Ausgabe 
22.9.1901
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

wie er es gethan, indem er sich an den winzigen Ersparnissen eines Kindes bereichere und dazu noch weit weg von dessen Heimat das noch jugendliche Mädchen mittellos auf die Straße setzt, dann dürfe auf Geldstrafe nicht erkannt werden. Man dürfe sich auch nicht etwa be⸗ stimmen lassen, hier Milde walten zu lassen in Rücksicht auf die Folgen, welche durch eine ge⸗ rechte Strafe für den Angeklagten entstehen würden. Er bitte, auf eine vierwöchige Gefängnisstrafe zu erkennen. Das Urteil lautete wie angegeben. Das Strafmaß wurde mit den vom Ankläger hervorgehobenen Gründen gerechtfertigt. Geschieht ihm recht.

Das Organisationsstatut der sozialdem. Partei für Hessen und ebenso das Kommunalprogramm hat das Landeskomitee nun mehr redaktionell fertig ge⸗ stellt. Wegen Raummangel konnten wir es in dieser Nr. noch nicht abdrucken, sondern müssen es auf die nächste zurückstellen, ebenso den Schlußartikel über die Gewerkschaftsbewegung.

Aus dem Rreise gießen.

th. Die Gemeinderatswahl in Heuchelheim, die am Donnerstag stattfand, hatte eine recht rege Beteiligung aufzuweisen, auch unsere Genossen waren zahl⸗ reich zur Urne geeilt, wer es von den auswärts Arbeitenden ermöglichen konnte, hat gewählt. Leider wurde nur einer der von uns aufge⸗ stellten Kandidaten durchgebracht, die andern beiden blieben in der Minderheit, trotzdem sie eine ansehnliche Stimmenzahl erhielten. Gewählt wurde außer unsern Kandidaten J. Schleen⸗ becker, der 162 Stimmen bekam, L. Neidert mit 178 und G. Gilbert mit 174 Stimmen; ein dritter gegnerischer ebenfalls 158. Die Stimmenzunahme ist bedeutend; bei der letzten Wahl wurde Gen. Nibch mit nur 100 Stimmen gewählt. Unser Besitzstand im Gemeinderat bleibt derselbe.

h. Aus Daubringen. Die bevor⸗ stehende Gemeinderatswahl ist in der letzten Zeit Gegenstand lebhafter Besprechung in unserem Orte gewesen. Kürzlich unter⸗ hielten sich zwei Kleinbauern in der Wirtschaft ebenfalls darüber und ein Genosse, der das Gespräch anhörte, hat es nach seinem Ge⸗ dächtnis niedergeschrieben und möchte ihm als Stimmungsbild in unserm Parteiorgan weitere Verbreitung geben. Also Christoph fing an:

No Kasper, hoste dann doas ach schut gelease, woas neulich em Gäißer Ozeger gestanne hott?

Kasper:Nee, äch lease d Ozeger näit, äch lease mei Mettildeutsch, en do met basta. Viel gescheidts werds ach nett geweast sei.

Chr.:No doas will äch groad nait sah, doas woar sogoar sihr wichtig.

K.:No woas woarsch dann?

Chr.:Ei noh, die Ruhre häre zwi Kanditoate 5 zour Gemeeneroutswoahl woas hälste dann

ovo?

K.:Woas äch do vo hahle? Ei doas feun ich ganz enn sater Ordneng, doas so goar huk Zeit, deß die Hack emol en annern Stiel kritt.

Chr.:No ge däi Leu kamer doch naut hu, dät ez auschere doas sei joa tüchtige Leu.

K.:Deß doas töchtige Leu sei do hu äch naut dge, deß se beber tüchtige Gemeneerath sei, do huse bes dohi noche schlecht Prob babgeloacht, doas sei Geschäfts⸗ leu, en dät wenns mett keem vaderwe; deshalb könne se ach em Germeneraut nätt erwern wäis rächt es en des⸗ halb häre die Sozer rächt, wann se emoul annern Leu en Gemeneroath wehlte, dät vo keem abhängig sei, en dät ach nait, wann se hau en Gemeeneroath gewehlt sei moan vom Erweterverein weg bleiwe wäts zwi ge⸗ moacht hu vo den däi ez ausschere. Dodro kamer seh, deß die richtige nätt sei, deshalb weck meren.

Chr.:Donnerwerer, Kasper, du host's oawer gout gepackt off se, woas huße Dir dann gedoh?

