Ausgabe 
20.1.1901
 
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Gießen, Sonntag, den 20. Januar 1901.

8. Jahrg.

Mebeftior: Kirchenplaß 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

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Die Mitteldeutsche

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N Urtheile Gelehrter über die Getreidezölle.

In sehr beachtenswerter Weise hat sich Pro⸗ fessor Konrad über den Getreidezoll geäußert. Professor Konrad ist kein Politiker, sondern ein Gelehrter, ein bedeutender National- ökonom, und seine auf Grund seiner Studien gewonnen Ansichten, die durch keine Parteirück⸗ sicht und sonstigen Interessen beeinflußt sind, verdienen Beachtung. Der Gelehrte schreibt:

Der Schwerpunkt der Wirkung des Ge⸗ treidezolles liegt in der Belastung der Kon⸗ sumenten. In dem größten Theile von Deutsch⸗ land ist noch der Roggen das hauptsächlichste Nahrungsmittel, in Frankreich dagegen der Weizen. Der Roggenzoll belastet mithin hier die große Masse der ärmeren Bevöl⸗ kerung. Die Kaufkraft des Lohns des einfachen Arbeiters wird dadurch verringert, was namentlich gegenüber dem Ausland auch in der Zeit ins Gewicht fällt, wo ein allge⸗ meiner Preisrückgang den Zoll einigermaßen ausgleicht. Ein neu aufgelegter Zoll wird deshalb gleichbedeutend mit einer entsprechen⸗ den Lohureduktion sein und die Erfahrung hat gelehrt, daß es einer längeren Zeit und für den Arbeiter günstiger Konjunkturen bedarf, um eine Lohnerhöhung für den Arbeiter zu erwirken und dieses auszugleichen. Nur auf Grund harter Kämpfe und vieler Entbehrungen ist eine solche Ausgleichung zu bewirken.

Eine Arbeiterfamilie in der Stadt mit fünf Köpfen zahlt allein an Getreidezöllen durch⸗ schnittlich 11-13 Mk. Nimmt man den Ver⸗ dienst auf 900 Mk. an, wovon 600 Mk. als Existenzminimum anzusehen find, so zahlt die⸗ selbe hierhin allein über 1,5 Proz. des Ein⸗ kommens, aber 5 Prozent des freien Ein⸗ kommens. Da nun außerdem der Arbeiter in Deutschland noch sür Petroleum, Kaffee, Schmalz und Fleisch, auf Heringe, Tabak, ganz abgesehen von dem Zoll auf Baumwollen⸗ und Wollenwaaren, Zoll zu zahlen hat, so erhöht sich der Zoll auf 6 Mk. pro Kopf, und rechnet man die Salz⸗ und Getränkesteuer hinzu, so er⸗ giebt sich ein Uebermaß der Steuerbelastung für die unteren Klassen durch die indirekten Steuern, welches durch den Getreidezoll in ganz bedeutendem Maße gesteigert wird.

Die Belastung ist aber damit natürlich nicht vollständig berechnet, denn der Konsument zahlt nicht nur den Zoll, sondern außerdem einen höhern Preis an den produzierenden Landwirth, dem Zolle annähernd entsprechend und gemäß seines Konsums. Man rechnet im Durchschnitt für den Haushalt 10 Doppelzentner Brotge⸗ treide. Berechnen wir pro Zentner nur 3 Mark, statt 3 Mk., so würden immerhin 30 Mk. pro Haushalt und, natürlich im Ganzen in⸗ klusive der Abgabe, in Folge des Getreide⸗ zol les entrichtet werden; bei eiuer größeren Kinderzahl würde sich dieser Betrag, namentlich in den Städten noch nicht unbedeutend erhöhen. Wie viel für andere Agrarzölle hinzurechnen ist, besonders für Schmalz, Speck ꝛc., entzieht sich der Bestimmung.

Noch ein anderer Gelehrter, der ber annte Nationalökonom Lujo Brentano, hat sich über die Nutzlosigkeit des Getreidezolles geäußert.

Er schreibt:Was ist der Zweck des Getreide⸗ zolls? Er soll den Getreidepreis steigern. In dem Maße, in dem der Zweck erreicht wird, steigt die Geldrente, welche der Boden abwirft. Der Ertragswerth des Bodens aber ist gleich der Geldrente, die er abwirft, kapitalisirt mit dem herrschenden Zinsfuß. Entsprechend der gesteigerten Geldrente steigt also der Bodenwerth. Die Folge des Getreidezolls, der seinen Zweck, die Steigerung der Getreidepreise, wirklich er⸗ reicht, ist also die Steigerung eben des Theils der landwirthschaftlichen Produktionskosten, wegen dessen Höhe das Inland mit dem Aus⸗ land nicht konkurriren kann. Möglich, daß dies vielen hochverschuldeten Grundbesitzern völlig gleichgiltig ist. Sie erhalten durch das Steigen des Bodenwerths die Hoffnung, ihren Grund⸗ besitz zu einem Preise zu veräußern, der die Schulden übersteigt; ja vielleicht gelingt es ihnen, beim Verkaufe besselben ein ausgezeich⸗ netes Geschäft zu machen. Wie aber steht es mit Denen, welche ihre Güter behalten, und mit Neuerwerbern von Gütern? Da der Ge⸗ treidezoll das Verhältniß des Bodenertrags zum Bödenwerth nicht verändert hat, bleibt der Ge⸗ treidebau nach wie vor unrentabel. Bleibt der Landwirth beim Getreidebau, so ist er noth⸗ wendig alsbald wieder nothleidend. Dann erschallt aufs Neue der Ruf nach aber⸗ maliger Erhöhung des Getreidezolls. Und so geht es fort. Es ist eine Schraube ohne Ende.

