Ausgabe 
20.10.1901
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 42. 4

bei Proklamation eines neuen Emirs innere Unruhen auszubrechen pflegten, bei denen na⸗ mentlich Rußland im Trüben zu fischen gedachte, ging bis jetzt alles ruhig vorüber.

Krieg in Südafrika.

Präsident Krüger soll nach bestimmt auftretenden Mitteilungen in seinem gegenwär⸗ tigen Aufenthaltsorte Hilversum GHolland), trotz aller gegenteiligen Versicherungen, schwer erkrankt darniederliegen.

Die englischen Henker. Aus Middel⸗

burg wurde berichtet: Der Burenführer Lotter wurde für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde von Kitchener bestätigt und er ist Ende voriger Woche bereits erschossen worden. Fünf andere, die dem Kommando Lotters angehörten, wurden ebenfalls zum Tode verurteilt, doch wurde diese Strafe in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Ferner wurde ein Offizier Lotters, Wool⸗ faardts, sowie der Burenkommandant Schoe⸗ mann ebenfalls zum Tode verurteilt und das Urteil bereits vollstreckt. Ob durch diese barbarischen Mittel der Widerstand der Buren ebrochen wird, ist natürlich mehr als zweifel⸗ aft. Vielmehr drohte Botha bereits mit Gegenmaßregeln und wird nicht zögern solche anzuwenden, worin ihm alle rechtlich denkenden zustimmen werden.

Ueber die Lage Bothas treffen recht ungünstige Nachrichten ein. Solche aus eng⸗ lischer Quelle bezeichnen die Gefangennahme des Generals als unmittelbar bevorstehend. Hoffentlich bewahrheitet sich das nicht. Aber auch in der Umgebung Krügers soll große Be⸗ sorgnis herrschen.

Pon Uah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

Zur Stadtverordnetenwahl! Die Wählerlisten werden Freitag den 18. Okt. veröffentlicht. Unsere wahlberechtigten Freunde ersuchen wir, dieselben genau zu prüfen und falls sie ihre Namen nicht verzeichnet finden, sofort zu reklamieren. Wer keine Zeit dazu erübrigen kann, wende sich unter Angabe seiner Personalien und der einschlägigen Ver⸗ hältnisse an unsere Redaktion, Kirchenplatz 11 III, oder an E. Krumm, Bahnhofstr. 40, oder an C. Orbig, Rittergasse, von wo aus dann Weiteres veranlaßt wird. Man beachte: Wer nicht in der Liste steht, kann nicht wählen! Wahlberechtigt ist, wer 4 Jahre in Gießen wohnt und seit 1. April 1900 zur Gemeinde⸗ steuer herangezogen ist. Jeder veranlasse auch seine Freunde, Bekannte und Mitarbeiter, die Liste nachzusehen! n

Rezitation. Als im vorigen Winter Herr Rezitator E. Walkotte-Berlin üns hier Hauptmanns DramaVor Sonnenaufgang vorführte, wurden vielfach Wünsche laut, daß derartige Veranstaltungen wiederholt werden möchten. Diesen Wünschen hat das Gewerk⸗ schaftskartell Rechnung getragen und Herrn Walkotte für Donnerstag den 7. Nopbr. einge⸗ laden, wo er in Lonys Bierkeller das Drama Ph. Langmann'sBartel Turaser vortragen wird. Der Beifall, den die vorige Rezitation des Künstlers hier gefunden hat, läßt auch diesmal zahlreichen Besuch erwarten. Karten à 20 Pfg. sind bei den bekannten Stellen zu haben. N

Das Stiftungsfest des Gesangver eins Eintracht, das diesen Samstag statt⸗ finden sollte, wird eingetretener Störungen halber 8 Tage später, den 26. Oktober, im Saale des Casé Leib abgehalten.

Das Parteitagsprotokoll von Lübeck ist jetzt erschienen. Es ist diesmal sehr umfangreich 362 Seiten und kostet 60 Pfg. Die Verhandlungen der Parteitage sind fur jeden Genossen interessant und lesenswert, wir lönnen deshalb die Anschaffung des Protokolls nur empfehlen.

S. Am Samstag, den 12. Oktober feierte der Deutsche Schneider⸗ und Schneiderinnen-Verband, Zahl⸗ stelle Gießen, sein 13 Stiftungsfest im Saale des Café

Leib. Fast sämtliche Gießener Kollegen sowie solche von Wetzlar waren erschienen, um einige vergnügte Stunden zusammen zu verleben. Ein kleines Theater⸗ stück, bei welchem recht flott gespielt wurde, Couplet⸗, Musik⸗ und Gesangsvorträge, sowie ein daran an⸗ schließendes Tanzvergnügen ließen keine Langweile auf⸗ kommen und hielten die Erschienenen bis zum frühen Morgen in recht animierter Stimmung zusammen.

