Ausgabe 
20.10.1901
 
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Sts. 2

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 42.

dem verlorenen Karlsruhe um 1500, in Pforzheim Stadt um 600; in Lörrach, wo bei der Reichstagswahl nur 458 sozialistische Stimmen fielen, standen 645 sozialdemokratische Urwähler 619 gegnerischen gegenüber; gleichwohl hatten wir nur 18, jene 32 Wahlmänner; im stockkatholischen Schwarzwald⸗Industrieorte Furtwangen erzielten wir 300 Stimmen, doppelt soviel als 1897, das Zentrum 383. In Durlach⸗Land haben wir mit zirka 1500 Stimmen die relative Mehrheit. In Lörrach⸗ Land sind zum erstenmale eine Anzahl sozia⸗ listischer Wahlmänner durchgebracht, andere er⸗ zielten starke Minderheiten Es geht überall ganz hübsch vorwärts!

Die Abgeordneten wahlen zum sächsischen Landtage

fanden am 11. Oktober statt. Ihr Ergebnis entsprach natürlich dem Ausfall der Wahlmänner⸗ wahlen; es wurden 20 Konservative, 7 National⸗ liberale und 2Fortschrittler gewählt. Was das für eine SorteFortschritt ist, den die beiden Letzteren vertreten, geht daraus hervor, daß der eine davon sich der konservativen Frak⸗ tion angeschlossen hat, der andere dem Bunde der Landwirte angehört! Wirklich, eine nette Volksvertretung! Die letzten Wahlen haben aber gezeigt, daß der Unwille über das Drei⸗ klassenwahlrecht und die Wahlrechtsräuber im Wachsen begriffen ist und hoffentlich wird der Volkszorn die Klassengesetzgebung eines schönen Tages hinwegfegen.

Der freihändlerische Antisemit.

Die in der letzten Nummer von uns er⸗ wähnte Proklamation des Reichtagsabge⸗ ordneten für den Wahlkreis Gießen, Bürger⸗ meister Köhler von Langsdorf, hat natürlich bedeutendes Aufsehen erregt, allerdings nicht in einem von ihrem Verfasser erwünschten Sinne. Niemand nimmt die tönenden Redensarten ernst, man faßt das Dokument humoristisch auf. Was soll man auch dazu sagen, wenn Köhlerseine Bauern feierlich beschwört, sich nicht auf Andere zu verlassen: erstens nicht auf die Beamten, zweitens nicht auf die evangelischen Pastoren, drittens nicht auf die Gelehrten, besonders nicht auf die Professoren, die meistens über⸗ geschnappt seien vor lauter Weisheit, viertens nicht auf die Industriellen, denn sie sind zu egoistisch, fünftens nicht auf die Hand⸗ werker, dennsie sind zu sehr geistig be⸗ schränkt, sechstens nicht auf die Kaufleute, denn sie sind fast alle unsere heftigsten Feinde. So stehen wir Bauern denn einer Welt voll bewußter Feinde, verhetzter Dummköpfe, übergeschnappter Professoren, gewis⸗ senloser Egoisten und Streber gegen⸗ über. Verlassen von aller Welt wie die Buren, kommen wir dann endlich wohl selbst zu der Idee, daß ein solches Gemeinwesen uns lieber heute gestohlen werden möge als morgen, und ein Mittel dazu wäre der gänz⸗ liche Freihandel. Würde mir Jemand dazu nunmehr die Hand bieten, ich würde der eifrigste Verteidiger des Freihandels werden. Köhler legt alsdann dar, wie der Freihandel Vorteil für den Bauernstand überall mit sich bringe; aber das Deutsche Reich werde nicht gut dabei fahren.

Wir meinen, Jemanden zu finden, der für den Freihandel eintritt, kann nicht schwer sein, wir wären unter Umständen in der Lage Herrn Köhler behilflich zu sein. Fraglich ist aller⸗ dings, ob Jemand einen so unzuverlässigen Kantonistendie Hand bitten würde. Was sollen den aber nun die Bauern sagen, denen Herr Köhler stets die höchsten Schutzzölle als Allheilmittel hinstellte, wenn er nun auf ein⸗ mal den Freihandel als gut und nützlich für die Bauern anpreist? 2

Während alle Welt über das Köhlersche Pronunziamento lachte, fühlten sich einige Pastoren gekränkt und machten ihrem Groll imGieß. Anz. Luft. Einer meint, Köhler und seine Freunde solltendem Bauer das Beispiel in einer rationellen Wirtschaft geben d. h. Köhler verstünde nichts von der Land wirtschaft. Das hat er nun davon

Antisemitische Vaterland, tiebe und Königstreue.

