Ausgabe 
10.11.1901
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

9 N 5

Nr. 45.

v CS 7 V AUnterhaltungs-Ceil.

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Nein und Ja.

verneinend ist und bleibt mein Streben: Zu allem Schlechten sag' ich: nein!

Ich sag's und sing's mein ganzes Leben Und sollt' ich mich zu Tode schrei'n.

Könnt ihr dereinst den Tag mir zeigen,

Wo Recht und Freiheit wieder da,

So will ich gern von selber schweigen,

Und wenn ich spreche, sprech' ich: jal Hoffmann von Fallersleben(1845).

Der Korrekte. Von Hans Heinrich.

(Schluß.)

Daß sie eine gute Mitgift bekam, war für Bodenstedt durchaus nicht ausschlaggebend; für ihn kam nur der Ruf, das einwandfreie Ver⸗ halten der Menschen in Betracht. Und was das anbelangte, so stand die Dame hoch über allen Andern.

Auch daran dachte Bodenstedt keineswegs, daß durch die Stellung seines künftigen Schwieger⸗ vaters seinem Streben eine gewisse feste Grund⸗ lage gegeben werden könnte..

Er hielt also um die Hand der Auserwählten an und heiratete sie.

Die Trauung fand mit standesgemäßem Gepränge statt und es ging Alles wie am Schnürchen. Kein Zwischenfall störte die heilige Handlung. Sein Frack, seine Krawatte, die Lackschuhe saßen tadellos. Jeder benahm sich korrekt und sicher.

Das Hochzeitsmahl verlief ruhig und vor⸗ nehm, kein lauter Ton unterbrach unangenehm die weihevolle Stille.

Vom Mahle aus begab Bodenstedt sich mit seiner Gattin auf die Hochzeitsreise nach Italien. Sie stiegen nur in ersten Hotels ab und besuchten nur die im Bädecker benannten Straßen. Er behandelte seine Frau mit höflicher Zuvorkom⸗ menheit, beantwortete ihre Fragen im Tone belehrender Ueberlegenheit und machte sie mit liebevoller Nachsicht auf das Unpassende einiger ihrer Wünsche, wie zum Betspiel, auf einem Esel zu reiten, eine Fußtour zu unternehmen, das Armeleuteviertel zu besuchen, aufmerksam.

Als sie schließlich wieder in der Heimat ankamen, hatte er denn auch die Genugthuung, der Bildung seiner Gattin den letzten Schliff gegeben zu haben. Seine Belehrungen hatten die denkbar besten Früchte gezeitigt: die Frau benahm sich beinahe ebenso korrekt wie er selbst. Und wenn sie manchmal traumverloren aus dem Fenster hinaussah auf das lustige Treiben da draußen und dabei schmerzlich seufzte, dann fragte Otto teilnahmsvoll und aufmersam, was ihr fehle, ob sie krank sei und er den Doktor holen solle..

Herr von Bodenstedt ging höchst selten allein aus; rößtenteils sah man ihn in Begleitung seiner Gattin. Die ganze Stadt pries ihn des⸗ halb als den besten der Gatten, als einen Musterehemann.

In seinem Amte ließ er sich nie etwas zu Schulden kommen. Seine Untergebenen be⸗ handelte er strenge, aber gerecht.

So hatte einmal ein armer Beamter, der nebenbei Musiker war, an einem Sonntag in einem Konzertlokal musiziert, trotzdem den Beamten jeglicher Nebenerwerb verboten und speziell ihm das Musiziren schon wiederholt, zuletzt bei Androhung der Dienstentlassung, untersagt worden war.

Bodenstedt ließ den Mann zu sich kommen. Zitternd stand der arme Sünder vor ihm und stotterte eine Entschuldigung: er habe sechs Kinder, sein Gehalt sei nur klein, die Frau seit längerer er akk

Durch solche Flausen ließ Bodenstedt sich

aber nicht in seiner gerechten Handlungsweise beirren. Im Interesse der Disziplin setzte er den Mann auf das Pflaster.

Merkwürdigerweise erwarb er sich durch solche Handlungen nicht die Liebe seiner Untergebenen.

Gegen seine Vorgesetzen war er die leisch⸗ gewordene Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Und er hatte das Recht, das zu sein, denn er war dazu verpflichtet durch das Herkommen und durch die Tradition.

