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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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wenn den Landesnetzen— unbeschadet der notwendigen Zusammenfassung und im Rahmen allgemeiner Normen— eine bestimmte Selbständigteit und den Landtagen die Erhaltung ihres Kontrollrechtes gesichert wird. Nur dadurch wird eine wirksame Verantwortung geschaffen, das örtliche Interesse gewahrt und dem Au⸗ trieb zu Fortschritten der erforderliche Spiel⸗ raum gegeben. Des Weiteren muß das Tarif- wesen, das heute thatsächlich in den Händen der Regierungen liegt, dem parlamentarischen Bestimmungsrecht unterstellt werden.
Ohne diese Voraussetzungen würde eine Ver⸗ einheitlichung— gleichviel unter welchen Formen, — die Herrschaft der preußischen Eisenbahn⸗ verwaltung mit ihrer rein fiskalischen Wirt⸗ schaft, ihrer Feindschaft gegen jede einschnei bende Verkehrsreform, ihrer Unterdrückung des Perso⸗ nals und ihren politischen Sonderzwecken, nur noch weiter ausdehnen und ihre verderblichen Folgen noch verschärfen. 0
Deshalb ist jede Anbahnung von Eisenbahn⸗ gemeinschaften mit Preußen aus wirtschaftlichen und politischen Gründen mit allen Mitteln entschieden zu bekämpfen. Aber auch die Ueber⸗ tragung der Eisenbahnen auf das Reich— die ohnehin in Folge der Weigerung Preußens aus⸗ sichtslos ist— würde zur Zeit und unter den gegebenen Umständen mehr Nachteile als Vor— teile bieten.
Als Vorstufe zu einer späteren Vereinheit⸗ lichung und zur Aubahnung einer entschiedenen Tarifreform soll in allen Landtagen nachdrück⸗ lichst auf ein möglichst weitgehendes Zusammen⸗
wirken der süddeutschen Länder, vor Allem auf
die Herstellung einer Tarifgemeinschaft zum Zwecke einer einschneidenden Vereinfachung und Verbilligung der Personen- und Gütertarife hingewirkt werden, durch die zugleich auch ein Euifluß auf die Tarifpolitik der preußischen Verwaltung geübt und so dem Interesse des gesammten deutschen Volkes an einer fortschritt⸗ lichen Entwicklung des Verkehrsweseus gedient würde.
Selbstverständlich ist in jedem Lande für sich auch fernerhin auf jede erreichbare Verbesserung der Verhältnisse des Verkehrs wie des Beamten— und Arbeiterpersonals hinzuwirken.
politische Rundschau.
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Gießen, den 14. November.
Es desizittert.
Das Defizit im Reichsetat, das bis⸗ her auf 100 Millionen geschätzt wurde, beläuft sich nach der„Nat.⸗Ztg.“ auf 140 Millionen Mark, zu deren Deckung die Matrikular⸗ beiträge zu erhöhen seien, falls nicht andere Mittel herangezogen werden. Auch in Preußen wird, wie es heißt, mit einer sich ungefähr ebenso hoch belaufenden Verschlechterung des Etats für 1902 im Vergleich mit dem des Jahres 1901 gerechnet, da zu der Steigerung der preußischen Matrikularbeiträge eine beträcht- lich geringere Veranschlagung der direkten Steuern und der Eisenbahnüberschüsse hinzu— kommt.— Das sind die Folgen der weltpoli— tischen Experimente des vorigen Jahres! Trotz— dem werden noch neue Ausgaben für den Militarismus und Marinismus verlangt! Unsere Vertreter im Reichstage finden tüchtige Arbeit vor, wenn sie in einigen Wochen zusammentreten.
Der Zolltarif im Bundesrat.
Der Bundesrat erteilte in seiner Sitzung vom Dienstag dem Ausschußantrag zur Vor— lage betr. den Entwurf des Zolltarlfgesetzes nebst dem Zolltarif seine Zusttemmung. Die Meldung, daß die Bundesratsverhandlungen nicht so glatt verlaufen seien, daß es zu recht lebhaften und stellenweise pikanten Erörterungen gekommen sei, weil es sich herausgestellt habe, daß die Stellung der Vertreter mancher Reichs— ämter und preußischer Ministerien zu einzelnen Fragen keine einheitliche gewesen sei, wird von der 1555 Dementirmaschine, der„Nordd. Allg. Ztg.“, bestritten.
Siegeszug der Sozialdemokratie.
