Ausgabe 
15.12.1901
 
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Seite 4. 8

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 50.

Anfrage des Kartells erklärt, sich die Arbeits⸗ losen nur bei der Arbeitsnachweis⸗ stelle melden sollten, sobald eine genügende Anzahl Leute vorhanden sei, würde mit den Notstandsarbeiten begonnen. Doch werden nur in Gießen wohnhafte Reflektanten be⸗ rücksichtigt. Es wird 8 Stunden gearbeitet und die Stunde mit 25 Pfg. bezahlt. Viel ist das gewiß nicht; wer aber jetzt vor den Feiertagen verdienstlos dasteht, wird gerne zugreifen.

Im soz.⸗dem. Wahlverein be⸗ sprach in der Versammlung am Samstag Gen. Krumm die politischen Vorkommnisse der letzten Wochen, wobei er die im Reichstag statt⸗ gefundenen Kämpfe um den Zolltarif eingehend würdigte. Dann wurde noch einem Vorschlage des Gewerkschaftskartells zugestimmt, der dahin geht, nach Neujahr einen öffentlichen wissen⸗ schaftlichen Vortrag über:Die Entstehung der Erde von einem auswärtigen Vortragenden halten zu lassen. Nach Erledigung einiger ge⸗ schäftlicher Angelegenheiten schloß die gut be⸗ suchte Versammlung.

Allgemeine Sterbekasse Gießen. Die am letzten Sonntag in Lon y's Bierkeller stattgefundene Generalversammlung der Kasse war gut besucht. Aus dem Vorstandsbericht ist zu erwähnen, daß die Mitgliederzahl wiederum ewachsen ist und jetzt über tausend beträgt. 5 waren 114 Sterbefälle zu verzeichnen, in welchen Sterbegelder von 75 bis 200 Mark ausgezahlt wurden. Bei der Wahl des Vor⸗ standes und Aufsichtsrates wurden fast alle bisherigen Mitglieder wiedergewählt. Vorsitzen⸗ der ist Herr Schneidermeister Pfaff, Wall⸗ thorstraße 25, der in allen die Kasse betreffenden Fragen gerne Auskunft erteilt.

Von der letzten General versammlung der Ortskrankenkasse ist hervorzu⸗ heben, daß sich diese dem Proteste des hessischen Krankenkassenverbandes gegen die Erhöhung der Zölle auf Lebensmittel anschloß. Die Vorstandswahl ergab auch hier die Wieder wahl der seitherigen Mitglieder.

Für den Brotwucher trat imGieß. Anz. im Anschluß an die nat.⸗soz. Versammlung außer Herrn Sch lenke auch noch eine andere Zuschriftaus akademischen Kreisen(?) ein. Was da zur Rechtfertigung des junkerlichen Raubzuges vorgebracht wird, ist ja schon hun⸗ dertmal als unrichtig nachgewiesen worden. Etwas stark ist es aber, wenn der Herr Oeko⸗ nomierat, nachdem er diehohen Löhne der Landarbeiter angeführt hat, sagt:Auch die landwirtschaftlichen Arbeiter erhalten eventuell Krankengeld, freien Arzt und Apotheke, Inva⸗ liden⸗ und Altersrente. Sie sind auf Kosten der Arbeitgeber(2) gegen Unfälle im Betriebe versichert. Jh setze voraus, daß Herr Dr. Strecker über die Höhe der Beiträge unterrichtet ist; und nun bitte ich den Herrn Dr. Strecker zu erwägen, was mehr zu bedauern ist, der landwirtschaftliche Arbeitgeber oder der Arbeiter. Wer augenblicklich mehr der Fürsorge bedarf, jener oder dieser? Natürlich der Arbeitgeber. Die ausgezeichneten Arbeitsverhältnisse der Land⸗ Arbeiter und das sorglose Schlemmerleben, das sie führen, werden Herrn Schlenke veranlassen, sich zum nächsten Ziel als Knecht bei einem Vogelsberger Bauer zu verdingen.

Viel gekauft wird vor dem Weih⸗ nachtsfeste doch, wenn auch das Geschäft infolge der Krise nicht so gut wie frühere Jahre sein mag. Wohl in jeder Familie, auch der ärmsten, wird irgend ein Gegenstand angeschafft, wenn er auch nur von geringem Wert sein mag. Dann giebt es noch eine große Anzahl Vereine, die Weihnachtsverlosungen veranstalten und nicht unbedeutende Mengen Waren einkaufen. Dabei wird sogar manchmal recht unverantwortlich verfahren, unnützes und wertloses Zeug wird eingehandelt. Soweit die uns nahestehenden Vereine und Gewerkschaften in Frage kommen, wird die Mahnung auch nicht unangebracht sein, daß bei solchen Gelegenheiten nur nützliche und brauchbare Gegenstände zur Verlosung kommen. Da könnte es nicht schaden, auf unsere reiche Parteilitteratur hinzuweisen; ein gutes Buch oder Broschüre wird immer von dem Gewinner mit Vergnügen entgegengenommen werden. Un⸗

sere Genossen ersuchen wir dann noch, solche Geschäfte in erster Linie berücksichtigen, die in unserm Blatte inserieren.