Vom Schwurgericht freigesprochen wurde am Samstag Abend die des Mordes angeklagte Witwe Lisette Schneider und ihr Sohn August aus Sta mm⸗ heim. Der Freispruch hat Aufsehen erregt, da durch die Beweisaufnahme die Angeklagten erheblich belastet wurden.

Ein Aufsichtsrat! Schon wochen⸗ lang wird in auswärtigen Blättern die son⸗ derbare Thätigkeit, welche unser Gießener Mitbürger, Geheimer Justizrat Dr. Reatz als Vorsitzender des Aufsichts⸗ rats der Fabrik feuer- und säurefester Produkte in Vallendar a. Rhein(Wirges) entfaltet hat, besprochen.

Diese Thätigkeit ist so eigenartig, daß wir glauben unseren Lesern schuldig zu sein, ihnen wenigstens einen, der in letzter Zeit häufig genannten Aufsichtsräte in seinem Wirken vor⸗ zuführen.

Schon in der General-Versammlung vom 11. August wurden gegen Herrn R. unglaub⸗ liche Vorwürfe erhoben. Während die Revisoren feststellen, daß gröbliche Verschleierungen und Fälschungen der Bilanzen vorgenommen wurden(statt Gewinn von Mk. 675300 war ein Verlust von Mk. 1293402 vorhanden), wie auch bis 1895 keine Prüfung der Bilanzen durch besonders bestellte Revisoren stattgefunden hatte, bescheinigt Herr Reatz, daß er bei vor⸗ genommener Prüfung alles in schönster Ord⸗ nung gefunden habe. Und in der Generalver⸗ sammlung räumt der Herr Geheime Justizrat ruhig ein, daß er von dem materiellen Inhalt der einzelnen Konti keinen Wend gehabt habe.

nd nun die Honorare für diese recht mangelhafte Aufsichtsratsthätigkeit! 35000 Mk. Tantiemen, 25100 Mk. sonstige Hono⸗ rare, Gebühren, Spesen de.

Ferner erhielt Herr R. von Direktor Böing (dessen Thätigkeit er als Aufsichts rats mitglied zu überwachen hatte), noch 27 Aktien. Ohne sein Zuthun und vorbehaltlich späterer Abrechnung, sagt Herr Reatz, habe er letzteres Geschenk genommen; diese Abrechnung sei aber von Jahr zu Jahr verschoben worden, und so sei er mit dem Direktor Boeing ausein⸗ andergekommen und so fügen wir hinzu hat dann Herr Reatz die Aktien behalten.

Ferner entnehmen wir aus der General⸗ versammlung vom 4. Oktober noch folgende auf Herrn Reatz bezügliche Ausführungen der hl, Zeitung

Aus dem Aufsichtsrat haben bekanntlich gegen Verzicht auf Regreßansprüche der Gesellschaft die zwei Herren Tuchen Mk. 750000, Baron d'Ablaing Mk. 250000 offeriert. Geh. Justizrat Dr. Reatz⸗Gießen lehnt jede Zahlung ab und erklärt sich für ver⸗ mögenslos. Gegen Dr. Reatz wurde geltend gemacht, er habe noch in der Generalversammlung vom 2. August 1899 als Vorsitzender eine Erklarung abgegeben, die zwar die Thatsache erwähne, daß im Juli 1899 im Auftrage der Berliner Handels-Gesellschaft eine Begut⸗ achtung durch zwei Sachverständige erfolgt war, aber deren abfälligen Inhalt verschwieg und statt dessen ver⸗ sicherte, diese Prüfung habe keinen Anlaß gegeben, an der Richtigkeit der Angaben des Vorstandes zu zweifeln oder die Befürchtung doloser Handlungen zu rechtfertigen. In der neulichen Versammlung wurde die Verlesung des damaligen Gutachtens von Direktor Liebig (Glashütte Siemens) vergebens gefordert, doch wurde im Verlaufe der Versammlung daraus bekannt, es seien darin die Zustände bei der Gesellschaft als ganz unglaub⸗ liche geschildert, unordentliche Buchführung, fehlende Un⸗ terlagen für die Vermögensaufstellung, ein Fehlbetrag von Mk. 430000 ec. festgestellt worden. Damit stehen die Erklärungen von Dr. Reatz im schroffsten Widerspruch; wäre an ihrer Stelle damals das Gutachten Liebig bekannt gegeben worden, so hätte man die in der Versammlung vom 2. August 1899 be⸗ schlossene Vermehrung des Aktienkapitals um weitere Mark 2 Millionen nicht mehr durchführen können, von denen noch am 25. August 1899 Mark 1 Million zu 170 Prozent den Aktionären angeboten wurde.

