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Mttteldentsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 3.
wandlung in unseren Wirthschaften vollzogen, verursacht durch den Umstand, daß die Vieh⸗ haltung rentabler, der Getreidebau hingegen unrentabel wurde. Wir wenden uns daher immer mehr dem Futterbau zu und verringern die Anbaufläche des Getreides, dadurch wird aber auch unsere Stellung zu den streitigen Zollfragen verändert. Guten Absatz und defriedigende Preise für unsere Vieh⸗ produkte können wir nur dann haben, wenn eine starke, kaufkräftige Bevölkerung im Reiche vorhanden ist. Fleisch, But⸗ ter, Milch sind Lebensmittel, deren Verzehr sich mehr einschränken läßt, als der des Brotes. Geht es der breiten Masse der Bevölkerung gut, so steigt der Bedarf an diesen Produkten erheblich und umgekehrt. Die Industrie ist nun abet die Haupternährerin der nichtlandwirth⸗ schaftlichen Bevölkerung; darum sind wir Land⸗ wirthe an ihrem Gedeihen stark interessirt. Wollen wir dieses Gedeihen fördern, so müssen wir für Handels verträge eintreten; deun ohne sie wird dem größeren Theil der Industrie, der Exportindustrie, der sichere Exi⸗ stenzboden entzogen.“ 13
Der Verfasser macht weiter geltend, für ein Gut von 1000 Morgen würde bei 600 Doppelzentner Wintergetreide eine Erhöhung des Getrei⸗ dezolls um Mk. 3 Mk. 1800 Mehrerlös bringen; dagegen würde an Viehproduktion ein Mindererlös von Mk. 2300 eintreten in Folge einer Verschlechterung von Vieh mit Mk. 3 pro Centner Lebendgewicht und von Milch von 1 Pf. pro Liter. Es wird an Nutz⸗ inventar gehalten: 50 Kühe, und daneben Auf⸗ zucht von Vieh, und zwar werden 20 Stück Jungvieh jährlich zugelegt und daher auch 20 Stück pro Jahr verkauft, außerdem kommen Schweine im Gesammtlebendgewicht von 100 Zentner zum Verkauf. Bei einer Differenz von 1& pro Liter stellt sich pro Kuh— abzüglich der für die Wirtschaft verbrauchten Milch— ein jährlicher Minderertrag von Mk. 28 heraus, macht in Summa Mk. 1400. Verkauf von 20 Stück Vieh à 10 Zentner Gewicht. Minderertrag von 200 Zentner à Mk. gleich Mk. 600. Minder⸗ ertrag von 100 Zentner Lebendgewicht an Schweinen à Mk. 3 gleich Mk. 300.
Auch diese Belehrung wird bei den einge⸗ fleischten Agrariern nichts fruchten. Sie wollen eben ohne eigene Anstrengung und ohne Auf⸗ wendung von Mitteln für die Verbesserung ihrer Wirtschaft, auf rein mechanischem Wege der Preis treiberei sich höhere Einnahmen ver⸗ schaffen. Ob die Volksmassen darunter leiden, darum kümmern sie sich nicht.
Der hessische Landtag
nimmt seine Verhandlungen am nächsten Diens⸗ tag, den 22. Januar wieder auf. Zur Be⸗ rathung gelangt unter Anderen ein Antrag unserer Genossen, die Arbeiter-Verhältnisse in den Staatsbetrieben betreffend, sowie ein solcher auf Aufhebung sämmtlicher Rhein⸗ und Main⸗ brückengelder. Im letzteren Sinne bewegt sich auch ein Antrag des Abg. Schmitt u. Gen.
Unternehmergewinn und Arbeitslohn.
