Ausgabe 
14.4.1901
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 15.

Urkonservative Männer, Volkswirte, Philo⸗ sophen, Theologen u. a. haben ehrlich erklärt, daß über das Leben und die Vorhältnisse der Arbeiter bei den Angehörigen der herrschenden und besitzenden Klassen eine wahrhaft schreckende Unwissenheit herrsche. Daß diese Unwissenheit natürlich gegebenenfalls zu den gröbsten Irr⸗ tümern und verhängnisvollsten Mißgriffen, ja zu entsetzlichem Unheil führen kann und muß, liegt auf der Hand.

Ein geistreicher Mann hat einmal über die die Feindschaften und Kämpfe der Menschen untereinander gesagt:Wir sind alle nicht so schlecht, wie wir uns gegenseitig machen! Es ist wohl auch gern zu glauben, daß das Schlimmste und das meiste alles Schlimmen, das sich die Menschen gegenseitig anthun, weniger seinen Grund hat in teuflischer Bos⸗ heit, als vielmehr in Unwissenheit, Denkfaul⸗ heit und Unfähigkeit, sich in die Haut des anderen hineinzudenken.

Wahrheit und Klarheit sind deshalb die Grund⸗ und Ecksteine, auf denen allein sich Verbesserungen der menschlichen Gesellschafts⸗ zustände erbauen lassen. Und zwar klares Er⸗ kennen dessen, was ist, in allen Schichten der Gesellschaft.

Der Arbeiter schlimmster Feind ist, wie unser unvergeßlicher Jakob Andorf gesungen hatder Unverstand der Massen, d. i. der immer noch unaufgeklärten Klassengenossen.

Aber derUnverstand der Wenigen, nament⸗ lich wenn sie reich und mächtig sind, ist auch ein nicht zu unterschätzender Feind!

Man spricht immer von der Erziehung der Völker durch ihre Herrscher, Priester, Gelehrte, Richter u. s. w. und betont, sie sei gut und nützlich und notwendig! Mindestens ebenso notwendig ist die Erziehung der Herrschenden und Regierenden durch die Völker!

Die ist, wie alle und jede Verbesserung der Verhältnisse der unteren Volksklassen, nur mög⸗ lich durch unerschrockenen Kampf für die Wahr⸗ heit, durch stetes, mutiges Festhalten und Ver⸗ künden dessen, was ist, um mit Lassalle zu reden. Und dieser Dienst der Wahrheit wieder ist nur möglich durch feste Organisationen, durch brüderliches Zusammenhalten der Ar⸗ beiter unter sich.

T.-A.

Die hessiche Laudtagswahlreform.

I

Wir haben in der vorigen Nummer schon darauf hingewiesen, welchen rückständigen Cha⸗ rakter die Bestimmung trägt, nach welcher der Wahlberechtigte seit wenigstens drei Jahren die hessische Staatsangehörigteit be⸗ sitzen und in Hessen wohnen muß. Das bedeutet eine Verschlechterung der bisherigen Zustände. Bekanntlich konnte nach dem alten Wahlgese!Fremde wählen, sobald er die hessische Staatsangehörigkeit er⸗ worben hatte. Auch diejenigen Angehörigen anderer deutschen Vaterläuder, die schon seit Jahrzehnten in Hessen wohnen, haben das Ver⸗ gnügen, nachdem sie die hessische Staatsange⸗ hörigkeit erlangten, noch drei volle Jahre war⸗ ten zu müssen, ehe sie wählen können!Es ist klar, schrieb Genosse Dr. David dieser Tage im Vorwärts,daß diese doppelt genähte Siche⸗ rungsmaßregel gegen die Zuzügler in erster Linie die industrielle Arbeiterschaft trifft. Man legt dem zuziehenden Arbeiter drei Jahre Kar⸗ renzzeit auf, während deren er zwar alle Lasten des hessischen Staatsbürgers mitzu⸗ tragen hat, dagegen in puncto Rechte als ver⸗ dächtiger Fremdling behandelt wird. Diese Ausnahmebestimmung, die jeweils Tausenden von Arbeitern das Recht der Wahl nimmt, stellt eine so bedeutsame Verschlechterung des bestehenden Zustands dar, daß dadurch der Wert der ganzen Reform in Frage gestellt wird.

Gelingt es nicht, diese Bestimmung aus dem Gesetzentwurf zu entfernen, dann braucht jeden⸗ falls die Sozialdemokratie ihm keine Thräne nachzuweinen, wenn es bachab mit ihm gehen sollte.

