Ausgabe 
20.10.1901
 
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Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 42. Die Wirtin kam und erzählte mir gähnend Jetzt fragten wir nicht mehr. Unsch

Knterhaltungs-Ceil.

A

Brüder, reieht die Band zum Bunde:

Brüder, reicht die Rand zum Bunde! Diese schöne Feierstunde

Führ' uns hin zu lichten Höh'n! Caßt, was irdisch ist, entflie hen, Uns'rer Freundschaft Harmonien Dauern ewig fest und schön.

Ihr, auf diesem Stern die Besten, Menschen all' im Ost und Westen, Wie im Süden und im Nord! Wahrheit suchen, Tugend üben, Alle Menschen herzlich lieben, Das sei unser Cosungswort! Komp. von Mozart.

Kriegerische Abenteuer eines Kriedfertigen. Erzählung von Heinrich Zschokke.

9 GCvortsezung) Gefährliche Gesellschaft.

Die dicke Wirtin pflanzte sich vor meinen Tisch hin, setzte beide Arme in die Seite, und fragte: ob ich über Nacht zu bleiben gedächte? Antwort: Nein. Ob ich noch nach dem Städtchen wolle? Antwort: Ja! Es war mir recht lieb, daß die Neugierige fragte, denn ich war noch viel neugieriger zu wissen, auf welcher Straße, in welcher Weltgegend ich sei und wohin ich führe. Ob ich nicht ein junges Frauenzimmer mit dahin nehmen wolle, daß zu Fuß angekommen wäre, und jetzt wegen über⸗ großer Ermüdung, auf dem Bette läge? es könnte mir ein gutes Trinkgeld eintragen. Antwort: Recht gern! und das ging mir von Herzen, besonders wegen des Trinkgeldes, dann auch wegen der Gesellschaft. Ob ich nicht besser thäte, mit Tagesanbruch weiter zu reisen? denn die Nacht sei keines Menschen Freund, zu⸗ mal bei Kriegszeiten. Es streife viel Franzosen⸗ volk umher, und zerstreutes preußisches Militär, das sich zu retten suche. Es gehe kein Tag ohne Mord und Totschlag und Plünderung vorüber. Ich nickte schaudernd mit dem Kopf. Man wolle mich und das Mamsellchen eine oder zwei Stunden vor Tag wecken; ich käme noch immer zu guter Zeit an Ort und Stelle; meine Herrschaft würde gewiß nicht schmälen. Das glaubte ich selbst. Also blieb ich. Es that mir, den Rossen und demMamsellchen wohl. Doch beschloß ich, früh aufzubrechen, denn ich berechnete psychologisch gut, des Morgens müsse die Straße am sichersten sein, weil die, welche gut finden, sie des Nachts in Gefahr zu setzen, sich aus Ermüdung oder Furcht vor Tagesanbruch verbergen; und die, welche am Tage wandern wollen, dazu nicht die Nacht zu wählen pflegen.

Mein Stallbett, auf dem ich nur bangen Schlummer hatte, fesselte mich nicht lange. Als es in der Dorfkirche vier Uhr schlug, war ich bei meinen Pferden, herrlichen Kutschgaulen. Ich machte Lärmen im Haus. Während der Knecht anspannte, beleuchtete ich mit der trüben Laterne mein neues Eigentum, die Chaise. Der Kasten war von mehreren eingedrungenen Flintenkugeln durchlöchert. Im Wagen lag eine Säbelscheide ohne Säbel, in einer der Seitentaschen befand sich eine zierliche Tabaks⸗ pfeife mit silberbeschlagenem Meerschaumkopf, dabei ein seidener Tabaksbeutel mit Stickerei, Vergißmeinnichtchen, und darum die zärtlichen Worte: Souvenir de l'amitie. Vermutlich galante Eroberung meines ehemaligen Herrn, des Employé, von irgend einem deutschen Mädchen. Der Kasten des Wagensitzes war fest verschlossen; 15 Schlüssel hatte der Employé unnützerweise

ehallen.

haarklein, was ich und meine Pferde alles gegessen und getrunken hätten. Ich fand das sehr langweilig, weil ich es ohnedem wußte, und fertigte sie mit dem Bescheid ab:Mamsellchen wird schon für mich bezahlen. Dann stieg ich in den Wagen, und setzte mich an die Stelle meiner gewesenen Herrschaft; da saß ich bequemer und wärmer, auch rechnete ich auf meine ange⸗ nehme Gespräche mit Mamsellchen.

