Ausgabe 
21.7.1901
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung.

Nr. 29.

mittelung des Nertreters einer Leipziger Engros⸗ firma zu einer Einigung der Parteien. Die Arbeit wird nach und nach wieder aufgenommen, unter Bedingungen, die allerdings nicht sehr günstig für die Arbeiter sind. Wenn aber auch die Arbeiter nicht jede Verschlechterung ihrer Lage abwehren konnten, so ist doch das Schlimmste in einem heldenmütigen Kampfe abgewendet worden. Die Weber der sächs. Lausitz haben sich durch ihr geschlossenes und solidarisches Verhalten die Bewunderung der ganzen organisierten Arbeiterschaft errungen.

Der Zentralverband der Maurer bestand am 1. Juli 10 Jahre. Am Schlusse des Gründungsjahres zählte er bereits in 129 Zahlstellen 12523 Mitglieder, die sich meist auf Norddeutschland verteilten. In den folgenden Jahren zeigte der Verband stetiges Wachstum und am Schlusse des vorigen Jahres hatte der Verband 82964 Mitglieder in 886 Zahl- stellen, hatte sich also zur zweitstärksten Orga⸗ nisation entwickelt. Manche Vorteile haben die Maurer mit Hilfe ihres Verbandes schon erreicht, angesichts der eingetretenen flaueren Geschäftskonjunktur liegt es in ihrem Interesse, die Organisation noch weiter auszubauen und zu kräftigen.

Christliche Unternehmer gegen christliche Arbeiter. Wie in andren Slädten des Rheinlands, so hat sich auch kürzlich im heiligen Köln eine christliche Gewerkschaft der Maler gegründet. Wenn die Mitglieder aber geglaubt haben, sie würden,auf christlicher Grundlage organisiert, den Arbeitgebern weniger unangenehm erscheinen als die Mitglieder der Vereinigung der Maler, der modernen Arbeiter organisation, so haben sie sich geirrt. Der Inhaber des katholischen St. Josephs⸗Instituts für kirchliche Kunst in Köln hat nämlich bereits zwei Mitglieder des neuen k christlichen Verbands 9 1 ihrer gewerkschaftlichen Thätigkeit gemaß⸗ regelt.

Pon nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗

kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste

Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir

bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Gießener Angelegenheiten.

An Robert Schweichel sandten wir

50 seinem achtzigsten Geburtstage im Namen er hiesigen Genossen und derMitteld. S.⸗Ztg. herzlichste Glückwünsche sowie ein hübsch einge⸗ rahmtes Bild von Gießen als eine bescheidene Festgabe. Wir erhielten darauf ein Dankschreiben von dem greisen Dichter aus Wies baden, in dem er u. a. sagt:

Ich bin aus Berlin in die Waldstille hierher geflohen, um der Aufregung auszuweichen, die mich an meinem 80. Geburtstage bedrohte. Ich habe aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, d. h. ohne die Liebe und Freundschaft derer, die mich kennen. So ist denn hier der Sturm über mich losgebrochen. Nun, ich habe demütig den Kopf gebeugt und die zahllosen Beweise der Liebe, Freundschaft und Verehrung über mich in stiller Dankbarkeit ergehen lassen. Es ist unglaublich, wieviel davon nicht nur der Mensch, sondern in noch höherem Grade jenes Wesen davon verträgt, das man als Schrift⸗ steller bezeichnet. Dann ersucht er uns, den Genossen für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit, die ihm große Freude gemacht habe, den wärmsten Dank auszusprechen, was hiermit geschehen sein soll. Das Schreiben schließt:Seien Sie Alle überzeugt, daß ich auch fernerhin für Ihr Blatt gern thätig sein werde, ebenso wie meine Frau. Möge dieMitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung so rüstig und mutig wie bisher fortkämpfen für die Sache des Volkes! Der Lohn wird nicht ausbleiben. Wir sind sicher, alle unsere Genossen vereinigen sich mit uns in dem Wunsche: Möge uns unser ver⸗ ehrter Freund noch recht lange erhalten bleiben!

Zur Bäckerbewegung. Nachdem die Gesellen dem Verlangen der Innung nach gekommen, ihre Forderungen ermäßigt und aufs neue eingereicht hatten sind diese von den Meistern wiederum abgelehnt worden.

