Seile 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Gießener Angelegenheiten.
— Der Konsumverein für Gießen und Umgegend eröffnet am Samstag Mittag seine Verkaufsstelle in der Bahnhofstraße Nr. 31. Der Verkauf findet bekanntlich nur an Mitglieder statt; wir machen darauf aus⸗ merlsam, daß Mithlieder ihre Legitimations⸗ karten anderen Personen nicht zur Versügung stellen dürfen. 2 Verein wird nur beste Waren führen und zu Tagespreisen abgeben.
— Die Sozialistenvernichtung im Amtsblatt. Außer den von uns in der letzten Nummer gekennzeichneten, gegen die Arbeiterbewegung und unsere Partei gerichteten Hetzuolizen des„Gieß. Anzeiger“, leistete sich derselbe bei Besprechung unseres Partei⸗ berichtes eine Verdächtigung, worauf uns ein Freund unseres Blattes aufmerksam macht. Das Am!sblatt versetzt uns folgenden„rötlichen Hieb:“
„Daher soll gespart werden, aber nicht etwa an Agitationskosten, sondern an solchen Arbeitern und Beamten, die im Dieuste der Sozialdemokratie stehen.“
Na, wenn jetzt aber der Sozialdemokratie das Lebenslicht noch nicht ausgeht, daun kann sie sich noch lange des Daseins ersreuen! Sollen wir gegen derartige Tölpeleien polemisieren? Das hieße unsere Leser beleidigen; legen wir diese ohnmächtigen Geifereien einfach zum Uebrigen! Der„Gieß. Anz.“ hat offenbar vom Hoppstädter gelernt.
— Das Schwurgericht hat in dieser Periode eine ziemliche Arbeitslast zu bewältigen. Es tagt bei⸗ nahe 14 Tage und es ist nicht ausgeschlossen, daß Sitzungen noch bis in die dritte Woche hinein dauern, dabel wurde an einigen Tagen bis tief in die Nacht hinein verhandelt Am Montag, 30. Sept., hatte sich die Emma Erb wegen Kindes mord zu verantworten. Sie wurde für schuldig befunden uud zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt. Dienstag. 1. Olt, standen die Eheleure Biermann und das Dienstmädchen Schneider, sämtlich aus Gießen, vor den Geschworenen, des Meineids bezw. der Verleitung dazu angeklagt. Erstere wurden freigesprochen; die Schneider hingegen zu 1 Jahr 2 Monaten Zuchthaus verurteilt.— Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit wurde am Mittwoch gegen den Gärtner Gollhofer, gebürtig aus der Trierer Gegend, wegen Notzucht verhandelt. Der Angeklagte erhlelt 4 Jahre Zuchthaus und 5 jährigen Ehr— verlust.— Nach langer Verhandlung wurde Samstag Abend gegen ½ 11 Uhr der Joh. Debus aus Dam m wegen Vrandstiftung zu 2½ Jahren Zuchthaus und 5 jährigem Ehrverlust verurteilt.— Am 11. und 12 Oktober wird gegen die Witwe Schneider und ihren Sohn aus Stammheim wegen Mordes verhandelt. Beide werden beschuldigt, die Mutter der Schneider, eine 80 jährige Greisin, getötet zu haben.
— Herr Bürgermeister Köhler in Laugsdorf,„unser“ Vertreter im Reichstag, läßt zwar sonst im Reichs parlament he zlich wenig von sich hören lach seiner Angabe fehlen ihm die Mittel nach Berlin zu gehen—— desto mehr macht er aber durch klüglich aus— gesonnene Anträge, Petitionen, Zeitungsartikel ꝛc. von sich reden. Neulich ließ er im Gießener Amtsblatt eine große Proklamation los; der „Anz.“ war auch so boshaft, sie wörtlich auf— zunehmen. Darin kündigt Köhler an, daß er, falls der Zolltarif abgelehnt wird Frei⸗ händler werden will. Später geht er vielleicht zur Sozialdemokratie über!— Wir kommen auf dies belustigende antisemitische Aktenstück noch zurück.
Wos 2
Aus dem Rreise gießen.
— h. Die Wiesecker Gemeinderats— wahl zeigte diesmal eine bedeutend lebhaftere Beteiligung, als die vorige. Im Ganzen wurden 177 Stimmen abgegeben. Von den vom Wahl— verein aufgestellten Kandidaten wurden zwei gewählt.