Es kam endlich; man hob es zu mir in den Wagen: ich rief Adieu, und fort ging's. Aus dem angenehmen Gespräch aber ward nichts. Die Reisegefährtin schob sich in den Winkel des Wagensitzes so weit als möglich von mir, antwortete einigemale auf meine bescheidenen Bemerkungen, daß es sehr frisch, oder sehr finster, oder nicht gut fahren sei, ein schläfriges Ja und Nein, und überließ mich meinen fernern Betrachtungen.

Diese Betrachtungen wurden immer wunder⸗ licher, als meine schöne Gesellschafterin zwar im Dunkeln ließ sich mehr Schönheit ahnen, als sehen im Schlafe, wie der Wagen schaukelte, sich näher und näher gegen mich senkte. Aus bloßem Mitleiden mit dem guten Kinde, daß es nicht zu sehr umhergeworfen werde, rückte ich ihm drei bis vier Zoll näher. Nach einem Weilchen lehnte der Kopf der Schläferin an meiner Achsel ein hartes Kissen. Ich legte mit schüchternem Erbarmen meinen linken Arm um ihren schlanken Leib, und hielt die Schlummernde an meiner Brust. Sie schlief sanft wie die Unschuld, und erwachte selbst von den unruhigen Schlägen meines Herzens nicht, während ich wie ein Verbrecher zitterte.

Zum erstenmale lag ein schlafendes Mädchen an meiner Brust zum erstenmale hielt ich stundenlang ein weibliches Wesen mit dem Arm umschlungen ach, vergieb, Friederike, wenn ich dir in diesen Augenblicken nein, untreu ward dir meine Seele auch da nicht, denn ich gedachte deiner. Oft bildete ich mir ein, daß ich dich so zur Gefährtin habe; der sanfte Druck, mit dem ich die Fremde an mich zog, galt dir; mein verstohlener Seufzer dir, und dir der gottlose Kuß, den ich leise auf ihre Haube drückte. Aber zu einem Weibe, dessen Busen nach der Melodie des sanften Odems steigt und fällt, dessen Anschmiegen mit einer fremdartigen Glut erfüllt, zu solch einem Wesen setze man einen Mann von Schnee, aber keinen Hagestolz, ach! von neununddreißig Jahren.

Schönes Morgenrot.

Sanft schlich der Wagen im Sande fort. Ich ließ den Pferden ihren beliebigen Schritt, hielt meine schlummernde Unschuld fest im Arm, schloß die müden Augenlieder, um bequemer von Friederiken, Pfarrei und allen Himmeln zu träumen, die mir das Wachen nicht gab, und so ward aus dem willkürlichen Geträum zuletzt wirklicher Schlummer.

Ich und meine Schlafgenossin erwachten fast zu gleicher Zeit, als der Wagen aus dem milden Sande plötzlich über einen holprigen Prügeldamm fuhr. Es war schon hell. Vor uns im Hintergrunde der Landschaft brannte ein prächtiges dunkelglühendes Morgenrot, welches blendend auf unsere Augen fiel.

Erst sah ich auf meine braven Pferde, dann auf meine Reisegesellschafterin. Sie rieb sich mit beiden Händen die Augen; ich rieb mir die meinigen. Dann sahen wir uns ganz trocken einander an. Sie rieb sich wieder die Augen; ich mußte desgleichen thun, denn das Morgen- rot hatte mich, glaube ich, blind gemacht. Ich sah sie wieder an; sie mich. Und nun erst war ich überzeugt, daß ich noch schlafe und von Friederiken träume, denn sie saß, so kam es mir jetzt vor, neben mir.

Aber mein Gott, Herr Doktor, sind Sie es? fragte sie mit ihrer leisen, schönen Silber⸗ stimme, und betrachtete bald mein Angesicht und den werdenden Schnurrbart Ueberrest meiner ehemaligen Generaladjutanten⸗Uniform bald meinen beschmierten und zerrissenen Bauernkittel.

Ach, Friederike! rief ich,wie kommen Sie hieher? und zu mir?

