Ausgabe 
16.6.1901
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung.

Nr. 24.

Gemeinde ihre Kirche erneuert sehen möchte, dann mag diese es doch selbst thun und zwar ganz ihrer finanziellen Kraft entsprechend. Nur die Soztaldemokraten stimmten dagegen, wenigstens motivierte Herr Dr. David für sie ihre ablehnende Stellung. Auch Herr Jöckel von Friedberg stimmte dafür, obwohl er ein paar Tage gegen das Bewilligen donnerte und die Sozialdemokraten die reinste Be⸗ willigungsmaschine nante.

Zwölf Prozent der gesamten Staats⸗ steuern sind Kirchensteuern. Wozu braucht die evangeliche Kirche dies viele Geld? fragen heute viele. Nun ist das neue Besoldungsgesetz der evangelischen Geistlichen hiervon in erster Linie die Ursache. Die Landessynode, die ja fast nur aus Geistlichen besteht, hat ein Gehaltsgesetz geschaffen, das diesen Stand als einen bevor⸗ zugten bezeichnet und ihn nur nach seiner Vor⸗ bildung, nicht aber nach seiner Arbeit bezahlt. Die hohe Statsregierung gab natürlich ihr Ja zu dem von den Geistlichen selbst geschaffenen Gesetze. Es soll diesen ihr Einkommen durch⸗ aus nicht mißgönnt werden; sie selbst sollten aber dahin wirken, daß die Kirchensteuern in Bälde vermindert würden, wenn sie am kirchlichen Leben Interesse bekunden wollen. Denn auch die Pfarrer sollten wissen, daß am Gelde nicht nur die Gemütlichkeit, sondern auch das kirchliche Interesse aufhören kann. Und wie leicht ließe sich doch gerade bei der evange⸗ lischen Kirche sparen! Viele kleine benachbarte Gemeinden, welche heute selbstständige Pfarr⸗ gemeinden sind, könnten sehr wohl vereinigt werden, viele Pfarrer würden weniger nöttg. In früherer Zeit, wo der Pfarrer noch Standes⸗ beamter war, war dies etwas anderes. Was soll aber heute ein Geistlicher in einer Gemeinde von etwa 600-800 Seelen während einer ganzen Woche thun, wenn man von zwei Stunden Religionsunterricht, etwa einer Beerdigung, Taufe oder Trauung absieht? Dies könnte doch ebenso gut der benachbarte Geistliche auch be⸗ sorgen, ohne ihn überlasten zu wollen. Ja das Kirchenregiment schafft sogar noch neue

Steuern und ist außerdem stolz auf diese

Thätigkeit. Wurde doch vor etwa 5 Jahren eine lüngt eingegangene und von der eine knappe halbe unde entfernten Nachbargemeinde pastorirte Gemeinde von 320 Seelen in der östlichen Ecke des Kreises Alsfeld wieder neu errichtet und mit einem Pfarrer dauernd besetzt. Dieser und viele solcher Herren sind doch geradezu zur Unthätigkeit verdammt. Derartige Pfarr⸗ stellen ließen sich in unserem Lande weit über 100 namhaft machen.

Diese Zustände verschuldet aber unsere Staatsregierung mit; sie müßte dem Kirchen⸗ regiment einfach erklären, daß es nur so, und nicht anders geht; denn in letzter Linie trifft immer wieder nur erstere die Schuld an diesen hohen Kirchensteuern. Wahrlich, der sozial⸗ demokratische Weizen hat doch fortgesetzt da denkbar beste Wachswetter! f