K.:Däl douh em nauth, aower mir spwätz doch zoum Beispiel den Kruhm mett dem Ortsbürgerrächt. Wann en Erweter vo hai heurbat, bezoahlt he sei 5 Moark Feuerehmer Geald dann kann he bab komme, dann keen Gemehne Noze hu ur hai natt, so heßts ge⸗ wöhnlech, wann mrsch oawer merem richtige Licht be⸗ leucht hu häi verschiedene Leu en deckmeßige Gemehene Noze. Wann en Bauer vo auswärts noch Dawerche heuroat, der bezoohlt kee 5 Moark Ortsbürgergeld hält dawer sei 6 bes 10 Schof en dai frasse ds ganz Juhr off d schinste Gemene Wisse, dät die Scheeferei Gesell⸗ schaft gepocht hott für e poar Duppch. Doas doch näit rächt, woarim werd doas Groas nätt meistbietend

verkaaft woas dann die Gemen kritt doas hottste, do hott dann jeder Ortsbärger sen Dehl dro, doas wirs richtige näit, deße poar alles hu en die anern kuke en Muh. Dofir es noch ken Gemenerout engetrere werscht noch naut dro gehirt hu. So sei noch mie Punkte wu drewer se' schwäze wir. Mett dr Bahnhobsgeschicht wo d' Bauplätz, dai näit jeder kriege kann; vo d' Steur usw. Doas moar sei bes mr wiere moul bei naner komme dann gebts noch mie. Doas will ich Dr noch sah, desmoul müsse mr Sozioaldemekroate wehn, däi hure offem Koarn däi sei rächt do helfste hoffentlich mett doeß däi gewehlt wern?

Chr.:Host woarhaftig rächt, Kasper, wamer doaß so ausenaner gebracht kritt, dann seht wr erscht wäis bei is zoau gitt, do joa Pflicht en Schelligket fo is, deß mr mett d Erweter haad en had gieh, alles muß mobil gemoacht wern, ds derf kem Erweter drof o komme, jeder muß emoul en halwe Toag drohenke en muß wehn. Die Len muß mr ofmerksam mache, deß jeder sei Steuer bezoahlt, wann dan alles bei dr Had, muß gieh rawer breche.

K.:Bravo Christoph so rächt, prostt, bes of e anermoul!

Aus dem Nreise Jriedberg⸗Büdingen.

Großes Brandunglück. Von einem verheerenden Feuer wurde in der Nacht vom Freitag zum Samstag das Dorf Rodheim bei Friedberg heimgesucht. Zwölf Häuser und elf Scheunen nebst Stallungen sind den Flammen zum Opfer gefallen, außerdem ist die kleinere, beinahe 400 Jahr alte Kirche total ausgebrannt. Obgleich die Feuerwehren von Friedberg und Homburg zu Hilfe eilten, gelang es nicht, des Feuers sofort Herr zu werden; die 11 0 Scheunen brannten noch am Samstag Abend.

ö

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Aus dem Nreise Weßlar.)

Antisemitische Agitation. Keine einzige Partei hat 0 viele Gaukler und Schaumschläger in ihren Reihen ge⸗ zählt, wie die unserige, und keine Partei hat sich so von Phrasenhel den und elenden Spekulanten nasführen lassen, wie die antisemitische. An dieses Be⸗

kenntnis des Antisemiten Wilberg wird man

eriunert, wenn man den Redakteur Thomas

Reuther aus Offenbach hört, der seit einigen

Wochen den Wetzlarer Kreis unsicher macht

und die Landbevölkerung für den Zolltarif zu

begeistern sucht. Damit hat er allerdings sehr wenig Glück, was ja angesichts der Bevölkerung

im Wetzlarer Bezirke, die zum weitaus größten

Teile aus Kleinbauern und Lohnarbeitern be⸗

steht, ganz erklärlich ist. Nur hier und da

findet er noch ein paar Dumme. Für die

Antisemiten ist in diesem Kreise wirklich wenig

11 holen und man weiß eigentlich nicht, warum ie Fraktion Hirschel dort solche Anstrengungen

macht. Die Judenfresser Stöckerscher Kouleur

hätten vielleicht mehr Aussichten daß Reuther für den frommen Apotheker Burkhardt den steinigen

