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Milieldentsche Seunlag⸗Zeilung.
Nr.
Von Uah und Lern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise find uns jederzeit will⸗
kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste
Gewissenhaftigkett bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir
bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Auf die am Sonntag, den 11. August statt⸗ findende
— Kreiskonferenz— machen die Genossen im Kreise Gießen noch- mals aufmerksam. Dieselbe beginnt pünkt⸗ lich 1 uhr im Lokale Orbig in Gießen.
An die Frauen!
„Der Zolltarif ist da!“ Ihr Arbei⸗ terfrauen, habt Ihr begriffen, was die in ihm enthaltenen Zahlen bedeuten? Sie bedeuten eine Verteuerung der wichtigsten Nah⸗ rungsmittel. Brot, Fleisch, Gemüse, Alles soll teurer werden, weil die Großgrundbesttzer schreien, daß sie Not leiden. Sie und ihre Herren Söhne können das flotte Leben, das sie zu führen gewohnt sind, nicht mehr recht fortsetzen. Darum verlangen sie vom arbei⸗ tenden Volk, daß es ihnen von seinem geringen Lohn abgeben soll. Getreide, Fleisch und andere Nahrungsmittel, die vom Auslande eingeführt werden, weil in Deutsch⸗ land nicht genug wächst, sollen mit einem höheren Zoll belegt werden. Das ausländische Getreide soll teurer werden, damit die Großgrundbesitzer auch für ihr Brot⸗ korn, für Fleisch und Gemüse höhere Preise verlangen können.
Da die Zollsätze sehr hoch sind, so wird auch die Preissteigerung der wichtigsten Nah⸗ rungsmittel eine große sein. Das Volk kann hungern, wenn nur die Großgrundbesitzer zu Gelde kommen. Schon bei dem heutigen Zoll bezahlt eine fünfköpfige Arbeiterfamilie allein für ihren jährlichen Brotbedarf 35 Mk. indirekte Steuern! Das soll nun Alles noch viel schlim⸗ mer werden. Und nicht nur die Lebensmittel sollen teurer werden, auch der Lohn wird geringer, die Arbeitslosigkeit größer, wenn der neue Zolltarif Gesetz wird. Das Geld, um das der Arbeiter das Brot teurer zahlen muß, muß er an anderen Bedürfnissen einsparen. Er kann nicht mehr so viel für Kleidung, Schuhe usw. ausgeben. Diese Fabriken be⸗ kommen weniger zu thun und müssen Arbeiter entlassen, die dann wieder um jeden Preis Arbeit suchen müssen und so die Löhne drücken werden.
„Wie soll das noch werden? Ist die Arbeits⸗ losigkeit noch nicht groß genug? Die Arbeits⸗ verhältnisse werden von Tag zu Tag schlechter! Und die Forderungen der Agrarier werden von Tag zu Tag unverschämter!
Arbeiterfrauen! Ihr habt am aller- metsten darunter zu leiden! Ihr sollt mit dem geringen Gelde, das schon heute nicht reicht, Eure Lieben ernähren! Kann es Euch wohl gleichgültig sein, wenn Euren Kleinen das tägliche Brot geschmälert wird, damit die Agrarier ihr üppiges Leben weiter treiben können? Nein! Tausendmal nein! Ihr Frauen müßt Hand in Hand mit Euren Männern donnernden Protest dagegen erheben, das man mit dem täglichen Brote Wucher treibe!!! Fordert Eure Schwestern und Brüder auf, ein⸗ zustimmen in den Ruf:
Wir wollen 1 155 täglich Brot behalten! Nieder mit dem Brotwucher!
Sießener Angelegenheiten.