Unsolid wie alles bei den großmäuligen Urteutschen ist auch ihre in aufdringlicher Weise bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit beteuerte Treue zu Fürst, Kaiser und Reich; auch mit ihrer Vaterlandsliebe siehts höchst windig aus. Diese Tugenden üben sie blos, wenn sie dafür angemessen entschädigt werden; ihre monarchische Gesinnung ist stärker oder schwächer, je nachdem sie dadurch mehr oder weniger materielle Vorteile einheimsen. Genau so wie die württembergischen Agrarier den Grad der Anhänglichkeit undunwandelbaren Treue zu ihrem angestammten Herrscherhause nach den Zolltarifsätzen bemessen, zu denen sich die Re⸗ gierung verstehen will, so werden demnächst die

essischen Antisemiten einen Preiskourait für ethätigung vaterländischer Gesinnung heraus- geben. Auf dem Leipziger Parteitage der Partei der dummen Kerle drohte nämlich gar fürchter⸗ lich der Offenbacher Kämpe Reuther: Wenn hier immer so sehr der monarchische Geist betont wird, der uns beseelt, so muß ich doch sagen, daß derselbe bei uns in Hessen nicht vorhanden ist. Die Liebe zum Vaterland wird und muß in uns Hessen ertötet werden, wenn wir sehen müssen, wie densozialdemokratischen Volks- vertretern Audienzenbewilligt werden, wie unser Landesfürst die Sozialdemokraten aufsucht und wie sie karessirt werden, während wir Bauern Not leiden. Darum müssen wir in erster Linie verlangen, daß der nationale Geist auch an der Stelle, wo gegenwärtig ein anderer Geist ob jüdischer oder euglischer, ist gleichgiltig herrscht, wieder zum Durch⸗ bruch gelange, ehe wir wieder zu einem Verständnis für die monarchische Entwicklung gelangen.

Also die antisemitischen Patent⸗ Patrioten kündigen auch ihr Loyalitätsgefühl! Und das Alles aus Aerger über die halbstündige Unter⸗ redung des Großherzogs mit dem Abgeordneten Ulrich! Der Unwille der biederen Teutschen ist aber ganz berechtigt. Wenn man das ganze Jahr in Byzantinismus das Menschenmögliche leistet, in den Versammlungen sich die Kehle durch die Hochs auf den Fürsten wundschreit, sich noch schließlich mit Gesetzentwürfen abquält, welche die Erhaltung des Thrones für die regierende Familie bezwecken sollen und dann solche Undankbarkeit! Das ist allerdings zum republikanisch werden! Und wir Verstockte empfinden angesichts der fürstlichen Bevorzugung noch nicht einmal Freude! Wir schreien nicht Hoch und ob uns irgend eine hohe Person als brave Kerle oder vaterlandslose Gesellen be⸗ zeichnet, ist uns tout meme chose vollständig Schnuppe!

Ein prügelnder Landesvater.

Liebe und getreue Unterthanen pflegen selbst in den eigentümlichsten Neigungen und Launen ihrer angestammten Herrscher von Gottes Gnaden fürstliche Tugenden zu erblicken. Meist finden sich auch vaterländisch gesinnte Geschichtsschreiber, welche die Ruhmes⸗ und andere Thaten der diversen gekrönten Häupter gewissenhaft auf⸗ zeichnen, damit sie der Nachwelt überliefert werden. So saugt die Schuljugend schon während ihr mühsam das A BC beigebracht, wird,Liebe zum Herrscherhause undgute Gesinnung ein. Was aber jetzt von dem Herrscher über das große Reich Reuß ältere Linie berichtet wird, dürfte sich kaum zur Auf⸗ nahme in das Ruhmesregister eignen. Dieser gefällt sich nämlich in der Rolle eines Büttels, indem er Kinder in seiner Gegenwart prügeln ließ oder auch selbst prügelte. Wie er dazu kommt, teilt die ErfurterTribüne in Fol⸗ gendem mit:

Es kommt wie anderwärts auch in jenem gelobten Lande manchmal vor, daß Kinder, die eben das strafmündige Alter 12 Jahre erreichten, sich irgend ein Vergehen zu schulden kommen lassen, das durch den Richter mit einer mäßigen Gefängnisstrafe geahndet wird. Es ist erklärlich, daß die Eltern solcher Kinder oft

den lebhaften Wunsch hegen, dieselben vor dem Gefängnis bewahrt zu sehen und sich deshalh an den Landesherrn um Begnadigung wenden.