Ueber die Lage der Arbeiter bei dem Ein tritt der schlechteren Geschäftskonjunktur schreibt Ge⸗ nosse Calwer in einem Rückblicke auf das verflossene Jahr in der„Leipz. Volksztg.“:
Es ist ein charakteristisches Merkmal der heutigen Wirthschaftsordnung, daß in Zeiten des Aufschwunges die Arbeiter die letzten sind, die an den Exträguissen theilnehmen, daß aber umgekehrt bei einer Krise die Arbeiterklasse am ehesten von deren verderblichen Folgen ge⸗ troffen wird. Nur langsam und in bescheidenem Maße hat die Arbeiterklasse an dem Aufschwunge der Jahre 1895 bis 1899 theilgenommen. Im Durchschnitt sämmtlicher gewerblicher Arbeiter hat nach derLohnstatistik der Berufsgenossenschaften der Jahres verdienst eines Arbeiters in dem ge— nannten Zeitraume eine Zunnahme von nur etwa 11,16 Prozent betragen. Da aber die Kosteu für die Lebenshaltung in der nämlichen Zeit von 9—10 Prozent bei gleich gebliebenen An⸗ sprüchen gestiegen sind, so verringert sich die thatsachliche Besserstellung der Arbeiter während
der Jahre des Aufschwungs um ein ganz be⸗ deutendes. Eine genaue Berechnung ergiebt, daß unter Berücksichtigung d. Geldwerthveränderungen der wirkliche Jahres verdienst im Durchschnitt aller Arbeiter nur um etwa 4½ Prozent zugenommen hat. In doppelt und dreifach erheblicherer Weise hat dem gegenüber das Kapital die günstigen Jahre auszunutzen verstanden. Die Erträg⸗ nisse der gewerblichen Unternehmungen, des Handels und namentlich der Banken haben einen Zuwachs erfahren, der verhältnißmäßig min⸗ destens dreimal so groß war wie der An⸗ theil, den die Arbeiterklasse aus den Mehr⸗ erträgnissen der günstigen Konjunktur hatte.— Trotz dieser Thatsachen, deren Richtigkeit nicht zu bestreiten ist, geht die Unternehmerklasse an manchen Orten mit Lohnreduktionen vor. Waren die Arbeiter schon im vergangenen Jahre un⸗ günstiger gestellt, als 1899, so sprechen alle Anzeichen für eine weitere Verschlechterung in diesem Jahre. Desto fester und zahlreicher müssen sich die Arbeiter den Organisationen anschließen.
Aus der deutschen Kinderstube.
Eine Statistik über den Ordenssegen in Preußen wurde kürzlich veröffentlicht. Da⸗ nach sind nicht weniger als 10396 Orden und Ehrenzeichen im Jahre 1900 vom König von Preußen verliehen worden. Der Schwarze Adlerorden ist 9 mal, der Rothe Adlerorden in seinen zahlreichen Abstufungen 3090 mal(die vierte Klasse allein 2368 mal), der königliche Kronenorden 2163 mal(die vierte Klasse 1307 mal) und das Allgemeine Ehrenzeichen 3965 mal verliehen worden. Der vor einigen Jahren gestiftete Wilhelmsorden für Verdienste auf sozialpolitischem Gebiete ist— zwei⸗ mal und der Orden pour le mérite für Wissenschaft und Kunst gar nur ein⸗ mal verliehen worden. Man kann deraus ersehen, welcher Werthschätzung sich die Sozial⸗ politik und die Kulturaufgaben der Kunst und Wissenschaft erfreuen. Oder es muß auf diesen Gebieten nichts geleistet werden, da sich hier so selten Gelegenheit findet, für erworbene Ver⸗ dienste Auszeichnungen zu verleihen!— Wenn's übrigens so weiter geht, wird bald jeder Deutsche mit ein paar Orden ausgerüstet sein. Ver⸗ ständige Leute lächeln über solches Kinderspiel⸗ zeug.
Antisemitischer Blödsinn.
Lautere„antisemitische Wissenschaft“ ver— kündete in Berlin ein„alter Student“ in einem Vortrage, den er im„Germauischen Volks⸗ bund“ hielt. Nach der antisemitischen„Staats⸗ bürgerzeitung“ gab dieser hervorragende anti⸗ semitische Forscher seine Ueberzeugung dahin kund, „daß besonders dazu veranlagte Menschen sich zu einer geheimen Mördergenossenschaft ver⸗ schworen haben“, um„unschuldiges, reines Menschenblut alljährlich zu erlangen“. Der „Schächter der Menschenopfer“ sei, wie aus den Gerichtsverhandlungen über Skurz, Xanten, Polna und Konitz sich ergeben habe,„ein und derselbe Mann: ein erschreckend häßlicher, hinkender blatternarbiger, krätziger Hebräer.“ Dieser sei der„Kopf der Blut. mörderbande“. Wörtlich heißt es in dem Be⸗ richt der Staatsbürgerzeitung:
Der seit Urzeiten einzig dazu befugte Schlächter des heiligen Blutopfers aber ist lediglich jener unstät umherwandernde Zadek, der sagenhafte Ahasverus der Juden, jener schon äußerlich als Typus des Teufels gekennzeichnete„krumme, hinkende Jude“. Es wird daher Sache der Regierungen sein, auf diesen krummen Inden und„heiligen Mann“ zu fahnden und nächst ihn, sein Gezücht und seine Beschützer unschädlich zu machen.
Das hat also wirklich jemand in der deut⸗ schen Reichshauptstadt Berlin ernsthaft seinen Zuhörern vorgetragen und diese haben es w irk⸗ lich ruhig angehört.