Gestern noch auf stolzen Rossen! Vorige Woche fand sich imGieß. Anz. eine amtliche Bekanntmachung des Inhalts, daß über das Vermögen des Redakteurs Lehner Konkurs eröffnet werde. Das ist der frühere Redakteur derGieß. Neueste Nachrichten, der Nachfolger Hoppstädters. Er hat hier bedeu⸗ tende Einkäufe gemacht, seine Wohnung sehr komfortabel eingerichtet, doch ist es nun sehr fraglich, ob die Geschäftsleute auch nur einen Teil ihrer Forderungen erhalten.

Im Stadttheater geben dieTe⸗ gernseer vom 19. bis 22. Dezember vier Gastsptele. Die Darbietungen dieser Natur- spieler erfreuen sich großer Beliebtheit und die Gastspiele können auch hier großen Zuspruch erwarten. Kein Freund lebens⸗ und natur⸗ wahrer Darstellung sollte die Gelegenheit vor⸗ übergehen lassen, den Tegernseern einen Besuch abzustatten.

Aus dem Nreise gießen.

DerZukunftsstaat in der Schule. Vielleicht weil es ihm an den nötigen Stoff für den Unterricht in der Fortbildungsschule fehlte, hielt ein Lehrer in Ortenberg vor seinen Fortbildungsschülern einen Vortrag über den sozialistischen Zukunftsstaat, welchen er unter Benutzung der Eugen Richter'schen Spar⸗ Agnes⸗Broschüre natürlich grausig genug hin⸗ stellte. Es ist auch möglich, daß sich der gute Mann verpflichtet hielt, sein Möglichstes zur Sozialistenbekämpfung beizutragen. Wir meinen aber, in der Schule sollte er das schön beiseite lassen; sich lieber bemühen, den Schülern so⸗ viel als möglich posittves Wissen beizubringen und nicht die Schulstunden mit Erörterung von Problemen vergeuden, mit denen er sich selbst wohl nur sehr ungenügend beschäftigt hat. Fühlt er das Bedürfnis, dem Drachen Sozia⸗ lismus auf den Leib zu rücken, so hat er sicher in Versammlungen hinreichend der eh dazu. Uebrigens hat doch gerade der Lehrer⸗ beruf alle Ursache, eine Aenderung der Gesell⸗ schaftsordnung in sozialistischem Sinne zu wünschen, wie das Prof. Dodel in seinem BucheEntweder oder! eingehend darge legt hat.

Volksversammlungen fanden am Samstag in Ortenberg und Sonntag in Bergheim bei Ortenberg statt. Genosse Vetters sprach über den Zolltarif und die Schädlichkeit der Zollerhöhung für das gesamte Volk. Seinen Ausführungen wurde zugestimmt. Der Besuch beider Versammlungen war ein befriedigender. Die Löhne der Arbeiter in dieser Gegend sind sehr niedrige und würde infolgedessen eine Ver⸗ teuerung der Lebensmittel um so drückender empfunden werden.

Kleptomanie. Darunter versteht man eine krankhafte Neigung zum Stehlen. Es ist das eine Krankheit derbesseren Leute. Oft kam es schon vor, daß Angehörige der besseren Gesellschaft wegen Langfingereien vor Gericht standen, sie wurden aber frei⸗ gesprochen, weil das Gericht annahm, daß der oder die Angeklagte an Kleptomanie leidet, weil sie ja im Besitze von Mitteln sind und nicht nötig haben zu stehlen. Dieser Grund fällt aber bei einem armen Teufel weg, der stiehlt stets aus purer Bosßhett und um sich einen rechtswidrigen Vermögens vorteil zu ver⸗ schaffen, deshalb gehört ihm empfindliche Strafe. In Daubringen bildete ein Fall von Kleptomanie das Tagsgespräͤch. Dort stahl ein wohlhabender Bauer in einem Spezereiladen ein Glas Bienenhonig, wurde aber von der Ladeninhaberin erwischt und mußte die Beute wieder herausrücken. Jetzt erinnert man sich auch einer Anzahl früher vorgekommener Diebstahle, wo der Thäfter niemals ermittelt wurde. Es ist der allgemeine Wunsch, daß der Kranke bald ge⸗ heilt werden möge.

