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Nr. 38. Vießen. Sonntag, den 22. September 1901. 8. Jahrg. 5 Redaktion: 3 22 N 5 5 Nedaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mit I 1 d eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

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Parteigenossen!

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Zum Parteitage.

Oben an der Ostsee, in der alten Hansestadt Lübeck, treten diesmal die sozialdemokratischen Delegierten aus allen deutschen Gauen zum Parteitage zusammen. Es ist der zwölfte seit dem Falle des Sozialistengesetzes. Das alljährliche Arbeiterparlament zieht immer das öffentliche Interesse in einem Maße auf sich, dessen sich keine andere Partei mit ihrenTagen und Zusammenkünften rühmen kann. Schon wochenlang vor seinem Zusammentritt ist es in jedem Jahre Gegenstand der Erörterung in der bürgerlichen Presse, die regelmäßig um diese Zeit vontiefgehenden Meinungsverschieden⸗ heiten fabelt, die in der Sozialdemokratie vorhanden sein sollen und die zu lebhaften Auseinandersetzungen auf dem Parteitage führen würden. Fast immer werden Spaltungen pro⸗ phezeit.

Diesmal ist Letzteres besonders im Hinblick auf das Auftreten Bernsteins geschehen. Doch liegt weber von diesem selbst, noch von irgend einer anderen Seite ein Antrag auf Aenderung unseres Parteiprogramms vor, ein Beweis, daß bezüglich des Prinzips völlige Einmütigkeit herrscht. Mögen bezüglich der Taktik kleinere Meinungsverschledenheiten herrschen; das Ziel wird von der Gesamtpartei fest und sicher im Auge behalten. Möglich, daß es in Lübeck wegen der Hamburger Akkordmaurer⸗ Angelegenheit zu lebhafteren Debatten kommt. Aber wir sind sicher, daß der Partei- tag auch in dieser Frage eine für beide Seiten befriedigende Lösung finden wird.

So werden die Prophezeihungen der Gegner sich auch in Lübeck nicht erfüllen, ihre Hoff⸗ nungen auf Wirrwarr in unsern festgefügten Reihen sich wiederum als trügerisch erweisen. Auch dieser Parteitag wird einen Markstein bilden in der rüstigen Vorwärtsentwicklung der deutschen Sozialdemokratie und damit der großen internationalen Arbeiterbewegung.

In diesem Sinne begrüßen wir den Partet⸗ tag, die Kämpfer für Freiheit, Wohlfahrt und Recht aufs herzlichste und wünschen ihren Ar⸗ beiten den besten Fortgang.

Mehr Opferwilligkeit!

Ueberblickt man die Entwickelung unserer Partei seit dem Falle des Soziaalistengesetzes, so können wir wohl im Allgemeinen damit zu⸗ frieden sein. Wir sind leidlich vorwärts ge⸗ kommen, trotz der großen Machtmittel der Gegner und trotzdem dieselben sehr oft in der unlautersten Art gegen uns angewandt werden. Selbst die Unterstützung der Gegner durch Re⸗ gierungen und Behörden konnte das Anwachsen der Sozialdemokratie zur stärksten Partei Deutschlands nicht verhindern. Auch in Bezug auf ihre Finanzen weist unsere Partei geord⸗

netere Verhältnisse auf, als manche gegnerische. Das wurde schon oft von Gegnern anerkannt, welche ihren Parteimitgliedern die Opferwilltg⸗ keit unserer Genossen als Muster vorhielten. Wenn nun auch der Opfermut in unserer Partei gewiß anzuerkennen ist, so steht's damit doch nicht so glänzend, wie es nach manchen Darstellungen den Anschein hat. Beispielsweise war im vorigen Jahre der Parteivorstand ge⸗ nötigt, der Reserve 33000 Mk. zu entnehmen, weil die eingegangenen Beiträge zur Deckung der laufenden Bedürfnisse nicht ausreichten. Das letzte Jahr zeigt ja ein besseres finanzielles Resultat; die Einnahme stieg gegen das Vorjahr um rund 60000 Mk., blieb aber immer noch hinter der 1899er zurück.

Verteilt man die Jahreseinnahme von 317000 Mk. auf die Zahl der sozialdemokrati⸗ schen Wähler, so stellt sich heraus, daß noch nicht fünfzehn Pfennige im Jahre auf den Kopf des Wählers entfallen. Da erscheint also die gerühmte Opferwilligkeit in durchaus nicht allzu rosigem Lichte. Allerdings bleibt ja hier außer Betracht, was die Genossen für lokale Zwecke aufbringen und was auch nicht eli ist, doch bleibt der durchschnittliche Jahres⸗

