Seite 2.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 29.
Gesamtexistenz mehr oder weniger dem Spiel des Zufalls preisgegeben. Der Staat, der den Krieg zum Selbstzweck macht, negiert die National⸗ existenz der anderen Völker, die er besiegt, und seine eigene, indem er diese den Spiel des Zu⸗ falls und der Gewalt anheimgiebt.
Politische Rundschau.
——
Gießen, den 18. Juli.
Die Petition gegen die Getreidezoll⸗ erhöhung
die dem Reichstage eingereicht werden soll und für welche vom Parteivorstand gegenwärtig die Bogen zur Unterschrift in Umlauf gesetzt werden, hat folgenden Wortlaut:
„An den deutschen Reichstag zu Berlin.
Die Nachricht, daß die verbündeten Regierungen in dem Entwurf eines Zolltarifgesetzes eine abermalige und sehr erhebliche Erhöhung der Getreidezölle und dement⸗ sprechend eine Erhöhung der übrigen Lebens mittelzölle vorschlagen, hat bei den ergebenst Unterzeichneten die lebhafteste Entrüstung hervorgerufen. Die Brot⸗ und Lebensmittelsteuer ist die ungerechteste, die Interessen der Arbeiter und Gewerbetreibenden am schwersten schädigende Steuer.
Unter der hereingebrochenen Krise hat die Arbeiter⸗ klasse bereits schwer zu leiden. Diese Notlage wird ver⸗ schärft durch die Verteuerung der Lebensmittel unter dem Druck der Zollerhöhung.
Die Erhöhung der Getreide- und Lebens mittelzölle bringt nur einer kleinen Gruppe— den Großgrund⸗ besitzern— Vorteil. Diese kleine Gruppe hat durch die Liebes gabenpolitik des Reichs und der Einzelstaaten eine Bevorzugung erfahren, die nur dazu beigetragen hat, die Forderungen dieser kleinen Gruppe ins Unge⸗ messene zu steigern.
Das Vorhandensein und die Erhöhung der Getreide⸗ zölle stellt sich auch als eine schwere Schädigung weiter Kreise der bäuerlichen Bevölkerung dar. Der zu er⸗ wartende geringe Ertrag der diesjährigen Ernte bedingt eine gesteigerte Getreideeinfuhr und ein Emporschnellen der Preise über die geplanten Zollsätze hinaus. Von der Preissteigerung wird der größte Teil der Land⸗ bevölkerung betroffen, am schwersten die Arbeiter und die Besitzer der bäuerlichen Anwesen, die zu klein sind, um den Jahresbedarf der Familie zu decken.
Die ergebenst Unterzeichneten ersuchen deshalb den hohen Reichstag, bei Beratung des Entwurfs eines Zolltarifgesetzes die Getreide- und Lebensmittelzölle gänzlich beseitigen zu wollen, unter keinen Umständen aber irgend einer Erhöhung derselben seine Zustimmung zu geben.“
Nicht nur in Versammlungen, auch bei andern Gelegenheiten können Unterschriften ge⸗ sammelt werden: In der Familie, im Freundes⸗ kreis, am Biertisch, wo immer man mit Bürgern zusammenkommt, die an der Bekämpfung der Politik der agrarischen Beutelschneiderei ein Interesse haben. Genossen! Sorgt dafür, daß auch in Hessen ein Proteststurm von vielen Tausenden von Reichstagswählern nach Berlin dringt, damit den unzuverlässigen Volksvertretern das Gewissen geschärft werde!
Die Höhe der Zollsätze
im neuen Zolltarif suchte man regierungsseitig möglichst geheim zu halten. Jetzt scheint das Geheimnis gelüftet. Der agrarische Abg. Lutz⸗ Heidenheim hat in einer Versammlung des konservativen Wahlvereins, die unlängst in Nördlingen stattfand, mitgeteilt, daß er „von einem einflußreichen Führer einer einfluß⸗ reichen Partei“ erfahren habe, daß dem Reichs⸗ tag folgender Zollschutz vorgeschlagen werde: 6. Mk. für den Doppelzentner Weizen, 5 Mk. für Roggen, 4½ Mk. für Hafer und 4 Mk. für Gerste. Darauf erwiderte der baierische Landtagsabgeordnete Beckh, daß diese Zölle viel zu niedrig seien und daß für die vier Hauptgetreidearten wenigstens ein Zoll von 7 bis 7½ Mark pro Doppelzentner festgelegt werden müsse. Die Versammlung verlangte in einer Resolution,„daß der Zollschutz für alle vier Hauptgetreidearten wesentlich verstärkt und in gleicher Höhe festgesetzt, sowie, daß ein lückenloser Zolltarif mit gesetzlichen Minimal⸗ sätzen für alle landwirtschaftlichen Produkte
Nach dem in Stuttgart erscheinenden „Beobachter“ sollen dagegen im neuen Zolltarif folgende Sätze vorgesehen sein: Für Roggen 6, für Weizen 6.50, für Hafer 6 Mark, und bei Handelsvertragsverhandlungen soll nach einer Vorschrift des Entwurfs nicht unter 5 Mark für moge 5.50 für Weizen, 3 für Gerste und 5 Mark für Hafer heruntergegangen werden. Das sind gegen die jetzt giltigen Vertragssätze von 3.50 Mk. für Roggen und Weizen, 2 Mk. für Gerste und 2.80 Mk. für Hafer ganz außer⸗ ordentliche Erhöhungen! Weiter aber sollen auch für andere Volksnahrungsmittel die Sätze im Generaltarif ganz bedeutend hinaufgeschraubt werden; z. B. für Stiere und Kühe von 9 auf 25 Mk. pro Stück, Jung⸗ vieh von 5 auf 15 Mk., Schweine von 5 auf 10 Mk. für den Doppelzentner, Gänse, jetzt frei, auf 0,70 Mk. das Stück, Fleisch und Speck auf 30 und 35 Mk. pro Doppel⸗ zentner, Wurst von 17 auf 45 Mk., Butter und Käse(16 und 20) auf 30 Mk., Eier(2) auf 6 Mk. Das sind Erhöhungen bis zu 300 Prozent.
