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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 28.
die Leichenschau nur approbierten Aerzten ge⸗ stattet sein solle, die dazu eidlich verpflichtet sein müssen. Ferner wird in dem Schreiben vorgeschlagen: Jeder approbierte Arzt kann aber auch auf seinen Antrag zur Ausstellung von amtlichen Todeszeugnissen verpflichtet werden. Ferner muß jede Gemeinde durch besonderes llebereinkommen mit einem oder mehreren Aerzten rechtzeitig die Vornahme der Leichenschau sicher⸗ stellen, es ist aber auch zulässig, daß sich mehrere Gemeinden zu einem Leichenschaubezirk vereinigen. Die Verpflichtung der approbierten Aerzte zur Leichenschau hat auf Grund einer Dienstanwei⸗ sung zu erfolgen; dieselbe wird den Aerzten hauptsächlich zur Pflicht machen, neben der Feststellung des eingetretenen Todes, solchen Befunden, welche etwa in strafrechtlicher, itäts⸗ polizeilicher und statistischer Beziehung on In⸗ teresse sind, Aufmerksamkeit zuzuwenden und
das weitere Erforderliche zu veranlassen.
Gießener Angelegenheiten.
E. K. Berichtigung. In Nr. 26 dieses Blattes tadelten wir, daß die städtischen Be⸗ hörden dem Maurermeister Abermann die Frist für Fertigstellung städtischer Arbeiten, aus Rücksicht auf den vorjährigen Maurerstreik, verlängert hätten. Herr Bürgermeister Mecum teilt uns nun mit, daß dies nicht der Fall set; ein dahingehendes Gesuch des Herrn A. sei von Herrn Gnauth direkt abschlägig beschieden und die Einziehung der Kaution an⸗ gedroht worden. Daß diese Androhung nicht ausgeführt werden konnte, habe seinen Grund darin, daß seitens des städtischen Bauamts die benötigten Spezialpläne nicht rechtzeitig hätten geliefert werden können und Herr Aber⸗ mann also auch nicht regreßpflichtig gemacht werden konnte.
Wir haben also den Herren Gnauth und Wolff Unrecht gethan und bedauern dies; hoffen und wünschen wollen wir aber, daß das Stadtbauamt nicht durch ein Krähwinkler Land⸗ sturm⸗Tempo bei Fertigstellung seiner Pläne unschuldige Leute in falschen Verdacht bringt; mißtrauischere Leute wie wir möchten solches sonst, wie in diesem Falle, als Unterstützung des Unternehmertums ansehen.
— Die„Renovation“ der alten Burg am Kanzleiberg hat man schon seit einiger Zeit in Angriff genommen. Ein großer Teil des Gebäudes ist bis auf den Grund niedergelegt. Dabei zeigt sich, daß die alte Ruine total ver⸗ fallen, das Gebälk durchweg verfault ist. Der reine Schutthaufen! Anstatt die alte Bude ein⸗ fach niederzureißen und an seine Stelle ein nütz⸗ liches Gebäude hinzustellen, werden Hundert⸗ tausende in geradezu sinnloser Weise mit der
Renovation“ verplempert! Wie wollen die bewilligenden Stadtverordneten eine solche Ver⸗ geudung der Steuergroschen verantworten?
Die Gießener Bäckergesellen, die fast sämtlich schon seit längerer Zeit sich dem Bäckerverbande angeschlossen haben, unter⸗ breiteten ihren Arbeitgebern am Montag ver⸗ schiedene Forderungen, deren wichtigste die auf Abschaffung von Kost und Logis beim Meister darstellt. Die verlangten Lohnsätze sind fol⸗ gende: Für Schieße Mk.; Teigmacher 24 Mk.; dritte und vierte Gehilfen 21 Mk.
r. Woche. Außerdem werden in Bezug auf Einhaltung einer geregelten Arbeitszeit sowie Waschgelegenheit verschiedene, sehr berechtigte Forderungen gestellt. Die bis zum Donners⸗
ag Mittag erbetene Antwort der Meister lautete schroff ablehnend, die am selben Tage stattgefundene Versammlung der Gesellen be⸗ schloß, alles zu thun, um eine gütliche Regel⸗ ung der Angelegenheit herbeizuführen und ordnete eine Kommission ab, die versuchen sollte, eine Unterredung mit der Meisterver⸗ tretung zu erlangen. Diese hat denn auch stattgefunden; die Meister verlangten, die
Forderungen sollten ermäßigt und von neuem eingereicht werden. Dem sind die Gehilfen nachgekommen und es muß nunmehr das Weitere abgewartet werden. Eine Verständigung ist nicht ganz aussichtslos. Wie wir hören, haben sich die Meister bei 300 Mk. Konventional⸗ strafe verpflichtet, keine Bewilligung eintreten
zu lassen. Nur ein Geschäft hat die Forder⸗ ungen anerkannt.— Bezeichnend ist, daß ein Meister(Weber) seinen beiden Gehülfen kündigte, weil sie dem Verbande angehörten. Derartiger Terrorismus erschwert natür⸗ lich eine Verständigung.