Augen verdunkelten sich jetzt in den Thräug wehmütiger Seligkeit ich ließ das Leite fallen wir schlossen Brust an Brust, Mun an Mund; und in langen Küssen tauschten

Leben um Leben, Seele um Seele. wir hatten uns wieder; nach der langen, ewigg Trennung, wieder! und wie unverhofft, wunderbar! Vergessen war aller Schmerz de Vergangenheit! Vergessen alles Elend des Leben meine Sorgen, ihre Thränen; vergessen eh Gewitterwolke der Zukunft. Wir atmeten einer schönern Welt. Das Irdische fiel von uns alles war selige Verklärung.

Nur der verruchte Prügeldamm, auf der der Wagen so unbarmherzig stieß, daß sich sest unsere küssenden Lippen beständig voneinande verloren und mühsam wieder suchen mußten nur der Prügeldamm, bei dessen Anlage ma vermutlich solche rührende Scene nicht berechng hatte nur er trennte uns, da wir glauben der Tod könne uns nicht wieder scheiden. wie gern wären wir Brust an Brust gestorben

Ich nahm das Leitseil wieder zur Hanz Und nun ging's ans Fragen her und hin. iin ob wir uns gleich sahen, und ob wir einandg

wir, uns im engen Wagen voneinander zu bel lieren, wurden wir doch zweifelhaft, ob wir; auch wirklich wären. Sie war schöner, al ich sie jemals gesehen; das Morgenrot umstrahll sie mit einer Glorie. Ich mußte noch einmal das Leitseil fallen lassen.

Was ich von meinen kriegerischen Abenteuen Friederiken erzählte, wissen meine Leser; abe Friederike hörte sie aufmerksamer und begierige

an, als sie gelesen werden mögen. De au ehen meiner Verlobten waren ungleich Sie hatte von ihrer Herrschaft d

einfacher. Entlassung erhalten. der Franzosen in die Hauptstadt flüchtete di Herrschaft nach Stettin, und der Himmel wesß wohin. Friederike schwebte meinetwillen in Todesängsten; bekam endlich einen Brief von ihrer betagten Mutter, und den Befehl, Berlin zu verlassen und zu ihr zu kommen. Sie reißt also, eine gehorsame Tochter, ab, nachdem sie meinetwillen alle nötigen Anzeigen hinterlassen hatte; fuhr mit Gelegenheit bis Frankfurt, und machte sich von da, weil die Franzosen alle Pferde und Wagen in Beschlag genommen, oder weil in dem Augenblick niemand dergleichen zu einer unsichern Reise hergeben mochte, ziemlich

Kurz vor dem Einrücken

heroisch zu Fuß auf dem Weg. Müde und

matt kam sie gestern Abend in das Dorf, von wo an ich die Ehre hatte, ihr Leibkutscher zu

werden. (Schluß folgt.)

Ein Vermächtnis.

Auf dem Parteitage theilte unser Partel⸗ kassirer Gerisch mit, daß der verstorbene Genosst Schmitz in Aachen seine ganze Hinterlassen⸗ schaft im Betrage von über 40 000 Mk. det Partei vermacht habe. Ueber die Persönlichkeit des Verstorbenen schreibt unser Solinger Partei⸗ organ: Der 80 Jahre alt gewordene Erblasser, ein Junggeselle und einer gut katholischen Famil entstammend, war von Beruf Apotheker und eit durchaus wissenschaftlich gebildeter Mann, selt Vater war vor langen Jahren Professor an Karlsgymnasium zu Aachen. Schon früh 3 er fortschrittlichen Ideen und an des

reignissen von 1848 hat auch er thätigen Ar⸗ teil genommen. Obgleich er, nachdem sich in Laufe der Jahre die deutsche Sozialdemokrat entwickelte, als Parteigenosse nicht an de Oeffentlichkeit getreten, woran ihn in den letzte Jahrzenten auch sein hohes Alter hinderte, hab

er stets und reichlich für seine Ueberzeugun 1

materielle Opfer gebracht. Aber auch son war er ein warmer Freund der Armen und

heute bedauert manche und mancher Arme it Aachen, daß der liebe alte Herr Schmitz gestorbes

ist.

Durch Vermittlung eines hiesigen Parte genossen, der Schmitz aus früheren kannte, kam Letzterer vor mehreren Jahr nach Solingen und diktirte hier vor dem könik

Jahre!

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gleich fest Hand in Hand hielten, als fürchte

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