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Eießen, Sonntag, den 20. Oktober 1901.
8. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Die Mitteldeutsche
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Bei mindesteng
Volksgesundung und Lebensmittel⸗ zölle.
In welche schweren Widersprüche uns die agrarische Hochschutzzollpolitik hineinträgt, dafür werden von Tag zu Tag mehr Beispiele offenbar. Kürzlich kam aus Centrumskreisen die Anregung, die vorauszusehenden Mehrerträge aus den höheren Lebensmittelzöllen zur Witwen- und Waisenversor gung zu verwenden. Daß man dabei mit der einen Hand weit mehr weg⸗ nimmt, als man mit der anderen Hand geben kann, ist selbstverständlich, ganz abgesehen von allen anderen, einer solchen„Sozialpolitik“ ent⸗ gegenstehenden Gründen.
In den letzten Wochen ist nun wiederholt aus ärztlichen Kreisen darauf hingewiesen worden, welche Bedeutung die Lebensmittel verteuerung für die Gesundheitspflege und die Volkshygieine hat. Hierbei kommt in erster Linie in Betracht die große Volkskrankheit Tuberkulose. Welch' eine verheerende Wirkung die Tuberkulose in unserem Volke anrichtet, dafür ist erst in neuerer Zeit nach und nach das Verständnis gewachsen, vor allem dank den wohlthätigen Bestrebungen weiter Kreise, die auf die Errichtung von Volks⸗Lungenheilstätten abzielen. In welcher Weise diese Bestrebungen durch die Lebensmittel⸗ verteuerungspolitik berührt werden, das kann man schon jetzt annähernd ermessen, wenn man den folgenden Passus aus dem Bericht des Generalsekretärs des deutschen Centralkomitees zur Errichtung von Heilstätten für Lungen⸗ kranke, Dr. Pannwitz(„Der Stand der Tuber⸗ kulosebekämpfung im Frühjahr 1901“), liest: „Mehrfach ist eine Erhöhung der Pflegekosten, die in der letzten Zeit vielfach in Krankenhäusern vorgenommen wurde, auch in Lungenheilstätten eingetreten. Die allgemeine Steigerung der Lebensmittelpreise fällt für die letzteren deshalb noch mehr als bei gewöhnlichen Krankenanstalten ins Gewicht, weil das hygieinisch⸗diätetische Heilverfahren in erster Linie mit auf einer sehr reichlichen Ernährung jedes Einzelnen beruht, bei der namentlich die teueren eiweißreichen Nahrungsmittel, wie Fleisch und Milch, obenan stehen. Wird doch in Volksheilstätten per Kopf und Tag durchschnittlich ein Pfund Fleisch und zwei Liter beste Vollmilch gerechnet. Bisher ist fast allgemein in deutschen Volksheilstätten der Tagespflegesatz auf 3 Mk. normiert gewesen. Nur einige wenige verlangten, lokalen Ver⸗ hältnissen eutsprechend, schon jetzt 3.50 Mk. Wenn eine Erhöhung auch anderwärts auf die Dauer nicht zu vermeiden sein sollte, was für Volksheilstätten im Interesse der Verallge⸗ meinerung des Heilverfahrens freilich sehr zu bedauern wäre, so wird auch dieser Umstand dazu beitragen, daß man noch mehr als bisher auf die Schaffung von Nachkuranstalten mit ländlichem Betriebe bedacht ist, in denen die durch die Kur in der Heilstätte hin⸗ reichend Gebesserten unter im übrigen gleich günstigen Unterkunfts⸗ und Befähigungsverhält⸗ nissen billiger verpflegt werden könnten“
In Masius' Rundschau werden die obigen Ausführungen von Gollmer besprochen und mit folgenden Bemerkungen versehen:„Abgesehen pon der Andeutung, daß durch eine Steigerung der Leben⸗mittelpreise die Verallgemeinerung der Heilstättenfürsorge gefährdet sei, interessiert
es hier vor allem, zu erfahren, daß Pannwitz als Geschäftsführer des deutschen Central⸗ komitees die reichliche Ernährung mit Fleisch und Milch als einen der wesentlichsten Faktoren des hygieinisch⸗diätetischen Heilverfahrens aner⸗ kennt. Und dabei hat man noch nie gehört, daß auch nur eine der zahlreichen einflußreichen Persönlichkeiten im Präsidium und im Ausschuß des genannten Komitees es gewagt hat, an maßgebender Stelle es als eine Versündigung am Volkswohl sondergleichen zu bezeichnen, wenn die Versorgung der breiten Volksschichten mit den notwendigsten Nahrungsmitteln irgend⸗ wie auch nur erschwert wird.“
Diejenigen hervorragenden Kreise, die sich in so verdienstlicher Weise um die Bekämpfung der Tuberkulose bemühen, müssen gegen die geplante Lebens mittelverteuerung Stellung nehmen, wenn sie ihre Aufgabe ernstlich durch⸗ führen wollen. Wir sind überzeugt, daß in jenen Kreisen zahlreiche verdienstliche Männer und Frauen sich befinden, die sich bei näherer Beschäftigung mit dieser Frage der Wahrheit nicht verschließen werden, daß man nicht auf der einen Seite die das Volk bedrohenden Seuchen durch Heilstätten bekämpfen kann, wenn man auf der anderen Seite durch Verteuerung der notwendigsten Nahrungsmittel denselben Seuchen Vorschub leistet.