r. Die Steigerung der Lebens mit⸗ telpreise und der Wohnungsmieten, die in den letzten Jahren eingetreten ist, geht auch aus einer vom Buchdruckerverband auf⸗ genommenen Statistik hervor. Bekanntlich gingen die Buchdruckergehilfen im Jahre 1896 eine Tarifgemeinschaft auf die Dauer von fünf Jahren ein, die nun in wenigen Wochen abge⸗ laufen ist. Trotzdem vorher die fünfjährige Gültigkeitsdauer vielfach als eine zu lange von den Arbeitern angefochten wurde, erklärten slch jetzt die Gehilfen in fast allen Orten für das Wetterbestehen der Tarifgemeinschaft, hielten es aber bei der eingetretenen Erhöhung der Lebensmittel⸗ und Brennmaterialpreise, besonders aber der Wohnungsmieten für notwendig, eine Revision des Tarifs und zwar eine Erhöhung der Grundpositionen und des Lokalzuschlags zu beantragen. Auch in Gießen lautete der Beschluß der Gehilfenschaft in diesem Sinne. Un nun die Berechtigung der Anträge nach 5 den zu können, hat das Tarifamt der deut⸗ en Buchdrucker, das aus Arbeitgebern und r eitern besseht, durch Fragebogen, die an ca 500 Stabtverwaltungen versandt wurden,

Erkundigungen über die Bewegung der Lebens⸗ mittel⸗ und Mietspreise eingezogen. 388 Stadt⸗ verwaltungen haben die Fragebogen ausgefüllt. Auch die hiesige Stadtbehörde hat diese Arbeit in dankenswerter Weise unterstützt. Wir ent⸗ nehmen den diesbezüglichen Angaben, daß auch in Gießen eine Steigerung der Preise und da⸗ mit eine solche der Lebenshaltungskosten der Arbeiter Platz gegriffen hat.

Da auch durch die bevorstehende Erhöhung der Getreidezölle sowie die für den Winter beretts gemeldete Steigerung der Kohlen⸗

preise eine weitere Verschlechterung der Lebens⸗

lage des Arbeiters ee d wird, so dürfen wohl die oben erwähnten Anträge auf Ent⸗ gegenkommen rechnen. Soweit die uns zu⸗ gegangene Zuschrift. Bezüglich der Getreide⸗ zölle möchten wir bemerken, daß es Aufgabe der Arbeiter sein muß, diesen Angriff abzu⸗ wehren. Was aber sonst die Steigerung der Lebensmittelprelse betrifft, so glauben wir, daß diese in Wirklichkeit noch höher ist, als in der Zusammenstellung des Tarifamts zum Ausdruck kommt. Außerdem sind eine Reihe Haushaltungsartikel nicht angeführt, die eben⸗ falls bedeutend teurer geworden sind, z. B. Seife ꝛc. Gemüse und Obst ist in den letzten Jahren auch immer teurer gewesen als in früheren Jahren.

Schweinburgs Jünger in den Gleß. Neuesten Nachr. druckt in seiner Sonn⸗ tagsnummer unsern Artikel der letzten Nummer ab, um dann den Genossen Krumm, den er alsVerleger unserer Zeitung für deren In⸗ halt verantwortlich macht etwas ganz Neues mit einerFlut von Schmähungen zu über⸗ schütten. Wir finden es ganz vernünftig, wenn er unsere Darlegungen abdruckt, möge er es nur immer 0 halten, unser Schaden wird's nicht sein. Es läßt uns sogar kalt, wenn er uns als unwissend bezeichnet. Schon klügere Leute fallen sich ähnliches von Dummköpfen ge⸗ allen lassen müssen, ohne daß es ihnen besonders geschadet hätte. Im Uebrigen spielt er den Beleidigten; nicht er hat verdächtigt und ver⸗ leumdet, sondern wir, nicht er hat den Genossen Krumm in rüdiger Weise angerempelt, sondern Krumm ist der Missethäter! Wir werden uns mit der Schweinburgiade vtlelleicht in nächster Nummer noch etwas beschäftigen.