n Aus Lollar. Zur hiesigen Gemeinde⸗ ratswahl, die am 27. September stattfand und bel welcher unsererseits Gen. H. Rohrbach gewählt wurde, haben wir noch einige Kleinig— keiten nachzutragen. In zwei Bürgerversamm⸗ lungen, die sich vor der Wahl mit der Auf⸗ stellung der Kandidaten beschäftigten, verlangten wir ebenfalls ein Mandat. Das wurde jedoch abgelehnt. Darauf hielt der Wahlverein eine Versammlung ab, die' einen Kandidaten auf—
stellte. Ein Genosse sprach sich in derselben dahin aus, daß man nicht ebenso verfahren solle, wie die Gegner, die nur von ihren Leuten Kandidaten aufstellten. So güt wie die Ar— beiter Sitz und Stimme im Gemeinderat ver⸗ langten, könnten es natürlich auch die Land⸗ wirte, Handwerker, auch das Eisenwerk.(Das sorgt wohl schon für sich! Red.) Man solle deshalb nur einen oder zwei Kandidaten auf— stellen.— Mit dem Wahlresultat können wir ganz zufrieden sein, nusere Genossen haben ihre Pflicht gethan.
r. Die Gemeinderatswahl in Watzer⸗ born-Steinberg am 5. Oktober zeigte eine äußerst starke Beteiligung und endete mit einem für uns recht zufriedenstellenden Resultate. Unsere beiden Genossen Haas und Pfaff wurden mit 140 und 117 Stimmen gewählt. Ferner erhielten der von Seiten des Bauern- vereins aufgestellte Philipp XIII. 123, der auf zwei Listen figurierende Philipp V. 158 Stimmen. Für uns wäre noch ein erfreulicheres Ergebnis zu verzeichnen gewesen, wenn nicht etliche Stein⸗ berger Streichungen au unserer Liste vorge— nommen hätten. Dadurch erhielten unser Philipp IV. nur 101 und Kolmer nur 98 Stimmen, blieben damit also in ber Minderheit. Das sollte nicht vorkommen. Wir dürfen doch keine Kirchturmspolitik treiben, sondern haben die Interessen der Gesamtheit zu ver⸗ treten.
Recht thörichte Angriffe richtete man von Seiten des Bauernvereins gegen unsere Kandi— daten. Da bezeichnete man sie deshalb als nicht geeignet zum Gemeinderatsmitgliede, weil sie keine Bauern sind, nicht zackern, mähen c. könnten! Das soll der Kandidat aber, sonst taugt er nichts zum Gemeinderat; man fragt den
Teufel nach seinen allgemeinen Kenntnissen. Sollen etwa nur Bauern im Gemeinderate
sitzen in einem Orte, dessen Einwohner in der Mehrheit Arbeiter sind?
Aus Genossenkreisen schreibt man uns dazu noch: Als unser Versammlungsbeschluß vom 29. Sept.— selbständige Beteiligung an der Gemeinderatswahl— bekannt wurde, kam einige Aufregung unter die Gegner. Aus dem anti— semitischen und„liberalen“ Lager wurden uns Verständigungsvorschläge gemacht. Man bot uns zwei Mandate an, zwei beanspruchten die Gegner. Wir lehnten den Vorschlag ab, wären wir darauf eingegangen, so hätte man unsere Kandidaten bei der Wahl gestrichen und wir hätten das Nachsehen gehabt.— Ueber den Ausfall sind die Leutchen wütend, besonders ein junger Schmied in Watzenborn leistet sich das Tollste in ordinären und albernen Redens⸗ arten. Wie haben für seine Schimpfereien nur ein mitleidiges Lachen übrig; der gute Mann zeigt sich nur als gelehriger Schüler der Köhler und Hirschel, der seine Weisheit aus der Volks⸗ wacht schöpft!
g. Alten⸗Buseck. Unter den hiesigen Kindern wütet seit einiger Zeit die Masern mit beispielloser Heftigkeit. Bereits hat der Tod einige Opfer gefordert; während andere in höchst bedenklichem Zustande darniederliegen. Die hier stationierte Krankenpflegerin kann die Arbeit selbst unter den größten Anstrengungen kaum bewältigen. Bei dieser Gelegenheit zeigt es sich wieder, wie notwendig es wäre, daß von Seiten der Gemeinde für genügende Krankenpflege gesorgt, nicht die öffentliche Mildthätigkeit in Auspruch genommen würde. Der Gemeinderat würde sich ein Verdienst er⸗ werben, wenn er bei Beratung des nächsten Haushaltplanes regelnd in dieser Frage ein⸗ griffe, vielleicht indem er einen entsprechenden Posten für Krankenpflege einstellte und so den damit Betrauten ihr Auskommen ermöglichte.
Aus dem Nreise Jriedherg-Püdingen.
