Ausgabe 
13.10.1901
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 41.

erklärten mir alle: ausschließen können wir sie nicht. Ich fragte, wo sind die Vertreter der Hamburger Vereine, die den Ausschluß vollzogen haben? Im zweiten Wahl⸗ kreise wurde Legien gewählt, er lehnte ab, Elm wurde gewählt, er lehnte ab und wenn Elm nicht kann, so kann auch Frau Steinbach nicht.(Große Heiterkeit.) Sie verschanzten sich alle hinter den Termin.

Den Termin habe ich nur vorgeschlagen, nicht diktiert. Bei der ganzen Treiberei wirkten Glemente, die im Trüben fischen, nicht Frieden stisten wollten. Am meisten schimpften die gegen den Schiedsspruch, die nichts davon verstanden. Wer ihn aber liest, muß ihn für objektiv halten. Bömelburg muß mir zugeben, daß der dritte Teil seiner Ausführungen, soweit er sich auf die Haltung der Akkordmaurer bezieht, mit dem Inhalt des Schiedsspruchs genau übereinstimmt. Ich bin ein alter Parteigenosse, habe meinen Mann gestanden in den schlimmsten Zeiten, ich bin ein Stück von Ihnen, habe mit Ihnen gelebt und werde mit Ihnen sterben, glauben Sie denn, daß es mir gleichgültig sein kann, daß an einem Orte, wie in Hamburg und bei einer der Partei so nahestehenden Gewerkschaft wie den Maurern ein Streit ausbricht? Meinen Sie denn, ich wollte die Sonderbündelei unterstützen? Nein da muß ich doch sagen:Ich bin besser als mein Ruf. Gegen die Gewerkschaften habe ich nie etwas gesagt. Wer mir das nachweist, dem zahle ich ja, allzuviel kann ich nicht zahlen(Große Heiterkeit), ich habe nicht viel aber ich zahle eine anständige Zeche. Der Schiedsspruch nimmt das Interesse der Gewerkschaften wahr, er war von dem Bestreben erfüllt, eine Wiedervereinigung zu ermöglichen, keine Schutztruppe für das Unternehmertam zu schaffen. Wir haben keine neuen Grundsätze aufge⸗ stellt, der Fall ist neu. Auer widerlegt dann weiter eingehend die gegen das Schiedsgericht und ihn selbst erhobenen Angriffe. Man hat gedroht, wenn der Schiedsspruch nicht aufgehoben wird, an den Gewerk⸗ schaftskongreß zu gehen. Vielleicht steht uns noch eine Verbindung von Elm⸗Naumann⸗Berlepsch in Zu⸗ kunft bevor! ImCorrespondent für Deutschlands Buchdrucker schrieb Rexhäuser als der Schiedsspruch bekannt wurde: Jetzt ist der Moment, loszugehen gegen den Terrorismus der Partei gegenüber den Gewerkschaften. Wenn die Partei auch jetzt nicht Auer heruntersäbelt, den Schiedsspruch desavouiert, die Gewerkschaften zu ihrem Rechte kommen läßt jetzt ist der Zeitpunkt, wo diese Entscheidung fallen muß. Weiter: Auch Bernstein hatte zu dem Schiedsspruch Stellung genommen, leider auch wieder in seiner bekannten Weiseeinerseits andererseits und auch einige recht unpraktische Rat⸗ schläge gegeben. Was schreibt nun da dieHilfe des Pfarrer Naumann:Auf was will sich denn Bernstein mit seinen Bestrebungen stützen, wenn nicht auf die Gewerkschaften! Das sind die Absichten und Zwecke unserer Gegner; und es ist nötig, diese genügend zu beachten. Disziplinbruch liegt vor, aber kein Streik⸗ bruch. Bömelburg hätte nachweisen müssen, daß die Akkordmaurer auf Bauten gearbeitet haben, wo es sich noch um andere Meinungsverschiedenheiten als Akkord⸗ arbeit handelte, das konnte er nicht. Die Leute waren zur Schaffung einer Organisation gezwungen. Ich er⸗ kläre zum Schluß bei meiner Ehre und bei meiner Parteizugehörigkeit, daß ich aus bestem Wissen und Sewissen und ich nehme das auch für alle übrigen Schiedsrichter in Anspruch den Schiedsspruch gefällt habe und daß ich auch, nachdem ich Bömelburg gehört habe und der größte Teil seiner Rede nicht zum Beweise des Thatbestandes, sondern zum Ausdruck dessen, wie die Maurer empfinden, diente, heute noch bei meinem Schieds spruch stehen bleiben muß. Sie haben nur den Beweis erbracht, das unter den Maurern Differenzen vorliegen, die wir alle bedauern, wir verlangen aber den Beweis, daß eine ehrlose Handlung in dem Sinne des§ 2 unseres Organisationsstatuts vorliegt.

