Ausgabe 
20.1.1901
 
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und Schwächlinge aufzuopfern. Ich habe

3 mich entschieden.

einverstanden? fügte er zu tenden Frida fragend

Nr. 3.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

bei Zeiten einzulenken, statt sich für Hohlköpfe Unsere Hochzeit kann noch zu der festgesetzten Zeit stattfinden. Bist Du der gerade eintre⸗ hinzu.

In den Zügen des Mädchens malten sich die widerstreitendsten Gefühle. Sie war ganz aus dem Holze, aus dem Ihr Vater geschnitzt. Vor dem Zynismus Ihres Bräutigams regte sich der edle Stolz ihres jungfräulichen Herzens.

In dieser Sache mag der Vater entscheiden, versetzte sie würdig.

Meine Tochter wird nie mit meiner Ein⸗ willigung einen Schurken, Heuchler und Ver⸗ räther heirathen! rief der alte Grad voll Zorn, und keine Macht der Erde soll mich um eines Haares Breite von dem abbringen, was ich als Recht erkannte. Lieber würde ich Hochverräther als zum feilen Judas Ischariot werden 1

Blitzenden Auges hatte der Alte gesprochen, unwillkürlich war das Mädchen an seine Seite getreten.

Wilhelm, kehre um! rief sie warnend.

Der Ergrimmte hörte nicht.

Die Pforten des Zuchthauses könnten sich Ihuen leicht öffnen! Gedenken Sie der kaiser⸗ lichen Worte! Fürchten Sie in Ihrer Verblen⸗ dung auch diese nicht? schrie er mit wuth⸗ bebender Stimme, als er sich erkannt, seinen ganzen saubern Plan durchschaut sah.

Ich fürchte nichts, wo ich das gute Recht des Proletariers vertheidige, erklärte Vater Grad.Nun aber hinaus! Für Gelichter Ihres Schlages ist unter meinem Dache kein Raum.

Wuthschnaubend, rachedurstig eilte der junge Renegat davon. In seiner Seele waren alle bösen Leidenschaften entfacht. Ein teuflischer Plan sollte Vater Grad verderben. Er de⸗ nunzirte ihn, den Vorgang sophistisch entstellend, wegen Majestätsbeleidigung.

Die eifrige Staatsanwaltschaft schritt zur Verhaftung des furchtlosen Alten. Unter dem Einflusse des Klassenkampfes wurde Vater Grad trotz aller Gegenbemühungen auf die eidliche Aussage Rührig's hin zu einem Jahre Gefäng⸗ niß verurtheilt. Der Gerechtigkeit mußte Ge⸗ nüge geschehen. Die Rache des Renegaten war befriedigt. Die Früchte seiner Denunziation sollte er indessen nicht ernten. Die allgemeine Verachtung traf ihn, die Erbitterung unter den Arbeitern und Bürgern der Stadt Wemberg kannte keine Grenzen. Selbst den Inhabern der Firma Stolz u. Komp. war das Bubenstück zu viel. Sie zahlten dem Elenden lieber eine kleine Entschädigungssumme, als daß sie den von allen ehrlichen Leuten Gemiedenen in ihre Dienste nahmen. Unter der Nachwirkung von Vater Grad's harter Verurtheilung kam bald eine Einigung zwischen den feiernden Arbeitern und den Fabrikanten zu Stande. Die Prole⸗ tarier mußten zwar für den Augenblick nach⸗ geben: aber moralisch halten sie einen unbestreit⸗ baren Sieg erfochten. Der alte Meister über⸗ stand glücklich seine Haft. Heute lebt er, der längst wieder lohnende Beschaftigung gefunden, ungebeugt in Frieden mit seiner Tochter, welche ganz in der Pflege des geprüften Vaters und in der Sorge für sein Wohl aufgeht. Von Wilhelm Rührig, der ruhelos die Welt durch- streifen soll, hat man in Wemberg nichts wieder gehört.

Gemeinnütziges.