— Wilhelm Liebknecht. Vergangenen Mittwoch war ein Jahr verflossen, daß uns zunser Alter“ durch den Tod entrissen wurde. Wir gedenken seiner mit Treue und mit Dank⸗ barkeit für das, was er für die Enterbten, für die ganze Menschheit gethan. Wir können diese Dankbarkeit nicht besser bekunden, als indem wir in dieser Zeit schwerer Kämpfe um das Brot der Armen seiner Mahnung folgen:
„„Agitieren, organisieren, Schriften ver⸗ breiten,— ohne Unterbrechung die Pavtei stärken und klären, das soll und muß einem
Jedem von uns als Pflicht vorschweben, das muß nuser Leitstern sein!“ 0
— Sozialdem. Wahl verein. In der am 3. August stattgefundenen General ver⸗ sammlung erstattete zunächst der Kassterer über das erste Halbjahr 1901 den Kassen⸗ bericht. Danach 1 die Einnahmen inkl. Kassenbestand Mk. 154.09; die Ausgaben Mk. 82.54, so daß ein Kassenbestand von Mk. 71.55 verbleibt. Die Richtigkeit der Ab⸗ rechnung wird von den Revisoren bestätigt. Dann folgt Vorstandswahl, deren Ergebnis die Wiederwahl fast aller bisherigen Vorstands⸗ mitglieder war. Die Genossen Beckmann, Petersen und Holtberg wurden als Vor⸗ sitzender, Kassterer und Schriftführer bestimmt, Diehl und Strobel als Beisitzer. Vor der Wahl der Delegierten zur Kreiskonferenz wurde der vom Landeskomitee ausgearbeitete Organisationsentwurf durchberaten, an dem nur wenig Aussetzungen gemacht wurden. Bezüglich des Lübecker Parteitages wied beschlossen, bet der Konferenz die Beteiligung an demsel ben durch einen Delegierten zu beantragen. Wie gewöhnlich wurden drei Delegierte gewählt und zwar die Genossen Baum, Petersen und Vetters.
— Sehr verspätete Berichtigung. Etwa um Ostern herum brachten wir eine Notiz mit der Spitzmarke:„Aufseher⸗Rücksichts⸗ losigkeit“, in der behauptet wurde, daß ein Aufseher im Gail'schen Thonwerke Ar⸗ beitern den nötigen Urlaub zur Teilnahme an einer Beerdigung verweigert. einem mit:„Mehrere Arbeiter“ unterzeichneten, am 3. August im„Gieß. Anz.“ erschienenen„Ein⸗ gesandt“ wird die Richtigkeit der von uns be⸗ haupteten Thatsachen bestritten und gesagt, es wäre zehn Arbeitern der gewünschte Urlaub bewilligt worden, nur drei wären freiwillig auf Wunsch des Aufsehers zurückgeblieben, weil die Arbeit gedrängt habe.— Zunächst bez wei⸗ feln wir, daß das Eingesandt wirklich von Arbeitern ausgeht. Denn die hätten doch auch den Weg zu uns gefunden, wenn sie etwas richtig zu stellen hatten; ste wissen auch, daß ihnen dazu, wie für sonstige Angelegeaheiten von allgemeinem Interesse der Raum unseres Blattes gern zur Verfügung steht. Wir sind sogar für Berichtigung des etwa Unzutreffenden in unserem Blatte sehr dankbar, wir wollen keine Unwahrheiten verbreiten und es ist Pflicht jedes deukenden Arbeiters, mit dafür zu sorgen, daß das nicht geschieht.— Im vorliegenden Falle müssen wir das von uns damals Gesagte vollständig aufrecht halten, solange die betr. Arbeiter sich uns gegenüber nicht namhaft machen und für ihre Behauptungen eintreten. Unser Gewährsmann wird wohl dazu auch noch etwas zu sagen haben.
— Das Stiftungsfest der Metall⸗ arbeiter, das am Sonntag auf der Pulver⸗ mühle stattfand, erfreute sich eines außerordent⸗ lich zahlreichen Besuches, und verlief, wie sich das gehört, in durchaus würdiger Weise. 10 Jahre sind seit der Gründung des Metall⸗ arbeiter⸗Verbandes verflossen, die im Jahre 1891 in Frankfurt erfolgte. Seitdem hat sich diese Gewerkschaft zur stärksten Deutschlands entwickelt. Ihre Mitgliederzahl, die bei der Gründung ca. 18000 betrug, stieg in 1900 auf 100 762, in 441 Verwaltungsstellen. Die Einnahmen betrugen im verflossenen Jahre mit dem Vermögenbestand 1578379 Mk., denen 1007775 Mk. Ausgaben gegenüberstehen. Angesichts dieser Entwickelung darf die Or⸗ ganisation wohl mit Befriedigung auf das arbeitsreiche verflossene Jahrzehnt zurückblicken und ein Fest feiern. Auch die Gießener Metallarbeiter haben Anteil an diesen Erfolgen, leider nicht in dem Maaße wie es wünschenswert wäre und bei der großen Zahl der hier be⸗ schäftigten Metallarbeiter sein müßte. Hoffent⸗ lich hat das Fest am Sonntag und besonders die schwungvolle Festrede des Genossen Ehrler aus Mühlhausen der Organtsation wieder neue Kräfte zugeführt. Denn die Werbung solcher ist auch ein Zweck unserer Feste und wahr⸗ scheinlich nicht der geringste!— Viel Heiter⸗ keit erregten Luftballons, deren drei aufsttegen. Auch der„Fallschirmabsturz“ ging programm⸗ mäßig von statten, der waghalsige papierene
Aeronaut kam glücklich wieder zur Erde. Gegen Mitternacht ging das Vergnügen zu Ende, das gewiß alle Theilnehmer befriedigt hat.
