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Nr. 15.
Gießen, Sonntag, den 14. April 1901.
8. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Medaktionsschlug Donnerstag Nachmittag 4
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Bei mindestens
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Pflicht eines jeden Parteigenossen
ist es, sich der Partei⸗Organisation anzu⸗ schließen. Nach dem auf dem Mainzer Parteitage beschlossenen Organisattons⸗ statut
kann sich bekanntlich nur Derjenige zur Partei zählen, welcher sie dauernd mit Geldmitteln unterftützt.
Der Satz ist nicht so zu verstehen, daß Genossen, die wegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und großer Armut einen Beitrag nicht zahlen können, als nicht zur Partei gehörig betrachtet werden. Das wäre ja bei einer Arbeiterpartei, wie sie die Sozialdemokratie darstellt, ein un⸗ haltbarer Beschluß. Aber der Parteitag ist von der Ueberzeugung ausgegangen, daß ein engerer Zusammenschluß aller Sozialdemokraten erfor⸗ derlich ist, wenn wir auf unserer bisherigen Siegesbahn weiter schreiten wollen. Darum muß auch für die Partei eine festgefügte große Organisation geschaffen werden, die über regel⸗ mäßige Einnahmen verfügt. Durch den Anu⸗ schluß au diese erfüllt ein Genosse den er⸗ wähnten Parteitagsbeschluß. So wie die Zu⸗ gehörigkeit zu der Gewerkschaft für jeden verständigen Arbeiter selbstverständlich ist, muß jeder Parteigenosse Mitglied der Parteior— ganisation sein.
Soll etwas erreicht werden zum Wohle der besitzlosen Klasse, so müssen unsere Parteivereine mehr Mitglieder aufweisen, als es bis jetzt der Fall ist. Die in unseren Wahlvereinen und Arbeiterbildungsvereinen erhobenen Mit⸗ gliederbetträge sind so niedrig, daß Jedem der Beitritt ermöglicht ist. Tretet deshalb unge⸗ säumt unseren Parteivereinen bei! Wo solche noch nicht bestehen, müssen welche gegründet werden, wenn eine genügende Anzahl Partei⸗ genossen vorhanden ist.
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Arbeiter, Genossen!
Wieder naht das
Fest der Arbeit,
die internationale
Maifeier heran.
Der 1. Mai ist die feierliche Kundgebung der Arbeiter aller Länder für internationalen Arbeiterschutz, der Massenprotest der Arbeit gegen die Ausbeutung durch das Kapital, gegen den Terrorismus der Kapitalsherrschaft, gegen den Uebermut der Junker und Schlotbarone, gegen den Krieg in jeder Form— der 1. Mai ist die internationale Kundgebung des klassenbe⸗ wußten Proletariats für den Frieden der Ge⸗ sellschaft und für den Frieden der Völker, gegen Zollkriege und künstliche Sperren.
Zum zwölften Male kehrt nun der Tag wieder, an dem die Arbeiter aller Länder sich im Bewußtsein ihrer Klassenlage im Geiste die Bruderhand reichen, um von Neuem zu bezeugen, daß sie unerschütterlich festhalten an dem großen Kulturgedanken, der zum Ausdruck kommt in dieser Weltfeier.
Rüstet euch deshalb überall, die Maifeier in würdiger Weise zu begehen. Agitiert für das Fest, trefft die nötigen Vorbereitungen! Wo immer zielbewußte Genossen wohnen, muß dem Maigedanken Ausdruck gegeben werden.
Drum auf zur Maifeier allerorts!
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Oben und unten.
Bekanntlich nehmen sich die Dinge unserer Umgebung nicht von jedem Standpunkt aus gesehen gleich aus. Das Ferne erscheint kleiner, das Nahe größer, in seiner natürlichen Größe erscheint ein Gegenstand unserem Auge nur in ganz unmittelbarer Nähe. Wie das Auge in der Ebene Fernes kleiner sieht als Nahes, so ist dies auch der Fall in der Richtung der Höhe: der am Fuße eines Berges Stehende und Hinaufblickende sieht die Dinge in der Höhe, auf der Spitze des Berges ebenfalls aus der Ferne, also nicht so groß und nicht so deutlich in allen Einzelheiten, wie sie in Wirk⸗ lichkeit sind.
Ebenso täuscht aber auch den auf dem Gipfel des Berges Stehenden sein Auge. Während er allerdings seine nächste Umgebung sehr deutlich sieht, auch seinen Blick weit hinaus ins Land schweifen lassen kann, ist doch sein höherer Standpunkt mit seinem weiten Umblick nicht ohne seine besonderen optischen Täusch⸗ ungen, d. h. eben Augentäuschungen.
