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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
wurde bekannt gegeben, daß 24 Tote zu ver⸗ zeichnen seien und niemand mehr vermißt werde. Infolge dieser Erklärung herrscht, wie die „Volksstimme“ schreibt, unter der Bevölkerung in Griesheim und umliegenden Orten eine große Erregung, da man das der Fabrikleitung nicht glaubt und wahrscheinlich die Erklärung nur den Zweck hat, die Gemüter zu beruhigen. Es zirkulierte das Gerücht, daß noch zirka 43 Mann vermißt werden— 38 Mann sollen Arbeiter sein, welche auf der Durchreise nur kurze Zeit Beschäftigung fanden, außerdem sollen noch 5 Schlosser vermißt werden, die an einem Neubau beschäftigt waren. Daß man von Seiten der Fabrikleitung nur Diejenigen für getötet hält, die als Leichen geborgen wur⸗ den, ist eben unrichtig.— Aehnlich spricht sich das katholische„Volksblatt“ aus.— Besonders tadelt man, daß die Direktion der Presse keine genauen Erklärungen giebt.
Ein Priester als Mörder. Spanien ist seit einiger Zeit der Schauplatz von teils blutigen Unruhen, die sich besonders gegen die Klöster und die Geistlichkeit richten. Und allerdings hat letztere alles ge⸗
than, um sich den Haß des Volkes zuzuziehen.
Seit Jahrhunderten hat dieses Land unter Pfaffenherrschaft, durch welche es unterdrückt, ausgebeutet und aus gesaugt wurde, schauderhaft gelitten; Ausschreitungen oller Art wurden tag⸗ täglich von Geistlichen verübt. Einen neuen erbaulichen Fall meldete neulich die„Frkftr. Ztg.“ In Andarias, Provinz Zamora, hat ein Pfarrer im Einvernehmen mit einer Frau deren Mann Namens Jose Madrid erschossen. Der Pfarrer wurde verhaftet, nachdem er am letzten Sonntag noch das Hochamt gefeiert hatte und samt seiner Geliebten eingekerkert.
Verbrecherische Pfaffen.
Das Berl. Tagebl. meldete aus Rom: In Neapel schoß ein Pfaffe eine Frau und ihr Kind nieder.— In Avellino(Italien) hat vor einigen Tagen ein Geistlicher Namens Tedeschi seinen siebzigjährigen Vater ermordet um ihn endlich beerben zu können. Er hattte schon seit Langem in Unfrieden gelebt, da dieser ihm nicht so viel Geld gab, als er zu seinem flotten Leben brauchte. Wiederholt hatte ihn der nichts⸗ würdige Pfaffe bei solchen Streitigkeiten mit dem Revolver bedroht. Nach der Mordthat er⸗ griff er die Flucht, wurde aber von der Polizei erwischt und dem Gerichte eingeliefert.
Partei-Nachrichten.
In Leihgestern starb am 3. d. Monats unser alter Parteigenosse Johannes Schild iin Alter von 62 Jahren. Der brave Arbeiter erfreute sich bei allen, die ihn kannten, großer Beliebtheit und seine Persönlichkeit wird des⸗
halb überall in gutem Andenken gehalten werden. Genosse Zielowski, Redakteur der
Frankfurter„Volksstimme“, hat am 2. Mai die ihm wegen Beleidigung zudiktierte Gefängnis⸗ strafe von drei Mongten in Butzbach ange⸗ teten. Dort wurde ihm Selbstbeköstigung und Beschäftiaung gestattet.
Genosse Dr. Bruno Schönlank in Leip⸗ zig, Reichstagsabgeordneter für Breslau, Chef⸗ reh akteur der„Leipziger Volkszeitung“, litt schon seit dem Winter an einer schweren Ner⸗ veykrankheit. Nach einer kurzen Besserung im Frühjahr verschlimmerte sich in den letzten Tagen sein Zustand derart, daß er am Dienstag in eine Heilanstalt gebracht werden mußte.
Ausgewiesen aus Preußen wurde der Vorsitzende der Hanauer Filiale des deutschen Schuhmacherverbandes. Er ist ein Oestreicher und hat sich dadurch„lästig“ gemacht, daß er ein tüchtiges Mitglied seiner Gewerkschaft und auch bes sozialdemokratischen Vereins war. Das genügt der preußischen Polizei ihn außer Lundes zu jagen. Bezeichnend ist, daß der junge Mann in Bayern geboren und er⸗ zoßen ist und bis jetzt nur in Deutschland gearbeitet hat. Trotzdem ist er„juristisch“
ein Ausländer, weil sein Vater ein Oester⸗ reicher gewesen sst. Nun muß er den„gast⸗ lichen“ preußischen Boden verlassen. Hoffentlich wird unser Genosse dadurch nicht geschädigt.
Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda.
An die Mitglieder des Kreis wahlvereins! Infolge der Beschlüsse der Konferenz in Gießen am 21. April wird für die Mitglieder eine Unterstützungs⸗ kasse errichtet. Die Einrichtung ist obligatorisch. Jedes Mitglied hat hierfür vom 1. Mai ab einen monatlichen Beitrag von 5 Pfg. zu entrichten, wofür bei Sterbe⸗ fällen eine Unterstützung an die hinterbliebenen Ehe⸗ gatten gewährt wird. Die näheren Bestimmungen wollen die Mitglieder aus dem Statut ersehen, das
ihnen baldigst zugehen wird. Der Vorstand des Kreiswahlvereins.
Versammlungskalen der.
Samstag, den 11. Mai.
Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T⸗O.: 1. Vortrag über Handelspolitik und Sozialdemokratie. 2. Ver⸗ schiedenes.
Sonntag, den 12. Mai.
Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Generalversammlung bei L. Krök. T.⸗O.: Unsere Festlichkeit.
Marburg. Arbeiter⸗Gesang⸗Verein„Ein⸗ tracht“. Jeden Donnerstag, Abends ½9 Uhr Gesangsstunde bei D. Jesberg.— Anmeldungen werden dortfelbst entgegengenommen.
Sonntag, den 12. Mai. Metallarbeiter. Ausflug nach Wehrda. Ab⸗ marsch: Nachmittags 3 Uhr von Jesberg.
Montag, den 13. Mai.
Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr
Versammlung bei Orbig.— Tapezierer.
Abends ½9 Uhr Versammlung bei Löb(Wien er
Hof). Freitag, den 17. Mai. Gießen. Preßkommssion(Gießener Mitglieder).
Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig.
Aus dem Gießener Standesamtsregister. (Vorige Woche) Aufgebotene.
25. April: Jacob Dillenburger, Fußgendarm in Ober⸗Erlenbach mit Anna Graf in Worms. 26. Jacob Schupp, Gießereiarbeiter mit Margarethe Wagenbach dahier. 26. Jacob Frey, Metzger in Klein-Linden mit Elisabethe Inng, Dienstmagd daselbst. 1. Mai: Lud⸗ wig Arnold, Bäcker hierselbst mit Elisabethe Michel dahier.
Eheschließungen.
27. April: Karl Braun, Hilfsheizer hierselbst mit Dina Wacker dahier. 27. Ludwig Linkmann, Gärtner in Bad⸗Nauheim mit Dorothea Immel dahier. 29. Otto Mayer, Kaufmann hierselbst mit Elisabeth Appel, geb. Christ, Witwe des Kaufmanns Daniel Appel dahter.
Geborene.
21. April: Dem Stadtkassegehülfen Hermann Peter eine Tochter. 22. Dem Vicefeldwebel Peter Euler eine Tochter. 22. Dem Kaufmann Gustav Schadt ein Sohn. 24. Dem Taglöhner Karl Pitz eine Tochter. 25. Dem Bäckermeister August Deibel ein Sohn. 26. Dem Schuhmacher Heinrich Wiegand ein Sohn. 26. Dem Rangierer Konrad Schomber ein Sohn. 28. Dem Kaufmann Robert Hasse ein Sohn. 30. Dem Gerichts⸗ schreibergehilfen Wilhelm Sartorius eine Tochter. 1. 10 Dem Hilfsführer i. P. Hugo Strohbach ein Sohn.
Gestorbene.
26. April: Mathilde Bohling, 1 Jahr alt. 27. Karoline Sack, 75 Jahre alt, Pfründnerin dahier. 27. Elisabeth Töpfer, 4 Monate alt. 30. Philipp Leo, 80 Jahre alt, Uhrmacher dahier.
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Marktberichte.
Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 9. Mai: Butter per Pfd. Mk. 1.00— 1.20, Hühnereier per St. O0— 0 Pfg., Enteneter 2 St. 12— 13Pfg. Gänsecier per St. 10— 11 Pfg., Käse 1 St. 5— 8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—8 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.00— 7.00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 6.50— 7.50. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 1.00 bis 1.20, Hühner per St. Mk. 1.50— 2.20 Hahnen per Stück Mk. 1.30— 2.00, Enten per St. Mk. 2.00 bis 2.20. Gänse per Pfd. Mk. 00.0 0.00.
Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 68— 74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 60—64 Pfg., Schweinefleisch 64 bis 74 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 78 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60 66 Pfg., Hammelfleisch 50—66 Pfg.