eitrag des sozialdemokratischen Wählers ziem⸗

lich niedrig. Werfen wir aber einen Blick auf die Beitragstabellen im Parteibericht, so sehen wir zu unserer Beschämung, daß der weitaus größte Teil der Parteieinnahmen aus Berlin, Hamburg und einigen anderen Städten des Nordens stammt, aus Hessen und dem übrigen Süddeutschland aber nur sehr wenig an die Gesamtpartei abgeführt wird. Soweit Hessen in Frage kommt, wird durch das neue Landes⸗ organtsationsstatut die Sache ja einigermaßen gebessert und jeder vernünftige Genosse wird diese Regelung mit Freuden begrüßen. Um so unverständlicher erscheint es uns, weun Partei⸗ vereine einzelner Orte gegen die Beitrags- regelung Stellung nahmen, indem sie erklärten, den Monatsbeitrag von 20 Pfg. nicht aufbringen zu können. Wir wissen sehr wohl, daß der Arbeiter, der kaum einen Pfennig seines kärglichen Lohnes entbehren kann, auch eine geringe Be⸗ lastung schwer empfindet. Aber ebenso gut wissen wir, daß jeder, dem es ernst ist mit der Verbesserung der Lage der Arbeiter, der die Beseitigung der Unterdrückung und Ausbeutung mit uns anstrebt und dem die Wohlfahrt seiner selbst, seiner Nachkom⸗ men und der Gesamtheit am Herzen liegt, dies geringe Opfer bringen kann. Wir alle, wer es immer sei, machen trotz unserer gering⸗ fügigen Einkünfte oft genug Ausgaben, die ganz nutzlos sind. Man denke nur an die Lotterie! In der trügerischen Hoffnung auf einengroßen Gewinn, die Errettung aus seiner Misére mit einem Schlage, trägt der Arbeiter oft jahrelang seine sauer verdienten Groschen zum Lotterie⸗ kollekteur, ohne je einen Pfennig wiederzusehen! Und zahlreiche ähnliche Beispiele ließen sich noch anführen. Gar nicht zu berechnen sind die un⸗ geheuren Verluste, welche die besitzlose Klasse erleidet, wenn sie sich nicht durch eine gute Organisation für Vertretung ihrer Interessen in Staat und Gemeinde sorgt!

Wollen wir unsern Kampf für die Gesamt⸗ wohlfahrt wirksam führen, so find dazu reich⸗ liche Mittel nötig. Wir müssen deshalb mehr

Opfermut zeigen. Ist es nicht eine Schande

15 jeden Genossen, sich um fünf Pfennige onatsbeitrag für eine Sache zu streiten, für die unsere Vorkämpfer ihre ganze Existenz, Leben und Gesundheit in die Schanze schlugen?

Darum nicht rückwärts, nicht die Organi⸗ sation berlassen, weniger Pfennige halber, son⸗ dern: Immer vorwärts! heißt die Loosung!

N Mac Kinley

ist der schweren Verwundung, die ihm der Attentäter Czolgosz beibrachte, erlegen. Am Samstag(14. 9.) früh gegen 2 Uhr verstarb er, trotz aller erdenklichen Anstrengungen der Aerzte. Noch kurze Zeit vorher konnte man an die Rettung des Präsidenten glauben, die Operation war günstig verlaufen, mit großer Bestimmtheit erklärten die Aerzte die Genesung als stcher. Deshalb überraschte die Nachricht von der Verschlimmerung und dem inzwischen eingetretenen Tode, wenngleich die Schwere der Verwundung in den ersten Tagen das Schlimmste befürchten ließ. Die Obduktion ergab, daß der Wundkanal und die Wundränder in den Magen⸗ wänden brandig geworden waren, was den Tod Mac Kinleys herbeiführen mußte. Die Leiche wurde im Rathause in Buffalo aufgebahrt und dann nach Washington gebracht, wo die Trauerfeier stattfand. Diese ging unter kolossaler Beteiligung der Bevölkerung vor fich; infolge des großen Andranges und ungenügender polf⸗ zeilicher Vorkehrungen wurden Frauen und Kinder niedergetreten. Dann wurde die Leiche nach Canton(Ohio) gebracht, wo Mac Kinley begraben wurde.

Der Tod des Präsidenten zieht den des Attentäters Czolgozs nach sich. Nach dem im Staate New⸗NYork geltenden Gesetze steht auf dem vollendeten Morde die Todesstrafe; wäre Mac Kinley am Leben geblieben, konnte der Verbrecher nur zu höchstens zehnjähriger Gefängnisstrafe verurteilt werden.

Nunmehr wird der bisherige Vizepräsident Th. Roosevelt die Präsidcutschaft übernehmen und wie berichtet wird, die Politik in derselben Richtung wie sein Vorgänger leiten. Wie er wird anch der Nachfolger die Juteressen der herrschenden Kapitalistenkreise, der besitzenden Klassen vertreten. Nicht das Mindeste an den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen hat sich geändert, noch kann sich ändern; es ist eben nur ein Menschenleben vernichtet worden. Wer mit solchen Mitteln eine Besserung her⸗ deiführen, die Wohlfahrt der Menschheit fördern will, dessen Wahnsinn ist erwiesen, ohne daß es einer weiteren Untersuchung bedarf. Das sprachen wir schon in voriger Nummer aus. Und wenn die scharfmacherische Ausbeuter- und brotwucherische Junkerpresse nach Gewaltmaß⸗ regeln schreit, die Sozialdemokratie als mit⸗ schuldig an den Attentaten hinstellt, so läßt uns das kalt; aber sie verrät damit die gleichen bestialischen Instinkte, gleiche Verrohung, wie die Attentäter selbst, oder wie der amerikanische Pöbel, der arme Neger oder als Anarchisten bezeichnete Personen, die nichts Strafbares ge⸗ than haben,lyncht, zu Tode martert. Wir sind es nicht, welche Mord und Todschlag im Interesse der Kultur für notwendig erklären, sondern die herrschende Klasse vertritt diese Ansicht.