Als vorige Woche die Kunde von der Nieder— lage unserer Genossen bei der Gemeindewahl in Offenbach kam, durchtoste heller Jubel die bürgerliche Presse. Es fehlte auch nicht an dummdreisten Lügen und Gemeinheiten, die gegen unsere Partei geschleudert wurden. Das Organ des Lederkönigs Heyl in Worms sprach blöͤdsinnigerweise von„Zerstörung der sozial⸗ demokratischen Paschawirtschaft“! Pascha Heyl will von Paschawirtschaft reden! Natürlich stimmte auch der Arizonakiker, das Offenbacher antisemitische Sudelblatt ein wahres Jubelgeheul an. Dieses saubere Organ erfrechte sich, unserer Partei„hundsgemeine Kampfesweise“ vorzu⸗ werfen! Wenn die Pap tei der Gaukler und Schaumschläger, zu deren Hauptführer der Dreschgraf Pückler gehört, solche Vorwürfe erhebt, reizt das jeden verstäudigen Menschen zum Lachen.— Aber der einen Niederlage in Offenbach folgten zahlreiche Siege!
Nach dem glänzenden Siege bei den Ber— liner Stadtverorduetenwahlen, wo in der dritten Wählerklasse der Freisinn fast ganz verdrängt und unsere Kandidaten mit erdrück. ender Mehrheit gewählt wurden, kamen aus einer ganzen Reihe norddeutscher Städte Sieges nachrichten für uns. In Charlottenburg, Halle, Spandau, Schöneberg, besonders aber in Wiesbaden haben wir glänzende Erfolge zu verzeichnen; in ersteren Orten er⸗ oberten wir mehrere Mandate, in Wiesbaden erreichte unsere Liste beinahe die absolute Mehr⸗ heit. Fast 1700 Sti men wurden abgegeben, dreimal mehr als bei der letzten Wahl. Nir⸗ gends Rückgang, stetiger Vormarsch!
Hunnenprozesse.
Dem Prozesse gegen den demokratischen Beobachter in Stuttgart sind vorige Woche zwei weitere gefolgt: Ebenfalls in Stuttgart wurde der Redakteur unseres Witzblattes„Der Wahre Jakob“, Gen. Heymann zu einer Geld⸗ strafe von 200 Mk. verurteilt. Er hatte ein Gedicht mit der Aufschrift„Heimkehr“ veröffent— licht, dessen letzter Vers lautete:„Unsere Hunnen kehren wieder, Schlapp vom Sengen, Brennen, Morden, Und'ne Viertelmilliarde sind wir dabei losgeworden.“ Der Verfasser des Gedichts wurde nicht genannt.— Wegen Veröffentlichung eines„Hunnenbriefes“ unter der Spitzmarke „Deutsche Bestien“ wurde gegen die„Frankf. Volksstimme“ verhandelt. Redakteur Genosse Dr. Quarckerklärte, er habe den Brief mit Kouvert und abgestempelter chinesischer Marke selbst gesehen und von Bebel erhalten. Bebel hat sich bei seiner kommissarischen Vernehmung geweigert, den Namen des Briefschreibers zu nennen, er wisse ihn gar nicht mehr, es sei jedoch ein häufig vorkommender Name gewesen. Der Staatsanwalt hat wegen dieser Weigerung gegen Bebel das Zeugniszwangsver⸗ fahren eingeleitet und 200 Mk. Geldstrafe beantragt. Dieser Antrag wurde in der Frauk⸗ furter Verhandlung am Freitag wiederholt. Gegen Dr. Quarck beantragte der Staatsan⸗ walt 3 Wochen Gefängnis.— Das am Mitt— woch gefällte Urteil lautete bezüglich Quarcks gemäß dem staatsanwaltschaftlichen Antrage auf drei Wochen Gefängnis. Die Bestrafuug Bebels wegen Zeugnisverweigerung wurde ab— gelehnt. In dem Urteil wird gesagt, es bleibe dahingestellt, ob der Brief echt oder unecht sei; allein der Titel„Deutsche Bestien“ enthalte eine Beleidigung des Expeditionskorps.
Patriotischer Eutrüstungsrummel.
Alldeutsche, Studenten, Kriegervereinler und sonstige Hurrapatrioten halten in der letzten Zeit Protest⸗Versammlungen ab und entrüsten sich über eine Rede des englischen Kolontal⸗ ministers Chamberlain“) in heftigen Resolu⸗ tionen. Gegen den König Eduard werden von den treumonarchisch gesinnten Patrioten Aus⸗ drücke gebraucht, wie man sie sonst nur von Anarchtsten gegen gekrönte Häupter vernommen hat. In Jena machte eine Studentenverbindung sogar einen Umzug, in welchem ein Wagen
) Spr.: Tschämberlehn.