Bis hinab an den Fuß des Berges und hinaus in die Weite ist ein langer Weg. Bei aller Weite des Umblickes und der Umschau⸗ möglichkeit ist seinem Auge auch eine schwierige Aufgabe gestellt. Wolken und Nebel können sich zwischen ihn und seine Beobachtungsgegen⸗ stände schieben: die Vielheit der Gegenstände hat schon etwas Ermüdendes und Verwirrendes. Er sieht zwar mehr einzelne Gegenstände, aber nur die seiner nächsten Nähe in natürlicher Größe und ganz deutlich und genau.
Uebertragen wir das auf die Gesellschaften der Menschen.
Stellen wir uns die Gesellschaft als einen Berg, als eine Pyramide vor, so haben wir in der breiten Tiefe, auf der die ganze Pyramide ruht, das arbeitende, das„gewöhnliche“ oder „gemeine“ Volk.
Schichtenweise lagern auf dieser Grundlage die höheren Gesellschaftsklassen, jede höhere geringer an Umfang und Zahl ihrer Mitglieder, bis ganz oben die Schichten immer kleiner immer weniger umfangreich, immer geringer an Zahl ihrer Mitglieder werden, bis wir zur Spitze der Pyramide kommen, die in einem Punkte ausläuft, von einer Person oder einem ganz kleinen Personenkreis, der Regierung, ge⸗ bildet wird.
Diese auf dem Gipfel Befindlichen sehen das, was in der Tiefe vorgeht, lebt und webt,
aus der Vogelperspektive, während die aus der Tiefe nach oben Blickenden die Dinge aus der„Froschperspektive“, wie man's genannt hat, betrachten und sehen.
Die droben haben aber die Gewalt, den ausschlaggebenden Einfluß; ihre Irrtümer und Sehfehler sind folglich verhängnisvoller als die der Kleinen und niedrigen. Sie fassen ihre Entschließungen je nach dem Stand ihrer Ein⸗ sichten und Erkenntnisse von dem, was da drunten ist, dem Volk und seinem Leben.
Sie werden in ihren Entschließungen und Handlungen vornehmlich bestimmt durch die Einflüße der der Spitze der Pyramide am nächsten gelagerten Schichten. Diese Nachbar⸗ schichten berichten nach der Höhe hinauf die Dinge, welche die Spitzenbesitzer nicht erkennen, deutlich hören und sehen können, naturgemäß so, wie sie sie ihrerseits sehen, wobet es nur allzu menschlich ist, daß auch ihr Blick durch Leidenschaften und Interessen getrübt ist, so daß sie meistens selbst ein vollkommen wahres Bild der Dinge nicht wahrnehmen, also selbst im besten Glauben ungenaue Berichte nach oben gelangen lassen. Ihre Leidenschaften und Interessen können sie auch bestimmen, sogar wider besseres Wissen, bei den Höchsten und Mächtigsten falsche Vorstellungen zu wecken von dem, was da unten vorgeht.
Man denke an die falschen Vorstellungen, die oft eine eigennützige Hofkamarilla!) bei Herrschern zu wecken verstand, um die mächtige
Spitze ihrem Interesse dienstbar zu machen. Man denke an die Revolutions⸗Vorspiegelungen, mit welchen seiner Zeit die„kleine aber mäch⸗ tige Partei“ den König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen bearbeitete.
Im Wirtschaftsleben sind genau dieselben Vorgänge zu beobachteu. Jeder geht von den Erfahrungen seines persöalichen Standpunktes aus, wird beeinflußt von seinen Wünschen und Begierden. Der Mensch verallgemeinert seine persönlichen Erfahrungen, die doch nur für seine Person und seine Stelle in der Gesell⸗ schaftspyramide ganz richtig sind.
Nun ist die Möglichkeit, von oben nach unten sehend, sich zu täuschen, für viel mehr Wahrnehmungsgegenstände und Verhältnisse gegeben als im umgekehrten Verhältuis. Es ist ferner viel schwerer, sich in die Lage und Verhältnisse von Millionen Personen hineinzu⸗ denken, als in die einiger weniger. Und es ist viel schwerer, für einen hochstehenden Wohl⸗ habenden, sich eine Vorstellung zu machen von den Existenzbedingungen und Bedürfnissen der Armen, des Proletariats. Was weiß ein so reicher Mann, dem allzeit sein Tisch gedeckt sein Bett gemacht war, der von Jugend auf fremde Dienste, die Arbeit anderer sich kaufen, und ihre Mühen sich ersparen konnte, was weiß der von Mangel und Not, Hunger und Durst, Uebermüdung und Entbehrung jeder Lebens⸗ freude, wie sie den Menschen der breitesten und untersten Schicht der Gesellschaft so häufig be— schieden sind?
Kamarilla, sprich: Kamarilja, ein spanisches Wort, heißt eigentlich Kämmerchen. In der moder⸗ nen politischen Sprache bezeichnet man durch diesen Aus⸗ druck eine Genossenschaft von Günstlingen eines Fürsten, die als unberufene Ratgeber die Regierung beeinflussen.