(Beifall.)

In der Diskussion spricht zuerst Legien. Er wendet sich gegen Auer, der die Angelegen⸗ heit als eine Hetze einzelner Personen bezeichnet. Das sei durchaus falsch. Er ist der Meinung, daß Streikbruch vorliegt; die auf dem gesperrten Bau arbeiteten, sind Streikbrecher. Fischer⸗ Berlin verurteilt das Verhalten der Akkord⸗ maurer, aber zum Ausschluß aus der Partei bietet das Organisationsstatut keine Handhabe. Dr. Quarck und Hoch bedauern, daß Auer in seinen Ausführungen zu persönlich geworden sei. Ersterer tritt für Aufhebung des Schieds⸗ spruches ein. Die Akkordmaurer zeigten kein Verständnis für den gewerkschaftlichen Kampf. b. Elm verteidigt sich in einer langen Rede auf die gegen ihn erhobenen Angriffe. Er wolle den Schiedsspruch aufgehoben wissen, im Partei⸗ nicht im Gewerkschaftsinteresse. Möge Streikbruch und Ehrlosigkeit vorliegen oder nicht, der Or ganisakionsbruch stehe fest und das genüge zum Ausschluß. Wenn die Buchdrucker

Mannheim.

in die Debatte gezogen worden seien, so be⸗ merke er, daß ihm nicht kümmere, was Rex⸗ häuser geschrieben habe. Dieser sei niemals sein (Elms) Freund gewesen und die Art, wie er die Partei bekämpfe, verdamme Redner. Daß er künstlich einen Gegensatz zwischen Partei und Gewerkschaft hineintragen wolle, habe Auer nicht beweisen können. Wer mit Absicht die Partei schädigen wolle, sei ein Schuft, er habe sich dieser Handlungsweise nie schuldig gemacht.

Folgende von Fischer⸗Berlin beantragte Resolutlon wird mit überwältigender Majorität, mit 230 gegen 3 Stimmen angenommen:

Der Parteitag, als Vertreter der in der Sozial⸗ demokratie organisirten klassenbewußten deutschen Arbeiter⸗ schaft stimmt mit den auf dem Boden des Klassenkampfes stehenden Gewerkschaften, als den wirtschaftlichen Organi⸗ sationen der Arbeiterklasse, überein in der rückhaltlosen Verurteilung des Streikbruchs.

Der Parteitag erkennt auch an, daß die Gewerkschaften im Interesse ihrer Selbsterhaltung und der Erfüllung ihrer Aufgaben den Streikbruch mit aller Energie be⸗ kämpfen und ahnden müssen, daß aber die Führung dieses Kampfes und die Wahl der Kampfmittel in erster Linie den Gewerkschaften überlassen bleiben muß.

Dagegen lehnt der Parteitag es ab, in jedem Streit⸗ fall zu den Beschlüssen der Gewerkschaften über ihre Organisation und Taktik Stellung zu nehmen oder von solchen Beschlüssen oder dem Verhalten der gewerkschaftlich organisirten Parteigenossen dazu die Zugehörigkeit zur Gesamtpartei abhängig zu machen.