Als dann sein Schwiegervater, der Herr Oberbürgermeister, starb, wurde er von den Notabeln der Stadt einstimmig in das erledigte Amt berufen und von dem Landesherrn ohne Weiteres als Oberbürgermeister bestätigt, denn der Schild seiner Ehre war fleckenlos und seine Gesinnung vorschriftsmäßig. ö

Er wirkte auf seinem verantwortungsreichen Posten lange Jahre mit Umsicht und Eifer sowohl,

m Segen der obern Zehntausend als auch er Arbeiter. Den Erstern schaffte er aus dem Stadtsäckel durch seinen Einfluß ihren Lebens⸗ bedürfnissen angemessene Erleichterungen und Bequemlichkeiten, wie Festräume, Konzerthallen und dergleichen, und das Proletariat wies er mit Nachdruck in die ihm von der Natur gesetzten Schranken zurück, wenn es schnöder⸗ weise versuchte, sich bessere Lebensbedingungen zu erringen und höhern Lebensgenuß zu eigen

zu machen..

Als er schließlich starb und sein in jeder Weise rechtsgiltiges, in richtiger Form abgefaßtes Testament geöffnet wurde, erfuhr man, daß er der Stadt von seinem inzwischen auf zwei Millionen angewachsenen Vermögen fünfzig⸗ tausend Mark zum Bau eines Stifts für un⸗ ae Damen der bessern Stände vermacht atte.

Den Armen hatte er nichts vermacht; für die wurde ohnehin schon genügend gesorgt.

So dokumentirte denn auch seine letzte Hand⸗ lung, daß er ein guter, gerechter und korrekter Mann war, und die Bürger der Stadt behielten ihn in gutem Andeuken, setzten ihm ein Denk⸗ mal und stellten ihn ihren ehrfurchts voll auf⸗ horchenden Kindern als leuchtendes Vorbild hin, dem nachzueifern sie eifrig beflissen sein sollten.

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Ehrbare Frauen. Von Florian Stark.

Der Monteur Friedrich Kuhn war von seiner Frau gerichtlich geschieden. Lange Zeit lebte er einsam und verdrossen, dann aber erwachte in seinem Herzen neue Liebe. Riki war in der Fabrik, in der Kuhn arbeitete, bei der Schreib⸗ maschine. Manchmal gingen sie Abends zu⸗ sammen, denn ihr Heimweg war eine lange Strecke derselbe.

So fanden sie sich. Lange Erklärungen waren nicht nötig, jedes sah, daß ihn das andere lieb hatte, und keines konnte mehr geben, als sich selbst. Sie brauchte nicht um seine Schulden zu fragen, er nicht um ihre Fehltritte, wie das so üblich ist, wenn sich zwei Herzen deroberen Zehntausend finden.

Du weißt aber, Riki, sagte Kuhn eines Tages,ich kann Dich nicht heiraten. Die katholische Religion knüpft das Eheband unge⸗ mein dauerhaft. Es ist unzerreißbar! Man kann die Sklavenkette brechen, aber nicht das Rosenband, womit der Pfarrer zwei Menschen zusammenthut.

Mir gleich, sagte Riki,ich hab' Dich lieb, Fritz, und will Dich immer lieb haben.

An einem der nächsten Tage übersiedelte Riki mit ihrem Hab und Gut zu Kuhn. Der Fabrikant erfuhr das. Obwohl verheiratet, hatte er stets noch irgend eineKleine, die ihm viel Geld kostete. Beinahe mehr als seine Frau. Trotzdem er also nicht besonders geeignet war, die Stelle eines Sittenwächters zu über⸗ nehmen, fand er doch das Verhältnis zwischen Riki und Kuhnfurchtbar unmoralisch und stellte das Mädchen vor die Entscheidung, ent⸗ weder von demGeliebten fortzuziehen oder ihren Posten zu verlieren.

Vergebens stellte ihm der Monteur vor, daß es ja nicht seine Schuld sei, wenn er Riki nicht

heiraten könne, sondern daß die Satzungen der katholischen Religion selbse

Weiter kam Kuhn nicht. Der Fabrikant war entrüstet, denn er war fromm. In seiner Wohnstube stand neben der eisernen Kasse ein Betpult, und nebst den kostspieligen Geschenken für seine jeweiligeKleine gab er auch für Kirchenbauten. Er besuchte nebst Chambres separees auch fleißig den Gottesdienst, spielte nicht bloß Hazard, sondern wallfahrtete jährlich auch einmal nach Mariazell.

