vereinigung. Die Unternehmer sind stark durch ihren Besitz. In ihren Händen ruht das Geld, die mächtigste Waffe im Lebenskampf. Unser einziger Besitz aber und unsre beste Waffe zu⸗ gleich ist unsre Arbeitskraft, unsre vereinigte Arbeitskraft. Was ist und was bedeutet der einzelne? Sind wir aber Tausende und aber Tausende, dann wird unser gerechtes Begehren ein tausendfaches Echo finden. Darum hinein in die Gewerkschaften!
Nicht zurückhalten sollt Ihr Eure Männer, sondern anfeuern. Und hinein auch Ihr, Ihr Frauen, die Ihr Tag um Tag in die Fabrik geht. Organisiert Euch, denn auch Euer Heil ist der Zusammenschluß.
Und dann wird der Tag kommen, an dem die Arbeiterschaft ihre starke Hand auf die Güter
legt, die ihr starker Arm geschaffen hat, an dem
eee eee