Hierauf haben die Arbeiter das Gewerbegericht als Einigungsamt angerufen, um zu einer Ver⸗ ständigung zu gelangen. Bis zur Stunde, wo wir dies schreiben, hat eine Sitzung darüber noch nicht stattgefunden. Wie es scheint, sind aber die Bäckermeister einer gütlichen Regelung der Angelegenheit nicht zugeneigt, glauben vielmehr, mit strikter Ablehnung der Forder⸗ ungen ihrer Gesellen besser zu fahren. Wenn sie sich nur nicht tänschen! Wir sind der Meinung, daß die Meister sehr wohl in der Lage sind, die Arbeitsbedingungen ihrer Leute ein wenig besser zu gestalten. Den Gesellen aber muß festes Zusammenhalten heilige Pflicht sein, sonst werden sie nichts erreichen. In der Stadt wird erzählt, im Fall eines Streikes werde die Militärbehörde Streikbrecher stellen. Die wird sich schönstens bedanken. Hoffentlich kommt es nicht zur Arbeitseinstellung; wenn aber doch, wird es wohl keinem dritten auch nicht der Militärbehörde einfallen, sich un⸗ befugterweise in den Streit zu mischen.

Mehr Arbeiterschutz! Am vorigen Freitag wurde im Gießener Braunsteinbergwerk wiederum ein Arbeiter, der 25 Jahre alte Joh. Heyer durch losgelöste Erdmassen verschüttet und getötet. Fälle dieser Art ereignen sich in letzter Zeit so häufig, daß die Forderung besserer Schutzmaßregeln mit Entschiedenheit erhoben werden muß.

Mit den Schul ferien ist es in Gießen eine merkwürdige Einrichtung. Grade jetzt in der größten Hitze müssen Kinder und Lehrer in der Schule hocken und später im August und September, wenn das Wetter schon sehr kühl und die Tage kürzer werden, treten die großen Ferien ein. Hoffentlich giebt es baldeine Aenderung dieses Zustandes, der für Lehrer und Schüler eine Qual bedeutet. Aus gesund⸗ heitlichen Gründen sollten übrigens bei dieser Temperatur die Unterrichtsstunden möglichst abgekürzt werden.

Wetzlar.

th. Ferien.

Der schöne, sowohl im Interesse der beteiligten kaufmännischen Firmen wie ihres Personals liegende Gebrauch, den Handelsangestellten einen Erholungsurlaub zu bewilligen, findet auch bei uns immer mehr Anklang und Aus⸗ breitung. Wie wir hören, haben neuerdings wiederum mehrere hiesige Geschäfte, darunter die Fabrik und Großhandlung von Krafft und Buß ihrem Personal einen derartigen Urlaub zugebilligt. Der Menschenfreundlichkeit und der sozialpolttischen Einsicht der betreffenden Prin⸗ zipale macht dieses durchweg freiwillige Ent⸗ gegenkommen alle Ehre. Die Richtigkeit dieser Mitteilung vorausgesetzt ist das gewiß nur anzuerkennen. Doch sind die Geschäfte, die ihren Angestellten derart ent⸗ gegenkommen, leider noch sehr dünn gesäet. Hier dreht es sich übrigens wohl nur um kauf männisches Personal; sicher denkt in Wetzlar kein Arbeitgeber daran, seinen Ar beitern eine Vergünstigung dieser Art zu ge⸗ währen. Und einem Arbeiter thut sicher ein 14 tägiger Erholungsurlaub nötiger als vielen anderen Leuten. So ein Lohnsklave muß aber froh sein, wenn er gegen kärgliche Bezahlung Tag für Tag schuften darf; würden etwa Ar⸗ beiter die ganz berechtigte Forderung er⸗ heben, daß ihnen jährlich anch nur eine Woche Ferien bei Fortbezahlung des Lohnes gewährt werde man würde sie gewiß auslachen, vielleicht redete in solchem Falle auch der Wetzl. Anz. vonBegehllichkeit,maßlosen Forderungen,Unzufriedenheit und so weiter. Bemerken wollen wir bei dieser Gelegenheit, daß z. B. in den unserer Partei gehörigen Druckereien Ferien für alle Angestellte und Arbeiter selbstverständlich sind. Außerdem ist die achtstündige Arbeitszeit durchgeführt. Bür⸗ gerliche Zeitungen schimpfen trotzdem von Zeit zu Zeit wie die Rohrspatzen auf diese unsere Parteiunternehmungen.

u. Den Wetzlarer Bäckergesellen gelang es, eine, wenn auch nicht bedeutende Aufbesserung ihrer Arbeitsbedingungen zu er reichen. Der Hauptforderung der Gesellen,

Wir lesen imWetzl. Anz.:

Abschaffung von Kost und Logis bei dem Meister, wurde nur in Bezug auf Verheiratete stattgegeben; außerdem hat eine kleine Lohn⸗ erhöhung stattgefunden. Es scheint, als hätten die Arbeiter ihre Forderungen nicht mit der nötigen Entschiedenheit vertreten. Der Umstand, daß die Bäcker im Hause des Meisters Kost und Logis erhalten, hat grade zu bedenklichen Mißständen geführt und die Beseitigung dieses Zustandes liegt auch im Interesse des Publi⸗ kums. Voll bewilligt hat nur Herr Zißler seinen ersten Gesellen. Wie das immer bei solchen Dingen der Fall ist, zeigten sich die besonderspatriotisch gesinnten Ritter vom Backtrog am arbeiterfeindlichsten. Das trifft namentlich auf Herrn Rüdinger zu, der seinen an der Bewegung beteiligten Gesellen mit der Bemerkung entließ: Streikführer und Hetzer beschäftige er nicht. Dabei verdankt der Bieder⸗ mann der Arbeit seiner Gesellen und der ge⸗ nauen Abwägung des Teiges ein bedeutendes Vermögen, das ihm erlaubt, seine beiden Söhne studieren zu lassen. Die Arbeiter in Stadt und Land können sich bei Einkauf von Back⸗ waren den Namen dieses Herren, der viel auf das Land liefert, merken. Von einer bei der Bäckerbewegung vorgekommenen Infamie wird uns noch berichtet. Diese besteht darin, daß zwei Gesellen durch Unterschrift einen hiesigen Bäckermeister beschuldigen, die Bewegung ange⸗ stiftet zu haben. Sache der Verbandsmitglieder muß es sein, die Angelegenheit aufzuklären und die Namen dieser ehrlosen Wichte festzustellen.

u. Die Bürgerlisten liegen bis 30. Juli im Dienstzimmer des Bürgermeisters 1 Es empfiehlt sich auch für unsere Freunde Ein⸗ sicht zu nehmen, damit sie eintretenden Falls ihre Rechte auszuüben in der Lage sind.

Die Preise für Schweinefleisch sind von der Metzgerinnung laut Bekannt⸗ machung ganz bedeutend erhöht worden. Die Herren befinden sich in der für sie angenehmen Lage, so ganz ohne Weiteres und ohne be⸗ sonderen Grund Preissteigerung zu dekretteren. Andere Handwerker können das nicht. Ob die Löhne der Arbeiter sinken, das kümmert die Herren nicht.

Antisemiten⸗ und Amtsblatt.

DerGießener Anzeiger klopfte kürzlich dem Offenbacher Antisemstenblättchen auf die Finger, weil es ihm fortgesetzt Nachrichten ohne Quellenangabe entnahm. Daran ist nun weiter nichts Besonderes. So sehr empfindlich brauchte zwar derAnz. auch nicht zu sein; er that oft genug ähnliches. Charakteristisch ist aber die antisemitische Antwort. Folgendermaßen hub der Teutone an:

Da es in dem Schädel des bekannten Chefredakteurs mit dem urdeutschen Namen etwa so aussieht, wie in den Sandflächen seiner Heimat, allwo man die Dickwurz als Tafelobst genießt, so entlehnte er dem Mistkarren der dortigen Schabbeszeitung(damit ist unser Blatt gemeint. D. Red. d. M. Stgs.⸗Ztg.) einige duftende Gabeln voll, um seinen Briefkasten damit zu düngen. Nachdem dieses Geschäft vollbracht war, zeiht er uns der Todsünde, daß wir die meisten Nachrichten aus Oberhessen dem Gießener Anzeiger entnehmen. Wir gestehen zerknirscht ein, daß wit den Gießener Anzeiger nur zu dem Zweck halten, um zu erfahren, wo sich in der Gegend von Gießen einmal Einer aufgehängt hat, wo Einer wahnsinnig geworden ist und ähnliches.

So geht es noch eine Zeit lang fort. Dar, aus wird also Herr Wittko vomGieß. Anz. ersehen, daß er den Hirschel, Reuther und Konsorten nicht beikommen kann, die sind ihm entschiedenüber. Wenigstens im Schimp fen.

Kölner Sternbergprozesse.

Wegen Sittlichkeits⸗Verbrechen ähnlicher Art, als sie sich der Berliner Bankier Sternberg zu Schulden kommen ließ, wurden in Köln eine Anzahl Personen, meist denbesseren Ständen angehörig, verurteilt. Vier derartige Prozesse

elangten dort am Freitag zur Verhandlung. 5 Kohlenhändler Befferstein wurde zu neun, der Taglöhner Kneisel zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Der angesehene Schuh- machermeister und Schuhfabrikant Konrad Röger wurde von der Anklage freigesprochen. Röger hatte den Vater des betreffenden Mäd⸗

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