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Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung
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785 a Nr. 38.
Der schärfste Gegner des Anarchismus ist die Sozialdemokratie; überall, wo sie in ge⸗ nügender Stärke vertreten ist, kommt der Anar⸗ chismus nicht auf, werden anarchistische Mord⸗ thaten nicht verübt. Die Sozialdemokratie ist das wichtigste, kulturfördernde Element für jetzt und für die Zukunft. Wer sie unterstützt, hilft die Herbeiführung gesunder gesellschaftlicher Zustände beschleunigen und die Wiederkehr der⸗ artiger Thaten des Wahnsinns wie in Buffalo verhindern.
Zum Kampfe gegen den Brotwucher.
Bauern als Zollgegner. Mit einem Bekehrungsversuch der Bauern im Flensburger Kreise ist der antisemitische Reichstagsabgeord⸗ nete Raab auf einer Rundreise kläglich verun⸗ glückt, obgleich er ihnen seinen Antisemitismus durch Begeisterung für hohe Kornzölle schmack⸗ haft zu machen bersuchte. In einzelnen Ver⸗ sammlungen waren überhaupt nur 6 Personen erschienen. Der Weserztg. wird zu diesem Fiasko geschrieben:„Ueber Flensburg hinaus hört bei den Bauern der Wunderglaube an die Schutz⸗ zölle auf. Den Bündlern ist es nirgends ge⸗ lungen, die nordschleswigschen Bauern für die Interessen des Großgrundbesitzes zu ködern. Von diesen Bauern hoͤrt man niemals Klagen über die wirtschaftliche Notlage, aber auf allen Gebieten der intensiven Wirtschaft nehmen sie eine erste Stelle ein und von allen Butteraus⸗ stellungen Deutschlands bringen ste die ersten Preise heim. Solche Leute sind nicht zu be⸗ kehren.“— Im Allgemeinen mehrt sich die Zahl der gegen den Zolltarif sich erklärenden Bauern von Tag zu Tag. Aus allen Landesteilen kommen Berichte, daß die Bauern zahlreich die Petition gegen den Brotwucher unterschreiben.
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Die Berliner Bäckermeister beschäf⸗ tigten sich am vorigen Mittwoch in einer in Moabit tagenden Versammlung mit dem Zoll⸗
entwurf her Referent führte aus, daß eine Bäckerei durch den Zolltarif eine Meh e von 3650 Mk. habe, die auf das nierende Publikum ab⸗ gewälzt werden müsse. Getadelt wurde, daß man auf ben Innungstage in Gotha die Zollfrage nicht zur Erörterung zugelassen habe. — Es wurde an den Zentralvorstand deutscher Bäckerinnungen in einer einstimmig angenom⸗ menen Resolution die Frage gestellt, warum man bisher von dieser Seite zu der für die deutschen Bäcker tief einschueidenden Frage nicht Stellung genommen. Der Vorstand wird ersucht, das Versäumte nachzuholen.
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Die Nimmersatten. Eine Erklärung des Vorstandes des Bundes der Landwirte besagte:„Der Ausschuß des Bundes der Land⸗ wirte hat in seiner Sitzung vom 17. August für alle vier Hauptgetreidearten unter wissen⸗ schaftlicher() Begründung einen Zollschutz von 7,50 M. pro Doppelzentner im Minimaltarif einstimmig gefordert. Er hat ferner ausreichend hohe Zölle für alle landwirtschaftlichen Rohstoffe und Produkte verlangt einschließlich der Erzeugnisse der Gärtnerei, sowie aller land- und forstwirtschaft⸗ lichen Nebengewerbe.“
„Nur die Lumpen sind bescheiden!“ Dieselben Forderungen stellte am Sonntag eine stark be⸗ suchte Bauernversammlung in Darmstadt auf, die der Kammerpräsident„Bauer“ Geh eim⸗ rat Haas zusammengetrommelt hatte. Man glaubte dort den Zolltarif noch etwas„ver⸗ bessern“ zu müssen, indem man noch Er⸗ höhung der im Tarif vorgesehene Sätze auf Obst und eine Anzahl anderer Artikel gefordert wurde. Das Volk soll auf das Radikalste ausgeplündert werden. Als Redner traten in der Bauern versammlung außer dem Geheim⸗ rat Haas noch der Pfarrer Maurer und Major v. Pfister auf. Am meisten riß aber der Judenknecht Redakteur Hirschel das Maul auf. Dieser Führer einer Partet, die im Verdächtigen das Stärkste leistet, die Agitation
in der gemeinsten Weise betreibt, wagte dem Vorwärts gegenüber von Verhetzung und Gemein⸗ heit zu sprechen!— Nun, auch solche Schau⸗ stellungen wie die Darmstädter werden nichts nützen; der Sturm gegen den Zolltarif wird stärker und wird ihn hinwegfegen.