Hat Herr Reatz wirklich so gehandelt wie ihm hier vorgeworfen wird, dann kann seine

Thätigkeit noch eine Fortsetzung an anderer Stelle finden; wenn Jedermann(ohne juris⸗ tische Kenntnisse) für seine Thaten haftbar

ist, dann muß auch ein Jurist haftbar sein; es ist zweifellos, daß Herr Reatz seine Aufsichts⸗ ratsthätigkeit nicht so ausgeübt hat, wie es das

Interesse der Aktionäre und des Werkes erfordert

hätte und deshalb nehmen wir an, daß auch

anderswo die Thätigkeit des Herrn Reatz noch ö

unter die Lupe genommen wird.

Wir berichten nach derFrankf. Zeitung und demBerliner Tageblatt, die uns als Handelsblätter als durchaus zuverlässig bekannt

sind; wir gehen deshalb ausführlich auf die Sache ein, weil unsere Gießener bürger⸗ lichen Blätter den Fall Reatz einfach totschweigen. Uns wundert dies nicht; diese Blätter, welche getreulich berichten, wenn irgend ein armer Teufel von Arbeiter in irgend einer Gesetzesmasche hängen bleibt, sie sind stumm wie das Grab, wenn es sich um einen Ange⸗ hörigen dergebildeten undbesitzenden Klasse handelt. Dies Schweigen gehört zu dem System der unparteiischen general anzeigerlischen Kapitalistenpresse.

Aus dem Rreise gießen.

Wie seck. Eine Protestversammlung gegen die Lebensmittelzölle findet diesen Sonntag, den 20. Oktober, Nachmittags Uhr im SaaleZum Gambrinus statt. Das Referat hat Genosse E. Krumm⸗ Gießen übernommen.

Zur Bürgermeisterwahl in Wieseck, die am Samstag den 26. Oktober stattfinden soll, wird uns geschrieben: In Wieseck stehen wir zur Zeit vor der Wahl des Bürgermeisters. Der dermalige Bürgermeister leitet und versieht sein Amt seit 18 Jahren in ruhiger, gerechter und zufriedenstellender Weise zum Wohle der ganzen Gemeinde. Es wird nun offenbar von eigen⸗ nütziger und selbstsüchtiger Seite gegen den bewährten Beamten unter Verbreitung falscher Thatsachen gehetzt uud geschürt, und so u. a. das Gerücht verbreitet, der Bürgermeister würde nach Ablauf von 25 jähriger Dienst⸗ zeit Berechtigung auf Pension haben. Wie unsinnig und unwahr eine solche Behauptung ist, ergiebt schon die Thatsache, daß nur Gehalt empfangende Beamte Anspruch auf Pension haben, die Bürgermeister der Landgemeinden aber nur Bureaukosten als Besoldung erhalten und dann überdies eine solche Pension nur durch Landesgesetz geregelt werden kann. Stichhaltiges gegen den Bürgermeister können diese Leute nicht vor⸗ bringen und es wäre daher im Interesse der ganzen Gemeinde und deren Bürger sehr zu wünschen, daß der Bürgermeister, dessen bisherige Thätigkeit man anerkennen muß, möglichst einstimmig wieder gewählt würde.

Aus dem Rreise Weßlar.

h. Die Alkoholfrage wurde in einer am Samstag Abend abgehaltenen vom Guttempler⸗Orden einberufenen Versammlung erörtert. Wir kommen auf die dort gemachten Ausführungen in nächste Nr. zurück.

Antisemiten-Quatsch. Der Antisemi⸗ terich Reuther in Offenbach, der seine mo⸗ marchische Gesinnung vorläufig in die Ecke ge⸗ stellt hat, schildert den Lesern seines Weltblattes folgendermaßen die Verderbtheit der Sozial⸗ demokratie. Dem Genossen Leutert wäre bei seiner Rede auf dem Parteitage zugerufen worden:Sie halten hier wohl eine Volksversammlung ab.Und das ge⸗ schieht von einer Partei so entrüstet sich Reuther deren ganze Stärke doch nur in den Volksversammlungen begründet wurde. Es gemahnt dies an das Verhalten des sozial⸗ demokratischen Redakteurs, der eben in Gießen untergebracht ist, er war früher Schreinergeselle in Frankfurt, was ihn aber nicht hindert, über unseren Vorsitzenden in Aßlar zu spotten, weil er ein einfacher Bürstenbinder war. Wann gehen dem Volke über die Gesellschaft die Augen auf. 8

Was soll denn das alberne Gewäsche? Sind etwa auf dem Parteitag die Volksversammlungen beleidigt worden? Selbstverständlich braucht man auf dem Parteitage keine Agilationsreden zu halten und nur in diesem Sinne ist der Zuruf zu verstehen, was eigentlich auch ein Reuther begreifen sollte. Geschwindelt hat er aber wieder das thut er gewohn⸗ heitsmäßig wenn er behauptet, sein Ver⸗ trauensmann in Aßlar sei verspottet worden, weil er Bürstenbinder wäre. Wir haben nur

darauf hingewiesen, daß er als Bürstenbinder

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