Ein Aufruf unseres Parteivorstandes
weist auf die zum 26. November bevorstehenden Beginn der Reichstagssession hin, nach welcher sofort der Kampf um die Zölle entbrennen wird.
„Der Erfolg des Kampfes, heißt es da, hängt wesentlich von der Unterstützung ab, die das Volk der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstages angedeihen läßt. Einen großen Erfolg hat der Kampf gegen die Lebensmittel⸗ verteuerung bereits aufzuweisen. Große Massen katholischer Arbeiter haben sich der Volksbe⸗ wegung angeschlossen und gegen die zweideutige Haltung des Zentrums Stellung genommen. Diese Vorgänge bereiten dem Zentrum große Sorge. Denn ohne die Unterstützung der katho⸗ lischen Arbeiter kann das Zentrum seine Stellung als ausschlaggebende Partei nicht behaupten. Der betretene Weg muß eingehalten und weiter verfolgt werden.
Deshalb ist es notwendig, daß die Partei⸗ genossen mit der Sammlung der Uuter⸗ schriften für die in Umlauf gesetzten Petitionen gegen den Brodwucher in allen Volkskreisen fortfahren, dabei insbesondere die katholischen Arbeiter auf die volksfeindliche Haltung des Zentrums aufmerksam machen. Nur dann, wenn der Unwille und der Zorn des Voltes über die Lebensmittel verteuerung millionenfach und ohne Unterlaß den offenen und verkappten Ausbeutern in den Ohren gellt, werden die wankelmütigen Volksvertreter der Stimme des Volkes Gehör schenken..
Nach den getroffenen Dispositionen ist es
die Absicht des Vorstandes der sozialdemokrati⸗
schen Fraktion, dem Reichstage sofort nach seiner Eröffnung den Protest des deutschen Volkes gegen den Brodwucher durch Ueberreichung der in Umlauf befindlichen Petitionen zu notiftzieren.“
Der Parteivorstand ersucht deshalb die Ge⸗ nossen, dafür zu sorgen, daß die in Umlauf befindlichen Petitionslisten bis spätestens 31. Okt. an die Adresse: Buchdruckerei Max Bading, Berlin SW., Beuthstraße 2 eingesandt werden können, da das Ordnen, Zählen, Sichten und e der Listen längere Zeit in Anspruch nimmt.
politische Hundschau.
Gießen, den 17. Oktober.
Der Tabak soll noch mehr bluten.
Gegenwärtig hat der Tabak schon einen ganz gehörigen Zoll zu zahlen. Ausländischer muß 85 Mk. für den Doppelzentner Zoll ent⸗ richten, während von dem im Inlande erbauten Tabak 45 Mk. Steuer für den Doppelzentner erhoben werden. Angesichts dieser hohen Be⸗ lastung ist ja auch im Zolltarifentwurfe von einer Erhöhung der Tabakzölle Abstand ge⸗ nommen worden. Aber daß die Tabakkonsu⸗ menten ungerupft davon kommen sollten, paßt den Agrariern nicht; der Bund der Landwirte agitiert deshalb für eine Erhöhung des Zolles von 85 Mk. auf 125 Mk. für den Doppelzentner und auch die Versammlung der hessischen Agrarier in Darmstadt Mitte September trat für die gleiche Erhöhung ein. Und in der bayrischen Kammer kündigte Minister v. Feilitzsch an, die bayerische Regierung werde im Bundesrat den Antrag stellen, daß„die Position des Tabak⸗ zolles auch etwas erhöht werde.“ Wenn aber die Zollerhöhung eine Vermehrung der im In⸗ lande erzeugten Tabakmenge bewirkt— und das wollen ja die Agrarier— so bedeutet dies einen Verlust für die Reichskasse, weil die Inlandssteuer noch nicht den vierten Teil des Ertrags liefert als der Tabakzoll. Gegenwärtig beträgt die Inlandsproduktion nur etwa 25000 Tonnen, die Einfuhr dagegen 60 000 Tonnen. Die Inlandssteuer bringt dem Reich nur 12 Millionen, der Tabakzoll dagegen 53 Millionen Mk. Wird der, Schutzzoll noch erhöht, so bedeutet jeder Doppelzentner Roh⸗ tabak, dessen Produktion im Inlande an Stelle einer bisherigen Einfuhr tritt, einen Verluft für die Reichskasse um 40 Mk. Es kanm sich also in diesem Falle ein ganz beträchtlicher Ausfall für die Reichsfinanzen ergeben. Dabei klagen die Minister über die schlechte Finanz⸗ lage des Reiches! Das hindert sie aber nicht, piele Millionen im Sonderinteresse einer kleinen Anzahl von Tabakbauern preiszugeben.
Sozialdemokratischer Wahlsieg.
Bei den Stichwahlen zum Landtag in Reuß j. L. wurden unsere beiden Genossen Fiedler und Böttger gegen nationalliberale Gegner gewählt. Unsere Partei besitzt damit in diesem 16 Abgeordneten zählenden Landtage vier Mandate, vorher waren wir nur durch drei Abgeordnete vertreten.
Zunahme der sozialdemokratischen
Stimmen hat sich bei den Landtagswahlen in Baden ergeben, trotzdem uns zwei Mandate verloren gingen. Gegen die letzte Wahl stiegen sie in