Politische Nundschau.
Gießen, den 19. September.
Kaiserreden.
Bei den Flottenparaden und der Zusammen⸗ kunft mit dem Zaren Nikolaus hat Wilhelm II. verschiedene Reden gehalten. In einer derselben, die er am Samstag in Danzig bei Darreichung des Ehrentrunkes durch den Oberbürgermeister hielt, sagte er unter anderm:
„Sie können sich versichert halten, daß nach wie vor mein Interesse für die Hebung und Fortentwicklung Ihrer Stadt dasselbe bleibt, und Sie werden mich lange genug kennen, um zu wissen, wenn ich mir etwas vor⸗ genommen habe, führe ich es auch durch.“
Sehr oft ist aber die Macht der Verhältnisse stärker, als die Kraft eines Einzelnen und sei er der Mächtigste. Das zeigt uns die Geschichte der letzten zehn Jahre. Viel es unterblieb, für dessen Durchführung sich Wilhelm II. mit großer Entschiedenheit erklärt hatte. Zuchthaus⸗ und Kanalvorlage kamen nicht zu Stande; die mit den Worten:„Die Sozialdemokratie über⸗ lassen Sie mir!“ angekündigte Vernichtung unserer Bewegung gelang nicht, und auch die chinesische Expedition dürfte nicht ganz nach dem kaiserlichen Willen ausgefallen sein. Jeder Macht, auch der kaiserlichen, sind Grenzen gesetzt.
Verurteilter Chinakrieger.
Eine ergreifende Szene spielte sich vorige Woche auf dem Staatsbahnhof in Hannover ab. Mit dem Bremer Zuge kam, so berichtet der Hann.„Volkswille“, ein ver⸗ heirateter Chinakämpfer hier an, um als Ge⸗ fangener nach einer Festung gebracht zu werden. Die Frau und zwei kleine Kinder waren zur Rückkehr des Vaters auf dem Bahnsteig an⸗ wesend, um ihn willkommen zu heißen. Bald erfuhr die bedauernswerte Frau, daß ihr Mann in China einen Totschlag begangen hatte und vom Kriegsgericht zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war und sofort weiter transportiert werden mußte. Als der Gefangene schließlich in den Zug steigen mußte, klammerten sich seine Angehörigen unter herzzerreißendem Weinen an ihn und konnten erst nach längerer Zeit durch den Transporteur mit sanfter Gewalt vom Zuge fortgedrängt werden.— Wie mag es nur kommen, daß so viele von den Kreuzzüglern verurteilt worden find? Die in den Hunnenbriefen berichteten Mordthaten und Grausamkeiten wurden doch von unserer Patrioten⸗Presse als eitel Schwindel erklärt und das Verhalten der Truppen über alle Maßen gelobt! Woher also die schweren Verurteilungen? Man hat doch sicher dabei den Soldaten noch Manches durchgehen lassen.
Im Zeichen der Krachs.
Letzter Zeit vergeht kaum ein Tag, wo nicht Zusammenbrüche und Konkurse von früher als solid angesehenen Gesellschaften berichtet werden. Das hat nun keineswegs immer in dem wirt⸗ schaftlichen Niedergange seinen Grund, sondern zum großen Teil auch in dem Treiben der Gauner und Schwindler, die in der Blütezeit des Kapitalismus üppig gedeihen. Einer dieser Sorte, der Direktor der Breslauer Rhederei, Schostag, hat sich am Freitag voriger Woche vergiftet. Eine sofort zusammengetretene Aufsichtsratssitzung konnte zwar noch nicht völlig klar stellen, wie groß die Verluste der Rhederet sind, doch dürfte das 1 der Untersuchung so ungünstig sein, daß der Konkurs kaum vermeidlich erscheint.
Auch das Schwabenland hat berelts seine Bankskandale. Sämtliche Direktoren der Gewerbebank in Heilbronn, Fuchs, Keefer
und Krug wurden Samstag und Sonntag
verhaftet. Vorläufig stellte sich eine Unter⸗ bilanz von 1½ Millionen Mark heraus. Do
dürfte sich der Verlust der Bank auf drei Mil⸗ lionen Mark und darüber belaufen. Leichtsin⸗ nige Spekulation in südafrikauischen und austra⸗ lischen Goldminen sollen die Katastrophe herhei⸗
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geführt haben. In dem Hause des ersten Di-.
rektors Fuchs fand man 50 000 Mk. auf dem
Speicher versteckt vor, die Fuchs bei Seite ge. schafft hatte, um damit durchzubrennen. Be⸗
greiflicherweise erregte der Zusammenbruch der Gewerbebank in zahlreichen Familien der Ge⸗ werbtreibenden und des Mittelstandes große Bestürzung; viele kleinere Leute werden empfind-
lich geschädigt.