— Kollegen aus Marburg, Lollar und vielen andern Orten der Um⸗ gebung beteiligten fich an dem Feste.
— Ueber eine Beleidigungsklage des Brauers Petter gegen den Braumeister Peschina von der Aktienbraueret verhandelte am Dienstag das Schöffengericht. Der Braumeister hatte durch den Kaufmann Georgi
in der Wallthorstraße die übrigen Brauereien vor der Einstellung des von ihm entlassenen
Petter gewarnt, indem er diesen als Aufhetzer 2c. bezeichnete. Natürlich bekam der Brauer infolgedessen auch keine Arbeit. Durch die Beweisaufnahme konnte nicht festgestellt werden, das Peschina die Worte Aufwiegler und Aehn⸗ liches in Bezug auf den Brauer gebraucht habe, weshalb Abweisung der Klage 1— Daß sich der Georgi dazu gebrauchen läßt, in dieser Weise einen Arbeiter in seinem Erwerb 80 schädigen, gereicht ihm wahrlich nicht zur re
— Die Revision des Raubmörders Ermer gegen das Urteil des Gießener Schwur⸗ gerichts, durch welches er im Juni zum Tode und zu 10% Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, hat das Reichsgericht verworfen.
— Sonntag früh machte der Studiosus Quentell, Sohn des Seminar-⸗Direktor Qu. in Friedberg, im Hause der Burschenschaft „Allemannia“ einen Selbstmordver such, indem er drei Schüsse auf sich a Schwer verletzt wurde er in die Klinik gebracht. Ueber die Gründe der That verlautet nichts Näheres.
— Skandalböbs benahm sich ein„Stell⸗ vertreter Gottes“ am Sonntag bei dem Rad⸗ fahrerfest auf dem Schützenhaus einem Kellner gegenüber. Als dieser nämlich kurz vor Schluß des Lokals von dem Unteroffizier die Be⸗ gleichung der Zechschuld verlangte, verweigerte derselbe die Zahlung unter thörichten Redens⸗ arten und wies den Kellner an einen am gleichen Tische sitzenden Herrn. Dieser zahlte auch schließlich. Als der Kellner nun im Begriff war, Geld am Büffet auszuwechseln, überfiel ihn der Unteroffizier, schlug mit einem Glase auf ihn ein und brachte ihm damit eine schwere Verwundung im Gesicht bei. Der Verletzte, ein verheirateter Mann, mußte sofort ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Für seine Hunnen⸗ that dürfte dem Menschen— er heißt Zinn und steht bei der 11. Comp.— wohl die ge⸗ bührende Strafe treffen.
Wieseck.
d. Das Kriegerdenkmal auf dem Friedhofe soll hergerichtet und mit einem schmiedeeisernen Geländer umgeben werden. Die Kosten dafür hat der Gemeinderat schon vor langer Zeit bewilligt. Viele sind der Meinung, daß die Verschönerung des Krieger⸗ denkmals wohl nicht so geeilt hätte, das wäre noch lange ohne Einfassung gut gewesen. Das Geld dafür sollte man zu nützlicheren Dingen verwenden, z. B. wäre die Errichtung eines Badehanses unbedingt notwendig, denn die jetzigen Zustände sind unter aller Kritik. Notwendiger waͤre wohl auch die bean⸗ tragte Anstellung eines 7. Lehrers gewesen, die der Gemeinderat aber abgelehnt hat.
Wetzlar.
Petitionslisten gegen die Getreide⸗ zölle liegen bei A. Fauth, Sophienstr. 26 II zur Unterzeichnung auf..
th. Zur Arbeitseinstellung schritten am Dienstag sämtliche Gerber der Firma Oskar Dietrich. Sie hatten folgende Forde⸗ rungen gestellt: 1. Entlassung des„Werkführers“ Müller; 2. Einführung der 10 stündigen Arbeits⸗ zeit; 3. Möglichste Beschränkung der Ueber⸗ stunden, Vergütung derselben mit 45 Pfg. pro Stunde.— Diese Forderungen hatten die Ar⸗ beiter am 3. August ihrem Arbeitgeber einge⸗ reicht und um baldige Antwort gebeten. Als sie sich am 6. August nach dem Stande ihrer Angelegenheit erkundigten, erklärte ihnen Herr Dietrich, daß er sich die Sache noch nicht
überlegt habe; wem es zu lange dauere, könne
Wetzlar,
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