Der Parteitag erklärt, daß das Schiedsgericht nach dem Wortlaut des Parteistatuts und dem ihm vorgelegten Thatsachenmaterial zu keinem anderen Beschluß als dem gefälltem Urteil gelangen konnte.

Der Parteitag muß es den örtlichen Parteiorgani⸗ sationen überlassen, zu entscheiden, mit welchen Mitteln sie den Zentralverband der Maurer in seinem Vorgehen gegen die Hamburger Akkordmaurer unterstützen können, und namentlich inwieweit sie ein Zusammenarbeiten mit ihnen in ihren Partetorganisationen für möglich halten.

Eine von Bernstein beantragte Resolution, welche die Zusammenfassung aller Kräfte im politischen und wirtschaftlichen Kampfe für ein notwendiges Erfordernis erklärt und die Son⸗ derbündelei in den Berufsorganisationen verurteilt, gelangt ebenfalls zur Annahme. Damit war die leidige Streitsache, die soviel Aufregung in Genossenkreisen hervorgerufen hat, zur allseitigen Zufriedenheit erledigt.

Politische Rundschau.

Gießen, den 10. Oktober.

Landtagswahlen in Baden.

Die am Freitag stattgefundenen Wahl⸗ männerwahlen in Baden haben unserer Partei den Verlust zweier Mandate in Karls⸗ ruhe gebracht. Das war nur möglich infolge der Haltung der Freisinnigen, die für die Partei Drehscheibe eintraten, während sie sich bei der letzten Wahl auf die Seite der Opposition ge⸗ stellt hatten. Der Verlust in Karlsruhe wird aber durch einen in Pforzheim⸗Land erfoch⸗ tenen Gewinn wieder halb ausgeglichen. In diesem Kreise siegte der Genosse Eichhorn⸗ Glänzenden Sieg erzielten wir in Mannheim. Dort wurden 384 sozial⸗ demokratische Wahlmänner gewählt, währeud es die Nationalliberalen nur auf 142 brachten. Von den 63 Mandaten der zweiten Kammer waren diesmal 31 zu besetzen, wovon bisher die Nationalliberalen 11, das Zentrum 12, die Frelsinnigen 2, die Deutsche Volkspartei 2, die Sozialdemokraten 3, Konservative und Antise⸗ miten je ein Mandat inne hatten. Nach den Wahlen setzt sich die ganze Kammer zusammen aus: 25 Nationalliberalen, 22 Mitgliedern des Zentrums, 6 Sozialdemokraten, 5 Demokraten, 2 Freisinnigen, 2 Konservativen, einem Antise⸗ miten und einem Bauernbündler.

Zur Reichstagsersatzwahl in Wiesbaden,

welche infolge des Todes des seitherigen Abg. Wintermeyer(Freis. Volksp.) vorgenommen werden muß, wurde von unserer Seite durch die am Sonntag in Biebrich abgehaltene Kreis- konferenz wiederum Genosse Dr. Quarck(Frank- furt) als Kandidat proklamiert. Besonders

günstig sind die Wahlaussichten für uns in diesem Kreise nicht in der Hauptwahl 1898 zählte man noch doppelt soviel gegnerische als sozialdemokratische Stimmen immerhin ist bei angestrengter Wahlarbeit die Eroberung des Kreises möglich.