Diese Angaben dürften auf Zuverlässigkeit Anspruch machen. Damit sind die schlimmsten Befürchtungen eingetroffen. Es handelt sich um eine Verteuerung nicht nur der Brotnahrung, sondern der gesamten Ernährung der breitesten Massen des Volkes. Das ist Auswucherung des Volkes in der schlimmsten Form; das ist eine leichtfertige, ruchlose Bedrohung der Volkskraft und Volksgesundheit, wie sie in der Geschichte wohl einzig dasteht. Um eine banke⸗ rotte Junkerkaste zu retten, die zu allen Zeiten parasitisch am Marke des Volkes gesaugt und jeden Kulturfortschritt zu verhindern gesucht hat, wird ein frevelhaftes Spiel mit der Exi⸗ stenz der Nation gespielt. Denn daß mit der⸗ artigen Zollsätzen Handelsverträge unmöglich sind, liegt auf der Hand. Wer will aber die Hunderttausende von Arbeitern nähren, wenn der Zollkrieg unserer Exportindustrie die Märkte unterbindet und der große Inlandsmarkt durch die wahnwitzige Verteuerung der Lebensmittel vernichtet wird? Gegen diese volksverderbliche Politik muß sich das ganze Volk, vor allem aber die Arbeiterklasse, wie ein Mann in leb⸗ haftesten Protesten erheben!
Erhöhung der Viehzölle
verlangen bekanntlich die Agrarier. Sie be⸗ haupten dabei, daß die deutsche Landwirtschaft sehr wohl im Stande sei, das Vaterland mit deutschem Schlachtvieh zu versorgen. Einen schlagenden Beweis für das Unzutreffende dieser Behauptung findet man in dem Wochenblatt des Landwirtschaftlichen Vereins in Baiern. Danach ist die von dem baierischen Land⸗ wirtschaftsrat in München seit vier Jahren eingerichtete Verkaufsstelle für baierisches Schlacht vieh nur wenig benutzt worden. Der Landwirtschaftsrat klagt immer, daß die Bauern nur minderwertiges Vieh zur Geschäftsstelle brächten. Im vergangenen Jahr hat diese Stelle nur für 354 536 Mk. Vieh verkauft. Was ist das für den Riesenbedarf einer Stadt mit 500 000 Einwohnern? Dazu konstatiert das Wochenblatt, daß bet ungünstiger Konjunktur des Marktes das beste Vieh immer noch annehmbare Preise erziele, minderes und schlechtes Vieh dagegen empfindliche Einbußen erlitt. Der Staat soll also ganz einfach dafür sorgen, daß den Herren Agrariern für ihr minderwertiges Vieh hohe Preise gezahlt werden und zu diesem Zwecke die Grenzen durch erhöhte Zölle absperren.
Kleinbauern und Getreidezölle.
Schon oft wurde in diesen Blättern nach⸗ gewiesen, daß die Kleinbauern gar nicht an den Zöllen auf Getreide interessiert sind. Einen weiteren Beleg für diese Thatsache bietet der Jahresbericht der„Pfälzischen. Handels- und Gewerbekammer“ in Ludwigshafen a. Rh. Diese Kammer, die sonst durchaus nicht freihänd— lerisch ist, sieht einen besonderen Grund gegen die Erhöhung der Getreidezölle darin, daß so⸗ wohl in ganz Deutschland, als ganz besonders
dem Reichstag vorgelegt werde.“
in der Pfalz nur ein sehr geringer Prao⸗
zentsatz der landwirtschaftlichen Betriebe von den Getreidezöllen Nutzen habe, da nur ae Landwirte mehr Brotfrucht produzieren, als sie selbst verbrauchen. Nach den statistischen Angaben, welche dem Jahresberichte beigegeben sind, umfassen die Betriebe in der Größe von Prozent der Gesamtzahl Prozent der landwirtsch. ha der Betriebe benutzten Fläche
1—5 83,18 40,32 5— 20 15,83 46,97 über 20 0,99 12,71.
