Nr. 41. Gießen, Sonntag, den 13. Oktober 1901. 8. Jahrg. Redaktion: 9 2 5 de daktionsschluß Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld entf che Donmerstag Nachmittag 4 45 35. 4———
ta
25 0 0 8
5
Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche
Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.
Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die
1 Inserate
finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt.
Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.
Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung
jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) 3310 2
Bei mindepens
% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.
3 70
Zum Kampfe gegen den
Brotwucher.
Ueber den Zolltarif, richtiger über die Stellung der bayrischen Regierung dazu, ver⸗ handelte der seit einigen Tagen wieder ver⸗ sammelte bayrische Landtag. Im Laufe der Debatte sagte der Zentrums⸗Pfarrer Gerstenberger, die Arbeiter sollten weniger Bier, Kaffee und Tabak konsumieren, dann könnten sie auch höhere Brotpreise bezahlen! Weil wir Gegner der Prügelstrafe sind, wünschten wir dem Pfaffen, er hätte als Familienvater 6—8 Kinder zu ernähren und müßte seinen Unterhalt am Schraubstock, an der Hobelbank oder sonst als Arbeiter verdienen. — Den Standpunkt der Sozialdemokraten ver⸗ traten in dieser Verhandlung die Genossen Segitz, v. Haller und v. Vollmar mit viel Geschick und Sachkenntnis.
** *
Bittere Pillen für die agrarischen Schreier. Auf der landwirtschaftlichen Aus⸗ stellung in Lahr(Baden) hielt der badische Minister des Innern Dr. Schenkel eine sehr beachtenswerte Rede, in der er sich über die Entwickelung der Landwirtschaft äußerte. Er sagte u. a.:
„Es sei wahr, die großherzogliche Regierung habe viel gethan für die Landwirtschaft während der 30 Jahre, seitdem eine schwere Krisis über die Landwirtschaft hereingebrochen ist, man könne sagen: hereingebrochen war. Seit jener Zeit hört man stete Klagen, daß die Land⸗ wirtschaft zu Grunde gehe, daß kaum noch ein Rettungsanker für sie zu finden sei. Die Krisis war schwer, aber die Klagen wurden viel⸗ fach übertrieben. Es ist in unserer bäuer⸗ lichen Bevölkerung ein Element, das uns nicht verzagen läßt. Die heutige Ausstellung kann uns einigermaßen aufrichten. Die Kultur der Handelspflanzen, das schöne Obst, die Fort⸗ schritte in der Viehzucht und manches Andere, von dem die Ausstellung ein Bild gewährt, zeigen, daß unsere Landwirtschaft nicht im Niedergang begriffen ist. Nicht Der ist der größte Wohlthät er der Landwirtschaft, der ihr hohe Zölle gewährt und die Zölle so weit erhöhen will, daß die Lebenshaltung des Volkes darunter leidet, sondern Derjenige, welcher sie lehrt, wie der Wirtschaftsbetrieb rentabler zu gestalten ist unter Anwendung aller Errungenschaften der Technik, der Wissen⸗ schaft und der Erfahrung, durch Verbesserung des Kreditwesens u. s. w. Die pessimistische Stimmung verscheucht man am besten, wenn man die Fortschritte betrachtet, die innerhalb eines größeren Zeitraums, etwa seit 100 Jahren, gemacht worden sind. Die Landwirtschaft ist mit allen Hülfsmitteln der Technik ausgestattet, die Viehzucht ist großartig entwickelt. Ein 915 5 Vergleich läßt uns getrost in die Zukunft
4158555
Im Anschluß hieran zog Altbürgermeister Roth von Ichenheim einen Vergleich der Zu⸗ stände vor 50 Jahren und jetzt. Wer jetzt noch unzufrieden sei, der sei blind. So unsere süddeutschen Bauern. a
Wir sind weit entfernt davon, die Lage
der Kleinbauern als zu rosig anzusehen, aber
Besserungen sind doch gar nicht zu verkennen.