Die Verstopfung beim Geflügel, meistens die Folge schlechter und unregelmäßiger Ver⸗ dauung und Fütterung, äußert sich dadurch, daß

die damit befallenen Thiere den Rücken auffal⸗

lend krümmen und beständig bereit sind, Ex⸗ kremerte abzustoßen, doch ohne Erfolg sich ab⸗ mühen. Weiches Futter, sauere Milch, in Essig getauchtes Brot schaffen gewöhnlich Abhilfe. Zur Behandlung der Zuchtsau. Eine gute Zuchtsau erzielt man, wenn man sie ein Jahr alt werden läßt, ehe sie tragend wird. Sie kann alsdann gleich mehr und bessere Ferkel bringen, als wenn man sie schon in einem Alter von einem halben Jahr beibringt. J

In den ersten zwei Monaten der Trächtigkeit

müssen die Zuchtsäue mager gefüttert werden, und erst im dritten oder vierten Monat lege man 1 Kilogramm Weizenkleie zu. In den letzten vierzehn Tagen ist übrigens ein Zusatz von Milch erforderlich, damit sich das Euter gut entwickeln kann. Zwei bis drei Tage vor dem Werfen lasse man aus dem Schweine⸗ stall alles Stroh und den Dünger herausschaffen⸗ den Stall trocken kehren und den Fußboden mit Häcksel beschütten. Diese Einstreu bietet den Vor⸗ theil, daß die Ferkel von der Sau nicht so leicht erdrückt werden können, weil sie viel leichter aus- weichen können, während sie sich im Stroh leicht verhaspeln.

Wasserdichtes Schuhwerk im Wiuter. Der Winter mit seinen nassen Tagen, mit seinem das Leder durchdringenden Schneewasser und dem schmelzenden Eis bringt uns gar manch⸗ mal kalte Füße und im Gefolge davon bösen Rheumatismus. Um das Schuhwerk wasser⸗ dicht zu machen, dazu eignet sich sehr gut das Rizinusöl, das man in jedem Droguenladen kaufen kann. Das Leder schluckt begierig große Mengen dieses Oeles, füllt damit seine Poren und macht sich undurchlässig für das Wasser; zugleich wird das Leder zart und geschmeidig, widersteht also leichter dem Bruche, der sich so gerne einstellt, namentlich wenn die vom Schnee⸗ wasser durchtränkten Schuhe am warmen Ofen getrocknet werden. Neue Sohlen behandelt man am vorteilhaftesten mit heißem Leinöle, das man so lange aufträgt, bis das Leder kein Oel mehr schlucken kann. Vor dem Tragen lasse man die Sohlen gründlich trocknen.

Erziehung und Unterricht.

Eiue Maßnahme, die Nachahnung verdient. wird aus Frankenberg(Sachsen) gemeldet, Bei der Anmeldung der Kinder zur Schule erhielten alle Eltern einen Frage⸗ bogen ausgehändigt, durch welche der geistige und körperliche Zustand des in die Schule ein⸗ tretenden Kindes ergründet werden soll. Um mißtrauische Eltern zu beruhigen, steht folgendes an der Spitze des Formulars;Es gilt nicht, das Kind zu richten, sondern zu verstehen. Will der Lehrer sein Erziehungswerk recht beginnen, so muß er die Eigenart des Kindes kennen und wissen, wie es 1 0 erzogen wurde. Jede Erinnerung, jeder Wink von seiten der Eltern ist der Schule werthvoll, denn dem Hause ist der Geisteszustand der Seinen immer am durch⸗ sichtigsten. Sodann folgen Fragen wie die: Lernte das Kind zeitig oder spät sprechen? Sind jetzt noch Störungen der Sprache zu bemerken? Welche Krankheit hat das Kind überstanden? Sind Spuren derselben zurückgeblieben? Leidet das Kind zur Zeit noch an Nachwirkungen einer vor kurzem überstanden frankheit? Wie schläft das Kind? Ist es blutarm oder bleichsüchtig, nervös oder nervenleidend, lungen- oder herz⸗ krank, kurz⸗ oder weitsichtig, schwerhörig, nasen⸗ krank? Liegt Schwäche der Blase oder des Darms vor? Liegt eine Verbiegung der Wirbelsäule vor? Leiden oder litten Vater oder Mutter an Lungen⸗

krankheiten, Geistes⸗ oder Nervenkrankheiten, Kurzsichtigkeit? Zwölf Gesundheitsregeln. In M.

Harden's Zukunft äußert sich Herr Prof. Dr. Ernst Schweninger über die Beziehungen zwi⸗ schen Arzt und Patient: Der Arzt kann nichts Anderes thun, als das mehr oder minder defekte Individuum nach bestem Wissen und Gewissen behandeln. Immerhin kann er auch ein paar allgemeine Rathschläge ertheilen. Mich hat die Erfahrung die folgenden Leitsätze schätzen gelehrt:

1. Schafft Euch einen gesunden, genuß⸗ und arbeitsfähigen Körper, übt ihn, aber überan⸗ strengt ihn weder im Genuß noch in der Arbeit.

