Ausgabe 
18.8.1901
 
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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung.

Nr. 3

unsere Gegner werden darauf vergeblich hoffen. Er empfiehlt die Beschickung des Parteitags, da Gießen doch noch immer einen Delegierten geschickt habe. Die Kon⸗ ferenz beschließt demgemäß. Als Delegierter wird Gen. Gg. Beckmann einstimmtg gewählt. An Diäten wird dem Delegierten der bisher übliche Satz zugebilligt und beschlossen, die Kosten per Listen aufzubringen. Nachdem der Vorfitzende noch aufgefordert hatte, für zahlreiche Unterschriften der Petitions listen gegen den Brot⸗ wucher zu sorgen, ferner für Verbreitung unseres Partei⸗ organs, derMitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung und der sonstigen Parteilitteratur recht thätig zu sein, schließt er die Konferenz mit einem Hoch auf die Sozial⸗ demokratie.

Pon Nah und fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗

kommen. Die Ehre unserer Sache gebtetet natürlich stren ste

Gewissenhaftigkeit bet Uebermittelung von Nachrichten. Wir

bitten, alle zum Druck bestimmten, Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Gießener Angelegenheiten.

Protestversammlung gegen den Lebens mittelwuch er. Voraussichtlich wird Montag, den 26. August eine Volksversamm⸗ lung im LokaleLonhs Bierkeller stattfinden, in der Genosse Landtagsabg. Da vid über den Zolltarif sprechen wird.

Zur Versammlung des Wahlvereins diesen Samstag werden die Mitglieder und be⸗ sonders die Bezirks⸗Vertrauensleute um recht zahlreiches Erscheinen gebeten. Es handelt sich um wichtige Dinge, besonders um Organisation der Protestbewegung gegen den Brotwucher.

g. Das Schiedsgericht für Arbeiter⸗ versicherung für Oberhessen hielt am Mittwoch eine Sitzung unter Vorsttz des Herrn Kreisamtmann Böckmann ab, in der im Ganzen neun Fälle zur Verhandlung standen. Davon seien folgende als bemerkenswert hervor⸗ gehoben. Der Zimmermann K. in Staufenberg geriet im Herbst 1899 mit der Hand in die Kreissäge, wodurch ihm ein Finger ganz, ein anderer zur Hälfte abgerissen wurde. Er erhielt zunächst 30 Prozent Unfallrente, diese setzte ihm die Berufsgenossenschaft wiederholt und so auch jetzt wieder auf 10 Prozent herab. Das Gericht erkannte einen Rentenanspruch von 30 Prozent als berechtigt an. Der Tagelöhner Pf. in Lauterbach zog sich bei der Arbeit in der Schneidemühle eine Verletzung des Kniees zu, die ihm namentlich bei Witterungswechsel starke Schmerzen verursachte und ihn in seiner Er⸗ werbsfähigkeit beeinträchtigte. Seinen Antrag auf Gewährung von Unfallrente wies die Berufsgenossenschaft ab. Das Gericht erkannte seinen Auspruch als berechtigt an und sprach ihm ebenfalls 30 Prozent Rente zu. Ziemlich schwierig liegt der Fall des Werkmeisters Sch. in Heuchelheim, der Auspruch auf Invaliden⸗ rente erhebt. Sch. arbeitete lange Jahre als Werkführer in einer Zigarrenfabrik. Durch Krankheit entstand vor Jahren eine Lähmung der rechten Hand, wodurch er für seinen Beruf arbeitsunfähig wurde. Sachverständige begut⸗ achteten, daß Kläger seinen Beruf allerdings nicht ausüben könne, während die ärztlichen Gutachten die Erwerbsfähigkeit nur zu 15 bis 20 Prozent beeinträchtigt erklärten. Das Ge⸗ richt hielt den Beweis 905 erbracht, daß Kläger im Sinne des Invalidenversicherungs⸗Gesetzes dauernd erwerbsunfähig sei und verurteilte die Versicherungsanstalt, die Rente vom 1. Septbr. 1900 an zu zahlen.

r. Anerkennenswerte Findigkeit legte die hiesige Post in einem Falle an den Tag. Ein Vorstandsmitglied des Konsumver⸗ eins verschickte eine Anzahl gleichlautender Post⸗ karten, von denen versehentlich eine ohne Adressen⸗Aufschrift geblieben war. Diese kam an den Absender zurück, trotzdem derselbe aus dem Inhalt der Karte in keiner Weise ersichtlich war!

Das hiesige Kriegsgericht ver⸗ urteilte am Montag den Unterofftzier Kühne wegen Mißhandlung Untergebener zu einer Gesamtstrafe von vier Wochen Mittelarrest.