Und ganz und gar unberechtigt ist das
ewige Notgeschrei des Bundes der Landwirte. **
*
Wiederum Landwirte gegen den Zolltarif! Der Schutzverein mecklen⸗ burgischer Landleute erklärte sich in einer am Samstag in Plaön(Mecklenburg⸗Schwerin) abgehaltenen Versammlung entschieden gegen jede staatliche Förderung der gemeinschädlichen kurzsichtigen Bestrebungen des Bundes der Land— wirte. Die beschlossene Resolution drückt die Erwartung aus, daß der Bundesrat, sowie der Reichstag im Interesse der Landwirt— schaft den Zolltarifentwurf entschieden ab— lehnen werden.
Der Schiedsgerichtsspruch in Sachen der Hamburger Akkordmaurer vor dem Parteitage.
Die Angelegenheit, von der man wohl er— wartete, daß sie auf dem Parteitage lebhafte Auseinandersetzungen verursachen, von der aber die Gegner hofften, daß sie dauernde Spaltung in der Partei veranlassen würde, konnten wir bei dem Berichte über den Parteitag nur kurz streifen. Bei dem Interesse, das dieser Frage von Gewerkschafts- und Arbeiterkreisen entgegen— gebracht wird, erscheint es geboten, auf die Verhandlungen darüber nochmals zurückzukom— men, soweit das bei dem uuns zur Verfügung stehenden Raume möglich ist.
Als Referent zu diesem Punkte war der Verbandsvorsitzende der Maurer, Gen. Bömel⸗ burg bestimmt worden. Er führte etwa aus:
In der Akkordmaurerfrage ist viel, aber mit großer Unwissenheit diskutirt worden. Die Angelegenheit ist keine Sache der Maurer, sondern der Hamburger Parteigenossen. Parteigenossen haben den Ausschluß von bisherigen anderen Parteigenossen beantragt. Es handel sich hier um die Frage: Ist Streikbruch ehrlos und haben die Akkordmaurer Streikbruch verübt. Wir halten nicht alle Akkordmaurer für Streikbrecher, aber wir sind der Meinung, daß die Hamburger Akkordmaurer Streikbruch verübt haben. Die Akkordarbeit ist im Maurergewerbe im Allgemeinen noch nicht abgeschafft, aber es ist eine allgemeine Bewegung dagegen seit Jahren im Gange. Speziell in Hamburg ist die Akkordarbeit so gut wie abgeschafft worden und zwar gaben die Unternehmer dazu den Anstoß. Mit erdrückender Mehr⸗ heit hat der Zentralverband der Maurer in Hamburg die Abschaffung der Akkordarbeit angenommen. Eine Anzahl mußte, weil sie trotz Vermahnung in Akkord arbeiteten, aus dem Verbande ausgeschlossen werden, und nun stellten sich weitere Leute auf die Seite der Ausge⸗ schlossenen. Was sollten wir nun thun? Prügeln durften wir sie nicht, das ist in Deutschland nicht erlaubt. Wir mußten also über die Bauten, auf denen in Akkord gearbeitet wurde, die Sperre verhängen. Wer auf den gesperrten Bauten weiter arbeitete, machte sich des Streik⸗ bruches schuldig. Das aber hat der Schiedsspruch ver⸗ neint. Das ist der Kern des Streites. Alles Andere ist nebensächlich. Bisher ist immer Streikbruch ange⸗ nommen worden, wenn auf einem gesperrten Bau die Arbeit fortgesetzt wurde. Das Schiedsgericht verneint die Frage, weil es sich hier um das Prinzip der Akkord⸗ arbeit handelt. Es sei hier ein Kampf zwischen Arbeitern und Unternehmern, sondern um Arbeiter gegen Arbeiter. Die Abschaffung der Akkordarbeit war eine gewerkschaftliche Forderung, ihr haben wir Geltung verschaffen wollen.