Nit dem Kaiser in Konflikt geraten ist die Berliner Gemeindevertretung. Dabei handelt es sich um mehrere Punkte. Einmal verlangt der Kaiser, daß die von der Stadt Berlin projektierte Stadtbahn die Straße Unter den Linden nicht oberirdisch, sondern durch Unter führung kreuzen solle, was als technisch für fast unmöglich bezeichnet wird. Dann hat die Stadtvertretung beschlossen, einen künstlerisch ausgeführten Monumental⸗ Brunnen in Friedrichshain zu errichten. Die Entwürfe zu denMärchenbrunnen haben die bedeutendsten Künstler angefertigt; das Kunstwerk soll besonders die beliebten deutschen Märchen, Aschenbrödel, Sneewittchen ꝛc. ver⸗ sinnbildlichen. Diese Entwürfe finden ebenfalls nicht die Billigung des Kaisers. Zum dritten schwebt noch die Angelegenheit mit dem nicht⸗ bestätigten Bürgermeister Kauffmann. In einer Stadtverordneten⸗Sitzunglin voriger Woche vertrat Genosse Singer energisch die Rechte der Stadt, er warnte eindringlich davor, die Selbstverwaltung Stück um Stück preiszugeben. Ob aber die freisinnige Mehrheit dazu das nötige Nückgrat besitzt, ist mehr als zweifelhaft

Vom Polizei⸗Anarchismus.

Als Czolgosz seinen tötlichen Schuß auf den Präsidenten Mac Kinley abgegeben hatte, beeilte sich dieOrdnungspresse das Vorhan⸗ densein eines Komplottes nachzuweisen, in dessen Auftrage der Mörder gehandelt habe. ie Telegraphenbureaus und die Berichterstatter europäischer Blätter erzählten schauerliche Ver⸗ schwörungsgeschichten, um die Spießbürger grau⸗ lich zu machen und reaktionären Unterdrückungs⸗ gesetzen das Wort zu reden. In den Zeitungs⸗ berichten spielte eine Anarchistin emma Gold⸗ mann eine große Rolle; diese hätte blutrünstige Vorträge gehalten, welchen Czolgosz beigewohnt und wodurch er zu seiner That angereizt worden wäre. Bis ins Einzelne und Intimste war der Lebenslauf der Goldmann bekannt und überall zu lesen; eine Reihe ihrer Liebesver⸗ hältnisse wurde aufgezählt, auch Most sollte mit zu ihren Verehrern gehört haben. Und jetzt? Emma Goldmann wurde als Agentin der russischen Polizei entlarvt! Ein in die einschlägigen Verhältnisse eingeweihter Russe teilte dem Washingtoner Nortesponden der Münchener Neuest. Nachr. folgendes mit: Emma Goldmann ist eine russische Spionin und erhält ihre Bezahlung von der dritten Abteilung der russischen Polizei. Sie stand und steht, wie ich bestimmt glaube, heute noch im intimen Kontakte mit dem gewesenen bezw. dem jetzigen Generalkonsul Ruß⸗ lands zu New⸗Pork und ihre Arbeit ist für die russische Regierung von größter Wichtig⸗ keit. Die Bezahlung, die sie von der russischen Regierung erhält, ist die einzige Quelle ihres Einkommens. Fragt Emma Goldmann doch einmal, wovon sie die letzten Jahre gelebt hat 7! Sie hat keinerlei regelmäßigen Verdienst, hat nie gearbeitet und ihre anarchistischen Vorlesungen decken nicht die Kosten. Ich bin im Stande, zu beweisen, daß die Goldmann mit den ge⸗ wesenen russischen Generalkonsuln Orlarowski und Poploff fast jede Woche Unterredungen hatte. Der Berichterstatter erbietet sich dann noch, zu beweisen, daß die Goldmann bis in die letzte Zeit dem russischen Generalkonsulate habe Mittellungen zugehen lassen. Die Gold⸗ mann soll über die Enthüllungen sehr entrüstet gewesen sein. Natürlich, noch alle ertappten Spitzel zeigten sich entrüstet. Der Fall lehrt wieder, wie soundsoviele vorher, daß der Atten⸗ tatswahnstun meist nur von Polizeispitzeln groß gepäppelt wird.

Der Fürstenmord ist keineswegs eine Spezialität der Anarchisten, er war vielmehr in früheren Zeiten bei den Edelsten und Besten der Nation sehr im