Die Wirkung des Getreidezolles ist so faßt Brentano das Ergebniß seiuer Untersuchung zusammen, daß er die Ursache steigert, in welcher der Mangel an Konkurrenzfähigkeit wurzelt, und diesen, statt zu seiner Beseitigung zu führen, auf die Dauer erhöht. Der Getreide⸗ zoll ist demnach ein untaugliches Mittel zur Hebung der Landwirthschaft, ge⸗ rade jene Wirkung des Zolles drängt fort und fort zur Steigerung der Zollsätze. Das Volk auszupowern, dazu ist der Brotwucher aber vorzüglich geeignet.

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Auch der deutsche Handelstag, der kürzlich in Berlin tagte, nahm eine Resolution gegen die Erhöhung der Lebensmittel zölle, allerdings mit einer Mehrheit von nur vier Stimmen an. Diese geringe Mehrheit für die Resolution verzeichnen die Agrarier mit Genugthuung; in der That berechtigt dieser Umstand die Agrarier, einen großen Theil des Handelsstandes für die Brodwucherpolitik zu reklamiren. Trotz der Kundgebung der Ge⸗ lehrten und des Handels werden natürlich die Junker mit aller Macht höhere Brodzölle zu erreichen suchen, unter welchen die Arbeiterklasse, die jetzt schn von Lohnverkürzuugen heimgesucht wird, am schlimmsten zu leiden hat. Unsere Aufgabe muß deshalb sein, den Kampf gegen den Brodwucher auf der ganzen Linie mit aller Schärfe zu führen.

Politische Rundschau.

Gießen, din 16. Januar. Die Reichspumpwirthschaft geht vergnüglich weiter. Wie der Frankfurter

Zeitung aus New⸗York gemeldet wurde, suchte die deutsche Reichsregierung in Amerika eine. Anleihe von 600 Millionen aufzunehmen. Auf diese Art werden die Reichsschulden den Betrag von 3 Milliarden nicht nur bald erreicht, sondern sogar überschritten haben. Und die ungeheuere Zinsenlast muß zum größten Theil das werkthättge Volk in Form von in⸗ direkten Steuern auf die nothwendigsten Lebens⸗ mittel aufbringen. Uebrigens muß bemerkt werden, daß der Regierung vom Reichstage nur Vollmacht zur Aufnahme von 30 Mill. Mark erhalten hat, wenn sich also obige Nachricht bewahrheitet, würde sich die Regierung wiederum einer Verfassungsverletzung schuldig machen.

Höhere Zuckerpreise.

Dem deutschen Volke ist von den Zucker⸗ baronen wieder eine neue Belastung auf⸗ gehalst worden. Das Zuckerkartell hat die Preise für Raffinade weiter um 1.10 Mk. pro Centner erhöht. Die Belastung des in Deutsch⸗ land verbrauchten Zuckers durch die Rübensteuer, deren gesammter Betrag und noch mehr dazu bekanntlich den Zuckerproduzenten in Form von Ausfuhrprämien wieder zufließt, sowie durch die künstliche Preistreiberei des Zucker⸗ syndikats beträgt jetzt über 5.25 Mk. pro Centager. Auf den gesammten Zuckerkonsum Deutschlands berechnet, macht das jährlich 75 Millionen Mark aus, die dem deutschen Volke abgenommen werden. Dafür liefern aber auch unsere deut⸗ schen, musterpatriotischen Zuckerfabrikanten den Engländern den Zucker für die Hälfte des Preises, den sie ihren Landsleuten aufdiktiren.

Die Kanalvorlage ist dem preußischen Abgeordnetenhause bereits

zugegangen. Es handelt sich dabei um ein ganzes Kanalsystem für das im Ganzen 389010700 Mark gefordert werden. Es ver⸗

lautet, daß die Agrarier, denen die Vorlage immer Bauchweh verursachte, vom Reichskanzler Grafen Bülow umgestimmt wurdeg, indem er ihnen Entgegenkommen in Bezug auf ihre Ge treidezollforderungen versprach. So haben also die Agrarier Aussicht, ihre Brotwucherpläne verwirklicht zu sehen; sie können ganz getrost der Kanalvorlage zustimmen, umsomehr, als sie und ihre Sippe zu den Kosten wenig oder gar nichts beitragen, denn die müssen wie über⸗ all, so auch bei diesem Kulturwerke zumeist von den minderbemittelten Klassen aufgebracht werden.

Ein Gutsbesitzer gegen die Getreide⸗ zollerhöhung.

In derKönigsberger Hartung'schen Zeitung wendet sich ein ostpreußischer Gutsbesitzer ent⸗ schieden gegen die Erhöhung der Getreidezölle und zwar vom Standpunkte des Produzenten aus. Er erklärt, ein Vortheil aus der Er⸗ höhung treffe nur bei solchen Wirthschaften zu, wo ein veralteter Betrieb herrscht und man noch die Haupteinnahme aus der Getreide produktion entnimmt.Diese Betriebsform war vor 30 bis 40 Jahren die herrschende. Damals war der Getreidebau die Hauptsache; die Vieh⸗ haltung bestand in erster Linie der Dünger produktion wegen; der Ertrag daraus stand weit hinter der Einnahme aus Getreide zurück. Seit jener Zeit hat sich eine allmählige Um⸗