Die Sperre war das einzige Mittel. Noch andere Dinge sprechen für den Streikbruch. Es sind von den Akkord⸗ maurern auf den gesperrten Bauten auch Zimmererarbeiten ausgeführt worden. Der Schiedsspruch geht von der unrichtigen Voraussetzung aus, daß früher in Hamburg die Akkordarbeit üblich war, und daß sie sich nicht be⸗ wußt sein konnten, daß sie eine ehrlose Handlung begehen, wenn sie auf Bauten, die wegen Akkordarbeit gesperrt find, weiter arbeiteten. Die Leute sind alte Genossen und Gewerkschaftler, sie wußten genau, was sie thaten. Schiedsgericht wie Kontrolleure haben das Verhalten der Akkordmaurer verurteilt, aber sie sind nicht gekommen und haben ihr Unrecht nicht eingesehen, sie sind viel⸗ mehr gewillt, ihr Treiben fortzusetzen. Mit solchen Personen haben wir es zu thun. Das schwerste Ver⸗ gehen besteht in dem Organisations bruch, durch ihr Verhalten haben sie es den klassenbewußten Arbeitern in Hamburg für absehbare Zeit unmöglich gemach“, in den Genuß des Neunstundentages sich zu setzen. Das ist ehrlos; ich kann mir nichts Ehrloseres denken. Genossen, heben Sie den Schiedsspruch auf. Uns in Hamburg ist es am liebsten, wenn sie uns die Leute in Hamburg überlassen. Wir werden mit ihnen schon fertig werden.
Auer antwortete in einer zweistündigen Rede als Korreferent. Er erkannte zunächst den ruhigen Ton der Bömelburg'schen Rede an, doch seine Ausführungen wären nur teil⸗ weise richtig. Thatsächlich hätte die Maurer⸗ organisation die Angelegenheit in offtzieller Form an die Partei gebracht. Er führte aus:
Alles, was Bömelburg gesagt hat, ist für eine Maurerversammlung durchschlagend. Für uns aber kommt es nicht darauf an, ob die Leute ihre Organisations⸗ interessen geschädigt haben, sondern darauf, ob eine ehr⸗ lose Handlung nach§ 2 des Statuts vorliegt. Die Zimmerer sind gegen den Willen ihres Vorstandes aus der Arbeit gegangen und da soll es eine ehrlose Haudlung sein, wenn die Akkordmaurerdie Zimmererarbeiten schließlich gezwungen übernahmen. Die Sache mag Ihnen unangenehm sein, nicht Ihren Interessen entsprechen, aber der Partei dürfen Sie nicht zumuten, hierin eine ehrlose Handlung zu sehen. Am Sonntag ist bei der Geschäftsordnungsdebatte neues Material in Aussicht gestellt worden. Bömelburg hat kein neues Material vorgebracht. Auch dem Schieds⸗ gericht lag sehr wenig Material vor und erst durch meine Vermittlung gelang es, festzustellen, wer eigentlich aus⸗ zuschließen sei. Es stellte sich nämlich heraus, daß von den 103 Maurern, deren Ausschluß beantragt war, 53 überhaupt keiner Parteiorganisation angehörten. Wenn ich nicht gewesen wäre, der ja alles hintertreiben soll, wäre das ganze Schiedsgericht auseinander gegangen wie das Hornberger Schießen. Sie, die Maurer waren die Kläger und mußten für Material sorgen: Aber das Material war sehr wenig sorgfältig vorbereitet. Der Fall Dahl, der jetzt als besonders gravirend hingestellt wird, war bis zum Schiedsgericht kaum gestreift. Bömelburg hat zur Sache selbst sehr wenig gesagt, aber sehr viel aus seinem vollen Maurerherzen heraus. Ge⸗ wiß, wenn ich Maurer wäre, würde ich sagen, Bömelburg, Du hast ganz recht, aber ich würde hinzufügen: Alles das ist unsere Sache, die Sache der Maurer aber nicht Sache der Partei.
Kein Schiedsgericht konnte den§ 2 des Organisations⸗ staluts umgehen. Kann ein Schiedsspruch ruhiger und objektiver sei als der vorliegende? Die Verbandsmaurer sind mir gewiß nicht unsympatisch, aber als Schiedsrichter konnte ich nicht anders urteilen, als es geschehen ist. Man sagt, man weiß ja, Auer steht hinte dem Schieds⸗ spruch. Nun gewiß, einem muß doch die Schuld zuge⸗ schoben werden.(Heiterkeit.) Meinen Sie wirklich, daß die anderen Schiedsrichter solche Nullen gewesen sind, daß sie sich von mir beeinflussen ließen? Ich bedauere, daß der Genosse Legien so vorsichtig war, sich nicht unter die Hypnose des Genossen Auer zu begeben.— Als ich nach Hamburg zu den Schiedsrichtern kam, be— kam ich einen heillosen Schrecken. Die Schiedsrichter