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Nr. 38. 1

Boden beackert, mögen wir nicht recht glauhen, ge ohwohl vor nicht langer Zeit von einer Ver⸗ be ständigung, gemeinsamem Vorgehen oder Aehn⸗[ in lichem die Rede war. Herr Burkhardt hätte pu, da aber auch einen spottschlechten Agitator ein⸗ al gestellt. Denn dieser ist der typische Vertreter un, des großmäuligen, rüdigsten Radauantisemitis⸗ en mus, von einer nicht zu schildernden Gewissen⸗ 7 losigkeit und Unverschämtheit. Stimmen ein 1 5 paar rückständige Zuhörer seinen abgedroschenen] z Abra en zu, so kennt seine Frechheit keine Grenzen.] 1 ürzlich erlitt er in Hermannstein und Aßlar al eine klägliche Niederlage und so machte er ir faule letzterem Orte am Sonntag einen neuen Versuch, uflon diesmal mit mehr Glück, es kam eine Versamm= a lung zu Stande, war auch ziemlich besucht. 1115 Vorsitzender derselben und treuer Begleiter f Reuthers war ein gewisser Herr Muskat aus fol Aßlar, Bürstenbinder seines Zeichens, der alf gewiß alle Ursache hat, für höhere Getreidezöll( 31 einzutreten. Er dankt übrigens Gott mit jedem Ging Morgen für seine gesunden Glieder, die ihm fe no ermöglichen, aller Arbeit weit genug aus den burger Wege zu gehen. Reuther legte also los. Sein lch Vortrag ist vom gleichen Kaliber, wie die diuesen jenigen der auf dem nicht mehr ungewöhnlichen deige Wege des Zeitungsinserats gesuchten Agitatoren amm des Bundes der Landwirte, bei denen Vor kennt. dun nisse nicht verlangt werden. Reuther läßt eben Delei falls alle und jede Vorkenntnisse vermissen.] dethal Keine Rede von einer Darstellung oder Erklä⸗ d rung der wirtschaftlichen Verhältnisse; er macht] Dun keinen Versuch, den angeblichen Nutzen der Zölle in l nachzuweisen; was er vorbringt, sind nichts al] Lügt auswendig gelernte Phrasen, gespickt mit Ver. r de dächtigungen anderer Parteien, besonders del O unseren, der gegenüber ihm keine Gemeinheit zu(eben groß, kein Schwindel zu gewagt ist. So brachn] Walt er die alte, tausendmal richtig gestellte Geschicht er mit Singers früherem Geschäftsteilhaber und dine den Mäntelnäherinnen vor und verdächtigte der man Genossen Singer als Ausbeuter, während de ge traurige Antisemiterich ganz genau weiß, daß 0 Singer nicht die geringste Schuld trifft. Ferne] nen faselte er, wie das alle antisemitischen Agi gui toren thun, von der Unterstützung der Sozul ch demokratie durch jüdische Kapitalisten. Von fd Genossen Vetters, der anwesend war, aufg ih fordert, hierfür Beweise zu bringen, blamier:? ei er sich mit der Verlesung einer humoristische ö Quittungschiffre, die während des Sozialiste!, 0 gesetzes im LondonerSozialdemokrat erschlen ud und lautete:Gründergewinne einiger sozu demokratischer Banquiers.... Mk. Dara 0 fiel schon einmal Liebermann v. Sonnenben üff herein, dem Bebel unter großer Heiterkeit Da a Reichstages erklärte, daß die unter jener Gun u Aerger der Gegner gewählten) Bezeichnuu in

uittierte Summe von Arbeitern herstamm N

in Reuther braucht das natürlich nicht 1 lei wissen. Weiter wies Vetters die schofeln D e Singers zurück, erst in das e letzen Sttzungen des Reichstags sei Stock i gehörig abgeführt worden, als er dieselbe Sach j gegen Singer auszuschlachten suchte. Weil!

legte unser Genosse die Ungerechtigkeiten 4 1 de indirekten Besteuerung dar, wies nach, daß d Kleinbauer und der weitaus größte Teil pi in Bevölkerung nur Schaden von den Züll hätte, während den alleinigen Vorteil 900 Großgrundbesitzer, die Junkerkaste einheim 0 welche die Nechtlosigkeit des übrigen Voll d mit allen Kräften aufrecht erhalte, wie es 19% k beim preußischen Dreiklassenwahlrecht ze Die von dem größten Teile der Versammlu⸗ 1 mit Beifall aufgenommenen Ausführungen 1 ö

antwortete der famose Referent mit einer% der ordinärsten Schimpfereien und Verdrehung Von den Antisemiten ist man ja in dieser 9 1 0 etwas gewohnt, die Rüpelhaftigkeit die enschen übertrifft aber die feiner Geno um ein Beträchtliches. Dreschgraf Pückler eu sich begraben lassen! Als Vetters die Flegele zurückweisen wollte, ließ Reuther durch sei 0 würdigen Vorsitzenden die Versammlung chließe 0

weil er nach Dutenhofen müsse(e

aber noch reichlich eine halbe Stunde Zeit 4 zum Abgang des Zuges), wo Vetters 1 0 Entgegnung vorbringen könne. Von dia

Einladung machte unser Genosse Gebrar ging nach Duteuhofen, wo sich 68 Wetz