Dem können wir nur zustimmen. Soll der Fortschritt der direkten Wahl dadurch erkauft werden, daß Massen von Arbeitern rechtlos gemacht werden, so wollen wir uns lieber noch weiter mit dem bisherigen Wahl⸗ gesetz behelfen. Gewiß bietet es der Arbeiter⸗ klasse ziemliche Schwierigkeiten, aber wir haben sie je länger je mehr überwinden gelernt. Und die Korruption, die das indirekte Wahlsystem mit sich bringt und durch die es möglich ist, daß sich jemand ein Mandat auf Schleichwegen ergattert, der bei der Urwahl als Kandidat gar nicht in Betracht kam, existiert nur bei den bürgerlichen Parteien und kann bei uns keinen Schaden anrichten.

Antisemitisch⸗reaktionärer Verbohrtheit genügt aber die Forderung der dreijährigen hessischen Staatsangehörigkeit noch nicht. Das Offen⸗ bacher Anlisemitenblatt stellte die thörichte Be⸗ hauptung auf, daß ein Arbeiter in den sechs Jahren 45 mal wählen könnte, weil er von einem Wahlkreis in den andern zöge und jedes⸗ mal sein Wahlrecht ausübe. Natürlich findet nach Ansicht des Antisemiterichs auch jedesmal eine Wahl stett, wenn ein Arbeiter aus einem Wahlkreis in den andern verzogen ist. Des⸗ halb fordert das Blättchen eine dreijährige Ortsansässigkeit für die Wahlberechtigten. Es verlohnt sich nicht, sich ernsthaft mit dieser, der rückständigsten politischen Anschauung ent⸗ sprungenen Forderung zu beschäftigen. Aber die Antisemiten vertreten ihre Sache schlecht. Wir würden ihnen raten, ein Wahlgesetz mit folgenden Bestimmungen vorzuschlagen:

1. Jeder antisemitische Bauer ist wahlbe⸗ rechtigt.

2. Die zu wählenden Abgeordneten werden von den Herren Hirschel und Köhler bezeichnet.

Dadurch wäre zwar der weitere Verfall des Antisemitismus auch nicht aufzuhalten, aber doch der Bestand der antisemitischen Landtags⸗ fraktion gesichert und ihre Mitglieder könnten weiter in Ruhe ihre Diäten beziehen!

Fast sämtliche bürgerlichen Parteien ver⸗ langen die Einführung der Wahl pflicht. Das heißt also, jeder Wahlberechtigte muß wählen, enthält er sich der Abstimmung ohne genügende Entschuldigung, wird er bestraft. Man rechnet nämlich alle Diejenigen, die bisher der Wahl fernblieben, ohne Weiteres denOrd⸗ nungsparteien zu. Die Rechnung dürfte in⸗ dessen nicht ganz stimmen; wir beanspruchen von diesen politisch Gleichgültigen auch noch einen kleinen Prozentsatz. Wir verweisen nur auf die zahlreichen in den Städten beschäftigten Arbeiter, die auf dem Lande wohnen und sich wegen zu großem Zeit⸗ und Lohnverlust nicht au der Wahl beteiligen können. Wir haben also nicht viel gegen die Einführung der Wahl⸗ pflicht einzuwenden; nur müssen wir verlangen, daß die vielen Arbeiter, die weit von ihrem Wohnorte beschäftigt sind, der Wahlpflicht ohne pekuniäre Einbuße genügen k unen und dies wird sich kaum anders als durch die Wahl am Sonntag ben elligen lassen.

Im Ganzen ingt uns der Entwurf ziem⸗ lich Nachteile. Unser Vormarsch wird aber trotzdem nicht aufgehalten werden. Wir dürfen nur in unserer Agitations⸗ und Organisations⸗ arbeit nicht erlahmen; besonders müssen wir bei Zeiten dafür sorgen, daß unsere in Hessen wohnenden preußischen, sächsischen ꝛc. wee die hessische Staatsangehörigkeit er⸗ werben.

politische Rundschau.

Gießen, den 11. April. Christliches Kulturbild aus China.