Schwurgericht. Donnerstag saß der Ziegelel⸗ arbeiter Grywatz aus Roschkowitz wegen Körperver⸗ letzung mit tötlichem Erfolg auf der Anklagebank. Das Verfahren gegen ihn wird eingestellt, nachdem die Ge⸗ schworenen die Frage, ob durch die Verletzungen der Tod des Arbeiters Organicztak herbeigeführt worden sei, als nicht erwiesen erklärt hatten. Am Freitag wurde gegen den 21 Jahre alten Landwirt Julius Jöckel von Schellenhausen wegen Notzucht verhandelt, der er sich gegen ein 15jähriges Mädchen, die Anna Schaaf, schuldig gemacht haben soll. Der Vertreter der Staatsanwalt⸗ schaft zleht im Laufe der Verhandlung die Anklage wegen Notzucht zurück und will den Angeklagten nur wegen Verführung eines unbescholtenen Mädchens unter 16 Jahren bestraft wissen. Die Geschworenen verneinen jedoch alle Schuldfragen, und so mußte der nach unserer Meinung Schuldige freigesprochen werden. Am Samstag wurde gegen den Stationsassistenten Fliege aus Vilbel wegen Unterschlagung verhandelt. Er wird zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Der schwerste Fall kam an 10. und 11. Juni zur Verhandlung. Angeklagt ist derArbeiter Georg Er mer aus Schir⸗ mitz in Bayern, am 14. August v. Is. den Arbeiter Heinrich Möller im Walde bei Kloppenheim ermordet zu haben. Der Angeklagte, der wenig Reue zeigt, hat e in⸗ gestanden, die That in Gemeinschaft mit einem anderm begangen zu haben. Die Ermittelung des Mörders erfolgte dadurch, daß er die Papiere des Ermordeten zu seiner Legitimation benutzte. Wenige Wochen nach dem Morde verübte Ermer einen räuberischen Angriff auf eine Frau in der Nähe von Würzburg, die er in gleicher Weise wie den Möller mit einem in ein Tuch gebundenen Stein niederschlug und sie getötet haben würde, wenn sie nicht freiwillig ihr Geld hergegeben hätte. Für diese That erhielt er vom Schwurgericht Würzburg 8 Jahre Zuchthaus. Ueber 40 Zeugen werden vernommen. Wahrscheinlich ist, daß Ermer den Mord in Gemein⸗ schaft eines Komplicen ausführte. Ober-Staatsanwalt Dr. Güngerich plaidierte für Schuldig im vollen Umfange der Anklage. Rechtsanwalt Metz beschränkte sich darauf, zu widerlegen, daß die That mit Ueber⸗ legung ausgeführt worden sei. Die Geschworenen be⸗ jahten alle Schuldfragen, worauf der Angeklagte zum

Tode und zu insgesamt 10 Jahren Zuchthaus verurteilt wird. Bemerkenswert ist noch, daß der Angeklagte in einem Briefe an seine Mutter u. a. seiner bayrisch⸗nationalen und religiösen Gesinnung Ausdruck gab.

Heuchelheim.

Wohl selten hatte ein von unseren Part ei⸗ genossen in Gießen oder seiner Umgebung

veranstaltetes Fest eine so große Beteiligung

aufzuweisen, als am Sonntag das Stiftungs⸗ fest des Arbeiterbildungsvereins⸗

euchelheim. Trotzdem in Lollar und in

ieseck am gleichen Tage größere Festlichkeiten stattfanden, verzeichneten wir in Heuchelheim eine über alles Erwarten große Zahl Festbe⸗ sucher. Aus allen Orten der Umgebung, Gießen, Krofdorf, Gleiberg, Loklar, Daub⸗ ringen, Launsbach, namentlich auch Wetzlar waren die Genossen zahlreich erschienen und bald war der geraͤumige Festplatz, der schattige Garten des Hrn. Kröck dicht besetzt. Ziemlich pünklich wurde der Festzug aufgestellt und setzte sich durch die Hauptstraßen des Ortes in Bewegung. Auch dieser Teil des Festes muß als durchaus gelungen bezeichnet werden. Unter den im Zuge mitgeführten Fahnen er⸗ regten besonders die der Wetzlarer Bäcker und die aus Glas hergestellte der Gießener Glaser⸗ gewerkschaft Aufmerksamkeit. Auf einem Fest⸗ wagen war die Freiheitsgöttin umgeben von Kindergruppen versinnbildlicht. Bei dem prachtvollen, sonnigen Wetter gab es natürlich nicht wenig Staub und mancher Zugteil⸗ nehmer empfand es als Erleichterung, als er wieder auf dem Festplatze anlangte. Nach einem Liedervortrag ergriff hier Genosse Dr. David das Wort zu seiner mit großem Beifall aufgenommenen Festrede. Unser