— Innungsmeister Löber auf dem Kriegspfade. In einem am Montag er⸗ schienenen„Eingesandt“ im„Gieß. Anz.“ sagt Herr Löber, daß unser Bericht über die Generalversammlung der Ortskrankenkasse ihn gehässig angegriffen habe und bestreitet, gegen die Resolution betreffend das Ersuchen an. die Stadtbehörde wegen Beseitigung der Mißstände im Krankenhauswesen gesprochen zu haben. Herr Löber irrt. Wie aus dem„Eingesandt“ des Gen. Beckmann sin der heutigen Nr. d. Bl. hervorgeht und auch von anderer Seite be⸗ stätigt wurde, hat er sich allerdings gegen den Antrag gewendet, indem er erklärte, die Stadt sorge genügend für die Kranken, er giebt ja auch selbst diese Redewendung zu. Erst als der Vertreter der Aufsichtsbehörde den Antrag empfahl, hat er seine Meinung geändert und wenigstens nicht dagegen gestimmt.„Seine Darstellung ist also unrichtig, irreführend. Uebrigens wäre es seine Pflicht als Stadt⸗ verordneter und Vorstandsmitglied der Kasse gewesen, das Möglichste zur Beseitigung der thatsächlich vorhandenen Mißstände zu thun. Für die mit dem Umbau der„alten Burg“ verpulverten Summe hätte man ein Kranken⸗ haus bauen können. Und hat Herr Löber nicht auch zu dieser Forderung genickt? Sein Auftreten wegen der zwei Stunden Versäum⸗ nis eines Kassengehilfen ist gradezu kläglich. Glaubte er in dieser Beziehung etwas nicht in Ordnung, so war es seine Pflicht, die Sache im Vorstande zur Sprache zu bringen; warum denn diese Haupt⸗ und Staatsaktion wegen einer solchen Bagatelle? Warum soll ein Kassengehilfe nicht einmal eine Stunde vom Dienst wegbleiben dürfen, noch dazu wenn er das Versäumte einholt? Herr L. war bei der Geschichte eben der Gescho bene seiner Innungs⸗ kollegen, er vertrat damit deren Interessen und nicht die der Kasse. Er sollte sich weniger zum Werkzeug Anderer gebrauchen lassen! Seinen Mannesmut kann er vielleicht an anderen Stellen nötiger gebrauchen, als daß er ihn dazu verschwendet, einem armen 1 7 1 von Kassengehilfen etwas am Zeuge zu flicken.
Wieseck.
Unter sehr zahlreicher Beteiligung wurde am Dienstag Nachmittag der Genosse Ludwig Rohr⸗ bach, Buchdrucker, zu Grabe getragen. Er wurde am Sonntag Mittag im besten Mannes⸗ alter— 38 Jahre— von einer heimtückischen Krankheit hinweggerafft. Seiner hochbetagten Mutter, die erst vor kurzem eine verheiratete Tochter durch den Tod verlor, wird allgemeine Teilnahme entgegengebracht; außerdem betrauern die Witwe nebst zwei Kindern seinen Verlust. Am Grabe sang die Gesangsabteilung des Turnvereins, der vollzählig seinem Mitgliede die letzte Ehre erwies, ein Lied, während im Namen des Buchdruckerverbandes und des Per⸗ sonals der Brühlschen Druckerei Kränze nieder— gelegt wurden.
Aus Friedberg.
Zur Stadtverordnetenwahl. Alle Arbeiter und Genossen werden aufgefordert, sich innerhalb dieses Monats in die Listen zur Stadtverordnetenwahl eintragen zu lassen. Die Anmeldung hat mündlich und persönlich auf der Bürgermeisteret zu geschehen. Wer das versäumt, kann später nicht an der Wahl teil⸗ nehmen. Das gilt namentlich für alle Diejenigen, die schon früher an der Wahl teilgenommen haben und nun meinen, sie brauchten sich jetzt nicht zu melden. Nur Diejenigen, die Orts⸗ bürger sind, das heißt, die ihr Feuereimergeld an die Stadt entrichtet haben, brauchen nicht hinzugehen. Da auch hierbei leicht Mißver⸗ ständnisse vorkommen können, wird es gut sein, wenn jeder hingeht. Betreffs der Wahlbe⸗
rechtigung sei bemerkt, daß jeder, der am 1. April
1900 2 Jahre hier in Friedberg war und seit diesem Tage zur Steuer herangezogen ist, wahl⸗
berechtigt ist, es sei denn, daß er Baier oder Elsaß⸗Lothringer ist oder das genügende Alter nicht be sitzt. Im Zweifelsfalle wird von Gen. Busold Auskunft erteilt.