Auf dem Fruchtmarkte in Limburg kosteten am 8. Mai durchschnittlich 100 Kilo: Weizen 13,35, Korn 11,28, Gerste 00,00, Hafer 7,10, Erbsen 00,00.
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b Unterhalfungs-Teil.
55 5.— N 7)
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Das Meisterstück. Erzählung von Robert Schweichel.
4(Fortsetzung.)
Der Mitgesell Berthold's wetterte und fluchte über den Geizteufel, wie er über die rote Gundel und den Narren, den die Mutter an ihr gefressen hätte, sich lustig machte. Aller⸗ dings nur, wenn er sicher war, von ber Meisterin nicht gehört zu werden. Anton, der Lehrling, mußte entgelten, was ihn innerlich grimmte; er war überhaupt ein roher Mensch, und Berthold geriet schon in den ersten Tagen mit ihm in Streit, weil er den Lehrling gegen ihn in Schutz nahm. Seine Roheit war echt, aber die grobe Sprache, die Veit Eitelhans gegen Jedermann im Hause führte, war es nicht immer. Er verstand es sehr wohl, in ihr dem Meister und Frau und Tochter zum Munde zu reden. Das feine Ohr Berthold's hörte es bald heraus. Nur blieb es ihm zu seinem Schaden allzulange unverständlich, wozu es der Preuß', wie Veit Eitelhans nach seiner Heimat genannt wurde, that. Seine eigene offene Natur fühlte sich dadurch abgestoßen und Jeuner schien nichts dadurch zu erreichen. Wenigstens blieben Mutter und Tochter, die erste in ihrer herben Strenge, die andere in ihrem Hochmut, gegen ihn gleich.
Berthold fühlte Mitleid mit der armen Gundel, die sich große Mühe gab, ihr Gebrechen zu versteckeu. Sein Zartgefühl trieb ihn an, ihr freundlich zu begegnen und geduldig Rede zu stehen, wenn sie, wie es bisweilen geschah, in die Werkstätte kam und aus Langeweile nach Diesem und Jenem fragte. Eigentümlich war es, daß sein Benehmen nicht von der Tochter, sondern nur von der Mutter bemerkt zu werden schien. Vielleicht war es auch das Lob, welches Meister Schönhauer der Geschicklich⸗ keit Berthold's zollte, daß die Frau ihren scharfen Ton gegen diesen mit der Zeit zu mildern versuchte. Mochte dem nun sein, wie ihm wollte: Berthold kümmerte sich nicht um Gunst oder Ungunst, sondern verfolgte gelassen seinen Weg. An den Wagen, wie man zu sagen pflegt, ließ er sich nicht fahren. Gefiel ihm auf seiner gegenwärtigen Arbeitsstelle Manches nicht, die stillen Gedanken an zwei
muntere braune Augen ließen es ihn ertragen,
und der Sonntag gewährte ihm reiche Ent⸗ schädigung. Am Vormittage ging Meister Schönhauer mit seinem ganzen Hause in die Kirche von St. Marien, wie das im Bürger⸗ stande unverbrüchliche Sitte war, und Berthold konnte sich nicht ausschließen. Nachmittags aber
war er frei und da wanderte er hinaus in
die Vorstadt und saß in der traulichen Stube des Färbers. 11
Das waren für Berthold glückliche Stunden. Da saßen sie um den Tisch herum: er, Meister Weigand, dessen Tochter und deren Base, und redeten Ernstes und Heiteres, erzählten, plau⸗ derten, scherzten. Berthold begehrte einstweilen nicht mehr, als in Trudens Nähe zu sein, sie zu sehen, ihre jugendfrische Stimme zu hören. Er hatte dessen kein Arg, daß sich in seinen Blicken und in dem Ton seiner Worte verriet, was in seiner Brust keimte, besonders in der Stunde zwischen Licht und Dunkel mit ihrer weicheren Stimmung. Und der Winter, der darüber in's Land kam, rückte die vier Meuschen noch näher zueinander.
Eines Sonntags fand Berthold den Alten
über einem dicken Hefte mit starkvergilbtem
Papier und altmodischen Schristzügen. Dranu⸗ ßen ließ der Wind die Schneeflocken wirbelnd durch die Straßen tanzen; in der Stube war, es behaglich warm. Wie der Meister erzählte,
indem er seine Hornbrille auf die Blätter legte,
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20 Jahle Nelahlthett selehct unt i Zwickal gerufen U Martenkirc die Kanzel deh Offen mpfangen um nicht Welke bet. ute aus ihm zufiel Zalt gewe als wie el während! scumpft
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II.
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