Wie diechristlichen Mächte in China die Kultur verbreiten, führt der Vorwärts seinen Lesern in einem Lichtbilde vor, das er als Sonderbeilage mit seiner Osternummer heraus⸗ gab. Das Bild stellt eine chinesische Landschaft dar, in deren Vordergrunde acht Europäer auf einem Wege stehen. Vor ihnen liegen etwa

zehn geköpfte Chinesen. Ihre Köpfe

liegen auf der Erde umher, sind aber wie es scheint absichtlich so gelegt, daß sie das Gesicht dem Beschauer zuwenden. Für fühlende Menschen ein ganz grausiger Albi g Wie der Vorwärts hinzufügt, ist das Bild nach einer Photographie vervielfältigt, die einem nach Berlin gesandten Soldatenbriefe beigelegt war. Mit derartigen Photographien scheint man in China zu handeln, dasselbe Bild zeigt eine von einer Wiener Firma her⸗ gestellte Ansichtspostkarte. Und weiter sagt unser Zentralorgan: Für uns bedeutet dieses Lichtbild ein Dokument, aus dem die Misston des Christentums der europäischen Völker mit schneidender Eindringlichkeit abgelesen werden kann. So verbreitet das Christentum Zivrili⸗

sation; die Europäer garnieren grinsend ihr

Gruppenbild mit malerisch geordneten abge⸗ schlagenen Menschenköpfen und lassen sich in dieser denkwürdigen Stellung photographisch verewigen. Von den frommen Osterglocken, die wieder die andächtigen Christenmenschen der zivilisterten Welt rufen, trieft rotes Menschen⸗ blut und die Gläubigen freuen sich ob dieses Triumphes

31 der Ostergabe selbst bemerkt der Vor⸗ wärts, daß dieses allerdings nicht erfreuliche Angebinde notwendig gewesen sei.Mit vollen Backen werden die Hunnenbriefe zur Zeit als sozialdemokratisches Lügenwerk verschrieen, und da der Chorus sich gar so laut vernehmen läßt, bleibt uns kein anderes Mittel, als ihn durch ganz unwiderlegliche Thatsachen Lügen zu strafen. So wird denn das der heutigen Nummer beigefügte Bild trotz des abschreckenden Vorganges, den es darstellt, von unseren Lesern geschätzt werden als Dokument der von den Völkern des Westens in China stabilierten Kultur!

Kalte Douche für die Agrarier⸗ Heißsporne.

Bevor sie nicht den Kanal schlucken, unter⸗ schreibe ich den Zolltarif nicht soll der Kaiser mit Bezug auf die Agrarier und die Kanal⸗ vorlage gesagt haben. Darüber sind natürlich die bis auf die Knochen königstreuen konser⸗ vativen Brotwucherer tief betrübt. Sie, die

doch vor jedem Kaiserwort in tiefster Ehrfurcht

ersterben, werden bei dieser Behandlung zu den Sozialdemokraten übergehen.

NetteArbeiterfreundlichkeit der Brodwucherer.

Bei ihrer Agitation für höhere Zölle stellten die Agrarier wiederholt den landwirtschaftlichen Arbeitern höhere Löhne in Aussicht, wenn nur erst die Landwirte besser gestellt sein wür⸗ den und für ihre Erzeugnisse höhere Preise er⸗ zielten. Das glaubt man auch hier und da. Wie die Herren in Wirklichkeit über die Arbeitslöhne denken, zeigte sich auf der Gene⸗ ralversammlung des Landwirtschaft⸗ lichen Bezirksvereins in Deggendorf in Bayern. Diese vom Staat begünstigte Or⸗ ganisation verlangt, daß der Staa t zur Erntezeit die Arbeiten an den Staatsbauten einstelle und daß er die Löhne der Eise n⸗ bahnarbeiter herabsetze, damit die Bauern mit 1 Löhnen nicht höher zu gehen brauchen. a g e unverschämten Forderung tritt wirklich die Borniertheit und Begehrlichkeit der Brotwucherer ganz unverhüllt hervor. Mit Recht dankt unser Nürnberger Parteiorgan den Deggendorfern für dieses Wort, für dessen weiteste Verbreitung wir sorgen müssen.

Steigen der Lebensmittelpreise.

Der Bericht des Augsburger Fabrikinspek⸗ tors enthält eine Tabelle über die Preise der notwendigsten Lebensmittel, die das Steigen derselben in den letzten Jahren veranschaulicht.

Es kosteten nämlich:

Per Kilo Preis⸗ 1900 1893 ausfschlag I Ochsenfleisch 10 1 Mauna 1,39 73 5 28

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