Ausgabe 
15.12.1901
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung.

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indem Ballestrem auf Grund des Stenogramms feststellte, daß der Ausruf so gelautet habe, wie er gerügt sei. Große Erregung hatte sich in⸗ folge dieser Szene des ganzen Hauses bemächtigt. 36 717 7 Unruhe herrschte, während der fol⸗ gende Redner, Minister v. Rheinbaben eine lange Vorlesung statistischen Materials hielt, womit er die Notwendigkeit der Wucherzölle beweisen wollte. Seine Rede ging aber in dem Lärm unter.

Auch der sächsische Minister v. Metzsch, der einzelne Stellen der Ausführungen Bebels zu widerlegen suchte, hatte damit wenig Erfolg, obwohl er etwas ruhiger angehört wurde, als sein Vorredner. Der Sozialdemokratie ver⸗ blieb an diesem Tage der moralische Sieg.

Viel ruhiger als am Donnerstag floß am Freitag die Debatte dahin.

Eine lange Rede des bayerischen Zentrums⸗ abgeordneten Speck leitete die Verhandlungen dieses Tages ein. Herr Speck ist Zollbeamter, er hat sich von Berufswegen mit der Erhebung der Zölle zu befassen und die Liebe zu seinem Berufe scheint er auch aufs politische Gebiet zu übertragen. Er hielt eine recht agrarisch gefärbte Rede, sprach sich durchaus für die hohen Zollsätze des Tarifs aus und polemisierte des Langen und Breiten gegen die Sozial⸗ demokratie, speziell gegen unsere Redner Molken⸗ buhr und Bebel.

Nach dem bayerischen Abgeordneten sprach ein bayerischer Minister, Herr von Riedel, Der alte Herr mit grauem Haupthaar unter- nahm die schwierige Sache, beweisen zu wollen, daß für die große Masse der Industriearbeiter und ihre Lebenshaltung aus der Zollerhöhung kein Schaden erwachsen werde. Die Aufgabe war 10 ihn um so schwieriger und unangenehmer, als der alte Herr ja schon lange Jahre Minister ist und schon vor neun Jahren die Zollberatung mitgemacht hat. Während er damals den Kurs Caprivi⸗Marschall mitsteuerte, zeigte er heute, daß er auch anders kann.

Aus dem Hause kam dann der süddeutsche Volksparteiler Payer zu Wort. Er gehört ja zu den Demokraten alten Schlages, er ist ein prinzipieller Gegner der Getreidezölle, aber seine Position ist ihm erschwert, denn selbst in diese radikale bürgerliche Partei haben sich Elemente festgesetzt, die von den Heilverheißungen des Bundes der Landwirte bethört, ins Lager der Brotverteuerer abgeschwenkt sind. Festge⸗ stellt sei, daß der Redner für seine Parteifreunde im Reichstage Einmütigkeit in der Abwehr nicht nur der Minimalzölle, sondern jeder Zoller höhung für Getreide proklamieren konnte.

Dem württembergischen Kam merpräsiden⸗ ten folgte der württembergische Min ister prä⸗ sident Pischek. Die Rede des schwäbischen Regierungsvertreters machte ein gewisses Auf⸗ sehen. Auf der Rechten hörte man sie erstaunt an, auf der Linken wurde sie mit viel Zustim⸗ mungsxrufen begleitet. Herr Pischek machte nämlich den Zollgegnern ganz bedeutsame Kon⸗ zessionen, man merkte ihm an, wie schweren Herzens sich die Regierung Württembergs ins agrarische Fahrwasser hat drängen lassen. Schließlich bezeichnete er auch den Entwurf für die mittlere Linie, auf der die Verständigung möglich sei.

Der letzte Redner war der hessische Nationalliberale Herr Heyl, der Lederkönig von Worms. Er bändelte mit unsern Genossen an und suchte unsern Parteifreund Calwer Har das Gros der Fraktion auszuspielen.

err Heyl erklärte sich mit allen seinen groß⸗ industriellen Freunden für den Doppeltarif.

Samstag war das Haus nur sehr schwach besucht und die Debatte schlich langsam dahin.

Der Elsässer Stadtpfarrer Winterer redete eiuem mäßigen Schutzzoll das Wort und erregte ebenso wenig ein allgemeines Interesse, wie der Vertreter seines Landes am Regierungs- tische, Herr v. Schraut, der ihm, man wußte nicht recht warum, antwortete. Zu längeren Ausführungen ergriff nun Herr Schrader von der Freisinnigen Vereinigung das Wort.

Dann kam der Vorsitzende des Bundes der Landwirte, Herr von Wangenheim, dem natürlich der Bülow'sche Hungertarif nicht ge⸗ nügt. Er schwärmte für den Antrag Kanitz

und drohte der Regierung den Aufruhr der bisher staatserhaltenden Parteien und ihr Bündnis mit der Linken an, wenn nicht alle agrarischen Blütenträume im Bülo w'schen Garten reifen sollten.