18 5 Fabrikant ließ also Kuhn nicht aus⸗

reden..

Lassen S' mir die katholische Religion in

Ruh', schrie er,die hat mit Ihrer Schweinere

nix zu thun. Ich will's einmal nicht! Punktum!

Riki gab also die Stellung auf und über⸗ wachte das kleine Hauswesen, das unter ihrer Leitung blühte und sichtlich gedieh.

Neben dem jungen Pärchen wohnte rechts ein kleiner Beamter mit seiner Frau, links ein Agent, gleichfalls verheiratet. Die beiden Frauen würdigten Riki keiner Ansprache. Sie gingen an ihr vorüber, wie die Königinnen auf der Bühne am Volk vorüberzugehen pflegen.

Riki machte das anfangs Spaß, dann aber kränkte sie das doch.Warum meiden sie dich gar so? fragte ste sich.Bist du denn schlecht! Thust du nicht gerade so deine Pflicht als Hausfrau, wie sie? Macht wirklich nur der kirchliche Segen die Moral aus?

Wenige Tage später standen jene beiden Frauen am Gang. Riki befand sich in ihrer

Küche und hörte da jedes Wort. Der Schlampen glaubt, ich werd' auf sie

reden, sagte da die Frau des kleinen Beamten, aber da irrt sie sich. Gott sei Dank, wir sind ehrbare Frauen, Frau Maier nicht wahr?

Riki wollte auf den Gang stürzen, um für das Schimpfwort Genugthuung zu verlangen, aber sie besann sich bald eines besseren. Sie blieb ruhig und ging aus der Küche. Nun hörte sie nichts mehr.

Die Beamtensgattin aber in hochmoderner Toilette stieg die Treppe hinunter. Fürsorglich hob sie ihr Kleid, und da sah man nun einen gar feinen seidenen Spitzenunterrock, eln Paar elegante Lackstiefelchen und einen Streif ihrer schwarzen Seidenstrümpfe.

Riki sah sie zum Hausthor herauskommen, Schon lange war dem Mädchen eines aufgefallen.

Ihre Nachbarinnen bekamen keine mehr Gelb

für den Haushalt als sie, und doch konnten sie teure Toiletten kaufen.

Sie werden sie schuldig bleiben! meinte Kuhn, als ihm Riki einmal davon sprach.

Das ist aber nicht der Fall, erwiederte das Mädchen,im Gegenteil, sie haben noch Ersparnisse. Das ist's ja, was mich ärgert. Ich verschwende doch nichts, wie Du aus meinem Einschreibbuch ersehen kannst, aber ich habe zu thun, um drauszukommen. Ich möchte doch hinter dieses Geheimnis kommen..

Zerbrich Dir den Kopf nicht, Riki, sagte Kuhn,ich werde zu Neujahr Werkführer in einer anderen Fabrik, dann kann ich Dir schon etwas zulegen!

Es handelt sich nicht darum, Fritz, aber ich möchte wissen, wie sie es machen!

Riki ersuhr es. Eines Abends besuchte sie ihre Eltern, die drinnen in der Stadt Haus⸗ meistersleute waren. Die Wohnung war so gelegen, daß man die ein- und ausgehenden Leute sehen konnte. Da plötzlich hörte Rilt eibe Stimme, die ihr bekannt schien, dann ver⸗ nahm ste Säbelgeklirre. Ein Rittmezsler von den Husaren kam die Treppe herab, und in seiner Begleitung war die Beamtensgattin.

Wer sind denn die? fragte Riki, erstaunt nachblickend.

O, dös is a reicher Gawlier, sagte Rikens Valer,wirklich a Gawlier!... Na und da Dame, is halt... na db kummt halt jeden Tag auf d' Nacht um Zeit, das haßt halt wann's a bisl finster ist. 5

Ich komme gleich wieder!, rief Rik, ergriff ihr Hütchen und folgte den beiden.

Es nützt Dir nichts, Klara, hörte sie den Offizier sagen,ich kann heute nicht. Gesten habe ich im Spiel Pech gehabt. Habe zu vie Glück in der Liebe! 5

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