Aus dem Rreise sriedberg⸗Püdingen.

n. Aus Büdingen. Die Düdelsheimer⸗ straße befindet sich in der Gegend der Glas⸗

fabrik in einem derartigen Zustande, daß sie bei dem reguerischen Wetter der letzten Tage

fast einem Sumpfe glich und kaum passierbar

war. Am schlimmsten ist es nachts; es fehll an der nötigen Beleuchtung und wenn sich der Mond nicht erbarmt, herrscht dort eine egyptische Finsterniß. Der Gemeinderat sollte doch wenigstens

die Herstellung eines Fußweges veranlassen, damit die dort wohnenden Steuerzahler nicht

bis über die Knöchel durch den Schlamm waten

müssen. Für solche Zwecke ist das Geld jeden⸗

falls besser angewandt, als für Errichtung von Ehrenpforten bei fürstlichen Empfängen. Die

Gründung eines Arbeitergesangvereins

wird demnächst hier erfolgen. Ein solcher ist hier thatsächlich Gebesen. und wir wünschen

demselben bestes Gedeihen.

Rreis Alsfeld⸗Cauterhach.

Was sich die Leute Alles gefallen lassen. Aus einem Dorfe der Umgebung von Lauterbach wird berichtet, daß, als sich dort ein Brautpaar zur Ziviltrauung auf dem Standesamt 1 5 der Pfarrer des Ortes dorthin kam und der Braut den Kranz sowie auch dem Bräutigam den Strauß abnahm,

mit dem Hinweis, daß die Braut sich in guten

Salut befinde und nicht berechtigt sei, den chmuck zu tragen.

nicht ganz gehörig zurückgewiesen wurde.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Das Schwurgericht in Limburg wird am 14. Dezember gegen den Hunnen

Seligmann verhandeln, der bekanntlich einen

Bauer in Weilburg tötlich verletzte. Möglicher⸗ weise kommt an diesem Tage auch noch der Mörder des Schreinermeisters Haupt, Nagel,

zur. Den Messerheld Schwanz,

ter Brumm erstach, verurteilte ige

der den Arbe 1 das Schwurgericht zu 4 Jahren Gefängnis. Mit einer recht gelinden Strafe kam am 11. Dez. der Heinrich Meister davon, welcher im Sommer den Arbeiter Lenz ebenfalls derart

mit dem Messer bearbeitete, daß dessen Tod

eintrat. Es wurde in diesem Falle nur auf 1 Jahr Gefängnis erkannt. f

h. Wider wärtige Reklame leisten sich dieunparteiischenWetzl. Nachrichten, die sich jetztGeneralanzeiger nennen. Mit was für einer Sorte Presse man es beiunpartei⸗ ischen Blättern zu thun hat, das haben wir schon oft dargelegt. Diesen gilt es eben blos umdet Jeschäft. Daß trotzdem diese arbeiter⸗ feindlichen Zeitungen hier und da aufkommen, ist die Schuld der Arbeiter, die sie meistens lesen. Wird aber gar noch um die egoisttschen Interessen des Zeitungsbesitzers zu fördern der Herrgott angerufen, wie das in der Abonnementseinladung jenes Blattes geschieht, doch die Heuchelet etwas zu Weder das billige Schundblatt noch derWatzl. Anz. zahlen ihr Setzerpersonal tarifmäßig. Bemerkt sei noch, daß dasun⸗ parteiische Blatt in seinem Reichstagsbericht vom 7. Dezember 5 den Genossen Calwer das Wort ergreifen laßt, dieser hat aber zum Zolltarif noch e 1! Gewissen⸗ afte Berichterstattung N 1. W e kostet Geld, darum nimmt es die Koblenzer Handwerks⸗ kammer, von wem sie es immer kriegen kann. Eine Anzahl Geschäfte, die sich nicht zum 255 bejischen Handwerk rechnen, haben sich deshal mit einer Beschwerde an die Handelskammer, für die sie ebenfalls Beiträge zahlen müssen, gewandt; sie wollen nicht an zwei Organisationen berappen. Die Handelskammer hat die Be⸗ schwerde dem Regierungsprästdenten unterbreitet.

h. Ist kein Dreschgraf da? Der deutsche Sprach verein veranstaltete am Sonntag einenpatriotlschen Unterhaltungs- abend. Durch Beklamattonen vaterlündisgen Dichtungen soll das Deuntschtum geförder werden. Was sagen aber unsere Urteutschen dazu, wenn ein Angehöriger der semttischen

so ist das denn weit getrieben.

Rasse als Deklamator auftritt? Zwar war es nur der kleine Sextaner Seligmann;

Das ist doch eine ganz unerhörte Anmaßungz des Pastors; es ist nut zu verwundern, daß er von den Brautleuten 0

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