Volksversammlung in Büdingen. Ungeachtet des schauderhaften Wetters war die am Sonntag im Rathaussaale stattgefundene Volksversammlung sehr gut besucht. Zu⸗ nächst sprach Vetters-Gießen über„Rechte und Pflichten der Gemeindewähler“, wobei er auf mehrere Bestimmungen der Landgemeinde⸗ ordnung hinwies, durch welche die Rechte der
minderbemittelten Klasse außerordentlich ein
schränkt werden und deren Beseitigung anzu streben sei. zelnen Forderungen unseres Kommunalpro⸗ gramms und betonte zum Schluß, notwendig sei, Mäaner in den Gemeinderat zu wählen, welche die Fähigkeit und den Mut haben, die Interessen der Arbeiter und Minder⸗
bemittelten zu vertreten, die nicht Gemeinde⸗
mittel für Hochzeiten und Empfänge fürstlicher Personen bewilligen.(Dem Fürsten von Isen⸗ burg⸗Büdingen wurde anläßlich seiner Hochzeit vorige Woche ein festlicher Empfang bereitet, der dem Gemeindesäckel etda 1000 Mk. kostet.) Genosse Busold-Friedberg sprach dann über den Zolltarif. Er führte, gestützt auf reiches Material, die Schäden vor, die dem gesamten Volke durch Annahme des Wucher⸗ tarifs drohen und zeigte au der Hand der amtlichen Stattistiken über die landwirtschaft⸗ lichen Betriebe, daß die Zölle nur für die Großgrundbesitzer Nutzen bringen, während sie die Kleinbauern empfindlich schädigen. Unter lebhaftem Beifall schloß der Redner. Die Ver⸗ sammlung erklärte sich in einer Resolution mit seinen Ausführungen einverstanden und pro⸗ testierte energisch gegen die Lebensmittelzölle. Ferner wurden die Petitionsbogen zahl⸗
reich verteilt sowie auch die Gründung eines
Wahlvereins beschlossen.
l. Die reine Unglücksbahn ist doch die Friedberg⸗-Homburger. Am Uebergang der Frankfurter Chaussee bei Friedberg wurde vorigen Samstag das Fuhrwerk eines Bauers aus Münzenberg überfahren. Dabei wurde ein Pferd getötet. Sonst ist glücklicherweise niemand verletzt. An dieser Stelle werden auch für die Zukunft Unglücksfälle nicht zu ver⸗ meiden seln, da die Chaussee ein sog. Hohl bildet und man herankommende Züge weder sehen noch hören kann, der Uebergang aber keine Barriere hat. Hier müßte unbedingt ein Wärter postiert sein.— Weiter wird noch mitgeteilt, daß infolge des regüerischen Wetters der Damm bei Holzhausen gerutscht, sogar das Mauerwerk der benachbarten Brücke schad⸗ haft ist. Das sind ja nette Zustände. Vor⸗ sichtige Leute mögen ihren Körper dieser Bahn schon gar nicht mehr zue Beförderung anver⸗ trauen.
Kus dem Rreise Wetzlar.
— Zu der Gerichtsverhandlung gegen den Genossen Fauth we en Uebertretung des Vereins— gesetzes haben wir noch einiges nachzutragen. Merk— würdig war das Verhalten des Rechtsanwalts Herz, der den Wirt Theis verteidigte. Er erklärte in der Verhandlung, daß nach mehrfachen Entscheidungen auch solche Zusammenkünfte, die nicht in parlamentarischer Ordnung von einem Vorsitzenden geleitet werden, als Versammlungen angesehen würden, weshalb er die Ver⸗ teldigung des Bäckers Schmidt s. Zt. abgelehnt habe. — Das sind einmal für einen Rechtsanwalt sehr eigen⸗ tümliche Ansichten; dann hatte ihn aber auch kein Mensch darüber gefragt und es ist ganz unverständlich, weshalb er Dinge vorbrachte, die unter Umständen seinen Klienten schaden konnten. Der Bäcker Schmidt hat nun den Strafbefehl, gegen den er auf Anraten des Anwalts keinen Widerspruch erhob, zu Unrecht bezahlt.— Von Seiten der Bäckerinnung war die Anzeige gemacht worden.
o. Eine Friedhofsgeschichte bildet in Krofdorf das Tagesgespräch. Am Mittwoch wurde nämlich hier die Leiche des anfangs August verstorbenen Pfarrers Geibel wieder ausgegraben und an einer andern Stelle, neben seiner einige Wochen später verstorbenen Frau beerdigt. Das geschah auf Veranlassung des Sohnes des Verstorbenen, der die Eltern nebeneinander begraben haben wollte. Die Pietät des Sohnes in allen Ehren, aber auf Grund eines früheren Gemeindebeschlusses müssen die Toten der Reihenfolge nach beerdigt werden, es werden keine Gräber verkauft, noch weniger darf eine Leiche zum Zwecke anderweitiger Bestattung ausgegraben werden. Ueber diese Vorschtiften hat sich Herr Geibel jun. einfach hinweggesetzt und der Bürgermeister Lichtenthäler war ihm dabei behülflich. Als der Gemeinde⸗
vorsteher, gestützt auf die Beschlüsse der Ge⸗ meindevertretung, die Ausgrabung untersagte und der Totengräber Herrn Lichtenthäler davon
Weiter erläuterte Redner die ein⸗
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