Der freisinnige Gutsbesttzer Bräsicke, das letzte Ueberbleibsel aus der liberalen Aera Ost⸗ preußens, erregte den höchsten Unwillen der Standesgenossen von der Rechten durch die bitteren Wahrheiten, die er thnen sagte. Der dritte Zentrumsredner, Abg. Herold, be⸗ schränkte sich auf Wiederholungen seiner Frak⸗ tionskollegen Spahn und Speck. Die Herren Hilpert(bayer. Bauernbund) und der schwäbische Agrardemagoge Schrempf erhei⸗ terten das Haus durch die freiwillige und unfreiwillige Komik ihrer Reden.

Montag zeigte das Haus eine gähnende Leere. Die Interpellation Arendt betr. die Kriegsinvaliden, wurde von der Tagesordnung abgesetzt und die Debatte über den Zolltarif weiter fortgesetzt. Zuerst ergriff der Nachfolger Möllers im Wahlkreise Duisburg, General⸗ sekretär des Zentralverbandes Deutscher Indu⸗ strieller, Beumer, das Wort. Er nannte sich zwar mit vielem Pathos einenFreund der Arbeiter, seine Rede bestätigte aber die alte Erfahrung, daß man sich am liebsten jener Tugenden rühmt, die man nicht hat. Sein Eintreten für ein Zusammengehen von Judustrie und Landwirtschaft und für höhere Industrie⸗ zöͤlle bewiesen ebenso wie sein Loblied auf die Syndikate, die erst kürzlich vom Abg. Gothein so treffend als einFluch der Schutzzölle charakteristert wurden, daß ihm nur das Wohl seiner geliebten Gu oßindustriellen am Herzen liegt, die ihm ohne Zollschuzz am Ende gar sein Generalsekretärgehalt kürzen müßten.

Roesicke überbot natürlich als Vorstands⸗ mitglied des Bundes der Landwirte den Vor- redner an unverschämt Wucherforderungen. Die Regierung wollte en am liebsten 1 an Händen und Füßen gebunden den Agrariern ausgeliefert haben. Zum Schluß gab noch der Zentrumsmann Aigner eine verwirrte und unverständliche Rede zum Besten.

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Mittwoch verteidigte zunächst der Graf Kanitz den Wucherzoll. Er machte den Witz, die Junker als die besten Freunde der Arbeiter vorzustellen. Selbstver⸗ ständlich sang er das alte bis zum Ueberdruß gehörte Lied von der Not der Landwirtschaft wieder von neuem.

Singer antwortete ihm in einer ausgezeichneten Rede, worin er die von den Wucherzöllnern vorgebrachten Gründe schlagend widerlegte. Dann folgte eine Hans⸗ wurstlade des bayrischen Zentrumsmannes Dr. Heim. Den Schluß machte der preußische Landwirtschaftsminister, der ehemalige Postgeneral Podbtelsky, der nichts Bemerkenswertes zu Tage forderte.

Dienstag wurden die Zollverhandlungen durch die Interpellation der Polen über die Vorgänge in Wreschen unterbrochen. Die gewaltsameGermanl⸗ stierung in den polnischen Landesteilen und besonders die Züchtigung der polnischen Schulkinder, sowie die unerhört harte Bestrafung der bei dem Schulkrawall in Wreschen Beteiligten bildeten die Veranlassung zu der Interpellation. Nach der Begründung derselben durch den polnischen Großgrundbesitzer, Fürsten Radziwill, erhob sich der Reichskanzler, um in einer längeren Er⸗ klärung dem Hause mitzuteilen, daß er die Interpellation nicht beantworten könne. Er stollte sich auf den bequemen Standpankt, daß es sich hler um eine rein preußische Angelegenheit handele, die im preußischen Landtag ver⸗ handelt werden müsse. Die Demonstrationen im Aus⸗ lande, in Warschau und Lemberg, nahm er auf die leichte Achsel, die russische und die österreichische Regie⸗ rung haben ihr Bedauern über den Sturm auf die deutschen Konsulate ausgedrückt und damit ist alles im Reinen. Als der Reichstag gegen die Stimmen der Rechten die Besprechung der Interpellation beschlossen hatte, zog der Reichskanzler mit seinen beiden Kollegen ab, verließ sozusagen unter Protest das Lokal. Auch die übrigen Bundesratsmitglieder verschwanden.