Es geht die Legende, daß der Hexenglaube mit dem Mittelalter in Deurschland verschwun⸗ den sei. Die Antisemiten des„germanischen
Volksbundes“ beweisen, daß er in vergröberter
Gestalt im zwanzigsten Jahrhundert sich zum Glanzabschnitt ihrer„Wissenschaft“ emporge⸗ rettet hat. Da behaupte noch irgend ein Nörg⸗
ler, daß die germanische Rasse sich vom Mittel⸗
alter bis heute geistig nicht gehoben und ver⸗ edelt habe!“—
Die Wahlen in Oesterreich,
dem Lande der Niedertracht und Korruption sind erst in dieser Woche zu Ende gegangen. Unsere Senossen können mit dem, was sie da⸗ bei erreichten, wohl zufrieden sein. Trotz des elenden Wahlgesetzes, trotz uuerhörter Beein⸗ flussung der Arbeiter Wähler durch die Beamten und die kapitalistischen Parteien, hat die für die Sozialdemokratie abgegebene Stimmenzahl eine gewaltige Zunahme erfahren. Sogar bei der Wahl in der privilegirten Kurie, in den snädtischeu Wahlkreisen, wo das Wahlrecht an einen ziemlich hohen Census gebunden ist, kamen die sozialdemokratischen Kandidaten in mehreren Kreisen in Stichwahl, ja, in Korneuburg hat unsere Partei ein Mandat erobert, Genosse Seitz wurde gewählt. Damit verfügt unsere Partei über 10 Mandate im Reichs rathe gegen 14 in dem vorigen. Der Mandatsverlust fällt gegenüber der Stimmenzunahme nicht in's Ge⸗ wicht.— Die Christlich⸗Sozialen(Antisemiten) erlitten arge Schlappen.
Frauen bei der Wahlbewegung.
Ueber die Betheiligung der Frauen bei der letzten Wahlbewegung in Oester⸗ reich schreibt die„Gleichheit“, daß die Frauen an der Wahlagitation bis zu Ende des Wahl⸗ kampfes den regsten Antheil nahmen. In Wien fanden fast täglich politische Frauen⸗ versammlungen statt oder Wählerversamm⸗ lungen, in denen Frauen referirten. Die Frauen⸗ versammlungen waren stets gut, oft glänzend besucht; die Zuhörerinnen— fast ausschließlich Proletarierinnen— folgten mit gespannter Auf⸗ merksamkeit den Ausführungen der Rednerinnen, welche das sozialdemokratische Programm ent⸗ wickelten und Wesen und Haltung der bürger⸗ lichen Parteien einer scharfen Kritik unterzogen. Selbstredend erörterten sie besonders eingehend die sozialdemokratischen Forderungen, welche im Interesse der Proletarlerinnen liegen und der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts gelten. Die Versammlungen bewiesen, wie die bürgerlichen„Dokumente der Frauen“ er⸗ klären:„daß in Wien, welches ja heute weit und breit für die Stadt geistiger Versumpfung gilt, breite Schichten der weiblichen Arbeiter- schaft zu politischem Verständniß erwachen und nicht nur an dem Kampfe ihrer männlichen Klassengenossen thätigen Antheil nehmen, son⸗ dern auch immer weiter vordringen in der Er⸗ kenntniß, daß sie selber nothwendig der politischen Rechte und der politischen Bethätigung bedürfen, um ihre materiellen und geistigen Interessen zu fördern.“ Die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen waren auch zahlreich in den Wählerversamm⸗ lungen vertreten, ebenso wie Genossinnen in solchen referirten. Auch au der agitatorischen und sonstigen Kleinarbeit, welche die Wahlbe⸗ wegung mit sich bringt, nahmen die Genossinnen einen sehr regen Antheil, und in Sektionen, Kommissionen ꝛc. entwickelten sie neben den Genossen eine äußerst rührige Thätigkeit. Die als Rednerinnen bekannten Genossinnen ver⸗ mochten de Aufforderungen zum Abhalten von Versammlungen, zumal auch in der Provinz, nicht zu genügen. Ehre den energischen, opfer⸗ freudigen Kämpferinnen!
Die frauzösische Deput irtenkammer
verhandelte diese Woche über den Vereinsge⸗ setzentwurf. Durch denselben will die Re⸗ gierung besonders die Gleichstellung der reli⸗ giösen Orden mit den übrigen Vereinen er⸗ reichen. Bisher genossen erstere gewisse Vorlechte, die sie natürlich weidlich auszunützen verstanden. So haben die Orden riesige Kapitalien angesammelt; der Gesammtwerth ihres unbeweg⸗ lichen Vermögens allein wird auf 1100 Mil⸗ lionen Franks geschätzt. Dafür figuriren
meist vorgeschobene Personen als Eigen⸗ thümer, wodurch dem Staate die Steuer ent⸗
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