In der Regel ist der liebe Landes bater auch geneigt dazu: aber das Interessante ist die Bedingung, unter welcher dieser Her rscher von Gottes Gnaden, der sich selbst als den Frömm⸗ sten im Lande betrachtet, die Begnadigung ge⸗ währt; dieselbe tritt nur ein, wenn die Eltern ihre Zustimmung geben, daß an Stelle der Gefängnisstrafe eine harte, körperliche Züchtigung tritt, die vor dem Landes⸗ vater zu vollziehen ist und über welche die Eltern zu strengem Schweigen sich verpflichten müssen.

Diese Prozedur geht folgendermaßen vor sich. Das begnadigte Kind wird mit dem Vater, manchmal auch allein, auf das Schloß befohlen und in ein entlegenes Zimmer, dessen Fenster⸗ vorhänge herabgelassen sind, vor den Herrscher geführt. In dem Zimmer befindet sich ein Stuhl, auf den das Kind mit entblößtem Hinterteil, manchmal nach nackt geschnallt wird. Hierauf reicht unser Herrscher von Gottes Gnaden dem Vater des Kindes eine grüne Gerte, mit der dieser das Kind derart zu züchtigen hat, daß nach den ersten Hieben das Blut zum Vorschein kommt. An dem Schreien und dem Blute weidet sich der fromme Landes⸗ vater! Zwei besonders haarsträubende Fälle sind in den letzten Jahren vorgekommen. In dem einen handelte es sich um zwei Mädchen, die wegen Kartoffelauflesen man denke! zu einer kurzen Gefängnisstrafe verurteilt waren. Ihre Eltern hatten um Begnadigung

ebeten, worauf die Kinder auf's Schloß be⸗ chieden und vor den Landesherrn geführt wurden, der diesmal in höchsteigener Person die Züchtigung vornahm. Und zwar mußte das eine der Mädchen sich nackt ausziehen, wohingegen das zweite die Kleider unter den Arm zu nehmen hatte. Natürlich waren die Eltern darüber höchst aufgebracht und entsetzt über den Zustand, in dem sich ihre Kinder befanden. Und obwohl diese barbarischen Mißhandlungen in der Bevölkerung trotz der Schweiggebote bekannt geworden waren, wagte niemand, sich öffentlich dagegen zu beschweren, aus Furcht vor dem Majestätsbeleidigungs⸗ paragraphen. Schlimm genug ist aller dings, daß sich Eltern zum Werkzeug solcher krank⸗ haften fürstlichen Neigungen gebrauchen ließen. Angesichts dieser Vorkommnisse wäre es gar nicht zu verwundern gewesen, wenn sich die Erbitterung in Attentaten Luft gemacht hätte.

Behandlung politischerVerbrecher in Preußen.

Neulich wurde der Redakteur desVorwärts, Genosse John, der etwelchePreßvergehen hinter schwedischen Gardinen gesühnt hatte, in dem grünen Wagen zwischen allerhand gemeinen Verbrechern nach dem Gerichtsgebäude trans⸗ portiert, um von da aus entlassen zu werden. Eine noch skandalösere Behandlung widerfuhr dem Redakteur Genossen Bredenbeck in Dortmund. Dieser verbüßt eine längere Gefängnisstrafe in Herford und mußte einige Termine in Dortmund wahrnehmen. Auf dem Rücktransport wurde er den weiten Weg vom Dortmunder Amtsgerichtsgefängnis zum Baha⸗ hof gefesselt transportiert, beide Hände waren übereinander geschlossen. Bredenbeck ist wie ein gemeiner Verbrecher behandelt worden. Die ihm zu Teil ge⸗ wordene Behandlung erregt mit Recht in den weitesten Kreisen Entrüstung. Bankräuber und Millionenspitzbuben werden dagegen oft genug mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt. Unsere Genossen haben weiter nichts gethan, als ihrer Meinung und der weiter Volkskreise über die herrlicheOrdnung Ausdruck gegeben; sie sind Ehrenmänuer in den Augen aller recht⸗ lich Denkenden.

Schlappigkeit des Freisinns.

In der Berliner Stadtverordneten⸗ Versammlung sind die Freisinnigen in der großen Mehrheit. Ihr lahmes Verhalten gegen⸗ über den Eiusprüchen des Katsers in der Stadt⸗ bahn- und Märchenbrunnen⸗Angelegenheit geißelt

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