Ausgabe 
15.12.1901
 
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Gießen, Sonntag, den 15. Dezember 1901.

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8. Jahrg.

1 ö Nr. 50.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Bei mindestens

Mut der Ueberzeugung.

Daß die sozialdemokratische Bewegung in hen letzten Jahren ganz bedeutende Fortschritte semacht hat, bestreiten selbst unsere Gegner licht. Sowohl in der Breite, wie in der Tiefe sat der sozialistische Gedanke an Ausbreitung sewonnen. Nach der einen Richtung hin seweisen das die verschiedenen in der letzten geit stattgefundenen Wahlen, wodurch fast berall eine Steigerung unserer Wahlstimmen bnstatiert wurde, auf der andern Seite zeigt Ils ein Blick auf die sozialistische Litteratur ünschließlich unserer Tagespresse, daß die So⸗ aldemokratie über eine Fülle von geistiger kraft verfügt, wie sie keine andere Partei auch ur annähernd aufzuweisen hat. Viele objektiv irteilende Gegner haben rückhaltslos anerkannt, haß bei der sozialdemokratischen Presse das geistige und moralische Niveau ein bedeutend böheres ist, als bei der des Bürgertums. Mit echt wurden auf dem letzten Parteitage die kritiken Cal wers, der die sozialdemokratische Provinzpresse als schlecht geleitet hinstellte, urückgewiesen. Sicher ist, daß unser letztes brovinzblatt in Bezug auf den geistigen Wert nes Inhalts hoch über der bürgerlichen durchschnittspresse steht.

Müssen wir so erfreuliche Fortschritte unserer zewegung konstatieren, so dürfen wir uns iderseits nicht verhehlen, daß es trotzdem viel schneller vorwärts gehen müßte. Gewiß, ie Entwickelung zur höheren Kultur braucht hre Zeit, sie macht keine Sprünge, läßt sich uch nicht mit Gewalt vorwärts treiben. Die ahrhunderte lang im Banne der Unwissenheit schaltenen Volkskreise lassen sich nicht in kurzer geit zu modernen Anschauungen bringen. Dazu hmmt noch, daß unsere Agitation durch Ent⸗ kellungen, Verdrehungen, Verleumdungen und ligen der Gegner erschwert wird.

Wo es aber gar zu langsam vorwärts geht, uud zum guten Teile unsere Freunde imentlich auf dem Lande selbst schuld. die bethätigen vielfach ihre Ueber⸗ seugung nicht, verleugnen nicht selten ihre barteizugehörigkeit, halten mit ihrer politischen Leinung in der Oeffentlichkeit zurück. Es hl t sehr oft der Mut der Ueber zeugung! bir sagen damit nicht etwa, daß unsere Ge⸗ ussen bei jeder Gelegenheit großes Geschrei um ihrer Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie nachen sollen. Nein, in der Regel findet man gar, daß hinter den Leuten, die stets auf Heuem Markte verkünden:Ich bin Sozial⸗ Amokrat! am allerwenigsten Ueberzeugungs⸗ tue steckt. Aber die Rücksichtnehmerei auf me mögliche Leute wird denn doch hier in userer Gegend entschieden übertrieben. Vor ukeln, Tanten, Vettern, dem Bürgermeister und dem Pfarrer und was sonst alles als nflußzreich im Orte gilt, glauben viele ihre Uberzeugung verbergen zu müssen. Ja, es ummt vor, daß angebliche Genossen ihre Partei⸗ litigkeit einschränken, oder ganz aufgeben zu nüssen glauben, wenn der Freund eines ent⸗ enten Verwandten von ihnen Aussicht hat, is Eisenbahn⸗Schaffner, Straßenwärter oder lust etwas in denStaats dienst zu treten, Jan fürchtet, Jener könnte in seinerCarriere Uchädigt werden, wenn es ruchbar wird, daß

ein im soundsovielten Grade mit ihm Ver⸗ schwägerter zur f Sozialdemokratie schwört.

Wie lächerlich!

Einmal hat mit der Zeit auch in den Kreisen der höheren Staatsbeamten eine etwas freiere Auffassung in Bezug auf unsere Partei Platz gegriffen; wo aber Borniertheit und rückständiges Wesen die Befreiung der Befsttzlosen vermittelst des amtlichen Druckes niederzuhalten sucht, wird dieser Druck durch feiges Nachgeben unsererseits nur stärker. Und schließlich triumphiert die Reaktion! Gewiß, schon manchem soztaldemo⸗ kratischen Geschäftsmanne oder Handwerksmeister wurde von Behörden, rückständigen Kliquen., einflußreichen Personen, das Leben sauer ge⸗ macht. Sobald er aber seine Kundschaft redlich und ordentlich bedient und durch Wohlverhalten in jeder De bene sich Achtung erwirbt, wird er auch von dem Mächtigsten auf die Dauer nicht geschädigt werden können.

Unsere Genossen müssen überall, wo es angebracht erscheint, mit Ruhe, Würde aber mit Entschiedenheit unsere Sache gegen Angriffe schmutziger und verleumderischer Gegner verteidigen. Niemals dürfen sie schweigen, wenn am Wirtshaustisch oder bei anderen Gelegen⸗ heiten unsere Partei heruntergerissen und ver⸗ dächtigt wird.

Immer Farbe bekannt! Dabei auch Selbst⸗ kritik geübt! Stets das Wissen gesucht und die Kenntnisse erweitert, die Jugend belehrt und aufgeklärt! Unablässig gekämpft gegen Unverstand, Lüge, Verleumdung, Bosheit und Unterdrückung!