Wieseck.

d. Die Versammlung des Arbeiter⸗ Bildungsvereins, die auf diesen Samstag,

den 17. August, angesetzt war, findet erst 8 Tage später, am 24. August statt, weil Sonntag und Montag die Kirmeß abgehalten wird und daher dieser Samstag zur Abhaltung einer Versamm⸗ lung nicht geeignet erschien. Die Tagesordnung bleibt dieselbe. Sie ist wichtig genug, um alle Genossen zum Besuche der Versammlung zu veranlassen, besonders müssen wir der bevor⸗ stehenden Gemeinderatswahl volle Aufmerksam⸗ keit schenken.

Aus Langsdorf

schreibt man uns: Als vor etwa 4 Jahren der Reichs⸗ und Landtagsabg. Köhler mit noch zwei andern Bewerbern um den hiesigen Bürgermeisterposten kämpfte, machte er schrift⸗ lich und mündlich alle möglichen Versprechungen, besonders versprach er die Interessen der Geringen wahrnehmen zu wollen. Er ge⸗ wann die Schlacht und fügte seinen zahlreichen Aemtern ein weiteres hinzu. In der ersten Zeit seiner Amtsthätigkeit schien es auch, als wollte er seine Versprechen wahr machen, er suchte wirklich den Minderbemittelten einige Er⸗ leichterungen zu verschaffen. Heute hat er aber seine Versprechungen vergessen; die Ge⸗ meindepolitik wird im Interesse der Begüterten geführt. Jetzt z. B. baut Herr Köhler eine große Fruchthalle, aber anstatt dabei einheimische Ar⸗ beiter zu beschäftigen, die doch hier in genügen⸗ der Zahl vorhanden sind, zieht man aus⸗ wärtige heran, während die hiesigen sich aus⸗ wärts Arbeit suchen dürfen. Warum denn das?

Aus Friedberg.

Achtung! Arbeiter und Partei⸗ genossen bon Friedberg! Die Wähler⸗ liste zur Stadtverordnetenwahl liegt bis zum 22. dieses Monats auf der Bürger⸗ meisterei offen. Versäume keiner, sich davon zu überzeugen, ob er in den Listen steht. Wer keine Zeit hat hinzugehen, wolle sich in der Stadt New⸗York bei Gen. Ihl einzeichnen, damit für ihn nachgesehen wird.

J. Die am vorigen Sonntag in Vilbel stattgefundene Kreiskonferenz war stark besucht. Als Delegirter zum Parteitage wurde Gen. Busold gewählt.(Wir mußten den ausführlichen Bericht auf die nächste Nr. zurück⸗ stellen.) D. R.

Aus Vilbel.

Samstag ertrank beim Baden in der Nidda ein 17jähriger, zu einer Schiffsschaukel gehöriger Arbeiter. Die Leiche wurde kurz darauf geländet und in das Leichenhaus auf dem Friedhofe gebracht. Geradezu beschämend für Vilbel ist es, schreibt man unserm Offenbacher Parteiblatt, daß derartige verunglückte Personen auf einer Tragbahre, mit einem alten Tuche zugedeckt, am hellen Tage unter polizeilicher Bedeckung nach dem Friedhofe gebracht werden, während man das gefallene Vieh in einem fein lackierten Wagen forttransportiert. Es wäre zu wünschen, daß in Vilbel auch solche verunglückte Personen in geschlossenen Wagen befördert werden. Als eine grobe Fahrlässigkeit muß es auch bezeichnet werden, daß weder Warnungstafeln, noch ein Rettungsball an den gefährlichen Stellen am Niddaufer angebracht sind.

Wetzlar.

th. Die Gerber der Firma Dietrich, die vorige Woche die Arbeit niedergelegt hatten, 15 5 sie am Montag wieder aufgenommen. ie Arbeiter erreichten die zehnstündige Arbeits⸗ eit, ebenso wurde ihnen der geforderte Lohn für Ueberstunden bewilligt. Das ist ein recht anerkennenswerter 1 0 jede, wenn auch ge⸗ ringe Verkürzung der Arbeitszeit stellt einen bedeutenden Fortschritt in Bezug auf die Lage der Arbeiter dar, weshalb auch bei allen ge⸗ werkschaftlichen Kämpfen darauf das Haupt⸗ ewicht gelegt wird. Heute weiß auch 5 der etzte Arbeiter, daß überall dort, wo die Ar⸗ beitszeit auf ein menschliches Maaß beschränkt ist, die Löhne besser stehen, als dort, wo es beinahe keinen Feierabend giebt. Die Ent⸗ lassung des Werkführers konnte nicht durchgesetzt werden; wir wiesen schon in letzter Nummer