J. Eine Blüte des Submissions⸗ wesens. Als im vorigen Jahre die Anstreiches, arbeiten in unserer renovierten Stadtkirche ver⸗ geben wurden, da fiel ganz besonders die hiesige
Firma Gebr. Ferber durch ihr ungemein billiges
Angebot auf, sie erhielt denn auch die Arbeit. Allgemein war man überzeugt, daß für diesen Preis die Arbeit nicht gemacht werden könnte. Trotzdem führte die genannte Firma die Arbeit aus und zwar schon vor einem Vierteljahre zur Zufriedenheit der Bauleitung. Als aber kürzlich die Einweihung war und der Gottes, dienst beendigt, da wurden viele sofort gewahr, daß die Arbeit auch nicht mehr wert sei, als sie gekostet hatte. Fast sämtliche Besucher waren mit ihren Kleidern auf den Bänken hängen geblieben und viele haben auf ihren guten Kleidern ein dauerndes Andenken zurückbehalten. Wir bemerken nur noch, daß es dieselbe Firma ist, über deren Zustände im Geschäft schon unser Frankfurter Parteiblatt berichtete und deren Inhaber, als kürzlich einem kleinen Meister mit einer unbedeutenden Arbeit ein Aehnliches passierte, allerorts ausposaunten, was dem Manne passierte und prahlten, daß sie Anderer verpfuschte Arbeit in Ordnung bringen müßten,
Wetzlar.
th. Am Donnerstag in den ersten Morgen⸗ stunden brach in der allgemein bekannten„Metz burg“ Feuer aus, das in kurzer Zeit das Ge⸗ bäude vollständig zerstörte. Wegen der hohen Lage des Anwesens war es fast unmöglich Wasser beizubringen, und so mußten die Lösch⸗ versuche erfolglos bleiben. Nur weniges Mobiliar konnte gerettet werden. Entstehungsursache ist unbekannt.
* Die Bäckergehilfen Wetzlars he absichtigen ähnliche Forderungen, wie ihre
Gießener Kollegen au ihre Arbeitgeber zu stellen“
Nach dem„Wetz.⸗Anz.“ hätte eine Versammlung der Bäckermeister in Wetzlar beschlossen, die Forderungen abzulehnen. Natürlich, die alte Geschichte! Sie lehnen auch die bescheidensten Forderungen ihrer Arbeiter ab, wenn diese nicht durch stramme Organisation und festen Zusam⸗ menschluß bessere Arbettsbedingungen erkämpfen, Ohne dies wird auch die Mahnung des„W.“ Anz.“, Entgegenkommen zu zeigen, keinen Ein⸗ druck auf die Bäckermeister machen.
u. Wahrhaft„nationale“ Thätigkeit entfaltet der hiesige„Flotten verein.“ Auf der Tagesordnung seiner Generalversammlung am Donnerstag steht:„Wahl eines Vor sitzenden.“ Vorher findet aber ein„ein faches Abendessen“ zu Mk. 2.— das Ge⸗ deck statt. Jedenfalls wird der Vorsitzende der sich beim Essen am leistungsfähigsten ge zeigt hat.
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.
Parteiversammlung. Vor nur mäßig besuchter Versammlung sprach am Samstag Gen. Vetters über„die Sozialdemokratie und ihre Gegner.“ Seine Ausführungen wurden mit Beifall aufgenommen. In der sehr ar⸗ regenden Diskussiond rückte Gen. Haberland sein Einverständnis mit dem Referat aus und er⸗ gänzte die Ausführungen des Gen. Vetters.— Im Weiteren fand eine Neuwahl zweier Mit⸗ glieder zur Kolportagekommission statt und ferner wurde beschlossen, regelmäßig allmonatlich eine Parteiversammlung abzuhalten.
St. Marburg, 10. Juli 1901.
— Schwurgericht. In der am Frei tag, den 5. ds. stattgefundenen letzten Sitzung der diesjährigen Sommer⸗Schwurgerichtsperiod gelangte die von fünf Gisselberger Burschen an einem hiesigen Dienstmädchen verübte Gewalt] that zur Aburteilung. Drei von ihnen erhieltei je 1½ Jahre, einer 5 Monate Gefängnis während der fünfte(ein erst 15 Jahre alten
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