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mitgeführt wurde, auf dem König 7
l nard im Krönungsmantel unter inen Galgen saß, an dem ein vollständ Anzug
mit dem Plakat„Chamberlain“ hir
Die Demonstrattonen richten sich gegen die Behauptung Chamberlains, daß die englische Kriegführung in Südafrika die anderer Nationen in Polen, im Kaukasus, in Algerien, in Tong⸗ king, in Bosnien und im deutsch⸗französischen habe niemals auch nur annähernd erreicht
abe.
Das war nun allerdings eine arge Unver⸗ schämtheit des englischen Kolonialministers, die nur noch durch ihre Unwahrheit übertroffen wurde. Denn wenn wir auch weit entfernt sind, 1 behaupten, daß der deutsch-französische Krieg keine Ausschreitungen und keine unnötigen Härten auf deutscher Seite gezeigt habe— die offizielle Kriegführung hat jedenfalls nicht Krieg gegen Frauen und Kinder geführt.
Wenn aber Herr Chamberlain lügt, was
er sicher schon mehr gethan hat, so ist noch lange nicht ein so großer Entrüstungsrummel nötig. Vor allem sind die Studenten und Kriegervereinler am aller wenigsten berufen, Herrn Chamberlain den Text zu lesen. Denn was Herr Chamberlain zur höheren Ehre seines Vaterlandes thut und geschehen läßt, das wären sie gerade bereit, alle Tage für Deutschland zu thun.— Es ist eine elende, jämmerliche
Heuchelei, wenn dieselben Leute sich über die
Kriegsgreuel anderer Nationen entrüsten wollen, während sie für die von ihren Landsleuten
verübten Kolonialbestialitäten, sowie für das
hunnische Vorgehen in China kein Wort der Mißbilligung hatten. Die Gesellschaft, welche den Krieg und die Mordkultur verherrlicht, den organisierten Massenmord für einen Bestandtesl der„göttlichen“ Weltordnung erklärt, hat kein Recht, sich über Grausamkeiten zu entrüsten, welche die notwendigen Folgen des Krieges sind. Die Protestler spielen gar zu sehr die Rolle des Pharisäers in der Bibel: ich danke Dir Gott, daß ich vicht bin wie andere Leute!— Erst mit dem Kriege selbst werden die Kriegs⸗ greuel und Grausamkeiten verschwinden, was
durchzusetzen nur die Sozialdemokratie in der!
Lage ist.
Vom Duell⸗Wahnsinn.
„Heute 3¼ Uhr Nachmittags verschted schmerzlos der Leutnant und Adjutant im Infanterie-Reg. Nr. 147 Herr Kurt Blaskowitz. Das Regiment verliert in dem so plötzlich Dahingeschiedenen einen vorzüglichen, höchst befähigten Offizier, das Offizierkorps einen hoch⸗ geachteten, treuen und geliebten Kameraden. Ehre selnem Andenken. Insterburg, den 4. Nov. 1901.“ a
Diese Todesanzeige erließ das Offtzierkorps des Infanterie⸗Regts. Nr. 147 im Militär-
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Wochenblatt. Der„geliebte Kamerad“, um den es sich handelt, ist das Opfer eines„Ehren⸗
handels“, den er mit einem seiner Kameraden ausfechten mußte.
Der furchtbare Blödsinn der Duellfexerel
tritt in diesem Falle in seiner ganzen Nacktheit
zu Tage. Nach der„Nat.⸗Ztg.“ war die Ur-
sache zu dem Zweikampfe folgender Vorfall: Die Leutnants Hildebrand und Raßmussen hatten den Leutnant Blaskowitz in der Nacht
nach dem Liebesmahle, das er am 31. Oktober anläßlich seiner 2 Tage später festgesetzten Hochzeit dem Offtzierkorps gegeben hatte, au einer Mauer hockend, schlafend angetroffen.
Sie faßten ihn unter die Arme und suchten dabei schlug der
ihn empor zu heben; Trunkene mit den Armen um sich, ohne im Schlafe zu wissen, wer ihn
angefaßt hatte, und gegen wen er sich Am andern Tage reiste der Leutnant. der von den Vorgängen des letzten Abende nichts mehr wußte, unbesorgt nach Hause, dort
wehrte.
erreichte ihn ein Telegramm aus Insterburg. das ihn nach dort zurückrief, da er von zwe Offizieren gefordert sei. Leutnant Blaskowitz wollte, als er von dem Vorfalle nach seiner
Rückkehr nähere Kenntnis exhalten, die Ange. legenheit durch eine Ehrenerklärung beilegen und die Beleivisten wollten
sich auch damit begnügen! Der Ehren-
rat entschied jedoch, daß der Zwei kampf unvermeidlich wäre! Der Bri⸗
furl ehr Merk f Did fei
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