Jeder unserer Parteigenossen muß den Mut haben für seine Ueberzeugung einzutreten, auch wenn er Nachteile dadurch hat, dann wird es mit unserer Bewegung schneller vorwärts

gehen.

Der Zolltarif im Neichs⸗ tage.

Vorige ganze Woche verbrauchte der Reichstag mit der Beratung der anmaßenden agrarischen Forderungen, die Debatte ging sogar noch nicht zu Ende, sondern nahm noch diese Woche in Anspruch. Zu hitzigen Wortgefechten, wobei der agrarische Uebermut und die Junkerfrechheit unverhüllt zu tage trat, kam es am Donners⸗ tag. An diesem Tage wandte sich Bebel in einer großen Rede mit Leldenschaftlichkeit gegen den junkerlichen Brotwucher. Eingeleitet wurde die Debatte durch eine recht trockene und lang⸗ weilige Rede des Handelsministers Möller. Seine Ausführungen waren nach Migquel'schen Rezept zusammengebraut. Er sang der famosen Sammelpolitik ein Loblied. Industrie und Landwirtschaft sollen gemeinsam den Raubzug auf die Taschen des arbeitenden Volkes unter⸗ nehmen. Nach dem Minister sprach der Anti⸗ semit Dr. Vogel, der durch eine gründliche Entgleisung in seiner Bibelkenntnis eine nicht endenwollende, stürmtsche Heiterkeit entfesselte, wodurch er so aus dem Konzept kam, daß er abbrechen mußte. Dann kam der bayrische Bauernbündler Nißler aus Dinkelsbühl. Das ist einer von den Leuten, die viel haben wollen, damit die Bauern soviel ausgeben I können, daß Handel und Industrie dadurch zur

Blüte kommen. Dieses Vielbrauchen soll sich aber nur auf die Grundbesitzer beschränken, denn die Arbeiter und Dienstboten sollen fleißig, sparsam und sittlich sein. Für Arbeiter ist Genügsamkeit eine Tugend.

Sehr scharf ging unser Genosse Bebel gegen die von Nißler vorgetragenen Grundsätze vor und wies nach, wie die Regierungen sich von dieser Sorte von Leuten zu den unglaub⸗ lichsten Maßnahmen verleiten lassen. Als Bei⸗ spiel griff er das Königreich Sachsen heraus, wo nur 14 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben und dessen Regierung einem Tarif zustimmt, wodurch die sehr zahlreiche arme Bevölkerung Sachsens auf das Schwerste getroffen wird. Freilich sei es in Sachsen kaum zu verwundern, denn während die Regierung fünf Millionen Mark zur Förberung landwirt⸗ schaftlicher Genossenschaften hergebe, schaffe man für die von Arbeitern gegründeten Konsum⸗ vereine eine Umsatzsteuer, wodurch den Arbeitern der größte Teil des Nutzens, den sie durch diese ed eee haben, wieder abgenommen wird.

Unser Genosse führte dann eine Berechnung vor, nach welcher schon gegenwärtig die Lebensmittel um mehr als eine Milliarde verteuert werden, wovon zwar nur annähernd 200 Mtllionen in die Reichskasse, aber mehr als 800 Millionen den Grundbesitzern zufließen. Das sei auch der Grund, weshalb die Guts⸗ preise steigen und in einzelnen Gegenden geradezu eine schwindelhafte Höhe erreicht haben. Zu weiteren Steigerungen wolle die Regierung die Hand bieten und den Aermsten das Brot ver⸗ teuern. Dabei kümmere man sich nicht um die traurige Lage, in welcher sich die Arbeiter schon gegenwärtig befinden. Als Beispiel führte er eine Notiz aus einem katholischen Blatte an. Ein Lehrer schildert darin, wie er nach einer Beerdigung eines Schülers an die Kinder die Frage gerichtet hat, wer von ihnen auch be⸗ erdigt sein möge. Als sich dann ein Kind meldete und der Lehrer nach dem Grund fragte, antwortete es:Weil ich dann nicht mehr zu hungern brauche.

Da machte sich plötzlich der Graf Arnim bemerkbar, indem er rief:Vielleicht hat der Vater Alles versoffen! Das war die echte Junkergesinnung, die hier zum Vor⸗ schein kam, die aber eine solche Flut von Ent⸗ rüstungsrufen hervorrief, wie sie im Reichstage wohl noch nicht gehört sind. Auch die Junker empfanden, daß dieses Zurschautragen der wahren Gesinnung ihrer Beutegier einen schlimmeren Stoß versetzt hatte, als die gepfeffertste Oppo⸗ sitionsrede. Bebel gab gleich seine Entrüstung in den schärfsten Ausdrücken zu erkennen. Graf Ballestrem rügte die Ausdrücke nicht. Erst nach Beendigung der Rede unseres Genossen erklärte er, daß er Bebel wegen der in Bezug auf den Grafen Aruim gebrauchten Ausdrücke Infamie undGesinnungsroheit zur Ord⸗ nung rufe. Freilich müsse er auch bemerken, daß Graf Arnim durch seinenZwischenruf unseren Genossen auf das Schwerste provoziert habe. In einer persönlichen Bemerkung wollte Graf Arnim die Sache drehen und dem Hause glauben machen, er habe nur gefragt, ob der Vater des Kindes ein Säufer sei. Aber mit dieserDeutung hatte er auch kein Glück,

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