2. Fürchtet nicht den Exzeß, aber seire zur Gewohnheit werdende Wiederholung.

3. Macht Euch frei und hütet Euch vor der Schablone.

4. Liebt den Muth und haßt die Aengstlichkeit.

5. Fürchtet nicht die sogenannten Feinde von außen(Bazillen, Witterungseinflüsse usw.), sondern wappnet Euren Körper gegen ihren Einfluß und ihren Einbruch.

6. Hütet Euch am meisten vor den eigenen

Fehlern.

Seite 7. eee,

7. Glaubt nicht, daß Euch Gesundheit oder Genesung geschenkt wird, sondern wißt, daß ste erarbeitet werden wollen.

8. Helft dem Arzt also bei seiner Arbeit, wie Ihr hofft, daß er Euch helfe. a

9. Vergeßt nie, daß es hauptsächlich auf Euch ankommt, daß Euer Körper das Instru⸗ ment ist, auf dem der Arzt in Tagen, wo es Euch schlecht geht, spielt, daß er sein wichtigstes Heilmittel ist.

10. Meidet die Gewohnheit.

11. Strebt nach körperlicher und seelischer Harmonie.

12. Lernt Euch selbst erkennen, kritistren, diszipliniren!

Auch diese Sätze werden den Tod nicht bannen, das Leben nicht über die natürliche Grenze hinaus verlängern. Wer sie befolgt, darf aber hoffen, nicht eher vom Licht scheiden zu müssen, als bis in weiser, sparsamer und doch nicht knauseriger Lebensökonomie der letzte Rest seiner Kraft verbraucht ist.

Lesefrüchte.

Ein Tag wird kommen, wo es keine andern Schlachtfelder mehr geben wird, als die Märkte, die sich dem Handel eröffnen und die Köpfe, die sich den Ideen eröffnen. Es wird ein Tag kommen, wo die Kugeln und Bomben ersetzt sein werden durch die allgemeine Abstimmung der Völker, durch das ehrwürdige Schiedsgericht eines großen unabhängigen Senates.

Viktor Hugo.

*.*

* So lang' nicht Poesie als Taub' im Schnabel Des ew'gen Völkerfriedens Oelzweig trägt, So lange, sag' ich euch, trotz der Fanfaren Des Fortschrittsjubels, sind wir nur B arbaren. Robert Hamerling. *

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*

Mars) ist ein treuloser Gott. Wie thöricht sind Nationen, die ihre Größe im Ruhme der Waffen suchen. Eine jede besaß solchen einmal und verlor ihn wieder.

Gregorovius.

) Bei den Römern der Kriegsgott.

**

* Schließlich liegt der große Trinmph der Zivilisation darin, daß der gesetzliche Schieds⸗ spruch an Stelle der grausamen rohen Waffen⸗

gewalt trat. Lord Salisbury.

Humoristisches.

Sanden⸗Sünden. Mir klingt ein alter Vers im Ohr, Ich hört' ihn einst im Kirchenchor: Wer nur den lieben Gott vertraut, Der hat auf keinen Sand gebaut. Die Zeit verging, das Lied verklang, Und ganz verändert tönt der Sang: Die Armen, die auf Sanden bau'n, Sie rettet nicht ihr Gottvertrau'n!

(Aus demUlk.)

Das ist ganz echter

Schlechte Empfehlung. den Rhein

Rheinwein, lieber Herr!Glaub's schon, schmeckt man ja ordentlich heraus.

Verlorene Liebesmüh. Fremder:Sagt' mal, warum bessert ihr das Dach nicht aus? Es regnet ja herein! Ländlicher Wirt:Heute kann man's doch net ausbessern, bei dem Wetter! Fremder:Ihr könnt es aber reparieren, wenn's schön ist. Wirt: Wenn's schön is, is nimmer nöhthi.

Großer Unterschied(Pfälzisch). De Hannarm (Johann Adam) isch emol e paar Woche noch' m Herbscht vun're Kerwe heemgange; 8s war schun gege Morge. Er geht nämlich immer früh heem, de Hannarm. wann er so wu g'west isch. Wie er vors Dorf kummt, sieht er am e Baam angelehnt e Mann stehe. Bim Näherhingucke merkt er, daß es e Stadtherr isch, schön un fein angezoge. De Kopp hat er ziemlich tief nun⸗ nergeboge g'hatt un sei G'sicht hot ausg'sehe wie Appel⸗ brei. Dabei macht er die gröschte Austrengunge, uff e ganz deutlichi Art sei innerschte G'fiehle auszedricke. O Du armer Deiwel, ruft Hannarm,deß kenn' ich. Gell, nunner zu hot de Neue(Wein) besser g'schmackt wie nuff zu?