SGenosse sagte etwa:

Werte Festgenossen! Seit 10 Jahren besteht der Verein, zu dessen Feste Sie sich heute so zahlreich versammelt haben. Aber schon dor dieser Zeit, als die Arbeiter noch die Ketten jenes Schandgesetzes, des Sozialistengesetzes trugen, waren auch hier Kämpfer für die Arbeitersache, für die hehren Ziele der Sozialdemo⸗ kratie erstanden. Viele Opfer dafür wurden auch er gebracht! Sie find aber nicht umsoust gebracht. Ge⸗ folge hier wie anderswärts sind nicht ausgeblieben; ich weise nur hin auf die immer höheren Stimmen⸗ zahlen, die von Wahl zu Wahl für unsere Sache abge⸗ geben wurden. Nicht nur in der Breite, auch in der Tiefe hat unsere Bewegung gewonnen. Mit der Ge⸗ werkschaftsbewegung blüht auch die Genossenschafts⸗ bewegung mächtig empor. Kann all' dies erreicht werden ohne Opfer? Unsere große Bewegung wird von vielen kleinen Fähnlein gebildet und sie alle arbeiten zu ihrem Teile mit. Weit und breit stehen unsere Vorposten. Von den Städten ausgehend, wurden unsere Lehren hinaus aufs Land getragen, wo unsere Genossen kleine Vereine bildeten. Diese sind für die Weiterentwickelung unserer Organisation von hervorragender Bedeutung. Wir müssen sie haben, ihnen liegt noch ein großes Arbeiksfeld offen. Es fehlt auch in der Stadt nicht an politisch rückständigen Arbeitern, mehr noch giebts

aber draußen auf dem Lande. Wieviele Arbeiter haben

noch nicht begriffen, daß sie Arbeiter sind! Diese rück⸗ ständigen Elemente wie ein Sauerteig zu durchdringen, muß unsere Aufgabe sein. Ebenso die landwirtschaftliche Bevölkerung. Feindselig stehen vielfach die Landprole⸗ tarier uns gegenüber. Mit der Zollpolitik versucht man die bäuerliche Bevölkerung gegen die Arbeiter aufzuhetzen. Den Bauern wird glauben gemacht, sie unten durch Verteuerung der Lebensmittel ihre Interessen fördern. Eine starke Täuschung, Bauer und Arbeiter haben beide gleiche Interessen!

Manchem unserer Kämpfer geht die Vorwärtsbewegung zu langsam. Hier in der Gegend sehen wir die Ruinen alter Burgen, Gleiberg, Vetzberg, Schiffenberg und andere. Als diese noch von den Rittern, den Herren bewohnt wurden, glaubten die unterdrückten Bauern von damals auch nicht an eine Aenderung der Verhältnisse. Knecht⸗ selig sanken sie in die Kniee vor denznävigen Herren und ihren Reisigen. Aber die Herrengeschlechter ver⸗ gingen, die Burgen zerfielen, während der Bauer blieb. Zum Schutze des Volkes waren die Burgen vielleicht notwendig, als sie gebaut wurden. Ihre Besitzer lelsteten später nicht mehr die Herrendienste, nänlich das Land zu schützen, behielten aber ihre Herren rechte. Doch der Tag der Herren kommt; das Joch wird abgeschüttelt. es bleibt das Volk, das hat sein eigenes Fundament. Heute haben wir andere Herrengeschlechter. Moderne

Herren. Sie bleiben auch nicht! Und wann schwinden

ste? Wenn sie überflüssig geworden sind, wenn das Volk stark genug ist, sich selbst zu leiten. Weil das

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