Riesengewinne der Glasfabrikanten — Hungerlöhne der Slasarbeiter.
Bereits in der polit ischen Rundschau voriger Nummer haben wir auf die kolossalen Gewinne hingewiesen, welche die Glasfabrik Kreuznach nach ihrer eigenen Angabe einheimst. Noch riesiger aber ist der Profit der Aktiengesellschaft Glashütten in Vallerysthal und Por⸗ tieur in Lothringen. Diese haben, wie unserem Leipziger Parteiorgan geschrieben wird, im ver⸗ flossenen Geschäftsjahr bei einem Umsatz von etwas über 5 Millionen Franken einen Rein⸗ gewinn von 1222050 Franken erzielt. Das Aktienkapital der Gesellschaft beträgt 1250 000 Franken, eingeteilt in Aktien von je 500 Franken. Es konnte danach eine Divi⸗ dende von 44 Prozent 220 Franken ( 176 Mark) pro Aktie ausgeschüttet werden, nachdem man vorher zahlreiche Abschreibungen gemacht und den Reservefonds auf 1800 000 Franken erhöht hatte. Die Herren Direktoren steckten an Tantiemen extra zusammen 98000 Franken ein und bezogen damit ein Jahresein⸗ kommen von je 30—40000 Franken(24 bis 32 000 Mark). Die Arbeiter aber erhalten Spottlöhne. Bei ihrer aufreibenden Arbeit an den glühenden Glasöfen müssen die jugend⸗ licheren, 20—24 Jahr alten Glasbläser froh sein, wenn sie monatlich 40—45 Mark verdienen. Geht es ihnen gut, so rücken sie dann mit 24—25 Jahren zum 4. Aufbläser vor mit etwa 50 Mark, ein Lohn, der für eine Familie, selbst wenn sie noch kinderlos ist, ab⸗ solut nicht ausreicht. Nachdem sie dann im Laufe der nächsten 10—15 Jahre zum 1. Auf⸗
bläser vorgerückt sind, können die Arbeiter daun
mit dem 40. Jahre die Stelle eines Glaser⸗ meisters mit höchsteus 80 bis 85 Mark monatlich erhalten, womit ihnen dann jede Aussicht auf eine weitere Besserung ihrer Lebenslage abge⸗ schnitten ist. Reichtümer für den faulenzenden Aktionär; Hunger, Not und Elend für den sich abschindenden Arbeiter— das ist die„gottge⸗ wollte“ kapitalistische Ordnung!
Erfolge des Achtstundentages.
Wie die Deutsche Bergarbeiterzeitung mit⸗ teilt, hat sich der Achtstundentag auch auf den schlesischen Gruben, die ihn im vorigen Jahre einführten, sehr gut bewährt. Seit 1897 hatten 18 Prozent der Häuer und Schlepper im genannten Bezirk den Achtstundentag. sind dies die Arbeiter der Schlesischen Kohlen. und Kokeswerke, deren eine Grube am 30. Juli 1897 in Folge eines Wolkenbruches ersoff, wo⸗ rauf die Direktion, der Not gehorchend, au den intakten Schächten drei Drittel einlegte. Als diese Einrichtung ein Jahr bestand, fand auch die Direktion, daß sie gut sei; sie wurde beibehalten. Die anderen Werke praktizierten die zehn⸗ und zwölfstündige Schicht weiter. Da brach im Frühjahr 1900 der große böten reichische Bergmannsstreik aus, und jetzt 115 die Organisation in Niederschlesten abermals mit der Forderung der Achtstundens chicht hervor; die Vertrauensleute stellten auf Glückhilf⸗Friet denshoffnungs⸗Grube wieder den Ankrag auf Einführung des Achtstundentages, und die Ver⸗ waltung führte ihn am 1. April 1900 ein.
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Am 1. Mai folgten die Fuchs⸗Gruhe und die ö fürstlich Pleß'schen Gruben Fürstensteine'),
Ende 1900 folgte die Rothenbacher Grube.
Am Schluß des Jahres war auf allen größeren 1
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