Nach weiterer Berechnung müssen die erst⸗ genannten 83 Proz. der kleinen Betriebe sämt⸗ lich Brot zur Ernährung ihrer Angehörigen zu den eigenen Produkten zukaufen, die 16 Proz. mittleren Betriebe bedürfen des Hinzukaufens nicht, erzielen jedoch nur einen Ueberschuß von 1,9 Tonnen- 38 Zentner, was kaum ins Gewicht fallen dürfte. Lediglich die großen
in der Lage, durchschnittlich ca. 10 Tonnen= 200 Zentner zum Verkauf zu stellen. Infolge solcher Beobachtungen an den Verhältnissen in der Pfalz kommt die Kammer zu dem End⸗ urteile:„Der Prozentsatz derjenigen Landwirte in der Pfalz, welche hiernach von den Ge⸗ treidezöllen überhaupt und von einer Erhöhung derselben Nutzen haben, ist so gering, daß es gegen alle Grund⸗
die bstalsten Interessen der gesamten übrigen Bevölkerung hintansetzen wollte.“
Der Leipziger Bankkrach und seine Folgen.
Der Zusammenbruch der Leipziger Bank hat, wie das ja vorauszusehen war, zahlreiche andere Unternehmungen mit in's Verderben gezogen. Darunter befinden sich auch solche, die als durchaus solid bekannt waren. So kam aus Nürnberg die überraschende Nachricht, daß die Elektrizitäts⸗Gesellschaft vormals Schuckert und Ko. in der Generalversamm—: lung am Samstag ihren Aktionären mitgeteilt hat, daß die vorgeschlagene Dividende von 10 Prozent nicht zur Ausschüttung gelangen könne, da die Gesellschaft ein Betrag von 4¼ Millionen an die Leipziger Konkursmasse abzuführen habe. Es herrscht große Erregung unter den Aktio⸗ nären, insbesondere da die für Vorstand, Be⸗ amte und Arbeiter vorgesehene Tantieme und Gratififationen in Höhe von 1½ Milltonen zur Auszahlung kommen sollen. Die Schuckert⸗ Aktien, die am 1. Juli noch 132 Proz. notiert hatten, fielen am Sonntag infolge dieser Vor⸗ gänge sofort auf 104 in Frankfurt und 95 in Berlin.— Ferner hat das seit 1896 bestehende Bankhaus Burkhardt und Ko. in Augs⸗ burg seine Zahlungen eingestellt. Dieses Fallissement steht allerdings mi dem Leipziger in keinem direkten Zusammenhang; dagegen sind eine Anzahl Konkurse industrieeller Unter⸗ nehmungen eine unmittelbare Folge des Leip⸗ ziger Krachs. Das ist beispielsweise bei der Kammgarnspinnerei Neumerkel in Gera der Fall.—
Der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Leip⸗ ziger Bank, Stadtrat Dodel, dessen Verhaf⸗ tung nach seiner Rückkehr aus Amerika erfolgte, wurde wieder auf freiem Fuß gesetzt.— Wie die„leitenden Personen“ mit dem Gelde An⸗ derer wirtschafteten, geht aus folgender Zei; tungsmeldung hervor:
Ueber die Verschwendungssucht des Direktors der Kasseler Trebertrocknungs⸗ gesellschaft, Schmidt, wurde der in Hild⸗
Groß⸗Tabarz Folgendes gemeldet:
Konzertkapelle dort an und nahm mit derselben
Groß⸗Tabarz nach dem Inselsberg und von
auftretend.— Es lebe die kapitalistische Ordnungl
Betriebe, also etwa 1 Proz. aller Betriebe sind
fätze einer gesunden Wirtschaftspolitik verstoßen müßte, wenn man wegen derselben
gat
Regie Verei Oder nter licht man darb Uns lnze Vr kahn i z daß
fam dasz deb die f des“ b 0
2
burghausen erscheinenden„Dorfzeitung“ aus Schmidt kam im vergangenen Sommer mit einer eigenen
in einem ersten Hotel Wohnung. Er gab nie unter zwanzig Mark Trinkgeld: sein täglicher Aufwand wurde auf über tausend Mark geschätzt. Nach einigen Tagen reiste der Herr Bankdirektor mit seiner Kapelle von!
dort weiter, überall mit fürstlichem Aufwand
zel bod eur Alt Weit Nl
ef