auf die Schwierigkeiten hin, die sich in der

Regel solchen Forderungen entgegenstellen. Fester

Zusammenhalt der Arbeiter ist aber auch hier das Mittel, sich gegen Uebergriffe zu schützen. Nationale Arbeitgeber. Kürzlich nahm die Firma Stein Arkeiterentlassungen vor. Davon wurden zum Teil Arbeiter be⸗ troffen, die schon jahrelang dort beschäftigt waren, während erst später eingestellte Italiener behalten wurden. Dabei sind aber die Inhaber der Firmanational bis auf die Knochen! Uebrigens sollen dort noch weitere Entlassungen beborstchen wie solche denn jetzt aus fast allen Industriegegenden gemeldet werden. Wenn aber die sozialdemokratische Presse darauf hinweist, so plärren die Kreisblätter vonSchwarz⸗ malerei, wie das vor nicht langer Zeit im Wetzl. Anz. geschah. Natürlich war dieser Artikel irgend einem Unternehmerblatte ent⸗ nommen und er büßte dadurch nichts an Rich⸗ tigkeit ein, daß zwei Tage später derAnz. die Geschäftsflauheit als thatsächlich bedrohlich bezeichnete. Bald so, bald so, wie's trifft.

* Herr Heinzenberg, der Sekretär der Handwerkskammer, Abteilung Wetzlar, sendet uns bezüglich der Notiz in der letzten Nummer, den Handelskammerbericht betreffend, eine Be⸗ richtigung dahingehend, daß er nicht an den Sitzungen der Schneiderinnung, sondern der Schmiede innung teilgenommen habe. Damit sind auch unsere weiteren an diesen Satz ge⸗ knüpften Bemerkungen hinfällig. Soweit wäre das in Ordnung. Wenn aber Herr Hein⸗ zenberg unsEntstellung des Berichts vor⸗ wirft, so müssen wir das mit aller Ent⸗ schiedenheit zurückweisen, in dem Bericht imWetzl. Anz. hat klar und deutlich Schnei⸗ der innung gestanden. Wenn er dann weiter auch noch ein Belegblatt verlangt, treibt er die Bescheidenheit doch ein bischen gar zu weit.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.

St. Marburg, 14. August 1901.

Kommunales. Die auf Mittwoch voriger Woche anberaumte Stadtverordneten: sitzung konnte wegen Beschlußunfähigkeit nicht stattfinden. Es war deshalb auf Montag, den 12. ds., eine neue Sitzung mit derselben Tages⸗ ordnung auberaumt. Erwähnenswert sind aus derselben besonders die Verhandlungen über den Erlaß einer Polizeiverordnung betr. Reinigung der Schornsteine in hiesiger Stadt. Da letztere seither in zwei Kehrbezirke eingeteilt war und die Hausbesitzer auf den jeweiligen Schorsteinfegermeister allein angewiesen waren, so hatten sich allerlei Unzuträglichkeiten, speziell im Südbezirk eingestellt. Aber nicht allein die Hausbesitzer und Mieter hatten sich über Grob⸗ heiten und zu hohe und unrichtige Rechnungs⸗ aufstellung zu beklagen, sondern auch die Gesellen und Lahr linge dieses humanen Meisters konnten ein Liedlein über die gute Behandlung seitens desselben singen. Der hiesige Hausbesitzerverein hatte sich deshalb mit einer Eingabe um Grlaß oben angeführter Pol. Verordnung an die städt. Behörde gewandt, was auch von Erfolg begleitet war. Durch die Annahme der neuen Verordnung ist diesem kleinen schwarzenKönig Stumm das Handwerk gründlich gelegt worden, denn es bleibt in Zukunft den Hausbesitzern überlassen mit der Schornstein⸗Reinigung den. jenigen Meister zu beauftragen, der ihnen genehm ist. Sodann muß die Reintgung 24 Stunden

vorher angesagt werden. Ferner sind die Haus⸗ 1

besitzer verpflichtet, jede Zuwiderhandlung der Schornsteinfegermeister gegen die polizetlichen Vorschriften anzuzeigen.

egen verfuchter Erpressung

hatte sich in der Dienstagssitzung der hiesigen Straflkammer der Handelsmann Weinberg aus Treysa zu verantworten. Derselbe hatte einem Schmied aus Spießkappel durch Droh⸗

ungen, er wolle ihm eine Hofraite, auf welche

der Schmied im ersten Verkaufstermin das

Höchstgebot abgegeben hatte, im zweiten Termin

durch Ueberbieten recht teuer machen, wenn er

ihm nicht 400 Mk. Abstandsgeld bezahle, ver?

folgt und, als der Schmied hierauf nicht ein⸗

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