Großen Eindruck machte diese Demonstration auf das Haus nicht. Jedenfalls verhinderte sie nicht eine recht ausgiebige Besprechung der Interpellation. Das Zentrum hatte eines seiner demokratischsten Mitglieder damit betraut, die Stellung der Fraktion zu kennzeichnen. Herr Roeren ist in allen Kunstfragen ein sehr be⸗ schränkter Mann, aber in politischen Dingen denkt er lüberal. Er bekämpfte die Schulpolitik, die im Osten getrieben wird mit großem Erfolge und sagte der Re⸗ gierung bittere Wahrheiten.

durch Annahme folgender Resolution:

e Konservative und Nationalliberale suchten die 6 ald waltpolitik den Polen gegenüber zu verteidigen. feel

Den Standpunkt unserer Partei entwickelte Geno, bel Ledebo ur in trefflicher Weise, in der bei der schwiertag ufd ö Behandlung des nationalen Problems überall der pe sch l.

listische Standpunkt durchleuchtete. lassen. Daz

4 4 Cin Politische Rundschau.

d ber Gießen, den 12. Dezembes bed

Der Reichshaushalts Etat, 0 der jetzt dem Reichstag zugegangen ist, stelln tl, Einnahmen und Ausgaben auf 2349 742 1% al Mk. fest. Der Ekat weist an Matritaln vba beiträgen 568 135000 Mk, auf(im Vorsaß 570933 000 Mk.), die Ueberweisungen an besse Bundesstaaten betragen 544 235000 Mark(%

Vorjahre 570933000 Mk.). Der Reichslaß cher, ler wird ermächtigt, zur Bestreitung der einmalsaß ate außerordentlichen Ausgaben 182 058 p date Mark im Wege des Kredits, also des Pumpe 1 flüssig zu machen. Das sind für die deutsche

Steuerzahler keine günstigen Aussichten. Allg, Wa die Zinsen für die Reichsschuldenlast betrag in du in diesem Etat nicht weniger als 94 Mil let, lionen. Huch

Folgen der deutschen Zollpolitik, 1

Daß die ungeheuerlichen Zollsteigerungg um d wie sie in dem deutschen Tarif zum Ausdeiß d g kommen, das Ausland zu Repressalien ver mn d lassen würden, war vorauszusehen. Rußlaß Juan droht schon jetzt damit. In einem russisch nan Blatte, das als Organ des russischen Fina der e

ministers Witte gilt, wird erklärt, wenn d Kart deutsche Zolltarifentwurf, der auf dem Prin D. des nationalen Egoismus beruhe, angenommch acht würde, so müßte der russische Tarif den A ine dürfuissen der russischen Industrie mel Naß angepaßt werden. Das heißt, Rußland ech seine Industriezölle erhöhen, wodurch besonden Lot die deutsche Elsenindustrie erheblichen Schau gegen zu leiden hätte. Die Ausfuhr nach Rußlall mehr. betrug im Jahre 1900 allein an Eisenwara(ar Maschinen, Kurzwaren, Instrumenten dc. eu den 120 Millionen Mark. Sperrt Rußland fen nah Grenzen für die deutschen Industrie⸗ Artie müssen türlich unsere Arbeiter empfind ll darum eeiden. de 6 Bauern gegen den Brotwucher. Dr. Eine am Sonntag in Sanet Tönis b 1 Krefeld tagende Versammlung katholischer Baue 0 a und Arbeiter nahm nach einem Vortrag d 110 Dr. Maurenbrecher, Berlin mit großer Mehl 0

heit eine Resolution an, die Getreidezül 1 15 als dem rheinischen Bauern schädlich verw a0

und den Abg. Fritzen auffordert, seinen Einf t im Reichstag und in der Fraktion dahin 154 110 zu machen, daß die geplante Getreidezollerhöhun af

noch verhindert werde. Widerspenstige ristliche Gewerk

schaftsmitglieder. ö 90

Bekanntlich haben sich mehrere Führer chr lu. licher Gewerkschaften bezüglich der Zollfre be in das Schlepptau des Zentrums begeben u. Hal

0 für den Brotwucher eingetreten. 1 0 unerhalb der Mitgliedschaften eine ergae t Opposition gegen das Vorgehen der Vi 0 Stegerwald, Gisberts ꝛc, geltend m 0 und in Versammlungen Resoluttonen gegen 0 1 Brotwucher beschlossen wurden, erklaͤ ten 0

einmal die Verbandsleiter und berschier g de 0 Zentrumsleute, daß diese Frage, 11 ir u die Gewerkschaft 191101 Das war natür 9 fe ein hinterlistiger Trick zu Gunsten der Agrare der und zum Nachteile der Arbeiterschaft. Erft, 0

lichen Gewertschafter nicht verblüffen, son

nehmen energisch gegen die von ihren Fuhr. und Verbandsorganen vertretene Arden 10% l Stellung. Das that auch am 1. Hufe 1 eine Holzarbeiterversammlung in Dutsbiuf

licherweise lassen sich ein großer ell der chr i 1 e

Die heute tagende Versammlung des ch lichen Holfarbetterberbandeg erklärt 0 ö folgendes: Die Zahlstelle Duisburg ist.